© by Christian KitzIn Teil 12 unserer kleinen Serie beschäftigen wir uns mit Vinyl-Enthusiasten aus Bayern, genauer gesagt aus Karlstadt im Landkreis Main-Spessart. Dort hat eine Gruppe von Freunden aus dem Umfeld des örtlichen Umsonst & Draußen Festivals den Verein „33eindrittel“ gegründet und Mitte Oktober einen Plattenladen namens Plattentruhe eröffnet. Sie haben die Räume einer ehemaligen Parfümerie angemietet und dort einen neuen Treffpunkt für Vinyl-Liebhaber eingerichtet. Alles rein ehrenamtlich, aus purem Enthusiasmus. Geöffnet ist der neue Plattenladen in der Alten Bahnhofstraße 14 immer samstags und für vorher angekündigte Events wie Konzerte oder Musiktalks. Janik Havla und Jakob Schreiber aus dem Betreiber-Team berichten uns, wie es zu dem ehrenamtlichen Plattenladen gekommen ist.
Bitte erzählt uns, wie, wo, wann und warum es zur Gründung eurer Organisation kam.
Janik: Das Ganze hat sich eigentlich aus unserem Freundeskreis heraus entwickelt. Wir haben irgendwann mal angefangen, einen Plattenstammtisch zu veranstalten. Wir haben uns bei uns zu Hause getroffen, jeder hat eine Scheibe mitgebracht, ein bisschen was dazu erzählt und wir haben einfach zusammen Musik gehört und darüber diskutiert. Anfang des Jahres kam die Idee auf, so etwas wie einen Plattenladen zu etablieren. Zunächst war das ein eher vager Plan, der von uns immer wieder verworfen und als „nette Spinnerei“ abgetan wurde. Doch die Idee ließ uns nicht los und im Frühjahr 2024 haben wir uns schließlich zusammengesetzt, um ernsthaft zu überlegen, wie wir das Konzept realistisch umsetzen könnten.
Jakob: Uns war eigentlich von Beginn an klar, dass das in einer Kleinstadt wie Karlstadt nur ehrenamtlich funktionieren kann. Es wurde dann immer konkreter und wir haben mit einigem Hickhack und viel Geduld den Trägerverein „33eindrittel“ gegründet. Bis die Formalitäten gepasst haben, hat es schon ganz schön gedauert. Parallel dazu haben wir Räumlichkeiten gesucht und sind schlussendlich in einer ehemaligen Parfümerie in der Altstadt gelandet. Es hat also am Anfang noch ein bisschen nach Chanel und nicht nach Vinyl gerochen. Im Mai sind wir eingezogen und haben uns nach und nach eingerichtet, ein Plattensortiment aufgebaut und auf die Eröffnung vorbereitet. Bis es aber schließlich soweit war und der Verein final eingetragen war, hat es noch mal fast sechs Monate gedauert. Im Oktober konnten wir endlich eröffnen.
Wer waren damals die Ideengeber:innen und „Köpfe“, wer ist es heute?
Jakob: Im Grunde ist das immer noch dieselbe Gruppe, die von Anfang an dabei war. Aber wir haben mittlerweile auch ein paar neue Mitstreiter gewonnen, die richtig Bock haben und sich einbringen. Nur so funktioniert die ganze Sache überhaupt.
Was ist die Geschichte zu eurem Namen?
Jakob: Die Plattentruhe gab’s früher schon mal hier in Karlstadt. Für viele war das der Ort, wo sie ihre erste Platte, Kassette oder CD gekauft haben. Wir dachten, das passt perfekt, lokaler Bezug und gleich Nostalgie im Gepäck. Lustigerweise haben wir sogar wieder einige Schallplatten mit den Original-Preisetiketten von damals im Regal stehen. Ach, und unser Trägerverein heißt „33eindrittel“ weil, ihr wisst schon ...
Welche Ziele habt ihr euch gesetzt? Was wollt ihr erreichen?
Janik: Wir wollen einen Ort schaffen, der ein bisschen wie ein großes Wohnzimmer für Musikfans ist. Klar, im Mittelpunkt steht das Vinyl, aber es geht auch darum, Kultur und Austausch in unserer kleinen Stadt zu fördern und eine Anlaufstelle für alle sein, die Interesse am Medium Vinyl haben. Dafür sind unsere Plattenstammtische jetzt öffentlich und unseren nächsten Events sind auch schon in der Pipeline. 2025 soll es auch das eine oder andere Konzert geben.
Jakob: Außerdem ist es uns ein Anliegen, nicht nur die großen Namen und Plattenfirmen im Regal stehen zu haben, sondern auch kleinere und unbekanntere Labels und Bands zu supporten, die uns einfach gut gefallen. Denn schließlich gibt’s gerade hier noch sehr viel zu entdecken und sie waren es, die das Medium Vinyl am Leben gehalten haben, als andere es abgeschrieben hatten. Wenn wir es so schaffen, die Plattentruhe langfristig am Laufen zu halten und wir unsere Kosten gedeckt bekommen, sind wir happy.
Welche wichtigen Aktionen und Erfolge gab es in der jüngeren Vergangenheit?
Jakob: Unsere Vereinsgründung war ein großer Schritt, auch weil der rechtliche Weg nicht gerade einfach war. Das Vereins- und Steuerrecht ist nicht unbedingt auf ehrenamtlich betriebene Plattenläden ohne Gewinnerzielungsabsicht ausgelegt, aber es hat am Ende doch irgendwie geklappt. Dann war natürlich die Eröffnung unseres Ladens ein echtes Highlight, nach all der Planung und den vielen Stunden, die wir in die Vorbereitung gesteckt haben. Und die Resonanz, die wir bisher bekommen, ist durchweg positiv. Unsere Öffnungstage laufen richtig gut und es macht einfach Spaß zu sehen, wie viele Leute unser Konzept schätzen und unterstützen.
Mit welchen Risiken ist euer Engagement verbunden?
Janik: Das finanzielle Risiko liegt natürlich bei uns und wir stecken gerade in erster Linie unsere eigene Kohle in den Laden. Wir haben Fixkosten und Schallplatten sind auch nicht gerade günstig. Aber bisher klappt es gut. Wir konnten schon ein bisschen von unseren Investitionen zurückholen und die ersten Mietkosten bezahlen. Und wir haben den Anspruch, Platten zu fairen Preisen anzubieten. Das ist vor allem möglich, weil wir damit kein Geld verdienen.
Jakob: Bis auf einige Diskussionen darüber, warum wir unsere Schallplatten nicht nach den Nachnamen der jeweiligen Interpreten sortiert haben oder warum Interpret A nicht im Genre B zu finden ist, sind bislang alle nett zu uns.
Wie viele ehrenamtliche und hauptberufliche Mitarbeitende habt ihr?
Janik: Etwa zehn Leute, die aktiv mitmachen, je nachdem wer gerade Zeit hat. Hauptberuflich macht das aber niemand. Wir verdienen unseren Lebensunterhalt in unseren Jobs. Die Plattentruhe ist für uns Herzensprojekt und Hobby.
Wo ist der Sitz oder die Zentrale eurer Organisation?
Jakob: Mitten in der Altstadt von Karlstadt, Unterfranken. Schön am Main, irgendwo zwischen Würzburg und Aschaffenburg.
Wie viele Mitglieder beziehungsweise Unterstützer:innen habt ihr? Beschreibt doch mal die „typischen“ Unterstützer:innen.
Jakob: Den größten Support haben wir von Beginn an von unseren Vermietern bekommen. Die waren uns und der Idee gegenüber vom Start weg sehr aufgeschlossen, sind uns bei allem entgegengekommen und haben uns geholfen, wo es ging. Zur Eröffnung selbst konnten wir dann direkt über 30 Vereinsmitglieder gewinnen, was uns sehr freut und für eine Kleinstadt echt gut ist. Und wir erfahren einen breiten und ausschließlich positiven Zuspruch seitens der Öffentlichkeit. Die Leute finden es gut, was wir machen, und dass wir ein bisschen frischen Wind ins Stadtleben gebracht haben. Tendenziell werden hier Läden eher zu- als aufgemacht.
Janik: Spannend finde ich dabei auch, dass es den typischen Kunden gar nicht gibt. Das Publikum ist komplett durchmischt: von Schülern, die selbst noch gar keinen Plattenspieler besitzen, über HiFi-Enthusiasten und Sammler bis hin zu denen, die sich freuen, dass man auch den Pumuckl bei uns auf Scheibe bekommt. Die Menschen interessieren sich für Vinyl aus den unterschiedlichsten Beweggründen und das quer durch alle Altersschichten hindurch.
Was könnt ihr leisten, was eine andere Organisation nicht kann?
Jakob: DIY-Kultur! Wir packen Dinge an, weil wir sie gut finden und glauben, dass wir selbst Verantwortung für uns und unser Umfeld übernehmen müssen, um es zu gestalten und zu verändern. Sonst macht es ja keiner und nur jammern hilft auch nichts. Ohne ehrenamtliche Initiativen läuft gerade im kulturellen Bereich wenig bis nichts. Diese Überzeugung eint uns alle, glaube ich. Deshalb sind wir sind auch außerhalb dieses Projekts irgendwo aktiv und engagieren uns, sei es im Fußballverein, in der Lokalpolitik oder bei unserem Umsonst & Draußen Festival. Und ganz ehrlich: Wir haben dabei meistens auch ziemlich viel Spaß.
In welchen Ländern/Regionen seid ihr aktiv?
Jakob: Mit der Plattentruhe sind wir natürlich an Karlstadt gebunden. Aber durch unseren Discogs-Shop verschicken wir Platten in die ganze Welt. Gerade wenn es um seltenere Pressungen oder speziellere Releases geht, ist die Nachfrage eigentlich weltweit vorhanden.
Welche konkrete Arbeit leistet eure Organisation? Also was genau macht ihr? Und mit wem arbeitet ihr dabei zusammen?
Jakob: Wir betreiben die Plattentruhe, einen ehrenamtlichen Plattenladen, der mehr als nur ein Ort für den puren Konsum sein soll. Es soll ein Treffpunkt für alle sein und werden, die Bock auf Musik haben. Bei uns gibt’s nicht nur neue und gebrauchte Schallplatten, sondern auch Stammtische, Events, echte Gespräche und das gute alte Miteinander, das kriegst du im Netz nun mal nicht. Dabei bekommen wir Unterstützung von Labels, Bands und Privatpersonen.
Janik: Dem Gedanken folgt auch Logik, dass man längst nicht alle unsere Platten im Internet kaufen kann. Viele Platten und einige „Schmankerl“ gibt es nur exklusiv im Laden und man muss sie sich schon im Laden abholen oder dort entdecken. So wird es einfach noch ein bisschen persönlicher und man hat den direkten Kontakt zueinander.
Wofür verwendet ihr das Geld, das euch gespendet wird? Und habt ihr so was wie ein Spendensiegel oder wie wird gewährleistet, dass mit den Spenden satzungsgemäß umgegangen wird?
Jakob: Wir erhalten keine direkten Geldspenden und wollen eigentlich auch keine. Aber die eine oder anderen Sachspende in Form von Schallplatten hat es schon gegeben, von Privatpersonen oder von Bands direkt. Darüber freuen wir uns tatsächlich am meisten.
Wie kann man euch unterstützen? Nur mit einer Spende oder auch mit aktiver Mitarbeit?
Jakob: Kommt vorbei, kauft eine Platte bei uns und verbringt ein bisschen Zeit mit uns im Laden. Das ist der einfachste Weg, uns zu supporten. Wer dann Lust hat, uns darüber hinaus zu unterstützen, kann unserem Trägerverein „33eindrittel e.V.“ beitreten und uns so finanziell durch seinen Mitgliedsbeitrag unterstützen oder eben auch selbst aktiv werden.
Janik: Wir freuen uns immer über neue Gesichter, die Lust haben, sich mit einzubringen, und unser Team könnte auch ein bisschen mehr Diversität vertragen. Außerdem helfen uns natürlich die erwähnten Plattenspenden. Und auch der direkte Support von Bands und Labels hilft sehr weiter. Sei es, weil sie uns Schallplatten als Kommissionsware zur Verfügung stellen, spenden oder wir vergünstigt bei ihnen einkaufen können.
Habt ihr prominente Fürsprecher:innen aus dem Musik- und Kulturbereich? Wer ist das, und warum passen die zu euch?
Jakob: Nicht dass ich wüsste. Aber wenn es da draußen jemanden gibt, der das übernehmen möchte, der darf sich gerne melden oder das auch einfach tun.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #178 Februar/März 2025 und Wolfram Hanke