
Sie ist unspektakulär, diese Band aus dem Großraum New York, und vielleicht gerade deshalb typisch: Ein paar Leute Anfang zwanzig, die zusammen Musik machen, bisher ein Album aufnahmen und immerhin schon durch Deutschland touren durften. Ich unterhielt mich mit Desy Mindwar, der im Dezember in Berlin Urlaub machte und das Angenehme mit dem Nützlichen, nämlich ein paar Interviews, verband. Für März dieses Jahres war die zweite Tour angesetzt, was bedeutet, dass ihr, wenn ihr das hier lest, die Band wahrscheinlich verpasst habt.
Wenn ich MINDWAR als typische Band bezeichnet habe, dann meine ich damit auch die Art, wie die Bandmitglieder leben: Man spielt in einer Band, hofft, damit irgendwann mal ein paar Mark bzw. Dollar zu verdienen, und schlägt sich sonst irgendwie durch: „Wir haben alle irgendwelche seltsamen Jobs, mal hier, mal da. Ich selbst jobbe gerade als Koch in einem Ouickfood-Restaurant, aber wer weiß, was ich morgen machen werde", erzählt Desy. Was Quickfood denn sei, will ich wissen, denn ich dachte immer, das hieße Fastfood. „Nein, Quickfood ist was anderes", werde ich aufgeklärt. „Das liegt zwischen Mc Donalds und einem richtigen Restaurant und ist ein bisschen anspruchsvoller.“ Gelernt hat er den Job natürlich nicht, wie sowieso kaum jemand in den USA für solche Jobs eine Ausbildung hat. Davor, letzten Sommer, war Baustelle angesagt, um den Europaurlaub zu bezahlen. Seltsames Phänomen eigentlich: Leute, die kein Geld haben, um sich eine Krankenversicherung leisten zu können und sich von Aushilfsjob zu Aushilfsjob hangeln, machen zwischendurch vier Wochen Urlaub in Europa. Ist das die Jetset-Generation-X, um den arg strapazierten Terminus zu gebrauchen?
MINDWAR kommen aus New Haven in Connecticut, einer Stadt eine Stunde nordöstlich von New York. Wieviele Kilometer oder Meilen das sind, interessiert niemand. Entfernun gen werden in den USA in Autostunden angegeben. Eine Stunde, die MINDWAR vom New York Hardcore Hype trennt, aber Manhattan noch in erträgliche Nähe rückt. „Hier wohnen viele Leute, die jeden Tag zum Arbeiten in die City fahren, und wir sind abends auch oft in der Stadt auf einem Konzert oder einer Party." Doch New Haven sei nicht ein fach nur eine gesichtslose Vorstadtsiedlung von New York, sondern eine der größeren Städte im kleinen Bundesstaat Connecticut, erzählt Desy. „Hier leben vielleicht 90.000 Menschen, und New Haven ist wirklich ziemlich langweilig und in jeder Hinsicht eine typische amerikanische Stadt: Du hast Gangs, Drogengewalt und diese ganze Scheiße."
Immerhin gibt es in New Haven sowas wie eine eigene Musikszene, und die Stadt wird somit in dieser Hinsicht nicht völlig vom Moloch NYC absorbiert. „Es gibt hier eine ganze Reihe kleinerer Bands. Das Label Revelation Records kommt ursprünglich hierher, und in den paar Clubs spielen immer wieder mal Bands aus Boston und New York", fasst Desy zusammen. „Außerdem gibt es hier eine ziemlich große Straight Edge-Szene, aber mit der haben wir nichts zu tun."
Musikalisch bewegen sich MINDWAR allerdings durchaus auf Pfaden, die denen von Bands wie SNAPCASE oder STRIFE nicht unähnlich sind. „Ich nenne es einfach Hardcore. Klar, es ist heutzutage schwer geworden, einen wirklich eigenständigen Sound zu machen, denn es gibt eigentlich schon alles. Wir versuchen uns sowohl vom Mainstream wie auch von diesem „Posi-Core" fernzuhalten und unser Ding durchzuziehen.“ Ein wesentlicher Einfluss, den Desy auch offen eingesteht, ist der von CRAWL PAPPY - und das ist familiär bedingt, denn der Bruder von Gitarrist Chris und Basser Brian spielte seinerzeit bei den New Yorkern. Heute spielen die einstigen Crawlpappys - Sänger Brian lebt mittleweile in Berlin - übrigens in einer Band namens GIN MILL, die erst kürzlich ein Album auf Wreck-Age veröffentlichte. „Brian ist zu dem ein großer JESUS LIZARD-Fan", ergänzt Desy. „Ich denke das hört man auch. Und Chris steht auf PRONG, was man seinem Gitarrenspiel wohl auch anmerkt." Desy selbst outet sich als Ex-Metalhead, was aber keine große Rolle spiele, da er als Drummer sowieso kaum Einfluss auf das Songwriting habe. Zusammengenommen ergibt das einen Sound, der eher in die BAD TRIP-und YUPPICIDE-Richtung geht und wenig mit dem sonst mit New York und Umgebung in Zusammen hang gebrachten Moshsound zu tun hat. Auch Desy sieht das so, und meint, diesen Vergleich schon öfter gehört zu haben.
Große Erwartungen für die Zukunft haben MINDWAR nicht. „Wir sind schon zufrieden, wenn wir ab und zu mal ein paar Shows spielen können, und für eine Band unserer Größe ist es ja auch nicht übel, schon zwei Europatouren vorweisen zu können. Was soll's, wenn kaum Kohle reinkommt: Wir sind schon zu Frieden, wenn wir nicht draufzahlen müssen." Irgendwann ist auch eine Tour in den USA ge plant, aber dass es für US-Bands schwieriger ist, in ihrer Heimat einen Fuß auf den Boden zu bringen als in Europa, ist ja nichts Neues. Also wer den MINDWAR weiterhin die Clubs zwischen Boston und NYC abklappern, sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen und so ein typisches Rock'n'Roller-Leben führen.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #19 I 1995 und Joachim Hiller