
Wer hätte gedacht, dass wir noch einmal in den Genuss kommen, NO FOR AN ANSWER bei uns begrüßen zu dürfen. Eine solche Tour ist natürlich wieder einmal ein wunderbarer Vorwand mit solchen netten Zeitgenossen wie Dan O Mahony und Gavin Oglesby in verbalen Kontakt zu treten. Folgend das Protokoll dieses Ereignisses, welches am Abend des Konzertes in der Schreinerei zu Schweinfurt stattfand.
Wie immer: Stellt euch erst einmal vor.
Gavin: Ich bin Gavin, spiele Gitarre bei NFAA und TRIGGERMAN. Darüber hinaus bin ich Künstler. Ich male mit Ölfarben, mache aber auch Plattencover. In Kürze läuft meine zweite Ausstellung.
Kannst du davon leben?
Gavin: Ja und nein. Das läuft gerade erst alles an. Bisher war ich auf der Uni und habe nebenher gejobbt.
Dan: Okay, ich heiße Dan. Ich singe bei NFAA und in einer Bay-Area Band namens BOTH HANDS BROKEN, die es aber erst seit ein paar Monaten gibt, also hatten wir noch keine Gigs. Daneben habe ich meine eigene kleine Firma, welche früher WORKSHED Rec. hieß, jetzt heißt sie BADMEN Merchandising (keine Ahnung ob Bad, Bat, oder Bed... - d.T.) und ich mache jetzt auch nur noch meinen eigenen Kram, meine eigenen Platten. Im April kommt mein erstes Buch raus. Das wird so eine Sammlung von Texten, welche sich mit sehr persönlichen Sachen auseinander setzen. Dann vertreibe ich auch PRO-CHOICE Literatur und T-Shirts, so gut es gerade geht. Komischerweise verkauft sich dieses Zeug nur in einem Wahljahr wirklich gut.
Warum seid ihr gerade jetzt auf Tour? NFAA gibt es ja schon etwas länger.
Dan: Tja, warum NFAA 1994? Nun, wir fingen an mit CARRY NATION 1985. Nach einigen personellen Veränderungen hatten wir NFAA als Ableger von CARRY NATION und NFAA klappte halt sehr gut und startete durch, konzertmäßig und so.
Also gab es zuerst CARRY NATION und dann erst NFAA?
Dan: Genau, NFAA gab es dann gut zwei Jahre, in denen alles hingehauen hat. Wir hatten allerdings eine Menge Veränderungen im Line-Up, und da haben Gavin und ich irgendwann beschlossen, dass das so nicht weitergehen kann. Also fingen wir wieder mit CARRY NATION an, was uns auch wieder sehr viel Spaß gemacht hat, aber der Bassist war ziemlich verrückt... Nach einiger Zeit fingen wir dann mit unseren eigenen Bands an, nahmen auch andere Einflüsse in unsere Musik auf, welche wir eigentlich schon im Kopf hatten seitdem wir Kinder waren, nur haben wir sie vorher zurückgehalten, weil es sich mit den früheren Bands nicht vereinbaren ließ. Insofern hat es Spaß gemacht einfach das zu spielen, worauf man Bock hat. Zuerst wollten wir das nur so nebenbei machen, als Ausgleich sozusagen, weil wir dachten, dass das keiner hören will und NFAA sollte als Hauptband weiter im Mittelpunkt stehen. Allerdings lief es dann genau andersrum: NFAA rückten in den Hintergrund und wir machten andere Sachen. Warum NFAA und nicht CARRY NATION? Nun ich denke für Gavin und mich ist das eh das Gleiche. Das überschneidet sich auch bei den Songs.
Ich habe gehört, dass ihr nicht als NFAA in den Staaten touren würdet. Wo ist der Unterschied?
Dan: Nun, das sind die Umstände. In den Staaten sind wir schon zweimal getourt, und da habe ich jetzt erstmal keinen Bock mehr drauf.
Gavin: NFAA sollten schon 1989 nach Europa kommen, als unsere LP rauskam, nur war das damals noch nicht so gut möglich. Wir hätten eine Menge Geld verloren. Dann hatte ich auch noch schulische Probleme, und das hatte dann erst mal Vorrang. Auch wenn NFAA ein Ding aus unserer Vergangenheit ist, stehen wir natürlich noch dazu. Es ist eine schöne Erinnerung, so wie an die erste Freundin, welche wahrscheinlich auch nicht die Liebe deines Lebens ist, aber du vergisst sie trotzdem nicht, denn sie war die erste.
Dan: Es wäre auch Unsinn, abzustreiten, dass die Tour nicht mit dem finanziell lukrativen Angebot von MAD zusammenhängt, denn das ist schon ein Teil der Motivation für uns. Es ist sehr einfach: 1988, als ich die NFAASongs geschrieben habe, lebte ich auf Kosten meiner Mutter. 1994 lebe ich von dem, was ich selber verdiene. Nun könnte ich natürlich auch für ein sexistisch und rassistisches Arschloch in einem Plattenladen arbeiten, wo man von mir verlangt, Schwarze rauszuschmeißen, weil sie angeblich die Rap-CDs klauen. Ich habe also die Alternative, mich zu prostituieren oder ich kann die Sachen singen, an die ich seit eh und je glaube und mache damit sogar noch mehr Geld. Jeder, der jetzt versucht, mir mit irgendeiner HC-Ethik eins reinzuwürgen, ist ein verrückter Idiot, denn dies ist der beste Ort für mich: praktisch, emotional und psychologisch.
Nun liegt eure Hochphase mit NFAA ja auch schon einige Jahre zurück. Inwiefern hat sich die Szene für euch verändert?
Dan: Nun, was ich zu erst feststellen musste als ich nach Europa kam: Wenn du 1989 nicht mehr in deinem Heimatland findest, suche es woanders. Das ist alles sehr, sehr ähnlich hier, verglichen mit dem, wie es vor einigen Jahren bei uns war. In Bezug auf die Musik, was die Kids interessiert. worüber sie mit dir reden wollen usw. Diese ganze SE-Sache mit Fäusten in der Luft und mitgröhlen und so, das ist sehr 89-mäßig.
Ja, aber wie findet ihr das persönlich? Gibt es da nicht langsam große Altersunterschiede zwischen Publikum und Band?
Gavin: Ja, da ist definitiv eine große Lücke. Ich finde es auch schwer mit TRIGGERMAN vor einem Publikum zu spielen, welches fast schon 10 Jahre jünger ist als du selbst. Die sehen die Dinge anders als wir, was natürlich auch normal ist, eben weil sie jünger sind.
Dan: Ich finde, man sollte auch darüber nachdenken, dass wir diese Musik hier spielen, welche uns früher geholfen hat, mit dem was um uns herum passierte, zu recht zu kommmen. Heute haben wir Bands wie TRIGGERMAN und BOTH HANDS BROKEN, welche sich mehr auf unsere persönliche Gegenwart beziehen. Ich fände es deprimierend, wenn wir mit beiden Bands das gleiche Publikum hätten. Heute Abend singe ich über Sachen, die mir vor langer Zeit passierten und die ich trotzdem noch sehr schätze. Und ich singe es vor Leuten, die diese Sachen jetzt erleben.
Aber kann es für die Leute die gleiche Sache sein? Immerhin liegen 6-7 Jahre dazwischen.
Dan: Was nur eine relativ kurze Zeit ist, gemessen an der fast 20 jährigen Geschichte des Punkrock.
Für heute Abend wurdet ihr ja als die Straight Edge-Legende der Westcoast angekündigt. Was haltet ihr davon?
Gavin: SE ist heutzutage nur noch eine Mode, es beinhaltet keine rebellischen Aspekte mehr, was mir persönlich allerdings nichts ausmacht. Ich denke über diese Dinge immer noch so wie damals, allerdings verwende ich den Terminus Straight Edge nicht mehr, weil ich nicht mit dem, was man heute darunter versteht, in einen Zusammenhang gebracht werden will. Ich verstehe unter SE-Bands immer noch so Sachen wie MINOR THREAT, weil das einfach die Originale waren. Die Bands heute sagen nur die Sachen, die vor ihnen schon eine Milliarde anderer Bands gesagt haben. Nun. das ist okay, denn ich glaube, dass die Message gut ist. allerdings finde ich auch, dass der Wert einer Botschaft mit seiner andauernden Wiederholung nicht gerade gesteigert wird. Auch scheint es oft keine freie Entscheidung mehr zu sein. Peer Pressure zwingt die Leute, sich anzupassen.
Dan: Es ist schon komisch, als wir angefangen haben wurden wir definitiv als sehr extreme Band eingestuft, mit geradezu fanatischen Tendenzen. Heute sieht man uns als eher mellow an.
Was heißt mellow? Ich dachte entweder straight oder halt nicht.
Dan: Nein, nein. Jeder sieht da die Dinge irgendwo anders. Es gibt nicht nur Menschen vom Typ A oder vom Typ B. Es gibt Menschen. Punkt.
Aber NFAA werden ja immer noch sehr stark mit dem puritanischem SE-Ideal in Verbindung gebracht.
Dan: Klar, das stimmt schon. Ich habe da auch keine Probleme mit, sofern es nach meiner SE Definition ist. Wenn SE allerdings so ein Schwarz-Weiß Ding geworden ist, will ich selber damit nichts mehr zu tun haben. Ich selber habe das Recht den Term so zu gebrauchen, wie ich ihn definiere, egal ob im Gespräch oder auf einem T-Shirt. Deshalb bin ich froh, dass es Interviews gibt, damit ich den Leuten klarmachen kann, was ich unter SE verstehe.
...und das wäre?
Dan: Erstmal eine grundsätzliche Ablehnung gegenüber chemischen Einflüssen auf deine Gedanken, nicht etwa den Glauben an eine bestimmte Band oder der Glauben, dass jemand, der ab und zu chemische Substanzen bewusst seinen Kopf beeinflussen lässt, ein schlechterer Mensch sei. Das ist totaler Scheiß, wenngleich auch die im Moment vorherrschende Meinung bezüglich SE.
Bewegt sich diese ganze Sache eh nicht immer nur im Kreis? Gestern „True till death", heute Seattle usw.?
Dan: Ja, das stimmt. Weißt du, was mir gerade wieder Sorgen macht? Es geht schon wieder von vorne los. Vor einiger Zeit war eigentlich nichts mehr von SE übrig und all die Kids, die in SE-Bands waren, versuchten sich plötzlich mehr mit einem SOUNDGARDEN-Sound und versuchten so eine schnelle Mark zu machen. Das hat natürlich nicht hingehauen. Deshalb sind viele Leute ausgestiegen oder starten einfach eine Renaissance der extremen SE-Werte mit Bands wie MOUTHPIECE oder dem ganzen Hardline-Kram. Es kommt also genau das Gleiche wieder hoch.
Hört das irgendwann mal auf oder dreht sich das endlos weiter?
Dan: Es wird dann aufhören, wenn es den Kids nicht mehr das Gefühl der Sicherheit geben wird, wenn etwas Größeres, Besseres daherkommt.
Gavin: Ich denke, im Moment ist das wohl am ehesten Marihuana. In Kalifornien ist das im Moment das große Ding mit Bands wie CYPRESS HILL. Es sieht so aus, als wird SE dadurch völlig ausradiert. Also folgt immer nur ein Trend dem anderen.
Dan: Ja natürlich. Das ist insbesondere im Punkrock so. Die meisten steigen irgendwann aus und heiraten und haben Jobs, so wie viele unserer Freunde von damals.
Wie seht ihr diese ganze Welle von Wiederveröffentlichungen von HC-Klassikern? NFAA sind davon ja auch direkt betroffen.
Gavin: Ich stehe dem Ganzen mit gemischten Gefühlen gegenüber. Was NFAA angeht, würde ich es vorziehen, wenn es diese CD nicht geben würde. Ich mag nicht wie sie aussieht und ich bin mir sicher, dass die Klangqualität auch nicht so gut ist, weil zum großen Teil nicht die Mastertapes verwendet wurden. Andererseits freue ich mich auch darüber, einfach weil meine Platten inzwischen alle ziemlich zerkratzt sind und deshalb ist eine CD natürlich sehr bequem.
Dan: Ich finde es auch okay, weil dadurch der Preis niedrig gehalten wird.
Viele tendieren heutzutage aber dazu, in erster Linie die Klassiker zu kaufen, weil die bekannt und bewährt sind. Die Lust auf etwas Neues nimmt ab.
Dan: Ich sag dir was: Es ist dann nicht gut für den gegenwärtigen HC, wenn dieser nicht interessant genug ist. Wenn sich die neuen Bands nur so anhören wie die alten, sind sie überflüssig. Sie müssen sich weiterentwickeln. Wenn sich die neuen Bands anders als die alten anhören würden wäre da auch keine Konkurrenz.
Ich denke aber, dass die Leute allgemein eher dazu tendieren, das Alte und Bewährte zu kaufen.
Gavin: Nun, ich kaufe mir auch lieber eine Jimi-Hendrix-CD als irgend eine Punkband, welche viele Hendrix-Einflüsse hat. Ich denke wenn die Musik gut ist, ist es nicht mehr so wichtig, wann eine Platte erschienen ist. Ich glaube auch nicht, dass das alles den neuen Bands schadet. Es gibt eine Menge altes Zeug, welches ich immer noch sehr liebe und welches ich gerne auf CD haben will, wie z.B. die NEGATIVE APPROACH-CD. Ich liebe diese Platte sehr, also kaufe ich die CD, höre sie mir ab und zu an, aber das ist nicht vergleichbar mit einer neuen Platte.
Dan: Ich glaube, die Vergangenheit ist eine gute Sache, so lange man sie als die Vergangenheit betrachtet, wenn wir heute Abend alte Sachen spielen, werde ich auch sagen, dass das alles schon Jahre zurückliegt. Hoffentlich ist es für euch genauso schön wie für mich.
Glaubst du, dass die Leute das hören wollen?
Dan: Hast du die Band schon gesehen?
Nein, heute ist das erste Mal.
Dan: Nun, ich rede eine ganze Menge zwischen den Songs, es sollte also keine Missverständnisse geben.
Wenn ich mir aber die Jungs anschaue, die unten schon warten...
Dan: Die sehen so aus wie wir, als wir so alt waren wie sie. Es gibt doch kein SE-Comeback in diesem Land, oder? War SE früher schon groß?
Ja, eigentlich schon, jedenfalls größer als heute, so scheint mir.
Gavin: Es liegt vielleicht daran, dass sie einfach noch nie die Möglichkeit hatten, uns zu sehen. Das ging mir früher auch oft so: Bands, die ich nie sehen konnte, nun aber die Möglichkeit dazu habe oder Bands, welche ich früher nie mochte, mir aber heute angucke, nur um zu sehen, was sie inzwischen so machen. Z.B. habe ich mir vor einem halben Jahr FEAR angeguckt. Nun, ich war nie ein großer Fan von FEAR, aber ich bin trotzdem hingegangen. Halb aus Neugier, halb aus der Erwartung, dass das ziemlich verrückt und spaßig sein würde. Also, was ich damit sagen will: Wenn die Leute nur aus Neugier hier sind, habe ich damit kein Problem. Ich würde es vorziehen, wenn nicht alle völlig mit unseren Ideen übereinstimmen. Es ist viel besser, wenn jemand deine Message mitbekommt, der eben gerade nicht so denkt.
...sprach Gavin und machte sich auf den Weg, seiner Hauptaufgabe für diesen Abend nachzukommen, nämlich ein Konzert hinzulegen. Der Laden war zwar nicht all zu voll und die Stimmung etwas reserviert, dennoch war es schön, NFAA endlich einmal live zu erleben. Vor fünf Jahren wäre es nur noch schöner gewesen... Nach dem Konzert setzten wir das Interview fort:
Nun, wie hat es euch gefallen?
Dan: Oh, die Deutschen sind sehr nett, nur sind sie schlecht für deine Lungen.
Wegen dem Rauch?
Dan: Genau, es scheint mir als wäre es unmöglich die perfekte HC-Show zu haben. Entweder ist das Publikum scheiße und der Club gut oder umgekehrt. Nun, im heutigen Fall waren die Leute nett, aber die Luft war scheiße.
Heute Abend war es ja mal wieder so, dass gut 90 % der Anwesenden männlichen Geschlechts waren.
Dan: In den Staaten sieht das nicht mehr so schlecht aus. Früher waren mit Sicherheit 95% der Leute männlich. Heute dagegen nur noch so um die 60%. Und wenn eine Band wie TRIBE 8 spielt, sind die Männer ganz klar in der Unterzahl.
Was hat diese Veränderung bedingt?
Dan: Kulturen entwickeln sich. Sogar Subkulturen entwickeln sich. Frauen sind nicht ignorant oder minderwertig. Früher oder später zeigt sich das. Das ganze Rumprollen wird nachlassen, weil die Leute die Schnauze voll davon haben. Das Halten der Jacke deines Freundes ist out. Vielleicht ist es auch out, überhaupt einen Freund zu haben. Vielleicht ist es in, stattdessen eine Freundin zu haben. Ich weiß es nicht, aber auf jeden Fall verändern sich diese Zustände.
Gavin: Die Shows sind nicht mehr so gewalttätig wie früher. Die Gangs spielen nicht mehr eine so große Rolle. Vorher war es schon sehr gewalttätig. So 86-87 haben die Gangs von Long Beach die Shows im FENDERS ziemlich dominiert.
Dan: Damals haben wir dort zusammen mit MDC gespielt, das war so ca. '88. Da haben sie 2 Knarren am Eingang einkassiert. Die Gangbanger schmissen ihre Knarren über die Security zu ihren Freunden, so dass sie die Waffen im Club hatten.
Gavin: Was hast du gedacht, als du hörtest, dass wir kommen?
Ich war überrascht, weil ich nicht wusste, dass ihr immer noch zusammenspielt.
Dan: Nun, wir fragen dich das, weil eine Menge Leute enttäuscht zu sein scheinen, weil wir mit NFAA touren und nicht mit unseren neuen Bands. Aber mir ist egal, was die Leute sagen."
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #17 II 1994 und Wolfram Kähler