SARAH, AKNE KID JOE

Foto© by Tim Mithöfer

Social Media (Teil 5)

In dieser Rubrik befragen wir Menschen aus der Szene zu ihrer Nutzung von (nicht nur) sozialen Medien. Die bestimmen unser aller Leben, aber es wird erstaunlich wenig darüber geredet, wer was wie nutzt. Diesmal beantwortet Sarah von AKNE KID JOE unsere Fragen.

Bitte verrate uns, welche Social-Media-Plattformen du privat und für Band, Label, etc. nutzt, in welchem täglichen zeitlichen Umfang, und warum diese und warum jene kaum oder nicht.

Ich benutze eigentlich fast ausschließlich Instagram. Ich verwalte neben meinem privaten auch noch andere Instagram-Accounts, sowohl im Arbeits- als auch im politischen Kontext. Dadurch verbringe ich insgesamt auf jeden Fall zu viel Zeit auf dieser Plattform und ich muss sagen, dass mir die Nutzung von Social Media immer öfter merklich zusetzt. Die Verkürzung von Beiträgen auf skandalöse Headlines und die andauernde Empörung machen mir zu schaffen. Außerdem ist man dadurch den ganzen Tag mit schlimmen Inhalten konfrontiert: Hier ein Femizid, dort ein Krieg, ein paar tote Kinder, Hungersnöte, Waldbrände, faschistische Milliardäre, zwischendurch ein paar süße Hundevideos, das macht mich fertig. In letzter Zeit spüre ich deshalb in mir das sehr große Bedürfnis, mich abseits von Slides, Kacheln und schönen Instagram-Illus über – vor allem politische – Zusammenhänge zu informieren, und versuche das auch durchzuziehen, wo es eben geht. Mit der Band haben wir tatsächlich auch noch eine Facebook-Seite, ist so ein Relikt aus alten Zeiten. Wir posten dort nur noch automatisch, wenn wir was auf Instagram teilen, niemand von uns ist da privat noch aktiv. Vor der Bundestagswahl haben wir einen Wahlaufruf auf Insta – und damit auch auf Facebook - gepostet, durch Zufall habe ich nach ein paar Tagen nachgeschaut und dabei gemerkt, dass die rechten Troll-Accounts gerade dabei waren, unseren Beitrag durch massenweise Lachemojis und Kommentare zu übernehmen. Wir haben die Kommentarspalte dann sofort dicht gemacht, was anderes bleibt einem da nicht mehr übrig. Ich investiere keine Sekunde Zeit und Energie, um mit irgendwelchen Fake-Accounts pseudopolitische Diskussionen zu führen. Na ja, den Account dort werden wir auf jeden Fall früher oder später komplett löschen. Facebook fühlt sich für mich immer wie das Tor zur Hölle an, aber auch Instagram zerrt gewaltig an meinen Nerven.

Welche Quellen nutzt du, um dich musikalisch zu informieren?
Ehrlich gesagt informiere ich mich darüber nicht wirklich spezifisch. Wenn ich eine neue Band entdecke und die abfeiere, kommt das zu 90% über Empfehlungen von Menschen aus meinem privaten Umfeld oder von Leuten, die ich seit langer Zeit verfolge und weiß, dass sie einen guten Musikgeschmack haben. Ansonsten folge ich auf Social Media natürlich Musikmagazinen und Bands, die ich sowieso gerne mag und schon kenne, und bekomme darüber mit, was die so treiben. Ich habe aber zum Beispiel auch das Ox als Printmagazin abonniert und blättere das immer durch, merke aber auch, dass ich hauptsächlich Interviews von Bands lese, die ich sowieso bereits kenne und gerne höre. Ich glaube in dem Bereich ist es insgesamt einfach so, dass mir alles ein bisschen zu viel ist. Zu viel Angebot, zu viele Blogs, zu viel Werbung, zu viele Meinungen von irgendwelchen Leuten, deren Musikgeschmack ich nicht teile. Aber wenn mein Kumpel Matti zu mir sagt: „Hör dir die Band XY an, die ist saugeil“, dann hat das für mich einen viel höheren Stellenwert, als wenn ich ein Review über eine mir unbekannte Band lese und auch den Menschen nicht kenne, der das Review geschrieben hat. Zusammengefasst nutze ich also Social Media, Musikmagazine und deren Onlineauftritte vor allem dafür, um mich über mir bereits bekannte Bands auf dem Laufenden zu halten, neue Musik entdecke ich dort aber relativ selten.

... und welche für politische und gesellschaftliche Themen?
Natürlich bekommt man viel über Social Media mit, aber wie bereits oben gesagt, strengen mich die oft verkürzten Inhalte und der Empörungston an – weil sie sonst ja auch nicht geklickt werden und damit keine Reichweite bekommen. Der Teufel steckt also im System. Ich versuche deshalb bewusst in letzter Zeit, diese Art von Beiträgen zu überspringen und eher klassische Online-Angebote in Form von Nachrichten-Apps zu nutzen oder mir einmal am Tag die Nachrichtensendungen im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk anzuschauen. Für tiefergehende Informationen braucht es dann aber natürlich mehr Zeit und mehr Recherche, dafür höre ich zum Beispiel Podcasts. Nicht die klassischen Laberpodcasts, sondern eher die Dokumentations- und Recherchepodcasts, da gibt es viele Formate, die ich super finde.

Und wie sieht es mit Printmedien aus?
Ich muss sagen, eine meiner besten Entscheidung der letzten zwei Jahre war es, mir ein Abo der Zeitung Analyse & Kritik zu holen. Das ist eine linke Printzeitung, die einmal im Monat erscheint. Hier finden sich oft sehr gut recherchierte, ausführliche Artikel, die durch recht wenig Polemik und viel Inhalt beeindrucken. Besonders mag ich den großen internationalen Teil, denn dort werden oft Sachen besprochen, von denen ich sonst gar nichts mitbekommen würde. Abgesehen davon, dass sie mich gut informiert und mir das Gefühl gibt, komplexe Weltprobleme besser verstehen zu können, trägt sie außerdem dazu bei, in mir eine gefestigte, nicht nur auf Bauchgefühl basierende linke Meinung und im zweiten Schritt auch das Verständnis für mögliche Lösungsansätze zu entwickeln. Oft kommen dort Menschen zu Wort, die richtig schlaue Ideen haben und sich für wichtige Sachen engagieren. Lange Zeit habe ich mich angesichts der politischen Weltlage sehr ohnmächtig gefühlt, aber es gibt so viele gute, engagierte und mutige Leute da draußen, die mit ihrem Handeln einen Unterschied machen. Das gibt mir viel Hoffnung, die ich wiederum nicht hätte, würde ich nicht regelmäßig in der AK etwas über sie lesen.

Welches Nutzungsverhalten hast du bei dir selbst beobachtet über die Jahre?
Über die Jahre hat sich mein Social-Media-Konsum extrem gesteigert und die andauernde Konfrontation mit schlimmen Nachrichten, reißerischen Headlines und polemischem Bullshit hat mich – natürlich neben vielen weiteren Faktoren – in eine Krise gestürzt. Seitdem versuche ich, mich bewusster mit Inhalten auseinanderzusetzen. Die Verlagerung auf andere Plattformen, wie Podcasts, Print und sonstige Informationsquellen außerhalb von Social Media, bekommt mir gut. Social Media nutze ich privat oft nur noch „zum Spaß“, wenn ich mich informieren möchte, mache ich das woanders, zum Beispiel in Printzeitungen oder Nachrichten-Apps. Wobei ich letztens die „Eilmeldung-Push-Benachrichtigung“ ausgeschaltet habe, da es jetzt schon zu oft vorkam, dass ich morgens aufgewacht bin, auf mein Handy geschaut habe und da stand dann so was wie: „Eilmeldung: Trump will aus Gaza die ‚Riviera des Nahen Ostens‘ machen“. Wenn man morgens mit solchen Nachrichten in den Tag startet, kann man auch gleich liegenbleiben. Ich versuche also, mein Nutzungsverhalten so zu gestalten, dass ich mir bewusst vornehme, wann ich mich über das aktuelle Weltgeschehen informiere, anstatt permanent ungefragt damit konfrontiert zu werden. Deshalb wohl auch mein Hang zu Print, so eine Zeitung muss man eben bewusst in die Hand nehmen, wenn man sie lesen will. Das klingt jetzt natürlich alles super vernünftig, was ich hier so von mir gebe, aber ich muss auch dazu sagen, dass hinter mir ein jahrelanger Prozess liegt, in dem ich mich mit mir und meinen Bedürfnissen auseinandergesetzt habe, herausgefunden habe, was gut und was schlecht für mich ist, mit was ich umgehen kann und wann ich etwas aus dem Weg gehen muss, damit ich nicht irgendwann durchdrehe. Und trotz aller Vernunft verhalte ich mich oft immer noch falsch und lese doch wieder irgendwelche Insta-Slides, die ich eigentlich nicht lesen wollte, und rege mich darüber auf, obwohl ich mich doch gar nicht aufregen wollte. Aber ich arbeite dran.

Deine Prognose: Wohin geht die Reise in Sachen Informationsquellen?
Ich kann keine Prognose abgeben. Es ist beängstigend und bedrückend, dass die großen Plattformen alle in der Hand von mal mehr, mal weniger irren Milliardären sind. Diese Macht, die diese Menschen damit haben, ist unvorstellbar und es hätte nie so weit kommen dürfen. Freier Journalismus und eine unabhängige Presse sind dadurch noch viel wichtiger geworden, aber auch diese steht permanent einem Existenzkampf und damit zwangsläufig einer neoliberalen Vermarktungslogik gegenüber. Wohin soll das alles führen? Ich weiß es nicht.

Zum Schluss: Wo vertrödelst du gerne deine Onlinezeit ganz sinnfrei und rein zum Spaß?
Ich mache das, was vermutliche viele Menschen kennen: Ich scrolle ewig durch die verschiedenen Serien- und Film-Streamingplattformen, füge Titel meiner Watchlist hinzu, schaue mir Trailer an, entscheide mich dann nach guten zwei Stunden endlich, was ich mir anschauen will, und schlafe dann nach maximal einer halben Stunde ein.

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