PUNK-TRADITIONEN - TEIL 39

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Tragbare Radio-MusiCassetten-Kombigeräte

Mit dem Titel habe ich versucht, den diskriminatorischen Begriff „Ghetto Blaster“ zu paraphrasieren. Jener welcher gehörte aber einst zu jeder Horde Punks dazu, die irgendwo im Innenstadtbereich lagerten oder per Bahn auf dem Weg zu einem Konzert waren.

„Ghetto Blaster“ wurde längst schon durch den neutralen Begriff Boombox ersetzt, wer ihn weiterhin verwendet, setzt sich dem Verdacht aus, das mindestens so unreflektiert zu tun wie beim N- oder Z-Wort. Erfunden wurde das tragbare Musicassettenabspielgerät schon Mitte der 1960er von Philips, die Punks der späten 1970er wuchsen vielfach und in Ermangelung von beziehungsweise als Ersatz für eine teure Stereoanlage mit so einem potenziell tragbaren Radio-MC-Kombigerät auf – Mono war billig, Stereo musste schon sein, Doppeltapedeck war Luxus. Damit konnte man Musik aus dem Radio aufnehmen, Mixtapes erstellen – und duplizieren! Und ... man konnte das heilige Teil mitnehmen. Plötzlich konnte Musik überall sein, batteriebetrieben in die Öffentlichkeit getragen werden. In den USA erfreute sich die Boombox – ein Begriff, der in den 1970ern und 1980ern von niemandem in Deutschland verwendet wurde – in der aufblühenden Rap/HipHop-Szene wachsender Beliebtheit, daher(?) das abwertende „G-Wort“.Jenseits der lästigen Punks, die in Fußgängerzonen und Unterführungen lagerten und lungerten und dabei von krachigen Tapes kommende übersteuerte Deutschpunk-Parolen den verschreckten Passant:innen ins Gesicht blasteten, geriet die anfangs noch recht teure Gerätschaft bald schon ins Hintertreffen gegenüber dem Walkman. Wenn man so will, nahm hier die handybedingte Vereinsamung ihren Lauf: Musik über Kopfhörer, nicht mehr in der Gemeinschaft – Soziologen, bitte übernehmen! Aber die Boombox war nicht tot: die 1990er, Billigware aus China, die CD, Techno – es boomte überall! Und die Punks „boomten“ mit. Chaostage-Klassenfahrten, mit Wochenendticket auf Konzerte und Festivals, als Ersatz fürs defekte Autoradio: die Dinger waren dabei.Und dann gefühlt irgendwann weg. Bis ... zum Schrecken aller Spielplatzanwohner und Parknachbarn mit Minimalanforderungen an eine ungestörte Nachtruhe der Siegeszug der Bluetooth-Boombox begann. Zehn Stunden Akkulaufzeit. Fette Bässe. Mehr Watt als früher die Stereoanlage. Das ballert! Nur hört die Jugend heute eben seltenst Deutschpunk, was der genervte „Boomer“ (Ha!) vielleicht noch ertragen würde, sondern eben Deutsch-Rap. Die Zeiten ändern sich, das Bedürfnis, andere in der Öffentlichkeit mit seiner Musik zu beschallen, bleibt.

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