SKATE`N´ROCK

Foto© by Archiv

Helfen, bauen, feiern

Teil 13 unserer Serie über Menschen aus dem Punk- und Hardcore-Kosmos, die sich unentgeltlich um andere Menschen, Tiere oder gesellschaftliche Probleme kümmern, führt uns wieder in die tiefste fränkische Provinz. Genauer gesagt nach Nordheim, ein kleines Winzerdorf an der Mainschleife. Dort, zwischen Weinreben und Mainfähren, gibt es einen Verein, der sich um die Skateboard-Kultur auf dem flachen Land kümmert. Die Mitglieder des Vereins Skate`n´Rock haben die leergeräumte Maschinenhalle eines Winzerbetriebs zur Skatehalle umgebaut und geben dort Kindern kostenlosen Unterricht. Außerdem veranstalten sie seit Jahren das Skate`n´Rock ConFest, eine Kombination aus Skate-Contest und Festival auf dem örtlichen Weinfestplatz. Tobias Hauck, Vorstand des Vereins, erklärt uns, warum er und seine Mitstreiter:innen so für das Projekt brennen.

Wie, wo, wann und warum kam es zur Gründung eurer Organisation?

Obacht, da muss ich kurz ausholen: Schon in meiner frühen Jugend wurde ich „skateboardsüchtig“ und der Soundtrack dazu war relativ schnell klar mit Punkrock und Hardcore besiegelt. Sozialisiert wurde ich ohne Internet in meinem Heimatdorf Sommerach – später im Schweinfurter Stattbahnhof und im Immerhin in Würzburg –, in dem es zum Glück auch Leute gab, die keine Onkelz gehört haben, sondern weltoffene Menschen waren, die kurz nach der Jahrtausendwende schon ein Umsonst & Draußen-Punk-Event namens Cheap-Fries Festival auf einem Acker am Main organisiert haben. Da bin ich so als 14-jähriger Skaterboy mit reingewachsen und mein Traum war es immer, dass auf dem Festivalgelände auch Rampen zum Skaten stehen. Bis ich für so ein Vorhaben die nötige Erfahrung hatte, war das Cheap-Fries Festival leider schon wieder Geschichte. Verantwortlich dafür sind vermutlich die gleichen Konservativen, die auch daran schuld waren, dass das mit dem DIY-Skateplatz in Sommerach, wo ich im Alter von 16 Jahren die ersten Skate-Contests organisiert habe, dann auch nicht funktioniert hat ... Als Jugendratssprecher dieses Dorfes habe ich mich schon immer für mehr selbstbestimmte Freizeitbeschäftigungen engagiert, weil Jugendarbeit eben nicht bedeutet, dass Jugendliche im Weinberg arbeiten!

Wie ging es weiter?
Besagter DIY-Skateplatz musste aus Gründen weg und glücklicherweise haben wir mit unseren selbst gebauten und selbst finanzierten Rampen fünf Kilometer weiter eine neue Heimat gefunden. Dank meines Freundes Schaffer-Michel und seiner Familie, der Dorfjugend und dem damaligen Bürgermeister von Nordheim am Main konnten wir uns auf dem asphaltierten 1.700-qm-Festplatz gut entwickeln. Da hatte ich 2009 nach 16 Schuljahren auch mein Abi in der Tasche und konnte, nach erfolgreicher Ausmusterung durch Skateboard-Verletzungen, in dem langen Sommer vor Studienbeginn das erste Skate`n´Rock ConFest organisieren. Damals waren wir aber einfach eine Skate-Crew und ein Freundeskreis – rückblickend kann man dazu eventuell NGO/NPO sagen. Die Haftung lag allerdings komplett privat bei mir als Veranstalter. Nachdem immer wieder Post vom Finanzamt kam und sogar mal die GEMA in Zivil da war, wurde langsam klar, dass es Sinn machen würde, eine anerkannte Rechtsform zu haben. Also habe ich 2015 im Rahmen meines pädagogischen Masterstudiums – M.A. Innovation und Management im Bildungswesen – den SnR e.V. als praktisches Forschungsprojekt gegründet und mit Note 1,7 bestanden. Danke an dieser Stelle an meinen entspannten Professor von der Uni Erfurt.

Wer waren damals die Ideengeber:innen und „Köpfe“, wer ist es heute?
Da durch ADHS in meinem Kopf permanent ein kreatives Feuerwerk an fantastischen Ideen abläuft, habe ich vermutlich irgendwann die Idee gehabt und wie gewöhnlich alles vom Hundertsten ins Tausendste zerdacht. Als Teil der MtF*-Crew – Mofa to Fakie*, so heißt unsere lokale Skate-Crew – haben wir das dann gemeinsam aufgezogen. Heute, nach fast zehn Jahren Vereinsgeschichte, sind überwiegend noch dieselben schönen Köpfe in der Verantwortung wie am Anfang, nur dass die Gesichter und Körper dazu eventuell etwas gealtert sind. Klar kommen immer wieder mal jüngere Motivierte nach, aber es sind tatsächlich bisher nicht so viele, dass alle von uns Ü40 das ConFest einfach nur als Gast genießen könnten.

Was ist die Geschichte zu eurem Namen?
Offensichtlich beeinflusst vom Musikgenre Skatepunk bin ich auch ein Fan der sogenannten „Skate Rock Tour“ vom Thrasher Magazine aus Kalifornien. Um unser Programm direkt zu im Namen haben, kam ich darauf, als Vereinsname Skate und Rock mit einem teuflisch gehörnten `n´ zu verbinden und dazu passend aus Contest + Festival = ConFest zu kreieren. Als wir dann sieben Jahre später den Verein gründen wollten, standen anfangs verschiedene Optionen im Raum, bis einer meiner Punkrock-Mentoren aus Cheap-Fries-Zeiten zu mir sagte: „Nenn doch einfach das Kind beim Namen!“

Welche Ziele habt ihr euch gesetzt?
Die offiziellen Vereinsziele laut Satzung zur Förderung des Skateboard-Sports sind: Die Organisation von regelmäßigen Förderveranstaltungen wie Skateboard-Wettbewerben. Die Etablierung eines wöchentlichen, kostenfreien, offenen Skate-Treffs in Nordheim am Main, zur Integration von einheimischen und zugezogenen Kindern und Jugendlichen. Die jährliche Fortführung unseres SnR-ConFest als Jugendförderveranstaltung: weltoffener Skate-Contest & Rock-Festival in Nordheim am Main. Die Veranstaltung weiterer Events und Projekte, um Skateboarding in der Region zu fördern. Außerdem die Instandhaltung und Erneuerung des Nordheimer Skate-Parks, mit teilweise noch Holzrampen im Hochwassergebiet. Realisierung und Betrieb einer wetterfesten Skate-Halle, die einzige im Landkreis Kitzingen. Und Betrieb einer echten Halfpipe als Alleinstellungsmerkmal in der Region. Der erste Entwurf meiner Vereinssatzung sah im Prinzip vor, die ganze Welt zu retten, und hatte gleich mehrere gemeinnützige, förderungswürdige Zwecke nach § 52 der Abgabenordnung, bis dann ein alter weißer Mann im Finanzamt in seinem analogen Büro ohne genutzter EDV nach wochenlanger Diskussion per Briefpost darauf bestand, dass es nur einen Förderzweck geben darf, und er legte dann quasi fest, dass wir ein Sportverein sind. Der Rest meiner Weltverbesserungsgedanken hat es danach immerhin in unsere Vereinsordnung geschafft und wird seither einfach mitgelebt.

Welche wichtigen Aktionen und Erfolge gab es in der jüngeren Vergangenheit?
Wir sind vom Jugendamt anerkannter Träger der freien Jugendhilfe und haben 2022 den Ehrenamtspreis in unserem Landkreis gewonnen. Daraufhin wurden wir auch für den Deutschen Engagementpreis nominiert. 2018 war unser zehnjähriges SnR ConFest-Jubiläum und mit WALK THE PLANK hatten wir das erste Mal eine Hardcore-Band aus USA in unserem Dorf und als Headliner die legendären KNOCHENFABRIK. Durch die Pandemie-Pause fallen nun 2025 unser zehnjähriges Vereinsbestehen und das Skate`n´Rock ConFest #15 zusammen. Ideen für Highlights gibt es da viele, verraten wird aber noch nix.

Mit welchen Risiken ist euer Engagement verbunden? Seid ihr Anfeindungen ausgesetzt, werdet ihr kriminalisiert?
Ich würde behaupten, dass wir als Skater und Punkrocker allgemein leider immer noch von „den Leuten“ mit gewissen stereotypen Klischees in Verbindung gebracht werden. Als SnR e.V. haben wir uns hier in der Region allerdings fest etabliert und uns in der Gesellschaft mit unserer offenen Kinder- und Jugendarbeit einen guten Namen gemacht. Wir sind vor allem in der Skateboard-Szene auch bundesweit bekannt.

Wie viele ehrenamtliche und hauptberufliche Mitarbeitende habt ihr?
Die 16 rotierenden Coaches für unseren offenen Skate-Treff jeden Sonntag können seit 2023 für ihre ehrenamtlich geleisteten Stunden in der offenen Kinder- und Jugendarbeit eine Aufwandsentschädigung über die steuerfreie Übungsleiterpauschale bekommen, was viele davon aber gar nicht beantragen, weil sie sagen, dass sie das einfach gerne machen, solange sie die Zeit dafür haben. Seit der Abstimmung in der letzten Jahreshauptversammlung im März 2024 haben wir mit einer überwältigenden Mehrheit nach 15 Jahren reiner ehrenamtlicher Aufbauarbeit beschlossen, einen Geschäftsführer auf Minijob-Basis anzustellen. Das heißt, ich bekomme seitdem für einen Teil meiner Arbeit im wirtschaftlichen Bereich den Mindestlohn bis zur Freibetragsgrenze und alles darüber hinaus mache ich weiterhin ehrenamtlich.

Wo ist der Sitz oder die Zentrale eurer Organisation?
Vereinssitz ist 97334 Nordheim am Main. Ein 1,000-Seelen Winzerdorf in Unterfranken zwischen Würzburg und Schweinfurt. Unser gemeinnütziger Skateboard-Förderverein hat vor Ort seit 2016 eine kleine Skatehalle, die leider längst viel zu klein ist für unseren Bedarf, und seit 2018 ein winziges Vereinsheim in einer Hütte direkt daneben als Sozialraum. 2020 kam eine richtige 1990er-Jahre-Halfpipe mit 3,5 Metern Höhe dazu.

Wie viele Mitglieder beziehungsweise Unterstützer:innen habt ihr? Beschreibt doch mal die „typischen“ Unterstützer:innen.
Unser gemeinnütziger Verein hat aktuell 231 Mitglieder, davon etwa 100 passive Fördermitglieder, die im Gegensatz zu den aktiven Mitgliedern unsere Sache „nur“ mit ihrem Jahresbeitrag unterstützen, aber nicht unbedingt bei unseren Events mithelfen. Dafür haben wir da aber noch zusätzlich einige fleißige Helfer:innen, die gar nicht Mitglied sind und trotzdem einfach Bock haben sich zu engagieren. Das funktioniert bei uns nämlich auch, wenn man es mit der Vereinsmeierei nicht ganz so eng sieht. Ohne diesen wunderbaren ehrenamtlichen Zusammenhalt in unserem großen SnR-Freundeskreis wäre unser ConFest nicht umsetzbar, da bei diesem Ein-Tages-Festival alleine rund 100 Getränkestand-Schichten anfallen, dazu Judges, Moderator:innen, Bandbetreuer:innen, Merchandise- und Tombola-Verkäufer:innen gebraucht werden.

Was könnt ihr leisten, was eine staatliche oder konfessionelle Organisation nicht kann?
Unbürokratische Hilfe, unabhängige politische Bildung ohne Einflüsse von Parteien oder Religionen. Ein Skateplatz ist nämlich nicht nur ein Bewegungs- und Begegnungsort, sondern auch ein Bildungsort, an dem durch informelle Bildung auch die Identitätsfindungsphase von Heranwachsenden für ihr weiteres Leben mitgeprägt wird.

Welche konkrete Arbeit leistet ihr?
Wir bieten kostenfrei vor allem offene Kinder- und Jugendarbeit mit Hilfe von Skateboarding für Anfänger:innen und Fortgeschrittene unabhängig von Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung, kulturellem oder sozialem Hintergrund, Einkommen, Ausbildung, Religion und Glauben, psychischen, physischen und gesundheitlichen Bedingungen oder Einschränkungen. Dabei ist es egal, ob man das Skateboard als Sportgerät, Integrationswerkzeug, Selbstwirksamkeits-Instrument oder Kulturmedium bezeichnet. Fakt ist, dass es funktioniert, wie ich in meiner Masterarbeit „Integration durch Skateboarding“ belegt habe. Skateboarding ist so individuell wie vielseitig und alle Möglichkeiten sowie Facetten haben aus meiner Sicht ihre Daseinsberechtigung, solange sie sich gegenseitig mit Respekt und Toleranz begegnen und niemanden diskriminieren.

Wofür verwendet ihr das Geld, das euch gespendet wird? Und habt ihr so was wie ein Spendensiegel oder wie wird gewährleistet, dass mit den Spenden satzungsgemäß umgegangen wird?
Alle Einnahmen werden überwiegend für unsere eigenen Satzungsziele verwendet. Zudem unterstützen wir andere gemeinnützige Organisationen und Projekte wie „Skateistan“, „Viva con Agua“, „Seapunks“, „Kein Bock auf Nazis“ und im Sinne der Nachwuchsförderung selbstverständlich die Kita im Dorf. Mit dem Thema Spendensiegel habe ich mich ehrlich gesagt bis gerade eben noch nicht beschäftigt. Unsere Gemeinnützigkeit wird vom Finanzamt mit Hilfe unseres jährlichen Tätigkeitsnachweises mit der Steuererklärung regelmäßig bestätigt und berechtigt uns dazu, Spendenquittungen auszustellen. Das war bisher immer ausreichend.

Wie kann man euch unterstützen? Nur mit einer Spende oder auch mit aktiver Mitarbeit?
Spenden helfen tatsächlich immer unkompliziert. Die seit Jahren gewünschte größere Skatehalle zur Verfügung gestellt zu bekommen, wäre auch eine sehr willkommene Unterstützung. Ansonsten kann man natürlich gerne Mitglied werden und aktiv mitmachen. Mitgliedsanträge finden sich auf unserer Homepage. Unser Vereinsmotto ist „Wir helfen – Wir bauen – Wir feiern“ ... und zwar in dieser Reihenfolge und das immer wieder von vorn. Denn wenn niemand helfen würde und keiner etwas aufbauen würde, dann könnte man auch nicht so gut feiern!

Habt ihr prominente Fürsprecher:innen aus dem Musik- und Kulturbereich? Wer ist das, und warum passen die zu euch?
Da fällt mir direkt Hubi von VCHC-Partys ein, der es mit seinem Projekt „Wine for Punx“ immerhin schon mal ins Ox-Fanzine geschafft hat. Er ist seit dem ersten SnR-ConFest einer unserer Moderatoren und hat schon mit allen seinen Bands für den obligatorischen Kasten Bier bei uns auf der Bühne gespielt. Als Vereinsmitglied hat er dann irgendwann vor unserem zehnten Jubiläum 2018 das Booking übernommen, auch um mich zu entlasten. Zudem hat er es geschafft, dass Skateboard Promi Steve Caballero mit seiner Band URETHANE bei uns im Dorf gespielt hat und mit uns vor der Show eine Skate-Session gefahren ist. Das war legendär.

Anzeige