
Über Punkrock aus New York zu berichten bedarf Unterteilungen, weil das Genre so dermaßen umfangreich und vielfältig ist. Ende der 1970er Jahre haben Bands und Musiker wie RAMONES, TALKING HEADS, Patti Smith, TELEVISION, Richard Hell, BLONDIE oder Lou Reed den Boden dafür bereitet. Mit dem Namen der Stadt assoziiert werden natürlich auch die Bands, die bis heute unter „New York Hardcore“ firmieren und für Hardcore-Punk mit einer starken metallischen Kante stehen, wie AGNOSTIC FRONT, CRO-MAGS, KILLING TIME, JUDGE, LEEWAY, WARZONE, YOUTH OF TODAY, SICK OF IT ALL, MADBALL, GORILLA BISCUITS oder BAD BRAINS – wobei letztere wegen ihrer Einzigartigkeit eigentlich ihren eigenen Kosmos im Punkrock-Universum haben. Im folgenden berichte ich euch über Bands aus New York, die ich aufgrund ihres Musikstils eher einer „normalen“ Punkrock-Szene zurechne. Die Auswahl ist wie immer subjektiv.
REAGAN YOUTH
... wurden von Sänger Dave Insurgent (David Rubinstein) und Gitarrist Paul „Cripple“ Bakija 1980 gegründet, als sie gemeinsam auf die Forrest Hills High School gingen. Der ehemalige B-Movie-Schauspieler Ronald Reagan war zu jener Zeit zum Präsidenten der USA gewählt worden und fiel durch seine erzkonservative Einstellung und Nähe zur religiösen Rechten ähnlich negativ auf wie heutzutage Donald Trump. Beide haben sich damit als Hassobjekte für die Punk-Szene qualifiziert. Analog zur Hitler-Jugend nannte sich die Band REAGAN YOUTH und wollte mit ihren Texten Parallelen zwischen der Politik Reagans und religiösen und rechtsextremen Gruppierungen aufzeigen. 1984 erschien die Debüt-LP „Youth Anthems For The New Order“ mit solch großartigen Songs wie „New Aryans“, „Reagan Youth (Sieg Heil)“ oder „Degenerated“, womit sie in der US-Punk-Szene auf einen Schlag ganz weit vorne lagen. 1988 erschien noch das Album „Volume 2“ auf New Red Archives Records. Lange Touren, die Heroinabhängigkeit des Sängers Dave Insurgent als auch das Ende von Ronald Reagans Präsidentschaft führten 1989 zur Auflösung von REAGAN YOUTH. Dave Insurgent nahm sich tragischerweise 1993 das Leben, nachdem innerhalb von wenigen Tagen sowohl seine Mutter starb als auch seine Lebensgefährtin Tiffany Bresciani, die die Drogensucht des Paares durch Prostitution finanzierte, ermordet wurde. Sie wurde Opfer des Serienmörders Joel Rifkin, der 17 Morde an Prostituierten beging, wovon ihm neun Morde nachgewiesen werden konnten. 2006 wurden REAGAN YOUTH von Gitarrist Paul Cripple reaktiviert und existierten weiter, bis dieser am 21.09.2024 nach langjähriger Krebserkrankung starb. So kamen REAGAN YOUTH 2014 als auch 2016 endlich nach Deutschland auf Tour. Die Bandmitglieder wechselten zu dieser Zeit relativ häufig, wobei Bassistin Tibby X am längsten mit dabei war. Fun Fact: REAGAN YOUTH-Sänger war zwischenzeitlich auch Max Kaspar von der deutschen Band CHRISTMAS aus St. Wendel! Nach einem Disput während eines Konzerts auf der Bühne in Brüssel verließ Kaspar die Band jedoch während der laufenden Show. Der musikalische Backkatalog ist bis heute über New Red Archives Records (das mittlerweile an Cleopatra Records verkauft wurde) erhältlich, zudem hat Puke N Vomit Records 2020 eine weitere LP mit Outtakes veröffentlicht.
KRAUT
... waren eine Band aus Manhattan, die 1981 von Sänger Davy Gunner (damals 15 Jahre alt), Gitarrist Doug Holland, Bassist Don Cowan und Drummer John Koncz gegründet wurde. Im Juni 1981 gingen THE CLASH auf Tour in den USA und für ihr Konzert in New York wurden doppelt so viele Karten verkauft, wie der Konzertsaal fassen konnte. Daher wurde ein weiterer Termin für New York angesetzt, bei dem KRAUT ihr allererstes Live-Konzert als Vorband spielten. Ihre Affinität zum Punkrock aus England kam deutlich zum Ausdruck, da sie großen Wert auf Rhythmen und Melodien legten. Ihre erste 7“ „Kill For Cash“ erschien im August 1981 in einer Auflage von 1.000 Stück, die zweite, „Unemployed“ von Dezember 1981, hatte bereits eine Auflage von 5.000. 1982 gab es durch den Erfolg vermehrt Auftritte, so spielten sie im Juni ein Konzert mit T.S.O.L. und der SEX PISTOLS-Nachfolgeband THE PROFESSIONALS im Channel Club in Boston, wobei sie sich mit Steve Jones anfreundeten, der vor seiner Rückkehr nach Großbritannien noch ein paar Tage in New York bei den Leuten von KRAUT blieb. Doug Holland lud Steve Jones auch ins Studio zu den Aufnahmen des Debütalbums „An Adjustment To Society“ ein, das Ende 1982 auf Cabbage Records erschien und wovon 10.000 Stück verkauft wurden. Steve Jones ist bei den Liedern „Onward“, „Sell out“ und „Kill for cash“ als Gastmusiker zu hören. 1983 tourten KRAUT erstmalig komplett durch die USA und drehten ein Video zu dem Song „All twisted“. 1984 erschien die zweite LP „Whetting The Scythe“, gefolgt von einer weiteren US-Tour im Januar 1985, gemeinsam mit CHANNEL 3. Im April 1985 stieg Gitarrist Doug Holland bei KRAUT aus und spielte fortan bei den CRO-MAGS. Als Ersatz stieg Chris Smith von BATTALION OF SAINTS aus Kalifornien ein, was allerdings unter keinem guten Stern stand. Smith starb am 8. Februar 1986 bei einem tragischen Unfall im Badezimmer, als er in der Wanne ausrutschte, sich den Kopf anschlug, bewusstlos wurde und ertrank. Das führte letztendlich zur Auflösung der Band. Die beiden KRAUT-LPs wurden in den vergangenen Jahrzehnten von New Red Archieves, Century Media (als CD only) und Cleopatra Records wiederveröffentlicht. 1991 und 2002 spielten KRAUT zu speziellen Anlässen jeweils einmalige Reunion-Konzerte.
HEART ATTACK
... gehörten Anfang der 1980er Jahre mit zu den jüngsten Punk Bands, die New York hervorgebracht hat. 1980 war die Band in Whitestone, Queens von einigen Jungs gegründet worden, die gerade mal 12 bis 16 Jahre alt waren. Die ersten beiden Demos „Hitler“ und „The Mojo Sessions“ waren noch sehr stark vom Punkrock aus England geprägt, insbesondere von den SEX PISTOLS und THE CLASH, wobei die Texte eher im pubertären Fun-Bereich lagen. Erst nach dem Besuch eines BAD BRAINS-Konzerts im CBGB’s entschlossen sich Sänger Jesse Malin und Gitarrist Jackie Flanagan dazu, zum Hardcore-Punk zu wechseln. 1981 erschien die erste 7“ „God Is Dead“, die musikalisch noch eher rumpelig war. Aber die beiden 12“s „Keep Your Distance“ (1983) und „Subliminal Seduction“ (1984) gehören heute mit zu den glasklaren Klassikern des US-Punkrock der 1980er Jahre. Ihre Abkehr vom englischen Vorbild hört man deutlich in dem derben Text des Songs „English cunts“, in dem sie über die klischeehaften Nieten- und Iro-Punks aus England lästern. „Wheels over Indian trails“ ist einer der wenigen Songs von amerikanischen Punkbands, die sich kritisch mit der Ausbeutung und dem Genozid an der indigenen Bevölkerung auseinandersetzen. Ihr letztes Konzert spielten HEART ATTACK am 4. Juli 1984 im CBGB’s. Jesse Malin gründete später THE FINGER und D GENERATION, Jackie Flanagan stieg als Gitarrist bei THE MOB ein. Drummer Javier Madriaga spielte später bei REAGAN YOUTH.
ANTIDOTE
... gehören aus heutiger Sicht eindeutig zu den NYHC-Bands der ersten Welle. Ihre bereits kurz nach der Gründung 1983 erschienene 7“ „Thou Shalt Not Kill“ ist aufgrund der Qualität der Songs als auch der Aufnahme eine der besten Platten, die jemals von einer Band aus New York veröffentlicht wurde. „Something must be done“ ist der Über-Hit auf dieser 7“ und durfte in den 1980ern auf keinem privaten Mixtape fehlen. Gegründet wurde die Band von Gitarrist Robert Ortiz und Bassist Tommy Victor (später Bassist/Sänger bei PRONG), die zusammen im East Village wohnten und sich bei einem BAD BRAINS-Konzert kennengelernt hatten. Zum ersten Line-up gehörte noch Drummer Joseph McGuckin, der zuvor bei den MISFITS gespielt hatte, aber von ihnen 1982 herausgeworfen wurde. Sänger war der Türsteher und BAD BRAINS-Roadie Louie Rivera. Er und Joseph McGuckin waren Hare-Krishna-Anhänger, was damals genau wie die Straight-Edge-Bewegung in der New York Hardcore Szene keine Seltenheit war (siehe SHELTER/YOUTH OF TODAY). 1984 verließ Rivera nach einem Streit mit McGuckin die Band und wurde durch den neuen Sänger Drew Stone ersetzt. 1986 lösten sich ANTIDOTE auf. 1989 reformierte sich die Band, von der ersten Besetzung waren allerdings nur Originalgitarrist Nunzio Ortiz und der späte zweite Sänger Drew Stone dabei. Der musikalische Stil änderte sich hin zu einem Speed Metal-lastigen Sound. Zum Glück löste sich diese Formation 1992 wieder auf, doch 2008 reformierten Stone und Ortiz die Band erneut, um auf einer Reunion-Show des ehemaligen A7-Clubs in der Knitting Factory zu spielen. Aufgrund der positiven Resonanz des Publikums machten ANTIDOTE weiter. 2012 erschien auf Bridge Nine Records das recht passable Album „No Peace In Our Time“, das ebenfalls weltweit positiv aufgenommen wurde. 2014 spielten ANTIDOTE auf dem Ieperfest in Belgien ihren ersten Auftritt in Europa. ANTIDOTE gaben weiterhin sporadisch Konzerte, allerdings verließ Ortiz 2020 die Band. Seither führt Sänger Stone die Band weiter. Da Ortiz als Gründungsmitglied die Namensrechte an der Band beansprucht, gibt es seitdem einen unerfreulichen Rechtsstreit zwischen ihm und Stone.
BEASTIE BOYS
Was zur Hölle suchen die in diesem Artikel? Jeder kennt die Bedeutung der BEASTIE BOYS innerhalb der HipHop-Szene, wo sie Megastars sind. Nur die Älteren unter den Punks wissen allerdings, dass die BEASTIE BOYS als Punkband begonnen hatten. Sie waren 1981 aus der aufgelösten Post-Punk-Band THE YOUNG ABORIGINES hervorgegangen, zuerst stieß Adam „MCA“ Yauch als Bassist hinzu, 1982 gefolgt von Adam „Ad-Rock“ Horowitz als Gitarrist. Musikalisch orientierten sich die BEASTIE BOYS nun an bekannten Punkbands der damaligen Ära wie BLACK FLAG oder BAD BRAINS. Folgerichtig erschien 1982 die „Polly Wog Stew“-7“ auf Rat Cage Records. Sie enthielt durch die Bank schnellen Hardcore-Punk, und der Song „Egg raid on Mojo“ ist auch heute noch ein Hit. 1983 nahmen BEASTIE BOYS „Cooky Puss“ auf. Das war jedoch kein Hardcore mehr, sondern eine eher obskure Platte, bestand sie doch aus einem mit Beats untergelegtem Scherz-Telefonanruf, was den ersten Schritt der Band hin in Richtung HipHop darstellte. Nach diesem Stilwechsel verließ Drummerin Kate Schellenbach die Band, wodurch die weltbekannte Dreierbesetzung entstand. Der Rest ist Geschichte. Mit dem Tod von Adam Yauch im Jahr 2012 kam auch das Ende der BEASTIE BOYS.
THE ABUSED
1981 waren die Bandmitglieder erst zwischen 13 und 15 Jahre alt, dennoch schafften sie es Ende 1981, ihr erstes Konzert im kleinen A7-Club im East Village zu spielen. Das A7 war der erste Club, in dem Bands des aufkommenden Hardcore-Trends live auftreten konnten. Kurz danach durften THE ABUSED auch ihre ersten Konzerte im CBGB’s spielen, wobei sie im Gegensatz zu anderen Bands aber Pfand hinterlegen mussten, um für eventuell auftretende Schäden aufzukommen. 1983 veröffentlichten THE ABUSED ihre erste 7“ „Loud And Clear“, die heute mit zu den Klassikern des New Yorker Punkrock zählen. Die Band hat zwar nur wenig veröffentlicht, das wird allerdings von allen Seiten bis heute sehr geschätzt, wie etwa von AGNOSTIC FRONT-Sänger Roger Miret, der sich öffentlich bereits mehrfach positiv über die 7“ äußerte. Aufgenommen wurden die acht Stücke in den Hi-Five-Studios in New York, wo später auch REAGAN YOUTH oder die CRO-MAGS aufnahmen. Das Bandfoto von THE ABUSED auf der Rückseite des 7“-Covers stammt von Randy Underwood, der auch für die Fotos auf der ersten AGNOSTIC FRONT-EP „United Blood“ verantwortlich war. Nach Veröffentlichung der EP spielten die Bandmitglieder noch eine Weile zusammen, beendeten aber bereits 1984 ihre musikalische Karriere, wobei die Band offiziell nie aufgelöst wurde. Im Dezember 2008 kamen THE ABUSED noch mal zu einem einmaligen Konzert zusammen. Sänger Kevin Crowley, der für das gesamte Artwork als auch für die Konzertflyer der Band verantwortlich war, ist in seiner Freizeit auch weiterhin als Zeichner aktiv – so gestaltete er unter anderem die Cover der Hardcore-Bands WASTE MANAGEMENT und SHARK ATTACK.
URBAN WASTE
... sind eine Band aus Ravenswood in Queens, die sich 1982 gründete. Die Musik war eindeutig Hardcore-lastig, weil viel roher, direkter und konfrontativer, verglichen mit den New Yorker Punkbands Ende der 1970er Jahre. URBAN WASTE waren Zeitgenossen von REAGAN YOUTH, den frühen BEASTIE BOYS und BAD BRAINS. Im ihrem Stadtteil Queens gab es weitere Bands wie KRAUT, MURPHY’S LAW, THE MOB oder GILLIGAN’S REVENGE, aus denen später TOKEN ENTRY wurden. URBAN WASTE veröffentlichten 1982 eine selbstbetitelte 7-Track-7“ auf Mob Style Records, die heute als Klassiker der New Yorker Punk-Historie gilt. Auch diese Band existierte wie viele andere dieser Ära auch nur kurze Zeit. Nach ihrer Auflösung 1983 gründeten einige Mitglieder MAJOR CONFLICT. 2008 fanden URBAN WASTE wieder zusammen und spielen seitdem sporadisch immer mal wieder Konzerte. 2010 erschien die „Recycled“-LP mit einer Zusammenstellung einiger unveröffentlichter als auch neuer Lieder. 2012 war das bisher erfolgreichste Jahr für die Band, sowohl was Auftritte als auch das Schreiben von neuem Material angeht. Dies war das erste Mal in der Karriere der Band, dass sie nach Europa flogen, wo sie am 22. September 2012 in Venlo, Holland spielten. 2022 erschien die „What Is New?“-LP und für August 2024 waren einige Konzerte in Deutschland geplant, die allerdings leider abgesagt wurden.
ISM
... waren mir erstmalig 1982 aufgefallen mit ihren vier Songs auf dem „Big Apple: Rotten To The Core“-Sampler mit ausschließlich New Yorker Bands. Gegründet hatte sich diese Band aus Queens bereits 1980. Sänger Josef „Jism“ Ismach und Bob Sallese waren seit ihrer Kindheit Freunde und besuchten das Queens College. Sie gingen bereits Ende der 1970er auf Punk-Konzerte im Max’s Kansas City, CBGB’s oder dem A7. Mit ISM gelang es ihnen 1980, eine große Show zusammen mit THE MOB im Mainstream-Club New Wave in Bayside daheim in Queens zu organisieren. Im Zuge der Ankündigung des Konzerts prägte Sallese den Begriff „Hardcore Punk“, den er an die Presse weitergab und der sich wie ein Lauffeuer verbreitete. Später versuchten andere die Lorbeeren für die Einführung des Begriffs „Hardcore“ für sich zu beanspruchen, aber in Bezug auf New York war er es. Zur gleichen Zeit gründeten Jism und Salles mit S.I.N. auch ihr eigenes Plattenlabel, dessen erste Veröffentlichung 1980 die ISM-7“ „Queen J.A.P./Attack“ war. Sie enthielt eine clevere Parodie auf Steve Martins „King Tut“. Ein DJ des New Yorker Radiosenders WLIR sagte, dass die Telefone aufleuchteten, immer wenn er den Song spielte, und es wurde einer der am meisten nachgefragten Titel überhaupt. Doch das Management des Radios schritt bald ein und verbot den Song. Dabei war er mit einem Augenzwinkern gemeint und sollte niemanden beleidigen, schließlich war Jism Jude und Sallese Italiener. Im BBC-Radio in England entwickelte sich dieser ISM-Song jedoch zu einem beliebten Hit. Ihr „Rotten To The Core“-Track „John Hinckley Jr., what has Jodie done to you“ war dann wahrscheinlich der erste Hardcore-Song, der in NYC Erfolg hatte und sehr häufig im Radio gespielt wurde. Er öffnete Gruppen wie BLACK FLAG, die schon lange an der Westküste etabliert waren, die Tür zum kommerziellen Radio-Airplay in New York. Sogar Amy Carter, die Tochter des ehemaligen Präsidenten Jimmy Carter, wurde nach der Veröffentlichung des „Rotten To The Core“-Samplers zum ISM-Fan.
1983 erschienen die „A Diet For Worms“-LP sowie die -7“ „I Think I Love You“, auf deren Cover zwei Affen beim Doggy-Style Sex zu sehen waren. Allerdings wurde der Kopf des einen durch ein Foto des Teenie-Schlagerstars David Cassidy ersetzt. Cassidy verklagte daraufhin die Band, daher existieren von der ersten Auflage nur wenige Exemplare. Das reichte aber aus, damit diese 7“ die College-Radiocharts anführte. Das ebenfalls mittlerweile sehr rare Album „A Diet For The Worms“ gilt für viele als die beste Hardcore/Punk-Platte der frühen 1980er in New York. ISM hatten einen Lauf und spielten mit Gruppen wie den RAMONES, CIRCLE JERKS, BLACK FLAG oder den SMITHEREENS. Selbst Sylvester Stallone erschien einmal im CBGB’s, um ISM zu sehen. Es folgten 1984 die „Constantinople“-12“ und 1988 die „Nightmare At Noon“-12“, die noch nennenswerten Punkrock enthielten. Jism hielt die Band bis ins Jahr 2000 zusammen, während er zeitweise auch mit Dee Dee Ramone Schlagzeug spielte. Im Jahr 2000 kam Bob Sallese durch geschickte Investitionen zu einem Vermögen von mehreren Millionen Dollar und plante die Gründung eines neuen Plattenlabels. Nachdem er jedoch über gewisse ungenannte alte Geschichten stolperte, verlor er das Geld wieder und wurde von Leuten aus der Unterwelt mit dem Tod bedroht. Seitdem ist Bob Sallese untergetaucht. Kurz darauf wurde Jism ebenfalls aus unbekannten Gründen zu einer fünf- bis zehnjährigen Haftstrafe verurteilt. Er saß in einem Gefängnis im Bundesstaat New York und es wird vermutet, dass auch er reingelegt wurde.
DAMAGE
... sind eine aus meiner Sicht stark unterbewertete Hardcore-Band aus New York, die von 1983 bis 1988 existierte und wahrscheinlich die einzige Band der USA ist, deren Output ausschließlich aus zwei Live-LPs besteht. Wobei man bei „Sins Of Our Fathers“ allerdings gar nicht merkt, dass es sich um eine Live-Aufnahme handelt. Entstanden ist sie im CBGB’s, was dafür spricht, wie gnadenlos gut der Sound in dem Laden gewesen sein muss. Der Mitschnitt direkt vom Mischpult ist absolute Sahne! Als wenn das nicht reichen würden, haben DAMAGE 1986 mit der „Recorded Live Off The Board At CBGB“ eine weitere Live-LP veröffentlicht. Wer live so dermaßen gut spielt, der hat es wirklich drauf. Außerdem waren DAMAGE eine Band mit zwei Bassisten. Neben Steve McAllister spielte auch noch Mike Kirkland Bass, bis dieser 1986 zu PRONG wechselte. McAllister hat Mitte der 1980er Jahre auch als Live- und Sound-Engineer im CBGB’s gearbeitet, was die außergewöhnlich guten Aufnahmen der Band vielleicht erklärt. Wozu ein Studio buchen, wenn man das auch im CBGB’s live erledigen kann? 1988 lösten sich DAMAGE auf. Steve McAllister war noch lange Zeit als Soundtechniker mit vielen Bands auf Tour, arbeitet aber seit Ende der 1990er Jahre als Programmierer. Schlagzeuger Patrick Blank, der vor seinem Einstieg bei DAMAGE der erste Drummer von THE UNDEAD gewesen war, starb tragischerweise 2001 bei einem Tauchunfall in der Dominikanischen Republik.
SHEER TERROR
... sind so etwas wie der schräge Kackvogel der New Yorker Punk-Szene. SHEER TERROR wurden ganz klar aufgrund von Paul Bearers Bühnenpersönlichkeit bekannt, wobei einige ihn als beleidigend empfanden, während andere seinen oft unverblümten und obszönen Humor genossen. SHEER TERROR waren eine der ersten Bands, die Elemente des Heavy Metal mit Hardcore-Punk verbanden und sich damit zu einem der Vorreiter des bis heute bekannten und beliebten New York Hardcore entwickelten. Zunächst bestanden SHEER TERROR von 1984 bis 1998, wobei es zahlreiche Besetzungswechsel gab, die aufzuzählen den Rahmen sprengen würde. Mastermind hinter der Band ist und bleibt Sänger Paul Bearer, den man ob seines Aussehen auch gerne mit einer englischen Bulldogge vergleicht. Der Mann sieht ständig schlecht gelaunt aus und ist bekannt für seine nihilistischen und durchweg misanthropischen Texte. Dass die erste offizielle LP 1989 den Titel „Just Can’t Hate Enough“ hieß, kam nicht von ungefähr. US-Plattenlabels hatten eher weniger Interesse an SHEER TERROR, daher musste das Münchener Starving Missile-Label das Debüt veröffentlichen, das heute im Original immerhin einen dreistelligen Euro-Betrag im Verkauf erzielt. In der Folgezeit erschienen noch einige wunderbare Platten, wie „Ugly & Proud“ (1992), „Thanks Fer Nuthin“ (1992) und „Love Songs For The Unloved“ (1995). Bald darauf löste sich die Band aufgrund interner Konflikte auf. Während der ganzen Bestehenszeit von SHEER TERROR gab es eine Vielzahl an Bandmitgliedern, die zuvor bei Bands wie MIND OVER MATTER, NEGLECT, KILL YOUR IDOLS, MADBALL, CAUSE FOR ALARM oder WHIPLASH gespielt haben. In den letzten Jahren waren SHEER TERROR zwei Mal auf Tour in Europa und haben einen massiven Eindruck hinterlassen. SHEER TERROR zeigten auch klare Kante, wie im September 2018, als Paul Bearer auf der Facebook-Seite der Band als Reaktion auf das Lob des Mitbegründers der rechtsextremen Proud Boys, Gavin McInnes, schrieb, dass diese Gruppierung bei SHEER TERROR nicht willkommen sei und sich auf einen Satz blaue Augen einstellen müsste. Die aktuelle Besetzung von SHEER TERROR besteht aus Paul Bearer, Johnny Eggz (gt), Henry Belfor (bs), und John Besser (dr).
NIHILISTICS
Bei den NIHILISTICS ist der Bandname definitiv Programm! Sie sind New Yorks berüchtigtste und am längsten bestehende Hardcore-Punk-Band. Seit 1979 sind sie ununterbrochen aktiv und haben die weltweite Punk-Szene mit vier Alben, einer CD-EP und zahlreichen Singles versorgt. Auch wenn ich nicht immer mit den Ansichten der Band übereinstimme, lieferten die NIHILISTICS mehr Denkanstöße als 90% der heutigen Hardcore-Bands. Und ihre Musik war genauso brutal, kompromisslos und kakophonisch wie ihre textlichen Ergüsse. Dieses großartige selbstbetitelte Debütalbum von 1983 ist vollgepackt mit rohen, intensiven Wutausbrüchen, die aus der Sinnlosigkeit und den Fehlern des menschlichen Daseins geboren wurden. Diese LP ist gewiss keine leichte Kost, aber sie fesselt die Aufmerksamkeit und sorgt für ein provokantes Hörerlebnis, was letztlich viel wichtiger ist. Damals war es definitiv ein Pflichtkauf und ist heute ein echter Punk-Klassiker.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #177 Dezember 2024/Januar 2025 2024 und Helge Schreiber