SONDASCHULE

Foto© by Flo Ehlich

Das Ende war nie Thema

Auch wenn er im Interview von sich als „Strahlemann“ auf der Bühne spricht, haben Costa Cannabis und seine Mitmusiker von den gefühlt immer gut aufgelegten SONDASCHULE schwere Jahre hinter sich. Kurz vor der Veröffentlichung ihres letzten Albums „Unbesiegbar“ 2022 starb Gitarrist Daniel „Blubbi“ Junker – und alles war auf den Kopf gestellt (siehe Ox #159). Unbesiegbar? Das stand plötzlich infrage – bis jetzt. Bis zur neuen Platte „Wir bleiben wach“, gleichermaßen Seelentröster und Aufbruchsstimmungsverbreiter im Tonträgerformat. Und mit einem Sänger Costa, der in den Songs wie hier im Interview wieder das Leben feiert.

Costa, auf dem neuen Album singst du im gleichnamigen Song von „Sex, Kokain und frischer Luft“ in Hollywood. Die vermeintlich höchste Stufe des Ruhmes und Promi-Lebens. Wie weit ist der Weg bis dahin noch für euch?

Ich habe all das zum Glück, bis auf die frische Luft und Hollywood, schon durchgehabt in meinem Leben. Und zwar schon mit 20. Ich habe alles, was man so ausprobieren kann, sehr früh auch ausprobiert. Und deswegen passiert mir so was höchstens im Traum, wenn ich Charlie Sheen treffe – so wie in diesem Song. Ich fand das Bild einfach sehr lustig. Zudem ist Kokain ja gerade in der heutigen Zeit ein Thema, das die Menschen erschreckenderweise sehr, sehr krass beschäftigt. Früher war es ja das Kiffen, was heimlich passieren musste. Jetzt ist das legal. Also liegt es nahe, dann härtere Dinge auszuprobieren, denn ich glaube, die Kids mögen das Verbotene besonders. Genauso, wie es mich damals gereizt hat, mit Joints anzufangen und die heimlich zu rauchen. Dieser Reiz ist aber wirklich lange schon verflogen.

Eure neue Platte „Wir bleiben wach“ kommt drei Jahre nach dem Vorgänger „Unbesiegbar“ heraus. Würdest du sagen, ihr seid in gewisser Hinsicht immer noch so unbesiegbar wie damals?
Gefühlt auf jeden Fall. Zu der Zeit damals hatten wir den Titel ja unter anderem auch gewählt, weil wir zuvor jahrelang ein Produzententeam, ein Label und ein Management gehabt hatten – und uns auf einmal von allem trennten, um einen anderen Weg einzuschlagen und uns auf uns selbst zu verlassen. Denn wir haben über die Jahre gelernt: Es kann sich niemand besser um einen kümmern als man selbst. Man muss sich dabei nicht auf andere Leute verlassen. Und das war der Grund, warum wir die Platte damals „Unbesiegbar“ nannten. Wir wussten, wir sind als Band einfach schon derart lange zusammen und machen unser Ding, dass wir uns all das auch alleine zutrauen. Klar, vom ehemaligen Produzenten und Label hieß es damals eher: Ja, macht ihr mal, ihr werdet schon merken, dass ihr uns braucht ... Aber es hat ganz gut funktioniert. Und dann ist unser Freund und Gitarrist Blubbi ja leider plötzlich verstorben, was uns ziemlich umgehauen hat. Wo wir ein Jahr lang auch gar keine neue Musik mehr geschrieben haben und aus unserem normalen Zwei-Jahres-Rhythmus in Sachen Platten gerissen wurden. Wir mussten erst mal ein Jahr lang versuchen, das zu verarbeiten und irgendwie damit klarzukommen, und haben dann gemerkt: Vielleicht hat das Universum uns, den Unbesiegbaren, kurz einen mitgegeben. So nach dem Motto: Seid mal nicht zu selbstsicher ... Über so was denkst du in solch einer Situation eben nach. Aber wir haben es dann doch wieder hinbekommen, ein Album zu schreiben. Wir sind wieder eine komplette Einheit als Band. Und uns macht das alles noch derart viel Spaß, dass wir irgendwie wirklich unbesiegbar geworden sind. Ja, das mit Blubbi tut weh! Aber wir sind eben noch da und halten das Gedenken an ihn aufrecht. Wie der Albumtitel sagt: Er ist tot. Aber „Wir bleiben wach“ und machen weiter. Auch für ihn. Er wäre ohnehin der Letzte gewesen, der gesagt hätte: Jetzt muss das alles enden.

Gab es tatsächlich keinen Gedanken ans Aufhören, keine Zweifel?
Nein. Wir haben nie darüber nachgedacht. Es war ein Schlag in den Magen, den man verarbeiten musste und der auch sehr lange sehr wehtat. Beziehungsweise, um bei diesem Bild zu bleiben, da ist schon die Milz gerissen bei dem Schlag. Aber das Ende war nie Thema.

Inwiefern hat der Tod eures Freundes die Band verändert?
Auf jeden Fall dahingehend, dass jetzt zum ersten Mal auch ein bisschen Melancholie in den Texten und in dem einen oder anderen Song mitschwingt. Die ersten drei Stücke, „Wir bleiben wach“, „Weit, weit weg“ und „Auf einen neuen Tag“ drehen sich ja um, ich sage mal, das Thema Blubbi. Irgendwann sagte unser Produzent Vincent Sorg dann auch zu mir: „Sag mal, Costa, musst du sterben?“ Ich antwortete: „Ich? Wieso denn ich?“ Und dann er: „Weil du nur noch Lieder schreibst, die genau so klingen.“ Und da habe ich gemerkt: Ja, das stimmt. Eigentlich müsste das Album vielleicht ein bisschen vielfältiger werden. Nichtsdestotrotz mussten diese drei Stücke erst mal raus, um all das zu verarbeiten. Aber ab diesem Punkt ging auch das SONDASCHULE-Typische wieder los. Da ist irgendwie ein Knoten geplatzt und ich habe mich wieder auf mich konzentriert und über das getextet, was mich darüber hinaus und aktuell beschäftigt in der Welt. Sprich: Dann haben wir den Rest des Albums geschrieben. Wir waren ja zuvor nie melancholisch gewesen. Wir haben immer schon die positiven Seiten des Lebens besungen und gesagt: Den Rest lachen wir weg! Das war und ist ja unser Credo. Als wir es zuließen, dass es ein bisschen melancholischer wird, war das das erste Mal, dass wir uns überhaupt daran wagten.

Noch mal nachgefragt zu Vincent Sorg: Inwiefern hat er möglicherweise dabei geholfen, Blubbis Tod zu verarbeiten? Gab es vor Beginn der Aufnahmen erst mal zwei Tage lang nur Gespräche über dieses Drama, ehe es ans Spielen ging? War er auch ein Psychologe und Seelentröster für euch?
Ja. Wir haben ja nach Blubbis Tod auch außerhalb des Studios viel mit ihm darüber gesprochen. Wobei, wir sind jetzt keine Stuhlkreis-Band geworden. Wir haben schon sofort angefangen, Musik zu machen bei ihm. Das stand im Fokus. Und da ist Vincent letztlich ein echter Master of Puppets, sage ich immer. Oder ein Master of Pieces. Vince hat immer einen sehr, sehr guten Überblick. Und er hat mit Sicherheit auch sehr großen Anteil daran, dass diese Band wieder so gut funktioniert – gerade mit neuen Leuten an der Gitarre und am Schlagzeug. Wir sind wieder so harmonisch und wissen, dass wir eine Band sind. Das alles gehört bei ihm dazu. Vince hat so viel Weitsicht und ein Bild davon, wo eine Band hin soll – und ohne, dass man es merkt, ist man plötzlich da!

Da klingt das Positive, der Optimismus durch. Gab es einen konkreten Zeitpunkt, an dem ihr genau wusstet: Wir waren im Loch, aber jetzt kann es wirklich weitergehen?
Das war eher schleichend. Nachdem Blubbi gestorben war, hatten wir fünf Wochen später schon den ersten Auftritt. Wir hatten eigentlich keine richtige Pause und merkten am Anfang, das ist verdammt schwer! Ich bin ja eigentlich jemand, dem man nachsagt, er sei ein Strahlemann auf der Bühne. Ich stünde die ganze Zeit da und grinse, weil ich mich so freue. Aber das war die ersten Male nach Blubbi gar nicht möglich. Doch wie man immer sagt: Wenn man vom Pferd fällt, sollte man schnell wieder aufsteigen, sonst schafft man das nie wieder. Und im Endeffekt haben wir genau das einfach gemacht. Ich denke, es war der richtige Weg, das auf der Bühne zu verarbeiten, in aller Öffentlichkeit, und sich nicht in ein Loch zu verkriechen, aus dem man vielleicht nie wieder rauskommt. Salopp gesagt, wir sind, in dem Fall zwar nicht lachend, lieber in die Kreissäge reingerannt, als die ganze Zeit zu warten, dass es besser wird. Und unsere erste Tour zum „Unbesiegbar“-Album war einfach auch schon so, dass wir uns wieder ein bisschen daran gewöhnt hatten, wie es auf der Bühne in anderer Konstellation funktioniert und dass das jetzt auch in Zukunft so sein würde. Und das war dann schon unfassbar schön. Klar, es gibt da immer noch diese Momente, gerade bei Songs, die wir Blubbi gewidmet haben ... Und der erste Sommer nach ihm hat auch nicht wirklich Spaß gemacht. Aber er war Therapie. Es war wichtig, das zu machen und das nicht irgendwie ausfallen zu lassen. Wir haben ja ohnehin noch nie ein Konzert ausfallen lassen.

Noch nie?
Nein. Wir waren mal irgendwo in Bottrop, das ist jahrelang her, da hing nur ein Zettel an der Tür, dass das Konzert mit uns heute nicht stattfinde, weil irgendwer krank sei. Da wurden wir noch nicht mal benachrichtigt. Die Fans sowieso nicht. Und da haben wir uns geschworen: Bei uns fällt nichts aus! Also haben wir gewartet, bis alle Fans da waren – und haben sie mitgenommen in unseren Proberaum zum Gig, haha. Wir standen ja auch schon heftig krank auf der Bühne. Gerade bei unserem Abschlusskonzert zur „Unbesiegbar“-Tour in der Turbinenhalle Oberhausen. Da hatte ich morgens über 40 Fieber und habe mir alles an Tabletten reingeknallt, was geht. Ehe wir dreieinhalbtausend Leuten sagen „Bitte geht nach Hause, wir holen das nach!“, ziehen wir das lieber durch.

Und wenn der Arzt widerspricht?
Der Arzt weiß nichts. Der ist kein Punkrocker, haha. Ich glaube, ich würde ein Konzert auch durchziehen, wenn mir die Stimme komplett wegfiele.

Du sprichst vom „Strahlemann“ auf der Bühne, der du immer bist. Aber hast du auf der Bühne je geweint?
Ja, klar. Gerade die ersten Konzerte ohne Blubbi waren so. Da sind wir von der Bühne runter vor der Zugabe – und haben alle geheult. Alle. Alle lagen sich in den Armen und wir sind noch mal raus und haben weiter geheult. Mir ist dabei auch mehrfach kurz die Stimme weggegangen. Und auch zuletzt in London, als wir da aufgetreten sind, haben wir nach dem Konzert geheult – weil wir genau wussten, wie sehr Blubbi es geliebt hätte, gerade dort, mitten in Camden Town vor 650 Leuten, zu spielen. Aber das war nicht mehr ein Weinen vor Trauer – diese Tränen sind alle schon vorher geflossen –, sondern eher vor Freude, dass wir da waren. Auch für ihn.

Kommen wir mal zum Albumtitel: „Wir bleiben wach“. Klar, das ist auf Blubbi bezogen. Aber es könnte auch, obwohl ihr keine ausgewiesen politische Band seid, auf die aktuelle Lage in Deutschland und der Welt gemünzt sein. Nach dem Motto: Wir bleiben wachsam, halten die Augen offen und schauen genau hin, was passiert.
Absolut. Wir hatten diesen Gedanken auch von Anfang an und lieben es ja, wenn solche Dinge so ein bisschen auslegbar sind. Aber wir hatten auch ein wenig Angst davor, es so offensiv zu benennen, weil die Schlafschafe ja angeblich wir sind – und die anderen, die Schwurbler, sind wach. Letztlich schlafen wir keineswegs. Und wo wir politisch stehen, das müssen wir auch nicht mehr erklären. Das weiß eh jeder. Soll heißen: Es ist völlig in Ordnung, wenn man diesen Titel auch so auffasst. Und es ist nicht komplett ungewollt.

Im Song „Ärgerlich“ geht es darum, dass man sich nicht über alles, was einem so alltäglich passiert und schlecht ist, so tierisch ärgern sollte. Bist du empfänglich für unnötigen Ärger über lächerliche Dinge?
Nein, ich ärgere mich selten über irgendetwas. Und wenn, sehe ich meist das Gute darin. Jeder Scheiß, egal, wie groß er ist, hat auch was Gutes. Und daran probiere ich festzuhalten. Zu diesem Song kann ich als kleine Anekdote vielleicht kurz erzählen, wie wir darauf gekommen sind ... Wir waren in Barcelona, mit den DONOTS und MONTREAL, um uns dort die Final Tour von NOFX mit drei Konzerten an drei Tagen anzuschauen. Wir machen immer gerne Städtereisen in andere Länder für so was. Und unser Gitarrist Mirko hat am ersten Abend gesagt: „Ich knalle mir jetzt mal so richtig einen rein.“ Wir haben uns etwas zum Dampfen geholt. Der Kumpel, bei dem er wohnte, hatte zudem noch Pilze. Und dann hat er sich das alles reingeschraubt – und am ersten Abend schon sein eigenes Bett nicht mehr gefunden und in einem anderen Bett geschlafen. Er hat nicht ein einziges Mal in seinem eigenen Bett geschlafen in diesen Tagen. Am Morgen kurz vor dem Abflug hat Hirsch von MONTREAL ihn dann gefragt, was er denn dazu sage, dass ihm das ausgerechnet bei einer Reise nach Barcelona passiert sei. Und alles, was Mirko dazu sagte, war: „Ja, ärgerlich.“ Mit so einem subtilen, lustigen Unterton. Das war ihm so was von scheißegal, haha. Und da wusste ich: Wir haben einen Song fürs Album!

An anderer Stelle auf der Platte singst du: „Ich habe heute gute Laune, man muss ja auch mal fröhlich sein. Ich trinke nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Fast versprochen – besoffen.“ Das hört sich sehr lustig an. Aber kann man so etwas heutzutage noch singen, wo so vieles – und das oftmals ja auch zu Recht – auf die Goldwaage gelegt wird, ohne einen Shitstorm zu befürchten?
Ich sage mal so: Wir kennen uns ja mit dem Thema Sucht sehr, sehr gut aus. Und wenn man die ganze Zeit darüber nachdenkt, wie schlimm das ja eigentlich ist, dann wäre das Leben wahrscheinlich nicht mehr so schön, wie es gerade ist. Wenn man ein bisschen mit Humor an dieses Thema rangeht, dann kann man so etwas, glaube ich, machen. Wir haben jedenfalls noch nie einen Shitstorm bekommen. Nimm unseren Namen: Was den angeht, wissen ja alle: die meinen das nicht böse. Ich glaube, dass das dann in Ordnung ist. Ein paar Reaktionen gab es nur mal anlässlich einer Aktion beim Ruhrpott Rodeo. Da hatten wir Feuerlöscher mit Bier befüllen lassen und das dann in die Menge geschossen. Andere haben Feuerwerk, wir wollten so was ausprobieren. Und im Nachhinein haben wir einige Nachrichten von Leuten dazu bekommen. Einer schrieb: „Ich bin trockener Alkoholiker. So richtig geil war das nicht. Und wäre cool, wenn ihr noch mal darüber nachdenkt.“ Und da habe ich auch zurückgeschrieben: „Hey, so weit haben wir natürlich, wie immer, gar nicht gedacht. Wir Idioten. Das tut uns sehr leid.“ Wir sind ja auch die Letzten, die dann nicht reflektieren können.

Und noch eine Songzeile: Du singst: „Lass die Welt dich nicht verändern.“ Gab es irgendeinen Punkt, an dem du schon mal Gefahr gelaufen bist, dass sie dich doch verändert?
Ich habe das Gefühl, diese Welt versucht, alle zu verändern. Immer. Und ich glaube auch, dass sich gerade in den letzten paar Jahren viele Menschen verändert haben. Woran auch die sozialen Medien schuld sind. Jeder guckt nur noch auf sein Handy und lässt sich den ganzen Tag beballern mit TikTok und Ähnlichem. Man wird den ganzen Tag voll beschossen – und die Betreiber dieser Plattformen wissen genau, dass die einen direkten Draht in unser Gehirn gefunden haben. Streng genommen hat ja sogar jeder einzelne Mensch den Weg in die Hirne anderer Leute gefunden. Einen direkten Weg – ohne zu reden, ohne wirklich zu kommunizieren. Selfies, Posts, immer, jederzeit. Deswegen habe ich auch immer noch kein WhatsApp, kein Instagram, kein Facebook. Ich nutze das alles nicht, weil ich mich von Anfang an bewusst dagegen entschieden habe. Für mich ist es einfach wichtig, dass ich das Leben spüre.

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