
23 Jahre schon sind die Punks um Frontmann Rod Usher im Zeichen des Horrors unterwegs. Jedes Album wurde begeistert aufgenommen, mit „Haunted“ von 2020 und dem aktuellen gelangten sie sogar zu Charts-Ehren. In den letzten fünf Jahren wurde es aus bekannten Gründen zwangsläufig ruhiger um die Band und es gab einige Änderungen, nicht nur bei der Besetzung. Jetzt erschiem das neue Album „Alienated“ – Zeit für ein Gespräch mit Rod, der Ende Oktober parallel auch Gast des Ox-Podcasts war (Folge 127).
Nach fünf Jahren geht es wieder in die Vollen. Wie fühlt sich das an?
Es gab tatsächlich Momente, da hätte ich nicht gedacht, dass wir überhaupt mal noch ein Album machen. Diese ganze Corona-Zeit war wirklich schwierig. Wir hatten das letzte Album 2020 noch vor Corona im Kasten. Im Februar/März ging der Mist ja dann los und im Juni, also mitten im kompletten Lockdown, ist „Haunted“ dann erschienen. Wir konnten da auch nichts mehr wirklich machen. Die Platte kam aber trotzdem sehr gut an und hat letztlich sogar dazu geführt, dass wir erstmals in den Charts gelandet sind. Klar, die Leute hatten ja nichts anderes zu tun und haben daher ihre Zeit intensiver der Musik gewidmet. Es wurden wieder deutlich mehr Platten gehört und demzufolge natürlich auch gekauft. Das hat uns einfach in die Hände gespielt. Das und die Tatsache, dass „Haunted“ einfach so ein sensationelles Album ist, hahaha. Wir haben zwar noch ein paar Sachen gemacht, unter anderem ein Hörspiel, aber dann kam leider der ganz große Bruch, einfach weil wir uns als Band gar nicht mehr gesehen haben. Wir haben nicht geprobt, es gab keine Motivation, neue Songs zu schreiben, und es entwickelte sich eine gewisse Distanz. Daraus resultierend sind auch Bandmitglieder ausgestiegen, weil die Familiengründung Vorrang hatte. Als irgendwann sogar unser Drummer seine Sachen gepackt hat, neben mir der letzte aus der Urbesetzung, stand ich plötzlich ganz alleine da. Im Nachhinein betrachtet hatte das aber auch etwas Gutes, denn zum einen sind mit Tom, Jay und Drummer Jag Leute, dazugekommen, die richtig mit Feuer dabei sind und einfach Bock auf Punkrock haben. Zum anderen ist mit Andy Only ja sogar unser erster Basser wieder mit dabei.
Seine Rückkehr dürfte einige überraschen ...
Für uns kam es nicht ganz so überraschend, letztlich hatte sich das schon länger angedeutet. Andy ist ja damals ausgestiegen, weil sich sein privates Umfeld in eine Richtung entwickelte, die sich nicht so gut mit den Ambitionen der Band vertrug. Stichwort: Familienplanung. So richtig weg war er aber nie, auf Konzerten ließ er sich immer gerne blicken und kam auch hier und da mal mit auf die Bühne, um bei einem Song mitzuspielen. Das hat sich ein paar Jahre hingezogen, bis es irgendwann passierte, dass unser Bassist eine Show nicht spielen konnte und wir Andy gefragt haben, ob er einspringen kann. Zwar ist es am Ende doch nicht dazu gekommen, weil unser Basser schließlich doch Zeit hatte, aber dadurch hat Andy wohl wieder Blut geleckt. Dass er nun wieder dabei ist, freut mich umso mehr, als ich dadurch immerhin nicht mehr das einzige verbliebene Ur-Mitglied bin. Ich bin sehr froh über diese Entwicklung, auch weil sich mit der Besetzung, wie wir sie jetzt haben, endlich wieder ein klarer Weg aufzeigt.
Ein Weg, der auch beim Sound für Neuerungen gesorgt hat. Der Metal-Crunch wurde wieder etwas zurückgefahren.
Na ja, Tom und Jay sind wirklich veritable Metal-Gitarristen, aber für die beiden spielt es keine große Rolle, sich an der Gitarre tierisch einen abzuzwirbeln, Hauptsache, der Song hat richtig Eier. Es muss alles immer songdienlich sein und da reichen auch einfach mal drei geschrammelte Akkorde. Wichtig ist, dass alles von Herzen kommt. Wir wollen einfach wieder direkter sein – einfach Powerchords. Wir spielen nun Punkrock mit einer düsteren Goth-Stimmung. Das ist auch so’n bisschen das Leitmotiv des Albums: Goth-Punk.
Passt ja auch super, denn dass ihr zu einem großen Teil die Goth-Szene ansprecht, ist kein Geheimnis.
Ja, die Goth-Szene war eigentlich sogar die erste, die uns so richtig mit offenen Armen empfangen hat. Unsere allererste Show überhaupt war im Zwischenfall in Bochum, also dem Gothic-Tempel schlechthin damals. In der Folge sind wir auch auf einem Goth-Festival gelandet, wo ich mir kurz gedacht habe: Wir passen hier doch eigentlich gar nicht hin ...? Auch wenn ich natürlich schon sehr gerne SISTERS OF MERCY und Co. gehört habe, war ich der Meinung, dass wir für dieses Publikum doch deutlich zu punkig unterwegs sind. Aber das lief so dermaßen geil, dass ich zwischendurch dachte, dass ich am liebsten nur noch bei solchen Veranstaltungen spielen möchte. Wenn man es genau betrachtet, hat sich vieles aus der Goth-Ecke ja auch aus dem Punk entwickelt, von daher ist es ja auch wieder gar nicht so abwegig, dass wir in dieser Szene Fuß fassen konnten.
Das neue Album hast du etwas Punkrock-untypisch mit den beiden Gitarristen am Rechner geschrieben. Gab es da auch den einen oder anderen Aha-Moment, positiv oder negativ, als ihr das Material später im Proberaum umgesetzt habt?
Da triffst du exakt den richtigen Punkt, denn genauso war es. Allerdings haben wir die Songs nicht ein einziges Mal zusammen im Proberaum gespielt, bevor wir ins Studio gegangen sind. Dort ergab sich zum einen die Schwierigkeit, die ganzen gesammelten Ideen stimmig zusammenzufügen, und zum anderen stellte sich im Anschluss an die Aufnahmen die Frage, wie wir das jetzt alles genau live umsetzen wollen. Ich weiß im Nachhinein nicht, ob es nicht doch besser gewesen wäre, das Material vor dem Studio mal im Proberaum durchzugehen. Wir haben viele Ideen noch mal hinterfragt, viele weitere erst im Studio richtig ausgearbeitet. Das wäre vielleicht nicht nötig gewesen, hätten wir die klassische Herangehensweise gewählt und alles vorher auf Herz und Nieren getestet. Dennoch muss ich sagen, dass diese Art des Arbeitens auch Vorteile hatte, denn wir hatten dadurch schon sehr gut klingende Demos, konnten sie immer direkt gegenhören und Dinge über Bord werfen, die doch zu viel gewesen wären. Auch weil wir nur zu dritt waren, sind die Songs nicht so überfrachtet mit Ideen. Das ist anders, wenn du mit der kompletten Band im Proberaum stehst. Der Fokus lag auf Punkrock und das ist uns gut gelungen, denke ich.
Der wiedergekehrte Punkrock-Vibe war also von Anfang so geplant?
Ja, definitiv. Die Musik sollte wieder mehr nach vorne gehen und dadurch auch wieder eine gewisse Leichtigkeit haben. Das war die Absicht und wurde vorher auch so kommuniziert. Klar gibt es hier und da mal Momente, die ein wenig aus dem Rahmen fallen, aber im Wesentlichen haben wir unser Ziel erreicht.
Den Raum für ganz große Refrains gab es aber trotzdem.
Ja, das liegt natürlich auch an unserem musikalischen Background. Die größten Refrains wurden ja schon immer von Bands wie DEF LEPPARD, KISS, TWISTED SISTER oder MÖTLEY CRÜE geschrieben. Alles Bands, die wir lieben und die sowieso ihre Spuren im THE OTHER-Sound hinterlassen haben, was sich jetzt auch in den Refrains widerspiegelt. Das geht so weit, dass ich manchmal eine Melodie ins Handy singe und im Nachhinein denke, dass man das nicht nehmen kann, weil es mir irgendwie doch zu bekannt vorkommt.
Nach Waldemar Sorychta als Produzent war die Entscheidung für Tim Schulte, der bisher mit Bands wie MASSENDEFEKT und ROGERS zusammengearbeitet hat, auch eher überraschend.
Tim ist der Nachbar unseres Drummers und dadurch hat sich das irgendwie ergeben. Er hatte Tim vorgeschlagen und nachdem ich mal in die MASSENDEFEKT-Sachen reingehört hatte, habe ich festgestellt, dass das doch richtig gute Arbeit ist und unfassbar gut klingt. Wir haben also in sehr guter Zusammenarbeit die Platte aufgenommen, aber als es ans Mixen ging, ist Tim für ein Jahr nach Kanada gegangen. Da kam Arne Neurand ins Spiel, der uns von unserem Booker empfohlen wurde und von dem ich wusste, dass er auch schon ZSK und RANTANPLAN gemixt hat. Das war im Nachhinein eine glückliche Fügung.
Was sich hoffentlich nun fortsetzt.
Na ja, wir haben bisher überwiegend positive Kritiken bekommen und laufen mit „I give you the creeps“ sogar im Radio. Dadurch haben uns Leute entdeckt, die uns bisher gar nicht auf dem Schirm hatten. Man kann sagen, dass wir schon jetzt mehr erreicht haben, als wir uns überhaupt erhofft hatten. Wir wollen Horrorpunk wieder mehr in den Fokus der Leute rücken, was wir alte Hasen auch irgendwie als eine Art Lehrauftrag betrachten. Zu viele junge und gute Bands fliegen schließlich noch komplett unter dem Radar der Hörer und Hörerinnen.
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