© by Timo Knorr / Agentur FocusIn dieser Artikelreihe stellen wir Menschen aus der Punk- und Hardcore-Szene vor, die sich im weitesten Sinne grafisch betätigen und Poster, Flyer und Cover gestalten. Diesmal sprachen wir mit Liz Pietreck aus Hamburg.
Bitte stell dich vor.
Ich bin Liz, 33, wohne in Hamburg und mache Illustration, Comics und Grafik. Zum Punk gekommen bin ich durch DIE TOTEN HOSEN, aber die große Liebe kam dann mit THE CLASH. Da war ich so 14 oder 15 und habe mir alle CDs aus der Stadtbibliothek gebrannt, die irgendwie nach wütender Musik aussahen. Und klar, fand ich die Punks, die in Schwerin in der Innenstadt rumgammelten, unheimlich cool. Dann kam irgendwann Oi!, aber auch Düsterpunk. LOIKAEMIE und EA80. Das beschreibt meinen Geschmack auch heute noch ganz gut.
Gibt es außer Grafik noch andere Szeneaktivitäten?
Früher Konzertgruppe, das mache ich heute nicht mehr wirklich. Ich bin noch lose Teil in einem Siebdruckkollektiv und nehme mir jedes Jahr vor, endlich mal ein Zine zu machen.
Seit wann betätigst du dich künstlerisch, wie fing das an, wie ging es weiter?
Ich kann mich nicht an eine Zeit erinnern, wo ich nicht gezeichnet habe. Meine Mama hat mich zum Zeichnen gebracht und mein Papa zum Lesen von Comics. Da war es nur logisch, auch Comics zu machen. Vor etwa zehn Jahren wurde ich Teil einer Konzertgruppe in Hamburg und gestaltete Plakate dafür. Weil sie gebraucht wurden und weil ich sehr viel Spaß dabei hatte. Dann wollte jemand ein Shirt für seine Band. Dann kamen Black Cat Tapes und brauchten Cover für ihre Kassetten. So kam eins zum anderen und heute bin ich selbständig.
Wie arbeitest du? Klassisch mit Papier und Farbe, oder digital am Rechner?
50/50. Für Aufträge arbeite ich fast nur noch digital, weil es bequemer ist. Daneben habe ich aber immer ein Skizzenbuch dabei, in dem ich analog Raum zum Krakeln, Spielen, Studieren, Notieren habe. Dort findet sehr viel Vorarbeit statt.
Bist du Autodidaktin oder kannst du auf eine klassische künstlerische Ausbildung verweisen?
Illustration habe ich mir autodidaktisch beigebracht, das hat sich einfach aus dem Comiczeichnen ergeben. Und der Rest: Ich habe nach der Schule statt zu studieren lieber eine Ausbildung zur Grafikerin und dann noch mal eine zur Siebdruckerin gemacht. Dadurch habe ich lange in Druckereien gearbeitet. Ich glaube, deswegen habe ich auch eher die Herangehensweise einer Handwerkerin als einer Künstlerin.
Hast du Vorbilder, welche Stile beeinflussen dich?
Ganz klar Jamie Hewlett, der auch „Tank Girl“ und die GORILLAZ gemacht hat. Gipi, ein italienischer Comiczeichner und toller Erzähler. „Ghost in the Shell“ und „Akira“, großartige Animes. Momentan auch sehr Werbeillustrationen der 1960er Jahre, die auf starke Linien setzen.
Wie siehst du den Einfluss von KI auf den Bereich der kreativen Illustration?
Ah, ein Reizthema. Wenn wir über generative KI reden, sehe ich daran nichts von Wert. Nicht nur für die Illustration, sondern auch für die Musik und Kunst im Allgemeinen. Sie dient nur als Werkzeug, um noch mehr Content zu generieren, mit dem wir uns gegenseitig zuscheißen können. Und Social-Media-Konzerne werden reicher und reicher. Auf Kosten von tausenden von Artists, deren Arbeit die Basis der Trainingsdatensätze für die KI bildet, ohne dass sie gefragt wurden oder finanziell entschädigt. Wenn ein KI-generiertes Bild gut ist, dann nur weil die menschliche Arbeit, auf der es basiert, gut war. In unserer Szene sind jetzt immer mehr generierte Flyer und auch schon Albumcover zu sehen, das finde ich schon wild. Aber ich denke mal, Leute, die KI-Artworks benutzen, haben auch die Musik generiert, das würde ich sowieso nicht hören wollen. Und was so kurzlebige Sachen wie (digitale) Flyer angeht: Ich würd tausendmal eher auf eine Veranstaltung gehen, wo jemand den in Microsoft Paint selbst zusammengebastelt hat. DIY und Gegenkultur.
Gibt es deine Kunst zu kaufen? Und was muss man dafür ausgeben?
Aktuell habe ich immer mal Plakate von Demos oder Veranstaltungen da, die angefallen sind. Da kann man mich gern anschreiben. Für die Zukunft plane ich aber tatsächlich einen kleinen Shop, da wird’s neben Stickern und Prints für kleines Geld wahrscheinlich auch Siebdrucke oder Shirts geben.
Arbeitest du völlig frei oder auch im Auftrag? Etwa für Bands oder Konzertveranstalter?
Beides. Wann immer ich die Zeit finde, zeichne ich frei. Aber mein Brot verdiene ich mit Plattencovern, Merch, Postern und so weiter für Bands, Musiklabels und politische Vereine.
Was ist mit Ausstellungen?
Wer meine Arbeiten für eine Ausstellung haben möchte, kann sich gern melden, aber ich habe aktuell nix geplant.
Was gibt dir deine Kunst emotional?
Wenn ich mit einem Bild fertig werde, bin ich der glücklichste Mensch der Welt. Es ist ein gutes Gefühl, etwas zu schaffen. Und auch, sich abzumühen. Wenn ich beim Zeichnen nicht dreimal das Bedürfnis hatte, alles hinzuwerfen und meinen Schreibtisch anzuzünden, ist der Stolz hinterher nur halb so groß. Davon abgesehen ist es eine Ausdrucksmöglichkeit. Jeder Mensch braucht eine, und das ist meine.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #181 August/September 2025 und Joachim Hiller