MULE

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Der musikgewordene US-Großstadtalptraum

Detroit im Sommer. Schwüle, stinkende Hitze liegt über der Stadt. In den Bars quirlen Deckenventilatoren träge die verrauchte Luft und auf den Barhockern hängen erschöpfte Gestalten, denen die Kombination aus zu viel Bier und zu wenig Schlaf sichtlich zu schaffen macht. Auf der kleinen Bühne in der hintersten Ecke der Schmuddelkneipe baut unterdessen eine Band ihre Anlage auf. Und dann…BÄÄÄÄÄNG! MULE sind der musikgewordene US-Großstadtalptraum - hektisch, traurig, kompliziert und brutal. Ich unterhielt mich mit MULE-Bassist Kevin Monroe, der früher auch mal bei den LAUGHING HYENAS spielte.

Ich verließ die HYENAS ein Jahr nachdem „Life Of Crime“ erschienen war. Ich hatte keinen Bock mehr und gründete MULE.

Musikalisch ist es ein weiter Weg von den LAUGHING HYENAS mit ihrem straighten Rock zum beinahe jazzigen Sound von MULE.
Für mich war es kein weiter Weg, aber Kritiker sehen das immer anders als die Musiker selbst. It’spretty close the same Americana stuff to me. Sowohl die HYENAS als MULE sind amerikanische Rockbands und es gibt jede Menge Ähnlichkeiten, gerade was die Bass-Parts betrifft. Es ist auch ein Unterschied, ob man Bands nur anhand der Platten vergleicht oder ihre Auftritte gesehen hat. Wir sind, denke ich, eine aggressive Band, wenn auch auf einer anderen Schiene als die HYENAS. Ich habe wirklich Schwierigkeiten, meine eigene Musik zu beschreiben und zu analysieren, aber ich denke, dass die HYENAS und wir den gleichen musikalischen Hintergrund haben. Wir kommen eben aus Detroit.

Was haben die anderen vorher gemacht?
P.W. Long, unser Sänger und Gitarrist, spielte früher bei WIG, die früher mal zusammen mit den HYENAS an der Ostküste auf Tour waren. So haben wir uns kennen gelernt. Auf dem Detroiter Label Nocturnal erschien von denen eine 7“und eine LP - das gleiche Label, das auch die erste MULE-7“ veröffentlichte.

Du hast vorhin eure Musikals „AmericanRock“ beschrieben. Das klingt sehr nach Mainstream.
Der Ausdruck schon, aber wir sicher nicht. Aber was soll ich denn für einen Begriff verwenden?„Alternative Rock“? Das klingt ja noch beschissener.

Andere Leute bezeichnen alles als Punk.
Da hast du doch das gleiche Problem. Was meinst du mit Punk? Sprichst du von 1979?Oder vom Hardcore der frühen Achtziger? Oder meinst du SONIC YOUTH? Es ist in erster Linie Underground-Musik-Musik, die von Independent-Labels kommt und die man nicht im Radio hört. Das ist wohl die beste Definition, auch für das, was wir machen.

Bands wie NO MEANS NO oder VICTIM’S FAMILY versucht man immer wieder mit dem Begriff „Jazzcore“zu beschreiben. Siehst du da eine Verbindung zu eurer Musik?
Für uns ist es in erster Linie wichtig, untypische Musik zumachen. Wenn ich einen Song schreibe, dann will ich den so interessant und und meinem Gefühl entsprechend werden lassen wie möglich. Und für mich bedeutet das eben nicht das klassische Vers-Chor-Vers-Chor-Gitarrensolo-Chor-Schema. That’s just typical shit. Aber wer weiß, vielleicht machen wir eines Tages auch so einen Song - dann, wenn jeder von uns seltsame, schräge Klänge erwartet.

Wo liegen denn eure Einflüsse?
Preston und ich stehen auf Soul, auf Al Green und Marvin Gaye. Preston mag außerdem die Mountain Music der Dreißiger - das ist sowas ähnliches wie Bluegrass. Ansonsten sind das so verschiedene Sachen, dass ich da keine klare Linie finde. Im einen Moment höre ich COLTRANE, um im nächsten eine 7“ von einer völlig unbekannten Post-Punk-Band aus Cleveland auf zu legen. Es gibt in jedem musikalischen Genre gute und schlechte Bands, aber das kann mich ja nicht davon abhalten, mir überall das beste heraus zu picken. Ich habe da keinerlei Berührungsängste.

Einen Freund, dem ich eure CD vorspielte, habt ihr an CPT. BEEFHEART erinnert.
Ja, sowas hören wir öfter. Das liegt vielleicht daran, dass die Leute einfach nicht wissen, mit wem sie uns vergleichen sollen. Ich mag CPT. BEEFHEART, aber das war sicher keine Band, die mich beim Songwriting konkret beeinflusst hat.

Auf der Ox-Compilation ist euer Song „We know you’re drunk“. Was hat’s damit auf sich?
Zum Text an sich kann ich dir nichts sagen, die weiß nur Preston, weil es sein Song ist. Aber die Geschichte zu dem Song ist folgende: Wir kommen aus Detroit und Detroit ist eine ziemlich abgefuckte Stadt, gerade auch in der Ecke, wo wir unseren Proberaum haben. An dem einen Abend jedenfalls hatten wir Probe und als wir danach auf die Straße kamen, war überall Polizei. Irgendein Typ hatte sich mit einer Waffe in seiner Wohnung verschanzt, woraufhin die Polizei das ganze Haus umstellte. Naja, die Cops waren an dem Abend total cool, was man sonst nicht gerade von ihnen behaupten kann. Der Einsatzleiter stand also vor dem Haus und kannte aus irgendeinem Grund den Namen von dem Freak - das war irgendwas Polnisches - und quäkte ständig durch sein Megaphon „Gib auf, Junge, we know you’re drunk!“ Die kannten auch seine Frau und unterhielten sich teilweise ganz normal. Es war eine völlig skurrile Situation. Er gab dann irgendwann auf.

Und was macht ihr sonst so?
Wir sind gerade auf Tour in den USA. Im Augenblick sind wir in Knoxville, Tennessee. Es läuft eigentlich ganz gut, aber der Süden der USA ist immer ein hartes Pflaster. Du findest hier kaum eine „richtige“ Independentszene. Wer hier Punkplatten kauft, hört auch PEARLJAM, AC/DC und sonstige Rockbands. Meine Eltern kommen eigentlich aus dem Süden. Mein Vater wurde irgendwo in Louisiana geboren und meine Mutter lebte als Bettlerin und Schnorrerin in Florida. Preston kommt auch auch aus dem Süden, aber er hat von West Virginia bis LasVegas schon überall gewohnt. Irgendwann beschloss meine Familie dann nach Norden zu ziehen, und so kam ich nach Detroit. Sonst versuchen wir irgendwie zu überleben. Wir haben nur die Band und meistens ist gerade so viel Geld da, dass wir was zu trinken und Gitarrensaiten kaufen können. Ab und zu suchen wir uns nen Job, fahren Taxi oder streichen ein Haus. Detroit ist am Arsch, hier hat keiner Geld. Wir sind nicht die Generation X, sondern Generation Zero, haha.

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