SIX FEET UNDER

Foto© by Stephanie Cabral

Offenes Meer

„Next To Die“ ist das 15. Album von Chris Barnes’ Band aus Tampa, Florida. Der richtige Zeitpunkt, dem gut aufgelegten Frontmann Fragen zum Älterwerden im Death Metal zu stellen.

Du bist jetzt seit fast 40 Jahren Musiker. Was hast du in dieser Zeit verloren, und was hast du dafür gewonnen?

Was ich verloren habe? Ich habe eigentlich nur auf dem aufgebaut, was ich schon hatte. Körperlich ist also nichts verloren gegangen. Ich denke eher, dass ich ein klareres Verständnis dafür entwickelt habe, was es bedeutet, ein Studiomusiker zu sein, und was alles dazugehört. Das ist wohl das, was ich gewonnen habe. Verloren habe ich nichts – außer vielleicht die Jugend, haha!

Die Frage kommt auch daher, dass ich mir nochmal ältere Aufnahmen von dir angehört und den Klang deiner Stimme verglichen habe.
Ich finde das irgendwie ein bisschen albern, so was zu machen. Aber ja, die Stimme ist natürlich dieselbe – und gleichzeitig auch nicht. Ich nutze meinen emotionalen Zustand und wie ich die Musik wahrnehme, um meinen Gesang anzupassen. Der Grundsound meiner Stimme ist gleich, aber der Ansatz verändert sich je nach Riff und Song. Wenn ich Texte und Vocals schreibe, nenne ich das gern Vocalscapes, also Gesangslandschaften über der Musik. Es ist schwer zu sagen, dass ein Track wie „Caged and disgraced“ mit einem wie „Neuroosmosis“ verwandt ist. Auch wenn die Songs brutal sind, ist der gesangliche Angriff oft ganz unterschiedlich.

Meiner Meinung nach hat sich an deiner Stimme nicht viel verändert, nur bei deinem Stimmeinsatz.
Ja, manche behaupten, sie wäre nicht mehr da, aber ich glaube nicht, dass diese Leute sich auf Fakten stützen. Das basiert eher auf ihrer eigenen Agenda. Oft mögen diese Leute mich als Person nicht oder etwas, das sie über mich gelesen haben. Dann machen sie daraus eine Kampagne gegen mich, obwohl die Musik gar nichts damit zu tun hat. Manche machen sich über bestimmte Laute lustig, dieses „Eee“-Ding, und das ist ziemlich kindisch. Das passiert seit Tag eins. Am Anfang nannten sie es „Cookie Monster“-Gesang. 1991 mochte das Magazin Kerrang! „Butchered At Birth“ nicht, weil sie die Texte nicht verstanden haben oder keine Vorstellung von Death-Metal-Vocals hatten. Ich hatte einen großen Anteil daran, diesen brutalen Death-Metal-Gesang überhaupt zu etablieren. Seit dem ersten Tag wurde ich dafür verspottet. Und was ich seltsam finde: Die Leute, die meine Musik mögen, sind oft nicht besonders laut. Aber die Leute, die mich nicht mögen, verbringen Stunden damit, darüber zu reden. Das ist irgendwie lustig. Kunst und Musik – jeder hat eine andere Meinung. Aber im Death Metal scheint es manchmal so zu sein, als müsste jeder nur eine einzige Sache mögen. Ich habe immer versucht, meine Grenzen zu erweitern. Ich glaube nicht an starre Grenzen. Manche Musiker sagen, das Wichtigste für sie sei Konsistenz, und ehrlich gesagt finde ich das fast peinlich. Konsistenz ist Fließbandarbeit. Ich will lieber etwas ausprobieren, auch wenn es manchmal nicht funktioniert. Ich stehe nicht gern im flachen Wasser. Ich schwimme lieber raus ins offene Meer und schaue, was da draußen ist.

Wenn wir schon über Grenzen sprechen: Der letzte Song des Albums, „Ill vicious“, ist für mich etwas Besonderes. Er bricht mit typischen Death-Metal-Strukturen, hat diese gesprochenen, fast geflüsterten Parts am Anfang. Kannst du etwas darüber erzählen und warum er ganz am Ende des Albums steht?
Das ist wahrscheinlich der wichtigste Song, den ich je geschrieben habe. Ich sage ungern „Reise“, weil das ein überbenutztes Wort ist, aber es ist eine sehr persönliche Geschichte für mich. Der Song bedeutet mir sehr viel. Gerade der Text ist mir wichtig. Er bewegt sich außerhalb der üblichen Grenzen und manchmal muss das sein, um etwas zu finden, das wirklich Bedeutung hat. Ich wollte etwas sehr Persönliches mitteilen. Ich habe Jack Owen gebeten, musikalisch etwas anderes zu schreiben. Es hat lange gedauert, bis ich den Track gesanglich und textlich durchdrungen habe. Es war einer der schwierigsten Songs, die ich je geschrieben habe, aber auch irgendwie magisch. Das ganze Album war das in gewisser Weise, aber dieser Titel besonders. Ich nenne diese Technik „Ghost Growling“. Das ist wie ein Schatten der eigentlichen Death-Metal-Stimme. Ich habe auch mit Layering gearbeitet, um Schatten von Erinnerungen darzustellen. Viele hören Musik heute mit Kopfhörern, und ich wollte, dass dieser Song sehr immersiv wirkt. Er besitzt eine Dunkelheit und eine Traurigkeit, die mich selbst beeinflusst. Er ist so anders, dass er nicht in die Mitte des Albums gepasst hätte, deshalb musste das „Next To Die“ damit enden.

Er wirkt auch textlich anders, introspektiver, stimmungsvoller.
Ja, es ist schwer, eine gewisse Realität aus dem Thema Massenmord zu ziehen, wenn man selbst kein Mörder ist. Aber wenn man seine eigenen Gefühle und Erfahrungen nutzt, kann das etwas Echtes werden. Musik sollte etwas auslösen, also dich zum Nachdenken bringen oder etwas fühlen lassen. Es ist wie bei Horrorfilmen. Sie setzen auf viele Effekte und Blut, aber sie hinterlassen nichts. Und dann gibt es Filme mit weniger Effekten, aber etwas Dunklem darunter, das dich wirklich trifft. Genau das möchte ich mit meinen Texten erreichen. Auch Sachen, die ich damals mit CANNIBAL CORPSE angefangen habe, diese expliziten Beschreibungen, sind inzwischen so häufig geworden, dass es etwas anderes braucht. Meine am meisten kritisierten Songs sind für mich oft die dunkelsten, weil sie auf sehr realen Geschichten beruhen. Zum Beispiel „The noose“. Viele Leute verstehen das nicht. Wenn ich so was singe, bekomme ich diese Düsterkeit nicht mehr aus dem Kopf. Ich habe solche Texte nicht geschrieben, weil ich Gewalt cool finde; ich habe es getan, weil mich diese Dinge schockiert und abgestoßen haben.

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