© by Danni Arndt PhotographyDer ehemalige Nachrichtendienstler Joey Hoffmann setzt als MilBlogger zur Reduktion von emotionalisierter Berichterstattung und Fake News auf eine konsequente Versachlichung von Nachrichten und mehr Expertise hinsichtlich des militärischen Fachwissens, Stichwort: „Kriegshandwerk“. Die Journalistin Sigrun Rottmann verfolgt ein sehr ähnliches Ziel, nähert sich diesem aber mit einer komplett entgegengesetzten Strategie. Sie lehrt an der TU Dortmund und veröffentlicht zum Thema Friedensjournalismus beziehungsweise konfliktsensitiver Journalismus. Wir sprachen mit ihr über den ökonomischen Druck und die Arbeitsbedingungen in den Redaktionen, die Möglichkeiten einer Entschleunigung der Nachrichtenproduktion sowie den Unterschied zwischen Werteorientierung und Haltung bei Medienschaffenden.
Sigrun, wie bist du auf das Themenfeld Friedens- und konfliktsensitiver Journalismus gekommen? War die Initialzündung ein Missstand, den du wahrgenommen hast?
Ich bin darauf relativ spät in meiner journalistischen Karriere aufmerksam geworden, weil das sowohl im Journalismus als auch in der Wissenschaft ein Nischenthema ist. Aus der Friedens- und Konfliktforschung kam schon in den 1980er und 1990er Jahren die Idee, die Qualität von Kriegsberichterstattung zu verbessern. Ich bin darauf aufmerksam geworden, als ich angefangen habe, internationale Workshops im Ausland zu geben und eine Weile als freie Trainerin unterwegs war. Da habe ich festgestellt, dass Organisationen der deutschen Medienentwicklungsarbeit, wie die Deutsche Welle Akademie oder die GIZ, Seminare für Journalist:innen im Ausland anbieten, zum Beispiel im Sudan, Kolumbien oder Kenia. Also in Ländern, in denen entweder Krieg herrscht oder geherrscht hat. Dort werden also Journalist:innen in Friedensjournalismus beziehungsweise konfliktsensitivem Journalismus ausgebildet, um in Konflikten, die mit Gewalt einhergehen, zur Deeskalation beitragen zu können. Da habe ich mich gefragt, wieso eigentlich deutsche Trainer:innen ins Ausland gehen, um dort mit den Kolleg:innen zu arbeiten, und das hier bei uns überhaupt kein Thema ist.
Also im Sinne einer guten Kriegsberichterstattung?
Ja. Gleichzeitig habe ich auch angefangen, mich zu fragen, wieso das nur auf die Kriegsberichterstattung kapriziert wird, wobei der Friedensjournalismus, oder auf Englisch Peace Journalism, auch die Vermeidung von Krieg sowie die Zeiten nach einem Krieg im Blick hat. Aber man kann das Feld auch auf gesellschaftliche und soziale Konflikte insgesamt ausweiten. Der Ansatz ist auf alle Streitthemen anwendbar. In den Jahren 2016/17, als bei uns die Folgen und die Einflüsse der Digitalisierung klarer wurden und dann auch vermehrt Flüchtlinge nach Deutschland kamen, gingen Diskussionen los, die meiner Ansicht nach in den Medien zu selten wirklich konstruktiv geführt wurden. Da wurde mir klar, es braucht eigentlich im Journalismus, bei den Menschen, die Medien machen, mehr Kompetenzen, mehr Bewusstsein dafür, wie wichtig es ist, dass wir gerade über Themen, die in unserer Gesellschaft umstritten sind, ganz besonders verantwortungsvoll berichten. Dazu braucht man profundes Wissen über das Wesen von Konflikten. Konflikte sind normale gesellschaftliche und menschliche Phänomene. Streiten ist in Demokratien total normal. Ich bin mir aber nicht sicher, ob allen Journalist:innen das so bewusst ist.
Ist denen das zu wenig bewusst oder können sie es zu wenig umsetzen?
Journalist:innen stehen auch unter Druck. Zum einen durch die Digitalisierung und die Macht der großen Tech-Unternehmen mit ihren Algorithmen, die noch mal Auseinandersetzungen befeuert und die Austragung von Konfliktthemen radikalisiert und teils mit verbaler Gewalt und mit Feinbildern anheizt. Gleichzeitig haben wir neue politische Akteur:innen im Rechtspopulismus und Rechtsextremismus, die Konflikte bewusst anfeuern. Das gehört zu deren Kommunikationsstrategie. Als Journalist:in darfst du dich in diese Schwarzweiß-Malereien und das Konstruieren von Feindbildern nicht reinziehen lassen. Und das kannst du nur, indem du dich mit diesen Konfliktthemen ganz besonders sorgfältig auseinandersetzt und Wissen darüber erwirbst.
Du sagtest gerade, der Friedensjournalismus sei nur eine Nische. Wenn ich mir die Schlagwörter anschaue, die damit in Verbindung gebracht werden – Empathieförderung, Mehrperspektivität auf Konflikte, Einbezug historischer Hintergründe –, dann sind das aber doch die Aufgaben von Journalismus generell, oder nicht?
Das ist ein sehr guter Punkt. Was ich fordere, ist natürlich nicht neu. Es sind gängige Qualitätskriterien, die wir immer anwenden sollten. Umso wichtiger werden sie, wenn wir uns Konflikten nähern. Aber weil der Journalismus unter Druck steht, weil Medien natürlich auch Profit und Quote machen müssen, passiert es, dass es Unvorsichtigkeiten gibt, man schludrig wird oder eben doch die Überschrift wählt, die Klicks bringt. Das ist meiner Ansicht nach ganz besonders gefährlich, wenn wir über Konflikte und Krisen sprechen und befürchten, dass die Streitkultur in Deutschland verfällt oder ganz stark abnimmt in ihrer Qualität. Darauf gilt es aus meiner Sicht ganz besonders zu achten. Ich sage nicht, dass ich per se einen anderen Journalismus will. Es geht mir um einen kompetenz- und wissensbasierten konfliktsensitiven Journalismus im innenpolitischen Bereich. Wenn jemand Sportjournalismus macht, dann wird von ihm oder ihr ja auch erwartet, ausreichend Ahnung von Sport zu haben. Wenn jemand Finanzjournalismus macht, dann erwarten wir, dass diese Person über Kenntnisse im Bereich Wirtschaft und Finanzen verfügt. Viele Journalist:innen beschäftigen sich in ihrem Berufsalltag mit Konflikten. Das fängt ja schon im Lokaljournalismus an, beim Streit um die Fahrradstraße oder lokale Bauprojekte. Abgesehen von mehr Wissen über Konflikte braucht es auch mehr Selbstreflexion. Mehr Bewusstsein für die eigene Rolle in der Konfliktbeschreibung, damit man angemessen berichten kann, und nicht noch zu einer Eskalation beiträgt. Wir müssen Bürger:innen nützliche Informationen liefern und diese einordnen, damit sie sich gut und sinnvoll streiten können.
Kritikpunkte, die Bloger:innen gegenüber klassischen Agenturjournalist:innen häufig äußern, sind die fehlende Fachexpertise in bestimmten Themenbereichen und das sich Gemeinmachen mit Konfliktparteien. Wie löst man dieses Dilemma auf, dass Nachrichten schnell produziert werden müssen, aber die Qualitätskriterien mehr Vorbereitungszeit bedürfen?
Pauschal stimme ich bei beiden Punkten, dem Gemeinmachen und der fehlenden Fachexpertise, nicht zu. Ich habe auch mal für eine Agentur gearbeitet, und nach dem, was ich dort beobachtet habe, sitzen da schon Leute, die spezialisiert sind auf bestimmte Gebiete. Die Deutsche Presse-Agentur/dpa zum Beispiel hat eine Wirtschaftsredaktion und auch andere Redaktionen, die auf die jeweiligen Gebiete spezialisiert sind. Natürlich gibt es in den Nachrichtenagenturen auch Leute, die eher allgemein über alles Mögliche berichten müssen. Aber dafür hat man mindestens das Vier-Augen-Prinzip. Es guckt immer noch mal jemand drüber. Niemand macht in den Agenturen einfach was er will. Das ist meiner Ansicht nach nicht das Problem. Sondern das ist primär diese Dynamik der Beschleunigung im Journalismus. Die Tatsache, dass alles schneller geworden ist durch die Digitalisierung. Bevor man über die fehlende Expertise der Journalist:innen klagt, sollte man die Strukturen in den Redaktionen und die Arbeitsverhältnisse kritisieren.
Was müsste sich verändern, um diese zu verbessern?
Die Kolleg:innen, übrigens die festen und die freien, müssen in der Arbeitszeit Kapazitäten zur Weiterbildung haben. Insbesondere die öffentlich-rechtlichen Medien haben sehr viele Freie. Weiterbildung passiert bei ihnen schwerpunktmäßig in der Freizeit. Es müssen Räume in den Redaktionen geschaffen werden, in denen die sich die verschiedenen Abteilungen untereinander austauschen können. Oder hat sich das erledigt mit den Diskussionen, weil der Stress zu hoch wird? Wer vielperspektivisch arbeiten will, der muss natürlich auch viele Perspektiven in den Redaktionen zu Wort kommen lassen. Bei internationalen Konflikten ist es wichtig, auch migrantische Stimmen einzubeziehen, damit deren Perspektiven auch vertreten sind. Solche Defizite beklagen Kolleg:innen, mit denen ich spreche. Der Druck ist wahnsinnig groß. Ansetzen muss man also bei den Verleger:innen und den Leitungsetagen des ÖRR.
Ein Begriff, der auch immer wieder als Kategorie auftaucht, ist der „Haltungsjournalismus“. Ich denke dabei zum Beispiel an bekannte Vertreter des ÖRR, des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wie Georg Restle und Anja Reschke, die diesen auch explizit benutzen. Worin würdest du den Unterschied zwischen einem konfliktsensitiven Journalismus und Haltungsjournalismus sehen?
Das kommt darauf an, was man unter Haltungsjournalismus versteht. Da gibt es ganz unterschiedliche Interpretationen. Es gibt ja auch den Vorwurf, dass das eigentlich Gesinnungsjournalismus wäre und abzulehnen sei. Mit dem Begriff kann ich nichts anfangen. Haltungsjournalismus bedeutet, dass ich meinen Beruf auf der Basis bestimmter Werte ausübe. Nach dieser Definition bin ich auch eine Haltungsjournalistin. Und aufgrund dieser Werte, die ich vertrete, beschäftige ich mich mit konfliktsensitivem Journalismus. Es wäre schon ziemlich gut, wenn Journalist:innen in diesem Land Demokratie als Leitwert hätten. Das muss die Grundlage sein. Und natürlich das Grundgesetz. Ich agiere auf der Basis des Grundgesetzes und übe auf der Basis des Grundgesetzes meinen Beruf aus. Und daraus ergeben sich auch bestimmte Ansprüche daran, wie ich Journalismus mache. Aus meinen Werten erwächst für mich der Wunsch, mich für Konfliktsensitivität im Journalismus und in der öffentlichen Kommunikation allgemein einzusetzen. Insofern bin ich wahrscheinlich Georg Restle relativ nah, ohne dass ich jemals mit ihm darüber gesprochen habe.
Das sind universelle Werte. Demokratie und Grundgesetz nennt auch Ulf Poschardt als Herausgeber von Die Welt und Politico als seine Grundsätze. Müsste es dann nicht eher „Wertejournalismus“ heißen? Ist eine Haltung nicht vielmehr Ausdruck für den Teil deiner Persönlichkeit, den du trotz aller Bemühungen um Objektivität nicht abschalten kannst?
Das ist eine gute Frage. Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass sich meine Haltung aus meinen gesammelten Werten zusammensetzt. Ich bezweifle die Sinnhaftigkeit von Begriffen wie „Haltungsjournalismus“, weil es dafür keine feste Definition gibt, jede:r etwas anderes darunter versteht und diesen Begriff auch für eigene Zwecke einsetzen beziehungsweise missbrauchen kann. Wenn Journalist:innen ein Haltungs- oder Gesinnungsjournalismus vorgeworfen wird, empfehle ich die Rückfrage: Was ist damit ganz konkret gemeint? Es gibt Kriterien für guten Journalismus, und konfliktsensitiver Journalismus ist guter Journalismus über Streitthemen und gesellschaftliche Konflikte. Es ist für Menschen – auch für Journalist:innen – unmöglich, wirklich objektiv zu sein. Wir bringen alle eigene Erfahrungen mit, die unseren Blick auf die Welt prägen, dazu Emotionen, Vorurteile und Wahrnehmungsverzerrungen. Alle, denen an einer guten Streitkultur in unserer Gesellschaft gelegen ist, tun gut daran, sich damit auseinanderzusetzen – auch, aber nicht nur Journalist:innen. Deswegen gehört zur Weiterbildung bei konfliktsensitivem Journalismus auch das Thema Reflexion der eigenen Subjektivität. Journalist:innen haben aber mit gewissen Qualitätskriterien trotzdem Leitlinien, an denen sie sich orientieren können und sollen, zum Beispiel Korrektheit – die Fakten müssen stimmen. Dazu kommen Fairness, Wahrhaftigkeit und Multiperspektivität.
Vergrößert eine persönliche Haltung zu einer Sache nicht die Gefahr, sich mit ihr ,,gemein zu machen“? Von Hanns Joachim Friedrichs gibt es die Aussage, dass Journalismus sich mit keiner Sache gemein machen soll, auch nicht mit einer guten. Ich habe das als Warnung vor einer möglichen emotionalen Aufladung von journalistischen Inhalten verstanden. Konfliktsensitiver Journalismus will doch auch weg von der Emotionalisierung, oder? Ist das überhaupt möglich, wenn ich meine Haltung zu einer Sache mit transportiere?
Dieses Zitat ist im Laufe der Zeit umgedeutet worden. Hanns Joachim Friedrichs hat es im Kontext der Frage geäußert, wie er das als Nachrichtensprecher hinbekommen habe, das Elend der Welt immer so gefasst dargestellt zu haben. Es ging darum, wie man beherrscht und cool bleibt, auch im Angesicht des Elends der Welt. Friedrichs war ja selber jemand, der sich sehr für den Umweltschutz eingesetzt hat und auf diesem Gebiet Haltung gezeigt hat. Und wenn du siehst, wer den Hanns-Joachim-Friedrich-Preis bekommt, war das unter anderem in den letzten Jahren Anja Reschke, die ja genau wie „Monitor“-Moderator Georg Restle kritischen Journalismus auf der Basis demokratischer Prinzipien und Regeln macht. Aber zurück zur Frage nach der Objektivität. Der Anspruch an Journalist:innen und natürlich auch von Journalist:innen an sich selbst ist Objektivität. Absolute Objektivität kann man aber nie erreichen, weil keiner von uns absolut objektiv sein kann. Es ist auch ein Teil meiner konfliktsensitiven Arbeit in den Seminaren, darüber zu sprechen, dass wir uns als Journalist:innen auch über unsere eigene Subjektivität Gedanken machen. Dass auch wir selbst gewisse Vorurteile und Wahrnehmungsverzerrungen haben.
Nehmen die Teilnehmer:innen deiner Seminare das an?
Wir sind die vierte Macht im Staat, das muss unser Anspruch sein. Wir kritisieren die Politik und die Wirtschaft und erhalten natürlich auch Gegenwind. Mit diesen Widersprüchen müssen wir klarkommen und betonen, dass wir auf der Grundlage von Fakten fair und ausgewogen bleiben. Dazu haben wir in Deutschland traditionell zum Beispiel Tageszeitungen, die unterschiedlich politisch geprägt sind. Niemand wundert sich, dass die Süddeutsche Zeitung tendenziell eher linksliberale Positionen vertritt und die FAZ konservative. Beide machen qualitativ hochwertigen Journalismus. Das sollte normal sein, jeder weiß das, es ist transparent. Irgendwie wird das heute immer mehr ein Problem. Und ich glaube, das hat auch ganz viel damit zu tun, dass Kritik von der extrem rechten Seite kommt, die irgendwie gerne möchte, dass die Medien so sind, wie sie das will. Gepaart mit dem Vorwurf des linken Aktivismus.
Die nicht öffentlich-rechtlichen Medien haben eine diverse politische Ausrichtung, die man auch klar erkennt. Das ist auch gut so. Aber gelten für den ÖRR nicht strengere Standards? Insbesondere dann, wenn Haltung auch zu Emotionalisierung führt?
Kritik an Journalismus und auch an den öffentlich-rechtlichen Sendern muss möglich sein und ist auch wichtig – wenn sie sachlich vorgetragen wird. Alle Medien stehen meiner Ansicht nach zudem in der Verantwortung, mit Fehlern transparent umzugehen. Wenn aus Kritik an Berichterstattung eine Empörungswelle entsteht, ist es sicher auch für die Nutzer:innen sinnvoll, einen Schritt zurückzutreten und Fragen zu stellen: Wird die Kritik sachlich vorgetragen? Richtet sie sich gegen eine einzelne Person, obwohl diese nicht allein für das betreffende Themenfeld zuständig ist? Wird die Kritik also personalisiert vorgetragen und die betroffene Person damit quasi diskreditiert? Wird von dieser Person behauptet, sie würde im gesamten deutschen Journalismus die Richtung vorgeben, obwohl dies in der fragmentierten Medienlandschaft nicht mehr möglich ist? Woher kommen die Vorwürfe, wer hat sie zuerst gestreut? Und wer möchte, dass ich mich aufrege, und will ich das wirklich tun? Sind die Vorwürfe so formuliert, als wolle man tatsächlich eine Ausgewogenheit anmahnen? Oder geht es vielmehr darum, dass man eine Berichterstattung wünscht, die der eigenen Seite mehr zugutekommt? Man sollte spätestens dann aufhorchen, wenn man mitbekommt, dass die Sender von allen Seiten eines Konflikts beschuldigt werden, über die jeweilige gegnerische Seite nicht kritisch genug zu berichten. Genau das erleben aber der ÖRR zum Beispiel beim Themenfeld Israel-Gaza – und das gilt übrigens für die britische BBC genauso wie für die deutschen Sender, die ja auch alle wahnsinnig viel Output haben. Die BBC ist für die einen zu pro-palästinensisch und für andere zu pro-israelisch. Finde den Fehler! Gemeinsam haben sie ebenfalls, dass sie alle von rechtsextremen Kräften massiv kritisiert und ihre Berichterstattung verdreht wiedergegeben wird, um eine Anti-ÖRR-Stimmung zu schüren. Auch deswegen wäre es wichtig, dass gerechtfertigte Kritik sachlich vorgebracht wird.
Deiner Ansicht nach ist ein Problem der Nachrichtenmedien, dass ,,es knallen muss“, damit sie geklickt werden. Nach der Marktlogik tragen die Rezipient:innen, also auch ich, eine Mitverantwortung dafür, welche Nachrichten produziert werden. Ich klicke knallige Nachrichten, beschwere mich aber hinterher über den hohen Grad der Emotionalisierung. Der Algorithmus denkt, ich mag das. Und du als Journalistin produzierst weiter knallige Nachrichten, weil es ja funktioniert. Ein Teufelskreis. Wer von uns beiden hat jetzt mehr Macht, hier an der Stellschraube zu drehen? Du oder ich?
Ich kann nicht sagen, wer den besseren Zugriff hat. Ich bin überzeugt davon, dass das eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Das hört sich jetzt so abstrakt an. Aber ich glaube, es gibt auch noch mehr Stellschrauben als diese. Das, worauf ich mich bisher hauptsächlich konzentriert habe, ist eben die Weiterbildung für Journalist:innen und Appelle an die Leitungen der Redaktionen: Arbeitet sorgfältig, eignet euch Wissen an, berichtet nicht demokratieschädigend über Konflikte. Die Grenze zwischen Produzieren und Rezipieren verwischt durch die sozialen Netzwerke auch immer mehr. Content soll ja auch weitergeleitet, verbreitet und kommentiert werden. Andererseits sind die Moderator:innen im Community-Management immer häufiger überfordert mit den Kommentarspalten. Da gibt es sehr viel Aggression und Hass. Die Kommentare werden wiederum zum Content, es entsteht eine Flut von Inhalten. Weitere wichtige Stellschrauben sind daher auch die Bereiche Medienkompetenz und Medienpädagogik. Man muss verstehen, was in den Kommentarspalten passiert und warum Menschen das machen, muss ihre Strategien erkennen. Insbesondere bei Jüngeren habe ich das Gefühl, dass sie von den Inhalten völlig erschlagen werden wie von einer Naturgewalt. Es geht dabei um Selbstwirksamkeit. Darum, dass man Entscheidungen treffen kann, dass man die Wahl hat, wenn man online unterwegs ist. Und darüber, welche Auswirkungen mein Online-Verhalten auf mich und andere hat. In dieser Frage kann ich ganz gut den Punkt mancher Blogger nachvollziehen, die zum Beispiel sagen, man müsste die Medien wieder entschleunigen, weil wir so darauf trainiert sind, dass wir Informationen sofort bekommen und natürlich auch direkt alles bei den Agenturen über den Ticker geht.
Kann man diese Entschleunigung nicht zum Qualitätsmerkmal machen? Ganz naive Vorstellung: Seriöse Nachrichtenagenturen veröffentlichen anstatt einer hastigen Nachricht zuerst eine Laufschrift mit der Ansage ,,Wir checken gerade die Quellen und können noch nichts Gesichertes sagen. Schauen Sie gerne morgen wieder rein.“ Quasi ein Paradigmenwechsel nach dem Motto: Wer die schnellste Interpretation anbietet, ist am unseriösesten.
Ja, das ist ein super Vorschlag. Der Haken ist, dass er nur funktioniert, wenn sich mehrere Akteur:innen zusammentun. Und da haben wir schon das Problem. Aber du hast absolut recht und man muss wirklich über solche Dinge nachdenken. Zum Beispiel auch über das Handyverbot für Teenager. Es ist gut, wenn wir darüber diskutieren und überlegen, ob diese oder andere Maßnahmen sinnvoll sein könnten. Und worüber wir noch gar nicht gesprochen haben, ist KI. Was können wir damit machen? Was wollen wir damit machen? Wo liegen die Gefahren? Die KI befeuert auch Fake News, das wissen wir heute schon. Sie wird auch für die Verbreitung von Propaganda genutzt. Sie trägt damit auch zum Anheizen von Konflikten bei. Und das funktioniert extrem dynamisch. Man braucht Zeit, um das alles zu verdauen. Aber die Zeit ist gar nicht da. Oder besser: man glaubt, sie sei nicht da. Sie läuft einem davon und plötzlich stellt man fest, oh Mist, bei Google fasst die KI immer schon alles zusammen und auf unsere auf Seiten klickt gar keiner mehr. Aber wer weiß, vielleicht wird der Journalismus auch besser, wenn weniger Leute klicken.
Also sollte sich guter Journalismus von dem Wunsch nach vielen Klicks freimachen?
Guter Journalismus braucht natürlich ein Publikum. Aber wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass Algorithmen keine neutralen Mechanismen sind und sowohl der demokratischen Streitkultur als auch der Qualität von Journalismus schaden können. Zudem werden sie von Big-Tech-Unternehmen und rechtsextremen Akteur:innen instrumentalisiert. Und in den USA sind die teilweise miteinander verbandelt. Die wollen anheizen, Konflikte, Krisen. Das ist deren Geschäftsmodell und wir müssen aufpassen, als Journalist:innen, aber eben auch als Bürger:innen, dass wir denen nicht noch mehr auf den Leim gehen, als wir es schon getan haben. Wir müssen das irgendwie wieder zurückzudrehen. Da wären wir wieder beim Populismus. Und dem Ansatz vieler Blogger:innen, Nachrichten zu entemotionalisieren, indem man diesen Entertainment-Faktor weglässt. Das wäre ja ein Anti-Big-Tech-Ansatz. Was du jetzt gerade beschreibst, ist die Aufgabe von ganz cleanem Nachrichtenjournalismus. Es gibt den Nachrichtenjournalismus und journalistische Formate, die einordnen und kommentieren, Expert:innen hinzuziehen. Möglichst nicht irgendwelche Deppen, das ist klar.
Wer entscheidet, wer die Deppen sind?
Damit meine ich Leute, die noch mehr emotionalisieren und skandalisieren, Konflikte anheizen und Feinbilder befördern. Man kann auch Kommentare schreiben oder von mir aus auch auf Instagram posten, ohne dass man skandalisiert, verzerrt und Feindbilder aufbaut und immer so ein Gegeneinander postuliert von Schwarz und Weiß und Gut und Böse. Es ist auch die Aufgabe aller Bürger:innen, darauf zu achten. Konflikte sind keine Wettkämpfe. Es geht nicht darum, wer gewinnt. Konflikte sind Prozesse, durch die wir uns irgendwie durchlavieren müssen. Und zwar so, dass alle, die daran beteiligt sind, möglichst wenig Schaden nehmen. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, nicht in Fronten zu denken. In der Berichterstattung werden Konflikte häufig wie Schlachten dargestellt und einer muss den Sieg davontragen oder am Ende recht haben. Das ist eine totale Vereinfachung von menschlichen Prozessen, die eigentlich hochkomplex sind. Wir sollten uns als Gesellschaft nicht darauf einlassen.
Dazu eine naive Frage: Als Leser merke ich immer häufiger, wie mich bestimmte Framing-Wörter nerven. ,,Umstritten“ bei Künstler:innen, ,,linientreu“ bei Linken oder der ständig wiederkehrende Nazi-Vergleich bei Konservativen. Könnte man solche Nulletiketten nicht wenigstens in seriösen Redaktionen vermeiden? Rein persönlich würde ich das als Gewinn empfinden.
Und wer würde bestimmen, wer da die Leitlinien setzt? Sofort würde diesen Redaktionen Zensur vorgeworfen. Wichtig sind aus meiner Sicht in diesem Bereich eben eine Sensibilisierung sowie ein Bewusstsein für Framing und die Tatsache, wie Sprache und Bilder wirken, und dass man als Journalist:in die Möglichkeit hat, sich strategischem Framing zu verweigern. Das gilt natürlich auch für Social-Media-Nutzer:innen, wenn sie Content teilen oder selbst Content produzieren. Niemand wird gezwungen, ein bestimmtes Wording oder bestimmte Bilder zu übernehmen und weiter zu verbreiten.
Wurde durch Big Tech in unserem Medienverhalten in den letzten 20 Jahren „Sex sells“ durch „Hate sells“ abgelöst?
Ja, wir haben durch die Digitalisierung eine wahnsinnig schnelle und dynamische Entwicklung erlebt, was unsere Informationsbeschaffung angeht. Wir hinken den Antworten hinterher, wie wir damit umgehen sollen. Wir müssen uns selber einholen und uns dem widersetzen. Sowohl als Medienschaffende als auch als Rezipient:innen. Wir müssen uns regulieren und lernen, uns diesen Emotionalisierungsmechanismen zu entziehen, damit es uns nicht selbst zum Verhängnis wird. Ich glaube, das ist die große Herausforderung, die wir jetzt vor uns haben.
Die technische Entwicklung ist sozusagen unserem Primatengehirn entwischt?
Ich habe keine Fachexpertise auf dem Gebiet der Hirnforschung. Meine persönliche Meinung ist, dass wir zu gutgläubig waren. Auch ich. Als Google groß wurde, da haben wir alle gedacht, diese innovativen Tech-Unternehmen würden dem Wohle der Menschheit dienen. Und das haben die Tech-Konzerne damals auch behauptet. Das waren junge Nerd-Typen, die alle von sich behaupteten, sie würden die Welt verbessern wollen. Und das hat man ihnen auch geglaubt und sie erst mal machen lassen. Später stellte man aber fest, dass es letztendlich doch vor allem ums Geschäft geht. Und bald ging es auch um politischen Einfluss. Insbesondere in den USA.
Weil wir primär ein Musikmagazin sind, kommen wir nicht um die Frage herum nach deinen fünf Lieblingssongs, die dich politisch geprägt haben.
Das sind in loser Reihenfolge FISCHER Z mit „Cruise missiles“, Patti Smith und „People have the power“, „Fremd im eigenen Land“ von ADVANCED CHEMISTRY, „Sitting on a fence“ von THE HOUSEMARTINS und „Zombie“ von THE CRANBERRIES.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #184 Februar/März 2026 und Daniel Schubert