RATSALAD.

Foto© by Scott Treffone

Schlechte Tattoos und schiefe Bäume

Schon wieder eine neue, geniale Band aus Australien? Richtig. Schon wieder Melbourne? Falsch. Geraldton, Western Australia! Jaz, Ken und Erica erklären, wie es ist, die einzige Punkband im Umkreis zu sein, wieso die halbe Stadt RATSALAD.-Tattoos trägt und warum ein kleiner Punkt im Namen den großen Unterschied macht.

Ist es wirklich klug, sich als junge Band RATSALAD. zu nennen? Wahrscheinlich denken viele erst einmal an BLACK SABBATH.

Jaz: Nein, das war wirklich nicht klug. Wir haben die Band aus Spaß gegründet und dachten nicht, dass wir viel mehr machen würden, als bei Hauspartys zu spielen. Wir dachten nicht an die Dutzenden anderer RATSALAD.-Bands oder dass die Leute denken würden, wir wären ein Sabbath-Ableger. Wir spielten ein paar Hausshows und verteilten haufenweise schlechte RATSALAD.-Tattoos an unsere Kumpels. Dann kam Corona und große Bands mussten ihre Auslandstourneen absagen und tourten nur durch Australien. Wir waren so ziemlich die einzige Band in unserer Stadt, so dass wir einen Haufen großartiger Support-Slots bekamen. Danach gab es viele Angebote für Auftritte in Perth und uns wurde klar, dass wir eine richtige Band gründen sollten. Wir überlegten, unseren Namen zu ändern, aber leider hatten wir schon die halbe Stadt mit RATSALAD. tätowiert. Also blieb der Name bestehen, aber in Großbuchstaben und zusammengeschrieben.

Deshalb auch der Punkt hinter dem Namen?
Ken: Ja, ich bin in Panik geraten. Ich schwöre, bevor uns Jaz auf einer Post-Jam-Party „Rat Salad“ tätowierte, habe ich nachgesehen, ob es noch andere Bands dieses Namens gibt, und ich konnte keine finden. Aber als ich unseren ersten Song auf eine Streaming-Plattform hochlud, sah ich, dass es eine alte RAT SALAD-Band aus den USA gibt, die ihren gesamten Backkatalog dort eingestellt hat.

Wie habt ihr euch als Band gefunden und was macht ihr sonst so?
Jaz: Ich bin Landwirtin. Ken ist mein Mann, und als er seine alte Band verlassen hat, fragte ich ihn, ob er mit mir eine neue gründen wolle, und er sagte: „Klar, wenn du ein Instrument lernst.“ Also lernte ich schnell ein wenig Bass. Eines Tages traf ich Erica in der Kneipe und erfuhr, dass sie Schlagzeug spielt. Jetzt sind wir die besten Freunde.
Erica: Ich bin gelernte Schreinerin und liebe das Surfen. Jaz und Ken sind sehr witzige und talentierte Menschen und haben mich bei diesem Spinner-Trio aufgenommen.
Ken: Ich stamme aus einer Bauernfamilie in Geraldton. Meine älteren Brüder spielten früher Gitarre in Punkbands und ich fand das verdammt cool. Ich wurde vor die Wahl gestellt, die Schule abzubrechen und auf der Farm zu arbeiten oder in die Stadt zu ziehen und zu studieren. Ich wollte in Bands spielen, also entschied ich mich für die Uni. Ich belegte Buchhaltung, weil das ganz oben auf der Liste der zur Auswahl stehenden Kurse stand. Ich fand mich in einer Punkband wieder, während ich versuchte, als Buchhalter zu arbeiten. Buchhaltung ist super scheiße, also habe ich das aufgegeben und bin jetzt Getreidehändler. Meine erste Erinnerung an Erica ist, dass sie bei einem Gig meiner alten Band, bei dem wir quasi kein Publikum hatten, einen Ein-Frau-Moshpit vor der Bühne hinlegte.

Ihr kommt aus Geraldton ganz im Westen von Australien. Wie ist es dort so? Gibt eine Szene oder „nur“ großartige Natur und tolle Strände?
Jaz: In den letzten Jahren ist die Musikszene hier richtig aufgeblüht, Corona hat dabei sehr geholfen. Weil wir so isoliert sind, gab es hier keine Lockdowns, also kamen viele große Bands in die Stadt und das erinnerte die Leute daran, wie großartig Live-Musik ist. Eine Band in der Region Western Australia zu sein, ist eine ziemliche Herausforderung, da man nicht jedes Wochenende im selben Pub in der Stadt auftreten kann, also muss man jedes zweite Wochenende mehr als 800 km hin und zurück fahren, um in Perth zu spielen.
Ken: Die Szene ist klein, aber sie ist auch sehr herzlich. Und ja, die Natur und die Strände hier sind einfach unglaublich.

Euer Debütalbum „Bent Trees & Swanny Deez“ kam im März 2024 raus. Wie waren die Reaktionen in Australien und gab es welche aus der alten Welt?
Ken: Das Feedback auf unser Album war super positiv! Ein Typ drüben in Queensland hat fünf Exemplare unserer Platte bestellt, weil er sicherstellen wollte, dass alle seine Freunde eine bekommen. Ein Kerl aus Deutschland hat zwei Exemplare der Platte gekauft. Ich sehe das Debütalbum als eine Art Reisepass für die Band, ein Grund, durch unser Land und im Ausland zu touren.

Was hat es mit dem Titel auf sich? Vor allem wer oder was ist Swanny Deez?
Jaz: Der Titel ist eine Anspielung auf Western Australia, denn das macht einen großen Teil unserer Identität als Band aus. Dort, wo wir leben, ist es verdammt schön, aber wahrscheinlich ist es der windigste Ort der südlichen Hemisphäre, und der konstante Südwind führt dazu, dass sich viele Bäume biegen und horizontal wachsen, daher die „bent trees“. Swanny Deez ist ein liebevoller Spitzname für eines unserer lokalen Biere namens Swan Draught, das in den Pubs im ganzen Bundesstaat Kult ist.

Im ersten Track beschreibt ihr eure Hassliebe zu Bienen. Für Leute mit Anaphylaxie weniger lustig, als es zunächst erscheinen mag.
Jaz: Ich habe dieses Lied für meine Tochter geschrieben. Als sie vier war, hatte sie eine anaphylaktische Reaktion auf einen Bienenstich und es war verdammt schrecklich. In den letzten Jahren hat sie monatliche Spritzen bekommen, um sich zu desensibilisieren, und sie ist verdammt zäh. Sie liebt Bienen über alles und ich auch. Sie sind so wichtig, und diese süßen, unschuldigen kleinen Kerlchen sind hier überall. Aber es war eine augenöffnende Erfahrung und ich hatte zum ersten Mal Angst vor Bienen.

In meiner Heimatstadt sieht man in letzter Zeit immer mehr religiöse Botschaften auf den Straßen. Rücken solche Leute euch auch immer mehr auf die Pelle oder was hat es mit „Scooter Chicken Treat Jesus“ auf sich?
Ken: Wir waren alle drei nach einem Jam im Pub und ein Freund meinte, wir sollten einen Song über die E-Scooter schreiben, die es jetzt überall in der Stadt auszuleihen gibt. Viele der konservativen Oldies hier hassen sie. Wir dagegen finden sie super praktisch, um herumzukommen, vor allem wenn die Kneipen geschlossen sind und man zu betrunken ist, um heimzufahren. Ein anderer Freund meinte, wir sollten einen Song über den örtlichen Fastfood-Laden Chicken Treat schreiben. Ich wollte schon seit einer Weile, dass RATSALAD. einen Anti-Religions-Song haben, weil ich altmodische Ansichten zu Themen wie Abtreibung scheiße finde, außerdem hasse ich es, dass viele unserer Politiker so Jesus-verliebt sind. Also beschloss Jaz, alle drei Themen miteinander zu verbinden, und ich denke, es ist eine lustige Art, den verkrusteten Konservativen „Fuck you“ zu sagen.

Ich musste beim Hören der Platte oftmals schmunzeln, weil ihr eigentlich sehr harmlose, fast schon poetische Textzeilen so richtig angepisst singt: „You make me feel like a butterfly up in the sky / You make me feel like I’m little again“.
Jaz: Keiner von uns meint, singen zu können, also beschlossen wir, einfach unser Bestes beim Schreien zu geben. Dieses spezielle Lied wurde von meiner anderen Tochter verfasst, als sie etwa vier Jahre alt war und uns beim Schreiben von Songs beobachtet hatte. Wir dachten, es wäre witzig, diesen heftigen, wütenden Song mit einem wirklich süßen, unschuldigen Text zu haben.

Eure Texte haben alle einen persönlichen Touch. Manche sind lebensbejahend, andere drücken eine gewisse Verletzlichkeit aus. Was fehlt, ist ein politischer Song, oder?
Jaz: Unser Stück „Gravy“ ist ein subtiler Kommentar auf die Gier der australischen Regierung, die unsere natürlichen Ressourcen komplett an ausländische Milliardäre verschenkt, die keine Steuern zahlen, unsere Umwelt ruinieren, heilige Stätten und Lebensräume zerstören und ein ausgeplündertes Ödland hinterlassen. Ich würde gerne einen politischen Song schreiben, es gibt viele Dinge in der Welt, die uns am Herzen liegen. Ich habe schon ein paar angefangen, die ich nie zu Ende gebracht habe, ich sollte es wahrscheinlich einfach tun.

Wie geht es nun weiter bei euch? Haben wir die Chance, euch bald mal in Europa zu sehen?
Erica: Wir wollen spätesten im Sommer 2025 zu euch kommen. Außerdem spielen wir Anfang Dezember auf dem Loud Women Fest in Melbourne. Wir haben ein paar neue Tracks, die wir wahrscheinlich bald veröffentlichen werden!
Ken: Wir haben das Angebot bekommen, im April auf einem Festival in Großbritannien aufzutreten. Wir wissen noch nicht, ob wir es annehmen können, aber wenn, dann werden wir auf jeden Fall so viel wie möglich in Europa spielen.

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