MAYFLOWER MADAME

Foto© by Astrid Serck

Katharsis und Romantik

MAYFLOWER MADAME sind eine von Post-Punk, Neo-Goth, Shoegaze, Psych-Noir und dunklen Synthies beeinflusste Band aus Oslo, bestehend aus Trond Fagernes (voc, gt, bs), Ola J. Kyrkjeeide (dr), Kenneth Eknes (synth) und Rune Øverby (gt). 2016 veröffentlichten sie ihr Debütalbum „Observed In A Dream“, das vom Nachfolger „Prepared For A Nigthmare“ von 2020, das emotional reinigend zwischen tiefer Katharsis und dunkler Romantik oszilliert, noch mal übertroffen wurde. Nun ist ihr drittes Album „Insight“ erschienen. Sänger und Gitarrist Trond Fagernes beantwortete uns einige Fragen.

Ihr kommt ursprünglich von einem von Goth und Post-Punk beeinflussten Sound, habt aber nun mehr Elemente aus Shoegaze, Psych Noir und dunkel-atmosphärische Synthies mit in euren Sound aufgenommen. Wir würdest du eure musikalische Evolution der letzten Jahre skizzieren und was waren elementare Einflüsse?

Aus unserer Sicht ist die Entwicklung eigentlich eher umgekehrt gewesen. Bei unserem Debüt haben wir uns vor allem vom Shoegaze der 1990er Jahre und zeitgenössischem Psychedelic inspirieren lassen und waren ziemlich überrascht, als viele Rezensenten unsere Musik als eine Art Gothic-Post-Punk bezeichneten. Seitdem sind wir dieser Beschreibung meiner Meinung nach nähergekommen, aber es war nicht wirklich eine bewusste Entscheidung. Ich glaube, ich habe in den letzten Jahren einfach immer weniger Psych-Gaze-Zeugs gehört und mehr 1980er-Jahre-New-Wave, -Post-Punk und -Dark-Pop. Abgesehen davon ist es schwer, irgendwelche Haupteinflüsse zu nennen, weil ich jetzt viel wählerischer geworden bin und ich mich nicht mehr so auf bestimmte Bands einlasse, wie ich es früher getan habe, aber die letzte größere Anregung war wahrscheinlich, als ich tiefer in das Werk meiner Landsleute A-HA eingetaucht bin, und zwar jenseits der bekannten Pop-Hits, und die enorme Qualität entdeckte, beispielsweise im Fall ihres zweiten Albums „Scoundrel Days“ von 1986.

In meiner Besprechung von „Prepared For A Nightmare“ habe ich deinen Gesang, speziell bei „Vultures“, mit dem von Steve Rawlings von THE DANSE SOCIETY verglichen. Inwieweit hat dieser „Oldschool“-UK-Goth-Sound der 1980er Jahre eine Bedeutung für euch und was hast du für Einflüsse als Sänger? In einem Interview habt ihr einmal THE VELVET UNDERGROUND und Syd Barrett von den frühen PINK FLOYD erwähnt.
Ja, die waren sehr wichtig für mich, als ich Teenager war, aber ich denke, das war mehr wegen ihres experimentellen Ansatzes als wegen ihres Gesangsstils. Um ehrlich zu sein, habe ich die meisten Goth-Rock-Bands, die mehr oder weniger häufig in Rezensionen zu unserer Musik erwähnt werden, nie gehört, zum Beispiel SISTERS OF MERCY oder THE MISSION. Aus Neugier habe ich es versucht, aber es hat mir nicht besonders gefallen. Ich bin eher ein großer Fan der späten 1970er- und 1980er-Jahre-Veröffentlichungen von Post-Punk-Bands wie BAUHAUS, JOY DIVISION, THE CURE und ECHO & THE BUNNYMEN. Ich bin mir bewusst, dass sie oft auch mit Goth assoziiert werden, aber für mich haben sie einen viel interessanteren Vibe. Ich finde „Gothic“ cool, solange kein „Rock“ im Spiel ist, haha.

Die ersten Versionen der neuen Songs habt ihr mit einem Drumcomputer eingespielt, erst später mit einem richtigen Schlagzeug. Steve Albini von BIG BLACK, der teilweise den gleichen Drumcomputer wie SISTERS OF MERCY verwendete, hat einmal gesagt; „Drum machines can be cool instruments with a lot of character. I was always disappointed when I heard one being used clumsily, which was most of the time.“ Wie siehst du das? Künftig mehr Drum-Machine-Beats in euren Songs?
Ich stimme Steve Albini vollkommen zu, dass Drum Machines coole Instrumente sind, und ich bin offen dafür, das auch in unser zukünftiges Songwriting einzubeziehen. Das Hauptproblem ist wahrscheinlich, dass ich das Programmieren noch nicht gut genug gelernt habe, ich hatte nicht wirklich die Geduld während des Songwritings und der Aufnahmen, da ich wusste, dass sie sowieso später ersetzt werden würde, aber das wird sich hoffentlich eines Tages ändern, sobald wir wieder etwas Luft haben.

Die Lyrics auf „Insight“ bezeichnet ihr als „düstere Reflexionen über Verlust und Trauer bis hin zu fiebrigen Beschreibungen von Liebe, Eskapismus und Katharsis“. Das liest sich wie das fundamentale emotionale Triptychon der Texte von Ian Curtis, speziell beim JOY DIVISION-Album „Unknown Pleasures“ von 1980. Haben seine Texte eine spezielle Bedeutung für dich?
Nun, JOY DIVISION waren ein Haupteinfluss in meinen prägenden Jahren als Musiker. Obwohl ich sie nicht mehr regelmäßig höre, denke ich immer noch, dass sie einen wirklich besonderen Sound haben, und für mich ist ihr Beitrag zur Entwicklung der alternativen Musik immens. Ich schenke den Texten anderer Bands selten so viel Aufmerksamkeit. Ian Curtis’ Worte sind jedoch kristallklar und ein wesentlicher Bestandteil des Erlebnisses. Ich habe keine direkten oder bewussten Einflüsse als Texter, was sich auch völlig abwegig anfühlen würde, da ich denke, dass jeder seinen eigenen Weg finden muss, um sich auszudrücken. Aber ich erinnere mich auf jeden Fall, dass ich die Texte von Ian Curtis sowohl wunderschön poetisch als auch kraftvoll und nachvollziehbar fand.

Ihr sprecht im Kontext eurer Texte oft von Katharsis. In einigen Rezensionen werdet ihr aber auch mit dem Attribut „dunkle Romantik“ versehen. Kannst du eine Brücke zwischen Katharsis und dunkler Romantik schlagen?
Ja, ich glaube absolut, dass es eine Verbindung zwischen den beiden gibt. Romantik bedeutet für mich in erster Linie, das Persönliche, Emotionale, das Fantasievolle und Visionäre zu betonen, während Katharsis das Loslassen von starken oder verdrängten Gefühlen bedeutet und dadurch eine Erleichterung und eine Art Reinigung bietet. Das Erste kann also zum anderen führen, und der entscheidende Punkt für beides ist, seine Leidenschaften und inneren Kämpfe zu kultivieren, anstatt sie zu verstecken.

Über euren Gitarristen Rune Øverby war einmal zu lesen: „Fender Twin amp-driven psychedelic sound heavy on old-fashioned reverb and vintage chorus effects, alternating between Telecaster and Jaguar guitars “. Was war prägend für diesen Gitarrensound?
Hmm, das war vielleicht eher als Beschreibung meines Gitarrensounds gemeint, denn ich wechsle zwischen Telecaster- und Jaguar-Gitarren, während Rune, der bei drei Songs des neuen Albums Gitarre spielt, immer seiner Telecaster treu geblieben ist und sich auf atmosphärische Delay-Effekte spezialisiert hat. Eigentlich verwendet keiner von uns Chorus-Effekte, aber wir verlassen uns beide stark auf den Hall, der von Fender-Röhrenverstärkern gesteuert wird. Seit dem Moment, als ich Reverb entdeckte, habe ich nie wieder zurückgeblickt. Es ergänzte einfach den Gitarrensound, nach dem ich gesucht hatte, und es war von Anfang an ein natürlicher Bestandteil von MAYFLOWER MADAME. Es ist schwer weiter zu erklären, ich nehme an, wir mögen Hall- und Delay-Effekte, weil sie zu mehr Tiefe und zu der atmosphärischen Qualität unserer Musik beitragen.

Ihr habt einen Song mit dem Titel „Ludwig Meidner“. Das war ein deutscher Expressionist, Dichter und Grafiker. Er hat beispielsweise 1912 Katastrophenszenarien gemalt, brennende Städte mit Kometen und Feuersäulen am Himmel, die von panischen Menschenmengen bevölkert sind, seine sogenannten „apokalyptischen Landschaften“. Kommt auf diese Weise die Apokalypse in eure Musik?
Ich bin studierter Kunsthistoriker und habe meine Masterarbeit über Ernst Ludwig Kirchner geschrieben, einen anderen deutschen Expressionisten. So habe ich Meidner durch mein Studium entdeckt und fand seine Bilder sehr kraftvoll und interessant. Vor allem in seinen Stadtansichten sehe ich die chaotische moderne Welt als einen brodelnden Vulkan dargestellt, der kurz vor dem Ausbruch steht, aber ich spüre darin auch den metaphorischen Drang, die eigenen Emotionen zu intensivieren, bis sie schließlich platzen, und darum geht es in dem Song hauptsächlich. Die Idee der Apokalypse kann auch mit einer persönlichen Ebene in Verbindung gebracht werden und auf beiden Ebenen kann sie die Angst vor dem Untergang und die Hoffnung auf Wiederbelebung, oder wieder Katharsis verbinden.

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