© by Petra StolNEUROOT aus Arnheim in Holland existierten ursprünglich von 1980 bis 1988 und brachten mit dem „Macht kaput wass euch kaput macht“-Tape (1982), der „Right Is Might“-7“ (1985) und der „Plaid Insanity“-LP (1988) drei außergewöhnlich starke Veröffentlichungen heraus, die in der europäischen Punk-Szene jener Jahre großen Eindruck hinterließen.
NEUROOT hatten einen derben Heavy-Bass-Sound, coole, halsbrecherische Gitarrenlinien und krasse Schlagzeugbeats, während vorne auf der Bühne ein echtes Tier von einem Sänger alles in Brand setzte. Sie wussten, worum es beim Punk geht! Knallhart direkt ins Gesicht! No remorse! Seit 2012 sind NEUROOT wieder aktiv. Seither wurden ihr altes Material komplett (wieder)veröffentlicht, sie tourten mehrfach in Asien und waren 2024 erstmals auf USA-Tour. Weitere Trips nach Asien und Australien sind für 2025 geplant. Im September 2024 erschien mit „False Profit“ sogar eine neue LP, was ich zum Anlass nahm, Bassist und Gründungsmitglied Marcel Stol einige Fragen zu stellen.
NEUROOT sind seit zwölf Jahren wieder aktiv und es gab immer mal wieder neue Bandmitglieder. Außer dir sind nun Drummer Jaco Benders und Gitarrist Luca de Gier neu in der Band.
Ende 2022 sind Frank und Ares ausgestiegen, weil sie keinen Bock mehr darauf hatten, in Asien auf Tour zu gehen. Plötzlich stand ich ohne Band da. Ich habe gleich Jaco gefragt, weil er Ende der 1980er schon mal bei NEUROOT gespielt hat und außerdem ein sehr guter Schlagzeuger ist. Luca hat sich Anfang 2023 auf eine Anzeige in den sozialen Medien gemeldet. Im Februar und März 2023 haben wir dann geprobt und im April unser erstes Konzert gespielt, das war in Antwerpen. Gleich anschließend sind wir auf Tour in Singapur und Malaysia gegangen.
Luca ist deutlich jünger als du und Jaco. Sein Gitarrenspiel ist wild und ich finde, er hat frischen Wind in den Sound von NEUROOT gebracht.
Meine Tochter ist im gleichen Alter wie Luca, aber bei uns in der Band ist das Alter gar kein Thema. Er kennt echt mehr Bands aus den 1980ern als ich, kein Witz! Luca und Jaco sind die besten Musiker in unserem Genre, die ich überhaupt kenne. Und sie sind auch perfekt für den NEUROOT-Sound. Es stimmt, dass er eine neue Frische in unsere Songs gebracht hat. Für mich ist es eine ganz neue Band und es bietet Möglichkeiten wie nie zuvor, richtig gut zu sein.
Eure neuen Songs klingen deutlich härter, da die Songstrukturen eher an tribalistische Drum-Beats angelehnt sind, wie sie auch bei Bands wie AMEBIX oder ANTISECT zu hören sind. Jaco Benders ist ein sehr ungewöhnlicher Drummer, da er seine Sticks wie ein Jazz-Schlagzeuger hält. Es ist ein Vergnügen, ihn beim Spielen zu beobachten. Der Jaco kann echt was, oder?
Als ich Jaco gefragt habe, ob er wieder bei NEUROOT einsteigen will, sagte er mir, dass er schon seit Jahren keine Schlagzeugstöcke mehr angefasst habe. Er hat in den letzten Jahren Djembe mit den Händen gespielt hat, das ist eine afrikanische Trommel. Darüber hat er sich weiterentwickelt. Erst seit er jetzt zurück bei NEUROOT ist, spielt er wieder auf einem normalen Drumkit. Gelernt hat er das als junger Bursche in einem der vielen holländischen Schützenkorps oder in Spielmannszügen. Dort spielen sie alle mit diesem typischen Jazz-Griff. Den hatte er aber auch schon in den 1980er Jahren bei NEUROOT.
Ein weiteres Markenzeichen von NEUROOT war immer auch dein ausgefeilter Bass-Sound, der sich stark wie der verzerrte Bass von MOTÖRHEAD anhört. Du und Jaco gebt den Beat vor, was ist dir dabei wichtig?
Wichtig ist mir, dass ich meinen eigenen Sound habe und mich musikalisch in unseren Songs ausdrücken kann. Früher war ich „nur“ der Bassist, so dass ich mich total auf mein Bass Spiel konzentrieren konnte – mittlerweile übernehme ich zudem noch den Leadgesang, es geht also mehr um das Zusammenspiel zwischen Bass und Stimme. Für mich ist das wesentlich anspruchsvoller und komplexer als zuvor.
Seit eurem Neustart seid ihr wieder eine echte Band. Also keine Truppe übergewichtiger Typen, die halbherzig ihre Songs aus den 1980ern spielen wie beim Rebellion Festival ... NEUROOT sind immer noch Teil der echten Rebellion, deshalb nehmt ihr ja auch neue Songs auf. Worauf kommt es euch dabei an?
Für mich ist wichtig, dass ich mich in unseren Songs verwirklichen kann, sie sind ein Vehikel, um auf spezielle Weise Themen anzusprechen, die ich mich aufregen. Dazu gehört aber auch, dass wir Sachen ausprobieren, die wir zuvor noch nie gemacht haben. Es geht darum, alles frisch und aktuell zu halten, damit wir nicht irgendwann so wie andere alte Bands klingen – wobei ich das mit allem Respekt gegenüber diesen Bands sage.
Ihr wart im Frühjahr 2024 auf Tour in den USA. Wie war’s?
Es war eine Art Schicksalstour für NEUROOT, da die geplante Tour in den 1980er Jahren damals nicht geklappt hatte. Und jetzt auf einmal hat es funktioniert, was uns total gefallen hat. Wir waren in New York, Baltimore, Minneapolis, San Bernardino, San Francisco, Los Angeles, Sacramento ... Ich war total überrascht, wie toll wir nach all den Jahren von den Leuten dort empfangen wurden.
Zur Tour sollte eigentlich auch eure neue LP „False Profit“ auf dem englischen Label Scene Report erscheinen, was aber nicht passiert hat. Was war los?
Ja, stimmt, Scene Report Records aus Wales wollte unsere neue Platte herausbringen, aber zum Zeitpunkt der geplanten Veröffentlichung ist auf einmal der Kontakt abgebrochen. Der Typ ließ nichts mehr von sich hören und verschwand irgendwann komplett von der Bildfläche. Unsere Recherchen haben schließlich ergeben, dass das Label das Pressewerk nicht bezahlt hat.
Jetzt ist eure LP endlich doch noch rausgekommen. Es hieß, ihr hattet einen geheimnisvollen Geldgeber ...?
Ja, Desiderius Nekschot ist ein Fan von uns aus Holland. Er hatte die Sache mit Scene Report Records mitbekommen und angeboten, uns bei der Finanzierung zu helfen, damit wir die Platte selbst pressen lassen und veröffentlichen können. Zuerst dachte ich ja, er scherzt, aber er war vollkommen ernst und seriös, daher haben wir das jetzt tatsächlich eigenverantwortlich durchgezogen. Das war natürlich wunderbar und großartig von ihm und die LP ist jetzt zu 100% DIY!
Was hat es mit dem Gemälde auf dem Cover von „False Profit“ auf sich?
Das Original ist von dem italienischen Maler Valentin de Boulogne im Stil von Caravaggio, ich habe es bei einer Ausstellung in Utrecht gesehen. Das Motiv zeigt eine Szene aus der Bibel und heißt „Jesus vertreibt die Geldwechsler aus dem Tempel“. Das Bild fand ich sehr beeindruckend, außerdem sehe ich darin eine Analogie zu heute, da der Kapitalismus aus unserem Tempel verjagt werden sollte, soll heißen aus unserer Gesellschaft und überhaupt vom Planeten Erde.
Klar ... Kapitalismuskritik. Schon ein ziemliches Klischee, aber bei euch habe ich das Gefühl, der Hörer bekommt einen fetten Stinkefinger ins Gesicht gehalten! Warum distanziert ihr euch noch heute so deutlich gegenüber den kranken Auswüchsen des Kapitalismus?
Ich singe immer noch über die Themen, die mich aufregen. So einfach ist das.
NEUROOT waren Teil der Hausbesetzerszene in Arnheim, rund um das Goudvishal-Squat, wo in den 1980er und frühen 1990er Jahren auch fast alle relevanten einheimischen und internationalen Hardcore- und Punkbands spielten. Viele dieser Konzerte hast du organisiert, Marcel. Aber NEUROOT haben sich auch sonst an diversen politischen Aktionen und Demonstrationen beteiligt.
Wir haben damals schon eine Menge auf die Beine gestellt, klar. Einen guten Eindruck kann man sich in unserem Buch verschaffen, das ich mit meinem Freund Henk Wentink rausgebracht habe, „Goudvishal DIY or Die! Punk in Arnhem 1977-1990“, in dem unsere Aktivitäten auch einen bedeutenden Anteil ausmachen. Die Paperback-Ausgabe ist via Earth Island Books zu bekommen. Wir haben uns damals engagiert gegen Shell, gegen Apartheid, gegen die Nato, gegen Aufrüstung oder auch für El Salvador. Es gab Demonstrationen und Aktionen aller Art. Es ging aber auch um Hausbesetzungen und die Verteidigung dieser Squats.
NEUROOT waren zwischen 2018 und 2023 auch mehrfach in Asien unterwegs, ihr wart in China, Taiwan, Japan, Singapur, Malaysia, Thailand, Kambodscha und Indonesien ...
2024 waren wir außerdem noch in den U$A als auch in Mitteleuropa auf Tour. Grundsätzlich versuchen wir immer wieder an Orten zu spielen, wo wir zuvor noch nie waren. Da ist der Orient sehr interessant, natürlich aber auch andere Kontinente. In Asien haben wir viele gute Freunde gefunden und tolle Erinnerungen gibt es da zuhauf.
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