OXXON

Foto© by Marcus Geiger

Rock’n’Roll ist kein Lehnstuhl

Eine Band zu interviewen, über die man eigentlich wenig weiß, außer dass sie musikalisch wahnsinnig gut ist, kann heikel sein. Einerseits ist da die Chance, einer bisher im Punk-Kosmos fast übersehenen Band zu mehr Reichweite zu verhelfen, andererseits besteht auch immer das Risiko, aufgrund von Unkenntnis in ein Fettnäpfchen zu treten. Doch bei den Stuttgartern OXXON stelle ich mich der Aufgabe gerne. Nicht zuletzt weil Sänger und Gitarrist Ralf Lisson ein sehr freundlicher Mann ist und zudem als Bandgründer genau der Richtige für die Fragen.

Um mal etwas Werbung in eigener Sache zu machen: ihr wart schon dreimal auf unserer CD-Compilation vertreten. Das dürfte sich in Sachen Bekanntheit gut gemacht haben, oder?

Für mich sind Sampler erst mal eine großartige Sache, weil sie Einblick in das aktuelle Musikgeschehen einer Szene oder auch einer Region vermitteln. Sie sind wie ein Schnappschuss eines Teils der Musiklandschaft. Ich selber habe auf der Ox-Compilation schon tolle Bands entdeckt, wie zum Beispiel DOVER aus Madrid. Für uns als Band ist es immer toll, auf einem Sampler dabei zu sein. Man erreicht da einfach Leute, die außerhalb der eigenen Blase sind. Wir merken im Social-Media-Bereich, dass die Seiten danach öfter aufgerufen werden. Auch wenn es nicht so ist, dass die folgenden Konzerte plötzlich ausverkauft sind und die Leute einem die Tür einrennen, so ist es doch so, dass wir von den Leuten auf den Samplerbeitrag angesprochen werden.

„Pull my trigger“ ist ein Lied auf eurer aktuellen CD „... And Don’t Forget To Rock’n’Roll“. Es enthält die aufschlussreiche Aussage, du möchtest nicht auf den Erlöser warten, denn dein Gott spielt Gitarre. Wer oder was ist Gott für dich?
Da muss ich zunächst darauf hinweisen, dass weder Musik noch Text meiner Feder entsprangen. Den Song hat Giovanni Nicoletta 1995 für seine damalige Band CRIMERY geschrieben. Gott ist meiner Meinung nach etwas, woran wir glauben. Etwas, das uns Halt und Orientierung gibt. Das kann und darf bei jedem etwas anderes sein. Ich für meinen Teil bin froh und dankbar, Punk für mich entdeckt zu haben und in einer Punkrock-Band zu spielen. Musik gibt mir sehr viel. Songs schreiben, sie in einen Proberaum zu schleppen, auf die Bühne zu bringen, sie aufzunehmen und zu veröffentlichen, ist sehr wichtig für mich. Ich kann mir manchmal gar nicht vorstellen, wie man ein sinnvolles Leben ohne Gitarren und Musik führen kann. Aber das darf man natürlich.

Dazu passt ja auch eine Zeile aus dem Opener „My way“ – „Vielleicht liege ich richtig, vielleicht liege ich falsch“, heißt es da sinngemäß. Ist das ein wichtiger Aspekt der Gegenwart, dass es immer schwieriger wird, überhaupt noch zu unterscheiden, was richtig und falsch ist?
Ja, das ist definitiv so. Unsere Welt wird immer komplexer. Und immer öfter kommen da natürlich diese Typen mit den einfachen Lösungen und Antworten um die Ecke. Das ist schon erschreckend, und da gibt es für mich dann ganz klare Deutungen von richtig und falsch. Im Song „My way“ geht es um persönliche Entscheidungen und das Echo, das man darauf von seinen Mitmenschen bekommt. Besonders wenn man sich anders entscheidet, als die meisten es tun würden. Da bekommt man schon oft ganz schön Gegenwind. Alternative Ansätze sind auch immer eine Kritik am Mainstream. Es geht oft darum, was richtig oder falsch für einen selbst ist. Deshalb braucht man immer mehr Mut und Kraft, etwas zu entscheiden. Sich für oder gegen etwas zu entscheiden, ist Bestandteil eines selbstbestimmten und eigenverantwortlichen Lebens. Man muss permanent Dinge entscheiden, ohne zu wissen, wo sie einen wirklich hinführen. Oft lässt sich das bestenfalls erahnen. Aber es ist auch so, dass Dinge, die man nicht selbst für sich entscheidet, früher oder später andere für einen entscheiden.

Der Sound ist heavy, dein Gesang punkig. Sehe ich mir aber Bassist Brösel und Gitarrist Sascha an mit ihren „Matten“ ahne ich, was da alles an musikalischem Background vorhanden ist. Bei welchen Combos liegt die größte Schnittmenge?
Wir teilen alle eine Vorliebe für gute Songs, die einen begeistern und mitnehmen. Dabei sind wir genremäßig nicht festgelegt. Das fängt bei einer Schwäche für französische Chansons an und geht bis zur Begeisterung für das gesamte Lebenswerk des Herrn Kilmister. Zu den Bands, bei denen uns allen das Herz aufgeht, gehören natürlich MOTÖRHEAD, SOCIAL DISTORTION, DANKO JONES, FOO FIGHTERS, BACKYARD BABIES oder Sonny Vincent.

Auf eurer Band-Website habt ihr vier Reviews verschiedener Hefte abgedruckt. Alle schwärmen geradezu von eurer Leistung. Ist das für euch pure Genugtuung oder doch eher etwas bittersüß im Sinne von: „Verdammt, warum sind wir dann immer noch nicht berühmt?“
Über die durchweg sehr positiven Resonanzen auf „... And Don’t Forget To Rock’n’Roll!“ freuen wir uns natürlich sehr. Es ist für uns nach wie vor ein sehr besonderer Moment, eine Platte zu veröffentlichen. Das zaubert einem ein Lächeln ins Gesicht und macht einen stolz. Und nein, da ist keinerlei Verbitterung. Wir sind jetzt seit 29 Jahren unterwegs, und wir haben uns nie aufgelöst, immer Konzerte gespielt, und unsere Sachen selber rausgebracht. Und klar gibt es Bands, die mehr erreicht haben. Für uns ist es aber wichtiger, dass wir immer noch dabei sind. Das ist für uns nicht selbstverständlich. Wir haben viele Bands kommen und gehen sehen. Ich finde es immer sehr schlimm, wenn mir ein befreundeter Musiker die Auflösung seiner Band mitteilt. Das Sterben einer Band ist jedes Mal schrecklich.

Stichwort Live-Gigs: Inzwischen wird es auch hier immer komplexer. Wie sind eure Erfahrungen in jüngster Zeit? Der Nachwuchs fehlt offensichtlich und alles rennt nur auf die „großen Konzerte“. Stimmt das und wie begegnet ihr dem?
Ich beobachte durchaus junge Leute auf Konzerten. Und das bei den Besuchern, Veranstaltern und Bands. Punk spricht Leute an, die sich nicht als Bestandteil des gesellschaftlichen Gefüges sehen und die etwas verändern wollen. Und die wird es, hoffentlich, immer geben. Punk ist die einzige Jugendbewegung, die die Jugend immer angesprochen hat und deren Gefühle dem Establishment gegenüber zum Ausdruck bringen konnte. Das war so und wird wohl auch so bleiben. Wir haben immer neben dem mit uns alternden Publikum auch eine Handvoll Kids auf unseren Konzerten, die da durchaus Spaß haben. Das freut uns natürlich sehr. Ich habe nichts gegen große Konzerte von bekannten Bands. Ein großes Rockkonzert ist eine tolle Sache! Aus meiner Sicht sind es die großen Bands, die die Kinderzimmer erobern, dort für Musikbegeisterung sorgen und die Kids abholen.

Ihr seid alte Hasen, was vermisst ihr an früheren Zeiten?
Nein, ich vermisse keinerlei alte Zeiten. Es war vieles anders, aber vieles ist auch gleich geblieben. Das Booking war früher schon zäh und aufwändig. Man hat telefoniert. Eine Art Superwaffe war dabei die Adressensammlung „Buch dein eigenes beficktes Leben“. Das war eine Sammlung von Läden in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit Adressen, Telefonnummern sowie einer kurzen Beurteilung von Bands, die da schon mal gespielt haben. Heute läuft alles irgendwie online. Man ist viel schneller, haut mehr Bewerbungen raus, dafür bekommen die Clubs zum Teil 200 Mails pro Woche, die sie nur noch im Block löschen können. Im Ergebnis kämpft man nach wie vor um Auftritte und braucht ein dickes Fell. Das Bewerben von Konzerten und der Kontakt zu den Fans sind durch Social Media natürlich traumhaft einfach geworden. Auch die Verbreitung der Musik ist viel leichter geworden. Ob es noch Punkrock ist, wenn man sein DIY-Produkt über diverse Streamingdienste vertreibt, die an einem dann Geld verdienen, ist für mich schon sehr fraglich. Nutzen muss man es als Band inzwischen trotzdem, weil man sonst zu viele Leute nicht mehr erreicht. Das Bespielen der Social-Media-Kanäle ist bekanntermaßen sehr zeitaufwändig. Da liegen Fluch und Segen nah beieinander. Aber Rock’n’Roll ist halt kein Lehnstuhl.

DIY steht ja für Eigenständigkeit und völlige Unabhängigkeit, oft auch mit etwas Koketterie. Ihr habt ja nun wirklich alles selber gemacht. Doch gehört euer fantastisches neues Werk nicht endlich von einem Label auf Vinyl rausgebracht?
Für uns galt immer: „Punkrock ist, wenn man es selber macht.“ Das ist aber auch nicht in Zement gegossen. Eine Veröffentlichung von „... And Don’t Forget To Rock’n’Roll!“ auf Vinyl ist von uns natürlich angedacht. Aufgrund der aktuellen Preislage bei den Presswerken haben wir das zunächst verschoben. An einer guten Zusammenarbeit mit einem Label sind wir aber natürlich interessiert.

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