
Die RYKER'S aus Kassel sind sowas wie die „shooting stars" der deutschen HC-Landschaft. Als sie letzes Jahr mit der „Kickback"-7" ihre erste Platte veröffentlichten, war sie innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Touren mit SHEER TERROR, SICK OF IT ALL und PITTBULL machten die Nordhessen dann in kürzester Zeit bundesweit bekannt. Die RYKER'S waren mit ihrem moshigen Hardcore zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen, und ich höre schon wieder Leute „NYHC-Klonen" schreien. So ging 's mir anfangs auch, aber Christian Luft, der Bassist der RYKER'S, zerstreute meine Bedenken schnell.
Die ganze Story, bitte.
Gegründet haben wir die RYKER'S Ende '92, aber wir spielten alle schon vorher in irgendwelchen Bands - HOLY MOSES, TOYS BIZARRE, ROTTEN und ein paar andere mehr.
HOL Y MOSES - war das nicht eine recht klischeehafte Metalband?
Das ist ne Metalcombo, stimmt, und die gibt's auch noch, aber das tut nichts zur Sache. Jedenfalls kannten wir uns alle schon vor den RYKER'S und hatten teilweise in anderen Kasseler Bands zusammengespielt. Tja, dann gründeten wir die RYKER'S - und zwar einzig aus dem Grund, weil wir Lust hatten, zusammen Musik zu machen - und zwar genau die Musik, die wir heute spielen. Wir sind also im Gegensatz zu manch anderen Bands nicht das Ergebnis eines Kompromisses aus verschiedenen musikalischen Vorstellungen.
Und wann kam dann der erste Auftritt?
Das war Anfang 1993 mit SLAPSHOT und für uns ein voller Erfolg. Davon konnten wir vorher ja auch nicht ausgehen , denn damals war das „Ami-Syndrom " noch schlimmer als heute. Die Leute feierten nur noch die US-Bands ab, aber obwohl wir auf ablehnende Reaktionen gefasst waren, ging es bei uns vom ersten Ton an richtig ab. Auch die Leute von M.A.D., die die SLAPSHOT-Tour machten, waren sichtlich beeindruckt.
Und dann kam gleich eure erste Single?
Ja, da kam eins zum andern. Wir nahmen die sieben Songs für „Kickback" auf, unsere erste Single, die wir auf unserem eigenen Label veröffentlichten. Danach kam gleich die Tour mit PITTBULL, wir spielten auch sonst sehr viel live, und plötzlich war unser Name überall im Gespräch.
Hardcore New Yorker Machart ist derzeit verdammt angesagt, und mit MURDERED ART und PUNISHABLE ACT sind gerade in den letzten Wochen zwei Platten von Bands erschienen, die ganz offen NYHC „made in Germany" propagieren. Passt ihr denn auch in diese Schema oder liegen eure Einflüsse woanders?
MURDERED ART sind sehr nette Leute, aber auch ne ganze Ecke jünger als wir: Wir sind im Durchschnitt 23, die 18. Das sind zwar nur fünf Jahre, aber man hört das. Es ist einfach eine andere Generation, und wir haben durch die Bands vorher natürlich auch mehr musikalische Erfahrung. Was unsere Einflüsse betrifft, so sind das sicher die frühen AGNOSTIC FRONT sowie die erste Platte der CRO-MAGS. Mit den Bands habe ich angefangen Hardcore zu hören, und einen anderen gemeinsamen musikalischen Nenner haben wir nicht. Jeder hört das, worauf er Bock hat. Außerdem ist es für uns sehr positiv, mit Meff einen Drummer zu haben, der bei HOLY M O S E S jede Menge Erfahrung gesammelt hat.
Wie kommt man den von einer eher ätzenden Metalkapelle zu 'ner korrekten Hardcoreband? Das ist ja eher ungewöhnlich.
Ich kenne Meff schon superlange, und wir haben schon 1986 in ROTTEN zusammen Hardcore gespielt. Über Andy, den Gitarristen von HOLY MOSES, bei dem wir auch im Studio waren, kamen Meff und ich dann wieder zusammen. Er ist Schlagzeuger, spielt gern in einer Band, und deshalb hatte er Bock, bei den RYKER'S mitzuspielen. Wir haben da überhaupt keine Berührungsängste, und wenn HOLY MOSES, die eigentlich nur ein Projekt sind, mal einen Bassisten suchen, könnte ich mir durchaus vorstellen, ein paar Konzerte mit denen zu spielen - vor allem jetzt, wo die Sängerin nicht mehr dabei ist. Außerdem nerven mittlerweile die Sprüche a la „HOLY MOSES, das ist doch 'ne Deppen-Metalband". O.k., es stimmt schon, dass es eigentlich ne dämliche Metalband ist, aber wenn die Leute in Ordnung sind und es Spaß macht, da zu spielen, ist mir das egal.
Zeitlich lagt ihr ja goldrichtig, denn ihr seid in Erscheinung getreten, als Hardcore in Deutschland mit RAGE AGAINST THE MACHINE und BIOHAZARD plötzlich das angesagte Ding wurde.
Das hat tatsächlich alles prima zusammengepasst. Als wir loslegten, hatten sich CHARLEY'S WAR, die die einzige deutsche Band waren, die in der musikalischen Richtung was bewegt haben - ob die nun beliebt waren oder nicht, das ist eine andere Frage. Ich denke, wir haben einfach Glück gehabt. Vielleicht öffnet unser Erfolg ja auch anderen Bands die Türen.
Wieso habt ihr eigentlich von eurer Single nur 1.000 Stück gemacht? Ihr hättet doch locker viel mehr verkaufen können.
Schon, aber wir hatten Einfach nur einen ziemlich geringen finanziellen Spielraum. Tausend war für eine Erstauflage wohl auch eine vernünftige Zahl, doch nach zwei Monaten war die dann schon ausverkauft. Klar, wir hätten mehr verkaufen können, aber im Nachhinein zeigt sich jetzt, dass eine ausverkaufte 7", ein potentielles Sammlerstück, auch ganz gut kommt. Wir haben da wohl so einen gewissen Kultstatus bekommen. Mittlerweile sind die Songs zu nem korrekten Preis auf CD erhältlich diesmal nicht limitiert.
Ich nehme an, dass die Labels nach der 7" und euren Touren Schlange standen.
Es waren einige Labels interessiert, auch größere wie Century Media und Roadrunner. Aber wir sind ja eine korrekte Band, haha, und deshalb sind wir zu einem „kleinen" Label wie Lost & Found gegangen. Aber mittlerweile regen sich die Leute auch schon wieder über Lost & Found auf. Das stört uns nicht, denn Lost & Found tun ne Menge für uns, und ich halte sie auch noch für relativ „Hardcore". Ich habe wirklich keine Lust, mit irgendwelchen Leute über Lost & Found zu diskutieren, denn es gibt wirklich schlimmere Labels.
Interessant ist aber doch, dass nach der Grunge-Welle plötzlich Hardcore angeagt ist und Labels, die früher eine deutsche Band wie die RYKER'S nur mit spitzen Fingern angefasst hätten, plötzlich ihre Fühler ausstrecken.
Es ist eben alles zu so ner Mode verkommen. Und nachdem Roadrunner erst BIOHAZARD und jetzt auch noch SICKOF IT ALL verloren haben, suchen die eben nach Ersatz - den sie in MADBALL und BLACK TRAIN JACK glauben gefunden zu haben. Die würden doch alles als Hardcore verkaufen, sofern es tätowiert ist und 'ne Glatze hat.
Seid ihr denn tätowiert und glatzköpfig?
Glatze nein, Tattoo ja. Man muss ja den Erwartungen der Fans gerecht werden, hehe.
Gepiercet seid ihr dann sicher auch schon.
Naja, ich hab' einen Ohrring, und unser Schlagzeuger auch. Außerdem hat unser Sänger eine Brustwarze gepiercet. Das liegt aber daran, dass ein Kumpel von uns, der meistens als Roadie mitfährt, Kassels großer Piercingexperte ist. Und da kommt man dann ums Piercing natürlich nicht drumrum.
Du meintest vorhin, dass ihr im Durchschnitt 23 seid, was ja bedeutet, daß ihr nicht zu der Generation gehört, die Hardcore nur über die bunten Kioskblätter kennengelernt hat.
Das ist wohl richtig. Aber was soll ich dir dazu sagen? Ich kann diesen „Hardcore-Kiddies", wie man sie immer so schön nennt, ja nicht vorwerfen, daß sie erst jetzt und auf diese Weise zu dieser Musik kommen. Ich war selbst auch 17 oder 18 - mittlerweile bin ich 25 als ich anfing Hardcore zu hören, und kam durch meine Kumpels dazu, als die eines Tages mit CIRCLE JERKS und der „This is Boston not L.A."-Compilation ankamen. Damals war das natürlich kultiger als heute: Du konntest dir höchstens eine Platte im Monat kaufen und warst deshalb auf Tape-Trading angewiesen. Und man hat noch mit Begeisterung bei Frontline bzw. Funhouse bestellt, weil die die ganzen interessanten Platten rübergeholt haben - zum Beispiel eine UNITY-Single für 6 Mark. Aber dass das heute anders läuft, kann man den Leuten nicht vorwerfen: VISIONS und ROCK HARD haben sich auf Hardcore gestürzt und schlachten das jetzt kommerziell aus. Und zu Bands wie BIOHAZARD, PRO-PAIN oder M.O.D. brauche ich wohl nichts zu sagen...
Ihr habt aber ja aus irgendeinem Grund diesen „Korrektheitsstempel" aufgedrückt bekommen - zumindest scheint mir das so.
Findest du? Ich habe eigentlich nicht das Gefühl. Ich weiß jedenfalls, dass die ganzen pseudokorrekten Leute sich tierisch über uns aufregen.
Warum denn?
Wegen allem. Das Problem ist, dass du als deutsche Band nicht groß werden darfst. Das ist die Meinung von den Hyperkorrekten wie den Leute aus der Hannoveraner HYPOCRITICALSOCIETY-Ecke. Die regen sich tierisch über uns auf - weil unser Drummer auch bei HOLY MOSES spielt, weil wir mit Ami-Bands auftreten, und lauter so Scheiß. Ich denke, wir hatten einfach Glück und stehen deshalb so groß da. Die gönnen uns das einfach nicht.
Ich sehe, wir haben ein gemeinsames Feindbild. Das sind nämlich auch die Leute, die das Ox Scheiße finden.
Ja. Aber das Thema ist auch eine gute Überleitung zur neuen Platte. Die heißt nämlich „Brother Against Brother" und bezieht sich exakt auf dieses Thema. Hier in Deutschland rennt der braune Mob durch die Gegend, schlägt Leute auf die Fresse und zündet Asylantenheime an. Aber unsere süße, kleine Hardcoreszene, die ja ach so toll und korrekt ist, hat nichts besseres zu tun, als sich gegenseitig zu bekämpfen. Das kotzt mich tierisch an. Wenn die Leute was machen wollen, dann sollen sie sich das Auto mit Kumpels volladen und ein paar Nazis auf die Fresse hauen. Das bringt mehr, als ein SICK OF IT ALL-Konzert zu boykottieren, das 15 Mark kostet. So, das dazu.
Was mich an diesen ganzen NYHC-Bands stört, ist zum einen deren Machogehabe, zum anderen die Tatsache, dass da eine Band aus einer ganz anderen Kulturkreis auftritt, deren Texte und Ansagen die Leute überhaupt nicht verstehen können. Deshalb ist es auch um so lächerlicher, wenn deutsche Bands deren Verhalten und Auftreten nachahmen wollen und sich dabei in meinen Augen nur zum Narren machen.
Das ist wohl richtig. Ich finde deshalb auf den Konzerten auch den persönlichen Kontakt zu den Leuten wichtig. Außerdem versuchen wir uns einigermaßen zu benehmen und unsere Pennplätze nicht wie nach einer Bombenexplosion zu verlassen. Wir kommen nicht aus Downtown New York und müssen nicht jeden Tag um unser Leben kämpfen - deshalb singen wir auch nicht darüber. Was nun das harte Stageacting betrifft, das hat einfach was mit der Musik zu tun. Mit diesem „tough guy"-lmage aber wollen wir nichts zu tun haben. Wir kommen aus Kassel und nicht aus Brooklyn.
Seid ihr denn wenigstens richtig arme, ausgebeutete Arbeiterkinder, denen es dreckig geht und die deshalb ihren Hass auf die Welt mit ihrer Musik aus sich rausschreien müssen?
Nee! Drei von uns studieren, einer ist Zivildienstleistender. Als Student hat man glücklicherweise sehr viel Zeit, weshalb es auch mit den Touren immer gut klappt. Mit dem ganzen New Yorker Streetlife-Kram will ich deshalb auch gar nichts zu tun haben, denn es betrifft uns nicht. Trotzdem sind SICKOF IT ALL sehr nette Leute und es hat total Spaß gemacht, mit ihnen zu spielen. Von den „großen" Bands sind sie eine der wenigen, die man wirklich akzeptieren kann. Außerdem war es auch sehr nett von ihnen, uns mit auf Tour zu nehmen, statt sich eine andere Band als Support einkaufen zu lassen. Vielleicht klappt's ja bei der nächsten Tour auch wieder.
Textlich...
...textlich geht's bei uns in der Regel um persönliche Sachen. Meistens schreibt sie Meff, weil sein Englisch am besten ist. Ich denke, man kann besser über etwas schreiben, was einem persönlich sehr nahe geht, als über Dinge, die man nur in den Nachrichten sieht.
Und was ist mit den Pflicht-Polit-Texten?
Wir haben ein oder zwei Texte, die man als Anti-Nazi-Texte auslegen kann, aber ich denke, dass jeder weiß, daß Nazis und Umweltverschmutzung scheiße sind. Ich kann über Bands von Sechzehnjährigen nur lachen, die dir einen erzählen wollen von wegen Vegetarismus und Dritte Welt und was weiß ich was. Ich kann das einfach nicht mehr ernstnehmen, auch wenn das jetzt blöd klingt.
Bist du denn Vegetarier?
Ich nicht, aber zwei andere aus der Band, die gleichzeitig auch straight edge sind.
Du wolltest noch was zur neuen Platte erzählen...
Ja, die ist nämlich voll der Hammer geworden. Das Cover hat Ernie von TOKEN ENTRY BLACK TRAIN JACK für uns gezeichnet, weshalb wir außer unseren 13 eigenen Songs noch eine Coverversion von TOKEN ENTRY aufgenommen haben. Wir jedenfalls sind begeistert, aber das erzählen ja alle Bands.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #18 III 1994 und Joachim Hiller