© by BandViel weiß ich nicht über die Streetpunk-Szene in der Türkei, aber OFISBOYZ aus Istanbul sind immerhin schon seit 2003 unterwegs. Ich befragte Bassist Ziya zum neuen Album „XX“, das auf dem Berliner Label Smith & Miller Records erschienen ist, aber auch zur politischen Situation in der Türkei.
Ziya, eure Platte startet mit einem türkischsprachigen Dialog. Worüber tauschen sich die beiden Herren aus und wer sind sie?
Das Stück heißt „Kagni kamyonu yener“, oder auf Englisch „Oxcart will win against truck“. Der Ochsenkarren ist ein traditionelles anatolisches Transportmittel. Das ist ein Ausschnitt aus einer türkischen Fernsehserie und wir hören den französischen Delegierten Franklin-Bouillon und den türkischen Minister für Nationale Streitkräfte, Yusuf Kemal Bey. Sie reden über den türkischen Unabhängigkeitskrieg und der Franzose sagt: Ein Ochsenkarren hat keine Chance gegen einen modernen Truck! Mit dem Ochsenkarren meint er die Rückständigkeit und die Armut des türkischen Volkes nach dem Ersten Weltkrieg und der Truck steht für die Überlegenheit und Stärke der imperialistischen Mächte, also Frankreich, England, Italien, Griechenland etc. Kurz gesagt, es soll bedeuten, dass das türkische Volk den Krieg nicht gewinnen kann. Aber am Ende setzten sich Atatürk und das türkische Volk durch und gründeten die türkische Republik. Wir beziehen uns also auf die Geschichte, um daraus die Hoffnung abzuleiten, dass auch die größten Schwierigkeiten letztlich überwunden werden können. Das ist unsere Botschaft.
Euer Bürgermeister Imamoglu wurde bekanntlich festgenommen. Wie habt ihr das erlebt, seid ihr deswegen auch auf die Straße gegangen?
Darüber könnte ich Romane schreiben. Leider wurden unter der AKP-Diktatur von Erdogan nicht nur Imamoglu, sondern Tausende von Studenten, Akademikern, Politikern, Journalisten oder Musikern inhaftiert. Sobald du dich gegen die Regierung stellst, giltst du als eine potenzielle Bedrohung. Und weil Imamoglu als Präsident kandidieren wollte, wurde er grundlos ins Gefängnis gesteckt. Auch die Spitzen der Kurdischen und der Nationalistischen Partei sitzen hinter Gittern. So kann Erdogan weiterhin im Amt bleiben. Und die EU und die USA unterstützen ihn sogar noch. Deshalb ist er noch aggressiver geworden. Und ja, wir sind immer noch auf der Straße. Überall gibt es große Proteste, jeden Tag. Wir versuchen, weiterhin Widerstand zu organisieren, und werden niemals aufgeben. Wie schon Bert Brecht sagte: Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.
Istanbul ist eine wirklich spannende Stadt. Was sind eure Wohlfühloasen, wie sieht es mit den Kosten aus, wie ist allgemein das Lebensgefühl?
Ja, es ist eine aufregende, schöne, historische, aber chaotische Stadt. Die besten Zeiten hat Istanbul jedoch hinter sich, denke ich. Fast 20 Millionen Menschen leben hier plus Touristen und Flüchtlinge. Es gibt also zu viele Menschen, zu viel Beton, zu viele Probleme. Aber es ist unsere Heimatstadt und wir empfinden dafür eine Art Hassliebe. Was die Lebenshaltungskosten betrifft, wird es von Tag zu Tag schlimmer. Die Mieten sind absurd hoch und es kann sich auch keiner leisten, ein Haus zu kaufen. Die Inflation galoppiert davon ... Aber eigentlich haben gegenwärtig ja alle Großstädte die gleichen Probleme. Wir leben im europäischen Teil von Istanbul und hängen meistens in der Taksim-Zone ab. Die asiatische Seite ist mittlerweile jedoch attraktiver für junge Leute und auch die meisten Konzerte finden dort statt.
Allzu viel habe ich von türkischem Oi! bisher nicht mitbekommen. Es gibt euch, THE AYILAR und ...?
Eigentlich haben wir jede Menge cooler Punk-, Hardcore-, Ska- und Oi!-Bands in der Türkei. OFISBOYZ und THE AYILAR sind die ältesten Skinhead-Bands, die immer noch aktiv sind und sich so weit verändert haben, um auch im Ausland gehört werden zu können. Ich würde sagen, dass wir eine kleine, aber feine Szene in Istanbul haben, du wirst überrascht sein, wenn du mal herkommst! In Sachen Oi! kann ich CEBREN empfehlen. Und ihr könnt gerne diese türkischen Punk- und Hardcore-Bands mal abchecken: DIE IN VAIN, REASON WHY, RADICAL NOISE oder ROTTING SYSTEM.
Nun seid ihr auf einem Berliner Label und auch ich lebe hier seit meiner Geburt. Erhofft ihr euch angesichts von rund 200.000 türkischstämmigen Einwohnern ein neues Publikum? Oder ist Streetpunk doch eher ein Nischenprodukt?
Normalerweise haben wir eine DIY-Mentalität und veröffentlichen unsere Musik nur online. Aber mit „XX“ feiern wir unser 20-jähriges Bestehen, also habe ich nach einem Label gesucht und glücklicherweise hat Mirko von Smith & Miller Records zugesagt. Wir sind sehr dankbar für seine Unterstützung, sein Vertrauen und seine Bemühungen, das zu ermöglichen. Es wäre natürlich toll für uns, mehr Leute in Europa zu erreichen. Berlin ist eine schöne Stadt, wir hatten 2008 bereits die Gelegenheit, dort zu spielen. Und ich selbst bin jedes Jahr einmal in Berlin. Man nennt es schließlich Küçük Istanbul, also Klein-Istanbul. Es gibt viele türkischstämmige Punks und Skins in Deutschland, außerdem sind in letzter Zeit besonders viele junge Leute nach Berlin gezogen, die könnten unsere Zielgruppe sein. Aber ich nehme nicht an, dass allzu viele Türken sich für uns interessieren, vor allem die Älteren nicht. Darum geht es also nicht.
Es gab ja 1980 den berühmten Song „Kebabträume“ von DAF. Kennst du den? Das wäre doch eine Idee, dieses Lied auf Türkisch zu covern?
Ich habe leider noch nie von dem Lied gehört. Von Zeit zu Zeit entdecke ich türkische Inhalte in den Liedern deutscher Bands. OHL haben ein Stück über türkische Menschen, glaube ich.
Ja, da haben OHL das erwähnte DAF-Stück gecovert.
Dann kenne ich das wohl doch. Aber mein absoluter Favorit ist der türkische Teil von „Pillemann, Fotze, Arsch“ von DIE LOKALMATADORE, den ich am liebsten mal covern möchte.
Apropos türkisch, worum geht es im Song „Düsman“?
Vor einigen Jahren ereignete sich in Soma, das ist im ägäischen Teil der Türkei, ein schweres Grubenunglück, bei dem 301 Menschen starben. Und als Erdogan den Ort besuchte, gab es Proteste, dabei wurden einige Demonstranten von Regierungsbeamten verprügelt. Das hat mich so wütend gemacht, dass ich daraus ein Lied machen wollte. Es handelt sich um ein Gedicht von Nazim Hikmet, einem berühmten kommunistischen Dichter. Es heißt „Düsman“, das bedeutet „Feind“ auf Türkisch, und ist ein flammendes Plädoyer gegen Tyrannei, Ignoranz und Unterdrückung, voller Wut und unerschütterlicher Hoffnung. Denn dies sind die Feinde der Hoffnung, der Natur und des Volkes. Das Land gehört dem Volk, sie sind also die wahren Feinde des Landes! Ich empfehle dringend, Nazim Hikmet zu lesen.
Zuerst stieß ich im Netz auf einen älteren Song von euch, nämlich „Kara kartal“, der schwer an PÖBEL & GESOCKS und ihren „Ballermann Rock’n’Roll“ erinnert. Ein Cover?
Ja, genau, das ist eine Coverversion von PÖBEL & GESOCKS. „Kara kartal“ bedeutet „Schwarzer Adler“, das ist das Symbol des Fußballclubs Besiktas Istanbul. Als wir die Version von PÖBEL & GESOCKS hörten, haben wir uns sofort verliebt und beschlossen, das Stück für unser erstes Album aufzunehmen.
Früher hatten die klassischen Oi!-Bands immer nur einen Gitarristen, ihr habt zwei. Benötigt ihr die für die Hardcore-Elemente in eurem Sound, etwa bei „Army of action“?
Eigentlich waren wir immer mit zwei Gitarren unterwegs. Wir machen keinen typischen Oi!, wir wollten unsere Musik immer schneller und aggressiver haben. Es ist besser, mit zwei Gitarristen zu spielen, wenn man Oi! und Hardcore kombiniert. Je mehr Gitarren, desto besser!
Zum Schluss: Sind Gigs in Deutschland geplant?
Wir waren bereits 2008 und 2009 Mal in Deutschland. Und wir haben auch wieder einige Angebote erhalten, aber leider ist es heutzutage fast unmöglich für uns, ein Visum für Deutschland zu bekommen. Du musst fünf oder sechs Monate warten, bis du einen Termin bei der Deutschen Botschaft hast, und dann weißt du immer noch nicht, ob es klappt. Und glaube mir, sie behandeln uns sowohl bei der Visum-Erteilung als auch am Flughafen oder bei den Zollkontrollen wie Scheiße. Es wird von mal zu mal nerviger! Aber ich glaube, wir werden bald etwas arrangieren können. Höchstwahrscheinlich wird es dann eine Mini-Tour sein. Dranbleiben!
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Markus Franz
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