MOLOTOW SODA

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Bönnsche Tön

Das aktuelle MOLOTOW SODA-Album „Der Untergang des Kapitalismus“ ist leider zugleich das letzte der Punkband, die sich 1986 in Bonn gegründet hatte. Wir nahmen das zum Anlass, um mit Tommy (voc), Volker (gt) und Dominik (bs) die letzten fast 40 Jahre Revue passieren zu lassen. Wir sprachen über die Anfänge, über den Bandnamen und das zugehörige Getränk, Coverversionen, prägende Erlebnisse, natürlich über das neue Album und wie es jetzt weitergeht.

Tommy, warum bist du damals bei CANAL TERROR ausgestiegen? Auf dem „Underground Hits 2“-Sampler, der Ende 1983 auf AGR erschien, warst du ja nicht mehr dabei.

Tommy: Ich bin ausgestiegen, als unsere LP rausgekommen ist. Das muss im Frühjahr 1983 gewesen sein. Ich war damals der Meinung, dass das Veröffentlichen einer Schallplatte ganz klar der erste Schritt zum Kommerz ist und darum nichts mehr mit Punk zu tun hat. Das würde ich heute anders sehen, aber zu der Zeit habe ich das so empfunden.

Und was hast du nach CANAL TERROR gemacht?
Tommy: Musikalisch nicht wirklich viel. Für kurze Zeit habe ich mal mit einer namenlosen Band geprobt, die eher so „Indie-Sound“ gemacht hat, Deprirock mit Synthesizer, aber das war nicht wirklich mein Ding und eigentlich ging es erst 1985/86 mit den Mollis wieder los.

Der Legende nach entstanden MOLOTOW SODA, weil du für einen Beitrag für den „Kulturschock Attacke Vol. 2“-Sampler angefragt wurdest. Wie ist das abgelaufen?
Tommy: Ein Freund von mir, Heiner, war Bassist in einer Band namens GELBKREUZ und die waren ursprünglich angefragt, hatten sich aber kurz zuvor aufgelöst. Da er die Gelegenheit zum Mitwirken an dem Sampler nicht verstreichen lassen wollte, hat er Musiker in seinem Bekanntenkreis gefragt, ob sie Bock haben, mit ihm einen Song dafür zu machen. So nahm das Verhängnis seinen Lauf.

Wann wurde euch klar, dass ihr vom „Projekt“ zu einer Band geworden seid?
Tommy: Wir haben uns getroffen und das Projekt bequatscht, ein paar mal geprobt und dann „Just a lie“ für den Sampler aufgenommen. Da wir dabei auf einer Wellenlänge waren und auch außerhalb der Proben ganz gern miteinander abgehangen haben, sind wir eben zusammengeblieben und haben angefangen, weitere Stücke zu schreiben. Am Anfang waren noch einige weitere englischsprachige Sachen dabei. Aber obwohl ich ganz gut Englisch spreche, fand ich da meinen Gesang irgendwie nicht so toll und die anderen haben das wohl zum Glück so ähnlich gesehen.

Was war zuerst da, der Bandname MOLOTOW SODA oder das gleichnamige Getränk? Wie war die Testphase bis zur fertigen Mischung?
Tommy: Zuerst gab es den Bandnamen, der natürlich mit Absicht an das Wort Molotowcocktail erinnern sollte, und uns war eigentlich sofort klar, dass da auch ein entsprechendes Getränk dazugehört. Also haben wir uns eines Abends bei mir getroffen, jeder hat von zu Hause Alkohol-Restbestände mitgebracht und wir haben die lustig zusammengekippt und ausprobiert. Manche Sachen waren ganz furchtbar. Mit Schrecken erinnere ich mich heute noch an eine Kombi aus Jägermeister und Nusslikör, andere waren ganz lecker, aber sahen langweilig aus, und wir haben uns am Ende aufgrund von Farbe und Geschmack für die Mixtur aus Blue Curacao, Rum und Eierlikör mit Zitronenkonzentrat entschieden.

Wer sind die „Bonner Hartchöre“? Und was ging damals in Bonn in Sachen Punkrock?
Tommy: Die Hartchöre waren Freunde und Freundinnen von uns aus der Bonner Punk-Szene, die auch oft zu unseren Konzerten gekommen sind und dann auch schon mal die Bühne erklommen und mitgegrölt haben. Der Rheinländer gilt ja gemeinhin als trink- und sangesfreudig und die Idee, die Leute als Hartchöre mit einzubauen, entstand nach meiner Erinnerung, als der erste Bonner Punk-Sampler „Beethovens Rache“ geplant wurde. Generell hatte Bonn eine recht lebhafte Szene, die sich meistens am Kaiserplatz in direkter Nähe des Bahnhofs getroffen hat. Es gab auch viele Konzerte in Bonn, so dass wir auch häufig Besuch aus anderen Städten bekamen.

Eure erste LP „Keine Träume“ beginnt mit einem Intro, das im Endeffekt ein gregorianischer Chor ist. Schlug da die humanistische Bildung durch?
Tommy: Ich habe keine verdammte Ahnung mehr, wie wir darauf gekommen sind, aber wir waren in der Tat eher eine Band der Gymnasiasten als der Arbeiter.
Volker: Doch, doch, die Idee kam von Tommy. Beim Einsingen unseres ersten Demos hatte unser Tonmensch Gustl mit dem Hall rumprobiert und Tommy, der ja auf dieser katholischen Schule gewesen war, hatte diesen Geistesblitz. Er wusste auch direkt, wie die Melodie bei so einem Choral aufgebaut sein muss. Da habe ich schon ein bisschen gestaunt, cooler Moment.

Ihr hattet ja immer auch ein Faible für Coverversionen.
Tommy: Ich finde nicht, dass wir exorbitant viel gecovert haben.

Das wollte ich damit auch nicht sagen. Fangen wir mit „Punx“ an – also „Pänz, Pänz, Pänz“ von den BLÄCK FÖÖSS ...
Tommy: De BLÄCK FÖÖSS sind ja auch für den Bonner rheinisches Kulturgut. Und das Lied hat nicht nur eine schmissige Melodie, sondern auch einen ganz guten Text, der sich auch noch so passend von „Pänz“ zu „Punx“ umwandeln ließ. Gerade im Zusammenspiel mit den Bonner Hartchören hat das prima gepasst.
Dominik: Im Original ist der Song übrigens von Neil Young [„Dance dance dance“], die BLÄCK FÖÖSS haben es auch schon gecovert.

Dann „New England“ – von Billy Bragg 1983 oder doch das Cover von Kirsty MacColl, das 1985 zum Hit wurde?
Tommy: Nee, da stand schon die Version von Billy Bragg Pate und ich habe ziemlich lang gebraucht, um den Text – hoffentlich korrekt – rauszuhören, da er der Platte von Billy Bragg leider nicht beilag. Das Lied haben wir auch oft live gespielt und es war ganz gut geeignet, um dem Schlagzeuger mal im Set eine Pause zu gönnen, weil das ja nur aus Gitarre und Gesang besteht.
Volker: Stimmt, wir haben das manchmal nur zu zweit, manchmal als ganze Band gespielt.

„Hiroshima“ von WISHFUL THINKING ...
Tommy: Das war ja im Original immer so ein Engtanz-Fetenschleicher und wir hatten Bock darauf, uns daran mal so richtig musikalisch zu vergehen. Davon abgesehen ist auch hier der Text gar nicht so schlecht.

„Der König in Thule“ von Johann Wolfgang Goethe aus „Faust“ ...
Tommy: Ach, come on, da ist doch nur der Text „gecovert“ ...

„Mallorca“ von CANAL TERROR ...
Tommy: Wir sind spätestens, seit der originale CANAL TERROR-Gitarrist Dominik bei uns als Bassist eingestiegen ist, natürlich immer mal wieder gefragt worden, ob wir nicht mal was von CANAL TERROR spielen können, und haben daher „Mallorca“ und „Staatsfeind“ ins Programm genommen. Das war ja auch immer eine ganz witzige Abwechslung für uns und das Publikum, wenn der Gitarrist und der Bassist auf der Bühne mal eben die Instrumente getauscht haben.

„I wanna be sedated“ von RAMONES ...
Tommy: Das zählt nicht, da ist ja nur ein ganz kurzer Teil bei unseren Live-Auftritten im Song „Molotow“ verwurstet.

Habe ich ein Cover vergessen?
Tommy: Ja, auf unserer zweiten LP „Die Todgeweihten grüßen Euch“ haben wir „Wie lange noch“ von DER KFC gecovert und live haben wir oft „Banned from the pubs“ von PETER AND THE TEST TUBE BABIES und früher „Ace of spades“ von MOTÖRHEAD nachgespielt. Es gab auch mal eine Aufnahme einer deutschen Version von „Problem child“ von AC/DC von uns, die eigentlich für irgendeinen Sampler gedacht war, der aber doch nie erschienen ist.
Volker: SLIME- und S.Y.P.H.-Stücke haben wir auch ab und zu live gespielt. Außerdem spielten Hille, Dominik und ich in den 1990ern bei THE PUKE, wo wir einen Haufen ’77er-Hits gecovert haben. Und so gab es auch schon mal Abende, an denen wir nach dem Mollis-Gig noch willige Leute aus dem Publikum auf die Bühne geholt haben, die dann mit uns SEX PISTOLS, CLASH etc. gezockt haben.
Dominik: Da fallen mir noch einige andere ein, generell haben wir bei den Shows nie genau dasselbe gespielt und immer mal auf „Tagesaktuelles“ beziehungsweise auf das Publikum reagiert. Zum Beispiel haben wir mal an Elvis’ Todestag „Hound dog“ gespielt. Und am Geburtstag unseres Drummers Artur, dem wir zu diesem Anlass als Überraschung auf der Bühne eine neue Doppel-Fußmaschine geschenkt haben, konnte der dann bei „Overkill“ von MOTÖRHEAD mal richtig seine Doublebass-Skills ausleben, die bei uns sonst eher nicht so angesagt waren.

Ihr seid musikalisch doch recht breit aufgestellt gewesen, also nicht nur Pogo-Punk. Was waren oder sind eure Einflüsse?
Tommy: Man wird ja von allem beeinflusst, was man so hört. Bei mir war dies überwiegend eher älterer Punk aus England circa 1977 bis ’84 und früher Deutschpunk, aber auch Glamrock, Rock’n’Roll oder deutschsprachiger Rock wie bei Udo Lindenberg, Marius Müller-Westernhagen oder TON STEINE SCHERBEN. Schwer zu beurteilen, ob beziehungsweise was sich da in der Musik von MOLOTOW SODA wiederfindet.
Volker: Bands, deren Einfluss ich in unserer Musik erkennen kann, wären zum Beispiel SEX PISTOLS, CLASH, RUTS, MEMBERS, STIFF LITTLE FINGERS, PETER AND THE TEST TUBE BABYS, TOY DOLLS, MOTÖRHEAD, RAMONES, DEAD KENNEDYS, DICKIES, HÜSKER DÜ und ADOLESCENTS. Ansonsten höre ich auch gerne gemischt, Rock’n’Roll, Swing, Soul, Surf, Ska und so. Das fand ich auch immer sehr cool bei John Peel. Zwischen irgendeiner Hardcore-Punk-Nummer und einem Industrial-Song mit Metallgeräuschen und Gebrüll hat er mal eben die HELLWEGE SISTERS mit einem zünftigen Alpenjodler gespielt. Danach war der Industrial-Song viel besser zu ertragen, harhar!
Dominik: Für mich gibt es nur gute und schlechte Musik, gut ist sie, wenn sie mich irgendwie berührt oder beeindruckt. Das kann ein Element, eine Klangfarbe, ein Effekt, Songwriting oder sonst was sein, sogar dass es so scheiße ist, das es schon wieder gut ist. Musikalisch geprägt bin ich hauptsächlich vom härteren Rock der 1960er und 1970er Jahre, 77er-Punk, und 1980er-Jahre-US-Hardcore.

„Go West“ war euer Kommentar zur Wende und der überstürzten Wiedervereinigung. Habt ihr damals damit gerechnet, dass die Reise in diese Richtung geht, wie sie jetzt die Landtagswahlen zeigen?
Tommy: Den Text habe ich aufgrund der politischen Entwicklung seinerzeit mehrere Male umschreiben müssen, was ganz gut genervt hat. Da ging es aber eher um wirtschaftliche Dinge und wie sich ein Volk von den leeren Versprechungen der BRD-Politiker mit der Aussicht auf Wohlstand hat kaufen lassen. Die jetzige krasse Entwicklung nach rechts habe ich aber so, offen gestanden, nicht erwartet. Das braune Gesocks hat sich zwar recht schnell nach der Wende aus den Löchern gewagt, man denke nur mal an die Ausschreitungen in Eberswalde, Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen Anfang der 1990er Jahre. Aber dass nun fast die Hälfte der Bürger in den neuen Bundesländern eine Nazipartei wählt, hatte ich so nicht auf dem Zettel.

Zwischen dem „Eigenurin“-Album und der neuen LP liegen 24 Jahre. Was war der Grund?
Tommy: Ich bin 2004 der Arbeit wegen von Bonn nach Hamburg gezogen und da fiel regelmäßiges Proben natürlich aufgrund der Entfernung flach und es hat nur zu gelegentlichen Live-Auftritten gereicht. Volker und Dominik hatten und haben ja auch andere gute Bands, auf die sie sich konzentrieren konnten, und so gab es keinen Druck. Irgendwie ist uns auch über die Zeit der Schlagzeuger abhanden gekommen und erschwerend kommt hinzu, dass wir überaus faule Menschen sind. Da wir aber nach wie vor gut miteinander auskommen, hatten wir kurz vor Corona wieder locker damit begonnen zu planen und daher auch einige Lieder aufgenommen, die eigentlich nur als Demo gedacht waren. Tja, und dann hat mir meine Krankheit in die Fresse getreten und alles war hinfällig.
Dominik: Wir haben einfach wahnsinnig viele Konzerte gespielt nach der 2000er Platte bis 2013, und neue Lieder zu proben, dazu sind wir einfach nicht mehr gekommen wegen der Entfernung. Arbeiten mussten wir ja auch noch. Wir kamen auch schon so kaum zum Proben, außerdem wollen die Leute die Songs hören, die sie schon kennen. Geht mir selbst doch genauso, wenn ich zu Konzerten gehe. Je älter eine Band ist, umso mehr verlangt das Publikum die alten Hits, die sie kennen, und da hatten wir ja einige Auswahl.

„Sie sind 60 oder älter ...“ habt ihr in „Die Todgeweihten grüßen Euch“ über alternde Popstars gesungen. Hat euch die Realität selbst eingeholt?
Tommy: Alter an sich ist ja nicht verwerflich und es gibt doch durchaus Bands, die es noch draufhaben. Aber ich habe tatsächlich vor 30 Jahren nicht erwartet, dass ich jetzt noch auf der Bühne stehen würde, wenn ich denn könnte, insofern hast du vielleicht recht.
Volker: Als Band haben wir ja unser letztes Konzert vor laaanger Zeit gegeben und sind schon alleine deshalb fein raus. Wir sind jetzt sozusagen Punkrock-Privatiers, haha! Aber interessant finde ich, wie standhaft die Promis im Song geblieben sind. Außer Elvis, der damals ja schon länger tot war und Tina Turner, die 2023 starb, hält sich der Rest der Bande wacker und spielt immer noch live. Die ROLLING STONES haben vor ein paar Jahren ein reines Blues Album aufgenommen, das gefällt mir wirklich gut, im Gegensatz zu ihrem restlichen Output seit den 1980ern.

Das neue Album ist auf dem Hamburger Label Sterbt Alle erschienen. Wie kam der Kontakt zustande?
Volker: Der Mike von Sterbt Alle hat sich bei mir gemeldet und wollte eigentlich eine Neuauflage des „Keine Träume“-Albums rausbringen, ich habe ihm dann aber die „Der Untergang des Kapitalismus“-Aufnahmen vorgespielt und er hatte direkt Bock, das zu machen.

Altersmilde seid ihr ja nicht geworden, weder im Sound noch in euren Texten. „Der Untergang des Kapitalismus“ – ein frommer Wunsch?
Tommy: Man wird ja noch träumen dürfen ...
Volker: Eher ein sarkastischer Witz. Ich glaube, dass uns in den nächsten Jahren viele bahnbrechend beschissene Dinge beschäftigen werden, der Untergang des Kapitalismus wird nicht dabei sein. Höchstens als Dreingabe zum Untergang der Menschheit. Aber darauf arbeiten ja gerade alle durchgeknallten Despoten hin.

Ihr fahrt nicht vom Flaschenpfand in Urlaub, wie einst eine Hannoveraner Band, sondern euer lyrisches Ich geht davon das Nötigste einkaufen. Was war der Anlass für diesen Text?
Volker: Wir sind halt Realisten. Unser Pfand bringt nur zweistelliges Geld, das dürfte ein echt beschissener Urlaub werden. Da hatte die Hannoversche Band vielleicht mehr Stellplatz, haha. Jedenfalls ist das Pfand der kleine Lösungsweg, wenn mal Ebbe in der Börse ist.

„Zurück auf Station D“, die Suchtstation im Krankenhaus. Sind das eigene Erfahrungen oder doch der berufliche Kontext?
Volker: Sind wir nicht alle Patienten auf Station D? D wie ... Deutschland. Der Song ist eine kleine Horrorfantasie. Die Idee ist, dass ein Aussteiger in einer gruppentherapeutischen Sitzung unserer Gesellschaft gegenübersitzt, die über ihn richtet.

„Zick Zack Zeckenpack“ ist der Song für St. Pauli. Eine alte Liebe, die jetzt zur Genossenschaft wird. Was haltet ihr davon?
Tommy: Ich bin verwundert, dass auf die Idee vorher noch niemand gekommen ist, und halte Genossenschaften grundsätzlich für eine gute Sache, weil jeder Genosse eine gleichwertige Stimme hat, egal, wie viel Geld er in eine Sache investiert. Im Profifußball sind nahezu alle Clubs von Großsponsoren und Investoren bestimmt, die das Sagen haben, weil sie mit ihrer Kohle den Bums quasi alleine finanzieren. Einige Vereine finanzieren sich, um konkurrenzfähig zu bleiben, über Aktiengesellschaften, wo dann derjenige den größten Einfluss hat, der die meisten Aktien kauft. Da ist mir das Genossenschaftsmodell doch viel sympathischer und ich freue mich, wenn das Erfolg hat.

Im Rückblick – was waren die krassesten Momente?
Tommy: Ich fand es krass, als wir ein Konzert gespielt haben und plötzlich Flammen aus einer Box der Gesangsanlage schlugen. Andere Sänger können mit ihrer Stimme Gläser zerspringen lassen und ich brülle eine PA zum Brennen. Na ja, wird wohl eher ein technischer Defekt, Kurzschluss oder so gewesen sein. Immer wieder tolle Momente waren für mich, wenn bei manchen Liedern gefühlt das komplette Publikum mitgesungen hat.
Volker: Krass gut war es, mit Bands zu spielen, deren Musik man liebt und die sich dann noch als nette Typen herausstellen. Wie zum Beispiel PETER AND THE TEST TUBE BABIES, mit denen wir nach dem Gig Peters Geburtstag gefeiert haben. Krass gut fand ich es auch immer, mehrere Gigs mit den gleichen Bands zu spielen, da war das Partypotenzial natürlich hoch. „Nikolaus raus“ war so eine Festivalreihe, die einfach immer Spaß gemacht hat. Krass war es auch, irgendwohin zu fahren, wo man noch nie war, und da sind 100 Menschen, die sich kaputt freuen, dass du bei ihnen spielst. Und krass sind auch die Spannungen, die entstehen können, wenn du von Freitagmittag bis Sonntagabend zusammen im Bus hockst. Jeder bringt sein Päckchen aus der Woche mit und dann knallt es auch manchmal wegen Kleinkram. Aus so was sind wir meist halbwegs schadfrei rausgekommen, das ist auch krass.
Dominik: Alleine über Schlafplätze und Essen könnte man etliche Bücher füllen, da haben wir einiges Krasses mitgemacht, ich sag nur „Wegeleben“. Ich will hier aber niemanden bloßstellen, es war ja fast immer gut gemeint, außer bei manchen Kommerzveranstaltern, die wohl dachten: Mit den blöden Punkern kann man es ja machen, die haben ja noch nicht mal ein Management oder einen Cateringrider. Eine Szene war auf jeden Fall sehr außergewöhnlich. Wir spielten einen Gig irgendwo in Süddeutschland in einem Dorf. Die Schlafplätze waren oben im Haus und als wir am nächsten Morgen noch schwer angeschlagen runterkamen, um unser Equipment in den Bus zu laden, stand da ein Pferd im Konzertraum zwischen unserem Kram und wir trauten unseren Augen kaum. Keine Ahnung wie es da reingekommen war und warum.

Gibt es Texte, die sich überholt haben, oder ist gefühlt alles noch so aktuell wie zu der Zeit, als es geschrieben wurde? Umweltzerstörung, Zwangsprostitution, korrupte Politiker ... um nur einige Beispiele zu nennen. Und wie fühlt sich das an?
Tommy: Sicher haben sich einige Texte überholt, was nach über 30 Jahren wohl kein Wunder ist. So ist zum Beispiel Aids, Thema in „Julia“, kein sicheres Todesurteil mehr, aber vieles ist leider immer noch aktuell und wir möchten die Regierung immer noch in die See kippen.

Wie geht es jetzt weiter?
Tommy: Für mich ist es mit der Singerei wegen meiner Krankheit leider endgültig vorbei und mein Platz daher nur noch vor und nicht mehr auf der Bühne. Dominik spielt ja Gitarre bei F*CKING ANGRY, die gerade eine geile zweite LP hingelegt haben, und Volker ist THAT LONESOME SURFER DUDE, eine One-Man-Surfkapelle mit Multimediashow.

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Diskografie
„Keine Träume“ (LP, Bönnsche Tön, 1989) • „Die Todgeweihten grüßen Euch“ (LP/CD, Day-Glo, 1991) • „Schrille Nacht“ (7“, Self-Released, 1991) • „Das Allerletzte live“ (LP/CD, Day-Glo, 1993) • „Kordsofa“ (7“, Hulk Räckorz, 1998 • „Eigenurin“ (LP/CD, Knock Out, 2000) • „Der Untergang des Kapitalismus“ (LP, Sterbt Alle, 2024) • „An mein Ohr lass ich nur Molotow & Soda“ (MC, self-released, Jahr unbekannt)

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