
Als die LoFi-Pop-Punk-Band NIGHT COURT aus Vancouver um 2020 begann, Songs zu schreiben, lautete ihre Mission, alles Überflüssige zu streichen und die Songs so kurz wie möglich zu halten, ohne dass diese dabei ihren Charme verlieren. Zu diesem Zeitpunkt bestand die Band nur aus Sänger, Bassist, Texter und Coverartist Jiffy Marx und dem Gitarristen Dave-O. Etwas später kam noch Schlagzeugerin Emilor Jayne dazu, die Bass spielt in Kristy-Lee Audettes Band RONG und Frontfrau der viel punkigeren PET BLESSINGS ist. NIGHT COURT stehen kurz vor ihrer ersten Europatournee im Januar 2026 und haben mit „Nervous Birds! One + Too“ gerade eine Vinylversion ihrer ersten beiden Tapes herausgebracht, die ursprünglich 2021/22 erschienen sind.
Warum der Name NIGHT COURT? Ich kenne die gleichnamige US-Sitcom und mir gefällt die Vorstellung, dass ein Punk-Konzert eine Art „Gerichtsverhandlung“ sein kann, die nachts stattfindet.
Dave-O: Wir hatten eine lange Liste mit möglichen Namen, kamen aber immer wieder auf NIGHT COURT zurück. Unser Kumpel Jake meinte, das hätte mit der Länge unserer Songs zu tun; so wie ein echtes Nachtgericht schnell und effizient arbeitet und wie am Fließband Bußgelder für das Überqueren der Straße bei Rot oder Herumlungern verhängt: „Nächster Fall!“ Das gefällt mir und auch deine Idee, dass Punk-Shows so was wie eine Gerichtsverhandlung sind, aber ehrlich gesagt finde ich einfach, dass der Name sich eben richtig anfühlt.
Eure frühen Songs stechen wirklich in ihrer Einzigartigkeit hervor. Eure dritte Veröffentlichung „Humans!“ von 2023 war das Erste, was ich von euch gehört habe, und das wirkte schon durchdachter.
Jiffy: Das Zeug von „Nervous Birds!“ war insofern experimentell, da wir uns nicht wirklich im Klaren waren, was wir da tun, und zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal wussten, dass wir etwas mit diesen Aufnahmen anstellen würden. Erst als wir sie irgendwie immer cooler fanden, haben wir versucht, aus diesem Projekt eine Band zu machen. „Humans!“ war das Erste, das wir als richtige Band in unserem selbstgebauten „Studio“ aufgenommen haben. Einige, wenn auch nicht alle Songs von „Humans!“ hatten wir vor der Aufnahme schon live gespielt, was ebenfalls eine Premiere war, daher würde ich sagen, dass diese Songs vielleicht etwas ausgereifter waren. Bei den Aufnahmen haben wir wahrscheinlich etwas mehr experimentiert, einfach um zu sehen, was dabei herauskommt.
Woher kommt eure Vorliebe für diese superkurzen Songs?
Dave-O: Wir finden es einfach besser, den Hörer mit dem Wunsch nach mehr zurückzulassen, als ihn zu langweilen. Als wir anfingen, für NIGHT COURT Songs zu schreiben, hörten wir viel Tony Molina und mochten diese intensiven kleinen Einheiten mit eingängigen, chaotischen Songs ... Ich meine, GUIDED BY VOICES und die DESCENDENTS veröffentlichen seit Jahrzehnten perfekte Songs von unter zwei Minuten! Ich würde sagen, wir sind alle Fans von GUIDED BY VOICES, oder, Emilor?
Emilor: Meine erste GUIDED BY VOICES-Platte habe ich ja von euch bekommen. Ich liebe diese Band. Aus der Sicht einer Plattensammlerin muss ich zwar sagen, dass sie einfach viel zu viel veröffentlicht haben, doch alles, was ich bisher von ihnen gehört habe, finde ich fantastisch.
Dave-O: Sie haben uns insofern beeinflusst, als wir auch so produktiv sein wollten. Wir haben sie gesehen und gedacht: Die bringen eine Million Songs heraus, die sind alle großartig, sie sind kurz, sie sind schlecht aufgenommen: So machen wir es auch. Das war also definitiv ein Grundprinzip dessen, was wir mit der Band vorhatten.
Befürchtest du, dass es sich, ähnlich wie bei GUIDED BY VOICES, rächen könnte, wenn man derart produktiv ist? Ich kenne zum Beispiel die Songs auf eurer 2024er LP „$hit Machine“ noch gar nicht richtig, deshalb mache ich mir Sorgen, dass ihr bald schon ein weiteres Album herausbringen könntet.
Dave-O: Ich weiß, was du meinst; es gibt ganze Phasen von GUIDED BY VOICES, die ich noch nicht kenne. Diese Songs sprudeln einfach aus mir heraus, was soll ich tun? Soll ich es wie Bruce Springsteen machen und alles 60 Jahre lang zurückhalten und erst veröffentlichen, wenn ich tot bin? Scheiß drauf! Bring sie einfach raus in die Welt, egal wie!
Emilor, du bist aktuell in mehreren Bands, gibt es eine, die du als deine Hauptband betrachtest?
Emilor: Überhaupt nicht. Ich spiele in den verschiedenen Bands unterschiedliche Sachen, deshalb liebe ich alles, was ich in den einzelnen Bands mache, gleichermaßen. Ich würde aber sagen, NIGHT COURT sind derzeit meine wichtigste Band, weil wir in Bezug auf Tourneen und Auftritte am aktivsten sind. PET BLESSINGS sind die Band, in der ich am längsten bin, aber wir geben nur zwei Konzerte pro Jahr. Und RONG könnten wahrscheinlich mehr machen, wenn die Jungs nicht ständig mit DEAD BOB unterwegs wären. Ich schreibe zwar die Texte für PET BLESSINGS, aber die Musik dieser Band ist so dicht gewebt, dass ich mich daran wie an einem Marmorblock zu schaffen machen muss, um herauszufinden, wo ich ein Wort unterbringen kann.
Die Songs von NIGHT COURT scheinen eingängiger als die von PET BLESSINGS.
Emilor: Auf jeden Fall. Bei NIGHT COURT besteht alles aus Hooklines, die ganze Zeit. Wenn es keine Hooklines gibt, weg damit! Warum sollte man es dann wollen?
Erzähl mir etwas über das Artwork für die „Nervous Birds!“-Tapes. Es erinnert an die Nachkriegs-Cartoon-Reihe „Heckle and Jeckle“, deren Hauptfiguren Krähen waren. Gelten die nicht inzwischen als rassistisch?
Jiffy: Die Vögel bei „Nervous Birds!“ basieren in der Tat auf den Zeichentrickfiguren „Heckle and Jeckle“. Meines Wissens nach werden sie oft fälschlicherweise für Krähen gehalten, obwohl es sich in Wirklichkeit um Elstern handelt. Krähen wurden in der Vergangenheit oft für rassistische Karikaturen verwendet, daher verstehe ich, dass es hier zu Verwirrung kommen kann, aber wie gesagt, mein Verständnis und meine Absicht basierten darauf, dass es sich um Elstern handelt. Und dass ich Elstern gewählt habe, kommt daher, dass Dave-O und ich ursprünglich aus Calgary kommen, wo Elstern sehr verbreitet sind. Als wir nach Vancouver gezogen sind, fand ich es immer seltsam, dass es hier keine Elstern gibt. Es stellte sich heraus, dass sie den Regen nicht mögen, und das tue ich auch nicht, vor allem aufgrund meiner Liebe zum Skateboard fahren! Für mich waren „Heckle and Jeckle“ einfach ein paar lebenslustige Taugenichtse, mit denen wir uns vielleicht ein bisschen identifizieren können. Dave-O und ich sind schließlich auch irgendwie Schwindler, schließlich erzählen wir den Indierockern, dass wir Indierocker sind, und überzeugen gleichzeitig die Punks davon, dass wir Punks sind!
Ein weiterer früher Song, der die Fantasie anregt, heißt „Johnny Rocket”. Über wen wurde dieser Song geschrieben?
Jiffy: Johnny war ein ziemlich interessanter Charakter, mit dem wir in unserem ersten richtigen Job nach der Highschool zu tun hatten.
Dave-O: Jiffy und ich sind wie gesagt in Calgary zusammen aufgewachsen und unser erster Job nach der Highschool war in einer Autowaschanlage namens Johnny Rocket’s. Der Typ in der Handwaschanlage hieß Johnny und der glaubte wirklich, er sei Johnny Rocket! Der Song handelt im Wesentlichen von diesem Typen und den absurden Geschichten, die mit ihm passiert sind.
Er hat also nur dort gearbeitet, aber dachte, es wäre seine Autowaschanlage?
Dave-O: Ja. Und dann haben wir diesen Job gekündigt, Jiffy ging zum Hard Rock Café im Eau Claire Market, deshalb kommt das auch vor. Eines Tages brachte er den Müll aus dem Café zu den Containern, und als er aufblickte, sah er im Eau Claire Market ein Kinderplanschbecken, in dem eine Gruppe Kinder spielte und da stand Johnny Rocket, der Gummistiefel trug, die Kinder nass spritzte und Spaß hatte. Das war das einzige Mal, dass wir ihn nach der Arbeit in der Autowaschanlage gesehen haben.
Jiffy: Als wir anfingen, diese Stücke zu schreiben, und vielleicht auch, um den Prozess zu beschleunigen, beschlossen wir, Songs über nichts zu schreiben. So ähnlich wie bei der amerikanischen TV-Sitcom „Seinfeld“, die behauptete, eine Serie „über nichts“ zu sein. So als ob alles eine Songidee sein könnte oder jede Idee ein Song. Das war sehr befreiend. „Johnny Rocket“ erzählt, wie viele unserer Stücke, keine komplette Geschichte. Es ist eher eine Charakterskizze oder vielleicht ein Insiderscherz; es ist nur die Pointe. Um ehrlich zu sein, war das Ganze irgendwie traumatisch und ziemlich deprimierend.
Emilor: Ich weiß auch nicht, worum es in der Hälfte der Songs geht.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #183 Dezember 2025/Januar 2026 2025 und Allan MacInnis
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