© by Michael FaschingWomöglich sind da draußen noch Menschen, die um UNCOMMONMENFROMMARS trauern. Die französischen Punks haben immerhin sieben Alben rausgebracht. Was vielleicht noch nicht alle lieben Ox-Leser*innen auf dem Schirm haben, ist die wunderbare Band NOT SCIENTISTS, die aus UNCOMMONMENFROMMARS und NO GUTS NO GLORY hervorging. Und das obwohl sie dieser Tage mit „Voices“ schon ihre fünfte, herrlich schillernde Platte herausgebracht haben. Bandmitglied Ed erzählte uns mehr.
Dies ist bereits euer fünftes Album als NOT SCIENTISTS, aber euer erstes Interview im Ox. Ihr seid ja aus UNCOMMONMENFROMMARS und NO GUTS NO GLORY hervorgegangen. Wie genau verlief die Geschichte?
Danke, dass wir unser erstes Interview im Ox geben dürfen! Als UNCOMMONMENFROMMARS 2013 aufhörten, wollten Jim und ich etwas Neues starten, das sich von allem unterschied, was wir zuvor gemacht hatten. Wir taten uns mit unserem Tourmanager Thibaut am Bass und Le Bazile, dem Schlagzeuger von NO GUTS NO GLORY, zusammen. Wir fingen sofort an, Songs zu schreiben und Konzerte zu buchen, und zwar so schnell, dass die Touren angekündigt wurden, bevor wir überhaupt einen Bandnamen oder genug Songs geschrieben hatten, um ein Konzert zu spielen. Irgendwann brauchten die Veranstalter einen Namen für die Plakate, also sagten wir einfach: NOT SCIENTISTS. Und der Name blieb hängen!
Euer neues Album heißt „Voices“. Erzählt mir mehr über die Stimmen, auf die ihr euch bezieht.
Es geht um den inneren Dialog, den wir alle führen, wenn wir uns sagen „Das ist eine schlechte Idee“ oder „Ich wünschte, ich hätte das anders gemacht“. Aber es geht auch um toxische Beziehungen, in denen die Stimme des anderen in deinem Kopf landet. Du beginnst, ihre Reaktionen zu antizipieren und dich im Voraus anzupassen, um Konflikte zu vermeiden. Das schafft eine Art gespaltene Realität, in der Spontaneität und Kreativität erstickt werden.
Das neue Album erinnert mich an JOYCE MANOR mit einem Hauch von EDITORS. Könnt ihr euch mit diesem Vergleich identifizieren?
Seit diese Band gegründet wurde, erkennt jeder etwas anderes in unserem Sound. Manchmal sind es Bands, die wir lieben, manchmal sind es Bands, die wir noch nie wirklich gehört haben, das gefällt mir eigentlich sehr gut. In unseren Anfangsjahren haben die Leute oft PIXIES, THE CURE oder sogar THE MARKED MEN erwähnt. Ich kenne JOYCE MANOR und EDITORS, habe mir aber noch nie richtig mit ihnen beschäftigt. Das werde ich jetzt dank dir nachholen.
Eure Texte handeln hauptsächlich von inneren Angelegenheiten. Warum konzentriert ihr euch darauf und nicht auf Politik?
Ich habe immer geglaubt, dass man über das schreiben sollte, was man kennt. Natürlich haben wir alle politische Meinungen, aber für mich fühlt es sich natürlicher an, über meine Emotionen zu schreiben. Manchmal werden die Texte etwas abstrakt, weil ich Gefühle mit kleinen Geschichten vermische und selbst nicht immer genau weiß, was ich eigentlich sagen will. Vielleicht sollte ich einen Psychologen dazu befragen.
Es ist das vierte Mal, dass ihr mit Santi García in den Ultramarinos Costa Brava Studios in Barcelona aufgenommen habt. Was ist das Besondere an dieser Zusammenarbeit, dass ihr dafür mehr als 600 Kilometer weit fahrt?
Wir haben uns im Juni 2016 kennengelernt, als er eines Abends in Spanien unseren Live-Sound gemacht hat, und er hat es einfach perfekt hinbekommen. Danach haben wir uns unterhalten, und er hat uns von seinem Studio erzählt. Wir haben uns sofort gut verstanden. Ein paar Wochen später haben wir einen Termin mit ihm vereinbart, um 2018 unser zweites Album „Golden Staples“ aufzunehmen. Diese Entscheidung war für uns sehr wichtig. Santi hat uns sehr dabei geholfen, unsere Ideen zu unserem eigenen Sound zu entwickeln.
Das Musikvideo zu „Endgame“ vermittelt viele 1980er-Vibes, die auch in eurer Musik präsent sind. Was reizt euch an den 1980ern?
Diese Jahre waren voller Experimente. Sicher, einige Stilmittel sind zu Klischees geworden, weil sie überstrapaziert wurden, aber damals gab es so viele mutige Texturen und Innovationen. Wir lieben es, darin zu stöbern. Auch visuell, die Art, wie sie sich die Zukunft mit Computern und Robotern vorstellten, mit TV-Figuren wie Max Headroom, Bands wie DEVO ... Es war alles so schräg, aber cool und hatte eine Bedeutung. Diese Mischung aus Kitsch und Futurismus ist eine große Inspiration für uns.
Ihr seid viel auf Tour und habt schon an vielen Orten gespielt. Könnt ihr mir euren bisherigen Lieblingsort verraten?
Frankreich ist natürlich unsere Heimat, aber die Aufnahmen mit Santi García in Katalonien haben uns wirklich mit der spanischen und baskischen Szene verbunden, diese Gegenden fühlen sich für uns jetzt besonders an. Auch Deutschland ist fast zu einer zweiten Heimat geworden. Dort sind wir nach Frankreich am häufigsten auf Tour gewesen, und jede Tournee fühlt sich größer und besser an als die letzte. Außerdem haben wir mit Kidnap und Rookie Records im Rücken dort etwas Starkes aufgebaut. Wenn ich mich also entscheiden müsste, würde ich Deutschland sagen.
Wie seid ihr mit den deutschen Punk-Labels Kidnap und Rookie in Kontakt gekommen?
Um 2017 herum hat uns jemand live gesehen und fand, dass ich wie Alex von PASCOW aussehe. Er hat ihm ein Foto geschickt und gesagt, dass die Band großartig und der Sänger ihm wie aus dem Gesicht geschnitten sei! Ich glaube, dadurch sind wir auf ihrem Radar gelandet. Als wir später unsere Platte verschickt haben, hat Kidnap positiv reagiert. Seitdem haben Kidnap und Rookie alle unsere Alben veröffentlicht. Sie sind unglaubliche Partner und es hat sich eine langfristige Zusammenarbeit entwickelt.
Was sind die größten Unterschiede zwischen der französischen und der deutschen Punk-Szene?
Nun, zunächst einmal sind die Biergläser in Deutschland definitiv größer! Außerdem bieten viele deutsche Veranstaltungsorte Schlafplätze für Bands an, was auf Tour fantastisch ist. In Frankreich hatte Rockmusik kulturell immer einen schwierigeren Stand, so dass ausländische Bands selbst bei größeren Auftritten manchmal weniger Publikum haben. Aber wir hatten das Glück, uns über die Jahre eine solide Fangemeinde aufzubauen. Und in Deutschland fühlt sich jede Tour wie ein Schritt nach vorne an, so dass wir uns immer darauf freuen wiederzukommen.
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