
Aufgepasst: Diese Band ist mein absoluter Geheimtip. Wenn in einem halben Jahr jeder in Deutschland von MILLENCOLIN spricht, dann erinnert euch bitte daran, dass wir vom Ox mal wieder vor allen anderen guten Geschmack bewiesen haben und deshalb uneingeschränkt den Orden „Helden des Hardcore" verdienen. MILLENCOLIN haben nicht nur einen seltsamen Namen, sondern kommen auch aus einem Land, das in der internationalen Hardcore-Landschaft bisher nur marginale Bedeutung hatte: Aus Schweden nämlich. „Use Your Nose", die erste Maxi-CD der skandinavischen Version von NO FX, kam im Dezember '93 heraus, seitdem erschien ein Album sowie eine weitere Maxi-CD, und die passionierten Skater aus Örebro sind auf dem besten Wege, nach Beendigung ihrer Schulkarriere ganz, ganz groß zu werden. Wer jetzt schon wieder „Kopisten, Kopisten!" schreit, der sollte sich MILLENCOLIN erstmal in Ruhe anhören, denn trotz aller Ähnlichkeiten ist die Band doch auch eigenständig und macht vor allem mächtig viel Spaß. Ich sprach mit Erik, dem Gitarristen des nordischen Vierers, der auch für die wunderschönen Cover der MILLENCOLIN-Platten verantwortlich ist.
Und, bist du bereit?
Ja, Moment, ich muss nur eben die Musik ausmachen.
Was hörst du denn gerade?
RANCID, die neue CD-Single. Da ist ein neuer Song drauf sowie der Track vom Punk-O-Rama-Sampler.
Damit hast du ein gutes Stichwort geliefert, denn die Epitaph-Melodie-Schiene ist ja auch euer Programm, oder? Vor allem erinnert ihr mich an NO FX.
Tja, da kann ich dir nicht widersprechen. NO FX sind ganz eindeutig unser Haupteinfluss. Als wir anfingen, hörten wir außerdem noch OPERATION IVY und Bands, die den Soundtrack zu Skatefilmen liefern. Damals waren wir nämlich alle noch begeisterte Skater.
Heute nicht mehr?
Doch, schon, aber wir haben einfach nicht mehr so viel Zeit. Außerdem werden wir mittlerweile von einem schwedischen Skatewear-Laden gesponsort, so dass wir die Ausrüstung nicht mehr kaufen müssen.
Ihr seid also über das Skaten zu Hardcore gekommen.
Ja. Damals, vor sieben, acht Jahren sahen wir zum ersten Mal Skateboard-Filme, und die Musik, die da im Hintergrund lief, gefiel uns so gut, dass wir die Platten kauften.
Und wann habt ihr dann MILLENCOLIN gegründet?
Das war im Oktober '92. Davor haben wir aber schon in anderen Punkbands gespielt, etwa den STREBERS.
Du meintest vorhin, ihr hättet heute nicht mehr genug Zeit zum Skaten. Seid ihr mit der Band so beschäftigt?
Naja, wir spielen ziemlich viel, unsere Freundinnen wollen auch was von uns haben, und wir werden auch älter und sind meist einfach zu faul zum Skaten.
Was meinst du mit „älter"?
Äh, neunzehn, in meinem Fall.
Hahahahaha...
Im Ernst, ich bin nicht mehr so fit wie früher. Wir sitzen alle zu viel zu Hause vor der Glotze rum und rauchen zuviel.
Zigaretten?
Ja, nur Zigaretten, kein Dope.
Folglich seid ihr nicht straight edge.
Ne, da haben wir keinen Bock drauf.
Ich habe das Gefühl, daß ihr in nicht all zu ferner Zukunft richtig groß werden könntet. Die Zeit ist zumindest günstig mit all dem Hype um GREEN DA Y und OFFSPRING.
Meinst du? Ich weiß nicht. Klar, das wäre schön, aber es ist nicht unser erklärtes Ziel. Aber ich gebe zu, die Umstände sind derzeit für eine Band mit unserem Musikstil sehr günstig. Derzeit sind wir jedenfalls noch vollkommen Underground, und wir haben auch keine Lust, irgendwie „kommerziell" zu werden.
Was meinst du mit „kommerziell"?
Naja, vielleicht sind wir das ja schon: Wir haben ein Video, das im schwedischen Fernsehen gezeigt wird, unsere Platten verkaufen sich sehr gut und zu den Konzerten kommen jede Menge Leute. Aber scheiß drauf, wir sind eigentlich ganz normale Leute.
Peter von Burning Heart Records, eurem Label, hat mir erzählt, dass ihr in Schweden in der offiziellen Hitparade seid.
Ja, das stimmt. Unser Album „Tiny Tunes" stieg letztes Jahr gleich in der ersten Woche auf Platz 21 ein. Das war ziemlich genial.
Wie viele Platten muss man dafür in Schweden verkaufen?
In den ersten fünf Tagen sind 4.000 Exemplare über den Ladentisch gegangen.
Hey, dann seid ihr ja richtige Stars in Schweden.
Nein, wirklich nicht. Schweden hat rund 8 Millionen Einwohner, und soviel sind da 4.000 Platten auch nicht.
Spielt ihr oft live?
Eigentlich dauernd. Zur Zeit sind wir auf Tour mit NO FUN AT ALL, und seit November spielen wir eigentlich beinahe jede Woche drei, vier Konzerte. Meistens spielen wir in größeren Hallen vor drei- bis vierhundert Leuten, und für schwedische Verhältnisse ist das ziemlich viel.
Wie sieht die Szene bei euch so aus? Jahrelang hat man hier in Deutschland nicht viel von schwedischen Hardcorebands mitbekommen, aber mit Bands wie REFUSED und einem Label wie Burning Heart scheinen doch endlich mehr Leute davon Notiz zu nehmen.
Die Hardcoreszene hierzulande ist ziemlich groß, und es gibt jede Menge guter Bands, etwa REFUSED, NO FUN AT ALL, 59 TIMES THE PAIN, RANDY und zig andere.
Gibt es für dich an all diesen Bands etwas typisch Schwedisches?
Nein, eigentlich nicht. Was uns betrifft, so gebe ich ganz offen zu, dass wir nach California-Hardcore klingen und ich wüßte nicht, was an uns besonders schwedisch sein sollte. Man könnte vielleicht sagen, daß es viele neuere Bands gibt, die einen sehr melodischen Sound haben. Im Gegensatz dazu gibt es auch eine große Straight Edge-Szene, deren Bands sich an Bands wie SNAPCASE und EARTH CRISIS orientieren.
Ist die Szene denn in Fans von eher melodischem Hardcore und Straight Edge-Kids gespalten?
Ich denke nicht. Es gibt hier zwar relativ viele S.E.-Bands, aber die meisten der Leute, die Fans von denen sind und zu den Shows kommen, sind nicht straight. Es ist einfach die Musik, die populär ist, und die Szene ist noch ziemlich „united".
Aus welcher Ecke von Schweden kommt ihr?
Aus Örebro, das ist so ziemlich in der Mitte zwischen Stockholm und Göteborg. Die Stadt hat ungefähr 150.000 Einwohner, und das Klima ist hier eigentlich ganz normal - das an all die in Mitteleuropa, die glauben, bei uns in Schweden lebe man schon beinahe am Nordpol. Hier gibt es keine Eisbären! Ich lebe eigentlich sehr gerne hier, denn Stockholm und Göteborg sind mir zu groß.
Geht ihr noch zur Schule, habt ihr Jobs - was macht ihr außer Musik?
Ich werde im Mai Abitur machen und dann wohl erst mal eine Weile von der Band leben. Die anderen haben auch erst vor kurzem ihr Abitur gemacht, und leben wie ich von den Einnahmen der Band.
Und was sagen deine Eltern dazu?
Tja, die machen sich deshalb wohl ziemlich Sorgen, denke ich. Die sagen, ich solle mir lieber einen richtigen Job suchen. Das werde ich sicher auch tun, aber erst, wenn die Sache mit MILLENCOLIN vorbei ist.
Du glaubst also nicht daran, dass du in zehn Jahren noch in dieser Band spielen wirst und du dann richtig reich geworden bist?
Nein, ich kann mir das nicht so recht vorstellen. Aber schön wäre es natürlich trotzdem. Ich denke, ich werde wohl irgendwann studieren.
Habt ihr vor, in nächster Zeit mal in Deutschland zu spielen?
Ich hoffe es. Derzeit gibt es noch keine konkreten Pläne, aber wir arbeiten daran. Bisher haben wir sowieso kaum außerhalb Schwedens gespielt, höchstens mal ein paar Konzerte in den anderen skandinavischen Ländern. Aber demnächst werden wir wahrscheinlich in Paris die Vorgruppe von OFFSPRING sein.
Ich habe gehört, dass ihr mit Century Media über einen Plattenvertrag verhandelt.
Das stimmt, aber da ist noch nichts unterschrieben, denn die wollen, dass wir gleich für vier oder fünf Platten zu ihnen kommen. Falls das aber klappen sollte, werden wir sicher bald nach Deutschland kommen. Es kann aber auch gut sein, dass wir auf Burning Heart bleiben, denn irgendwie fühlen wir uns noch nicht reif für einen richtig großen Plattenvertrag. Peter von Burning Heart ist außerdem ein guter Freund von uns, und wir können machen, was wir wollen.
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