© by BandAls das Jahninselfest 2024 im wahrsten Sinne ins Wasser fiel und notgedrungen auf einen Abend für die internationalen Gäste in der Alten Mälzerei in Regensburg verkürzt wurde, waren auch SOVIET SPACE DOGS Teil des ursprünglich geplanten Line-ups. So musste ein weiteres Jahr vergehen, bis ich ihr gelungenes Debütalbum „Wrong Direction“ in die Hände bekam, „Eine coole Mischung aus DEADLINE, SUPERSPY, ROCKET UPPERCUT und SOFA HEAD mit Rock-, Pop-Punk-, Indie- und Grunge-Elementen“, um mich selbst zu zitieren.
Werfen wir einen Blick in den Südosten der Republik, in die Bezirkshauptstadt Regensburg, aus der so coole Bands wie 1860 WUTENTBRANNT, BOOT DOWN THE DOOR, ERADICATE, GROWING MOVEMENT, JOHN DEERE, THE PROSECUTION, TRI-ANGER, USE TO ABUSE, WUNDERGROUND oder ZWEI TAGE: OHNE SCHNUPFTABAK kamen, um nur einige zu nennen. Dass sich Regensburg im Vergleich zu den eben genannten Bands in den letzten Jahren auch musikalisch verändert hat, darüber sprachen wir mit Susi (voc), Modl (dr), Ingä (gt) und Michi (bs).
Erzählt doch mal, wer ihr seid und wie ihr euch definiert.
Michi: Uns eint wohl, dass wir alle aus der Punk-Richtung kommen. Von dort aus gibt es aber ganz unterschiedliche Verästelungen, was unsere Hörgewohnheiten angeht. Von Punkrock über Hardcore bis hin zu Indie und folkigen Sachen ist vieles vertreten. Als meinen Haupteinfluss würde ich auf jeden Fall die Bands rund um das Dischord-Label sehen, allen voran FUGAZI. Daneben WIPERS, KARATE, DISMEMBERMENT PLAN, TON STEINE SCHERBEN oder argentinische Bands und Musiker wie Luis Alberto Spinetta. Seit einigen Monaten läuft „Moon Mirror“ von NADA SURF in der Endlosschleife. Ingä ist seit vielen Jahren bei RATHER RACCOON aktiv, ich war in den letzten Jahren vor allem mit BRUSHES HELD LIKE HAMMERS, WASSERMANNS FIEBERTRAUM und UMAMI unterwegs. Als Jugendliche in Straubing haben wir beide in einer Deutschpunk-Band gespielt, mit der wir viel rumgekommen sind.
Mit Bandnamen ist das so eine Sache. Als Hörer nehme ich das so hin und assoziiere damit im besten Fall gute Musik. Mit der Sowjetunion verbinde ich persönlich nichts Positives. Wie wollt ihr dem entgegenwirken?
Modl: Dem entgegenzuwirken ist gar nicht unser Anliegen. Wir fanden die Geschichte der sowjetischen Weltraumhunde spannend. Sie ist grausam, aber auch, na ja, sehr süß. Laika, die wohl bekannteste Hündin, hat nicht überlebt. Belka und Strelka dagegen schon. Als erste Lebewesen, die einen Weltraumflug überlebt haben, wurden sie danach geradezu kultisch verehrt, sind aber hierzulande fast unbekannt. Ein Strelka-Welpe wurde von Chruschtschow den Kennedys geschenkt. Dies führte zu einer Phase der Entspannung zwischen der UdSSR und den USA. Das ist in vielerlei Hinsicht interessant. Daran wollten wir irgendwie erinnern, und außerdem klingt der Name einfach gut.
Gibt es Bands aus der Region, die euch beeinflusst haben?
Ingä: Ich glaube nicht, dass es eine Band aus der Region gibt, die uns musikalisch stark beeinflusst hat, aber viele ein bisschen. FACE THE THREAT gab es nur kurz, aber ich fand sie live sehr stark, genauso wie KIZZY SUZUKI, da ist viel Energie auf der Bühne. Die IRISH HANDCUFFS-LP „Transitions“ läuft öfter und SIKK LIKKZ finde ich im Moment auch sehr spannend. Musikalisch haben uns auf jeden Fall Bands wie HOLE oder PRESS CLUB mehr beeinflusst.
Seid ihr nicht auch in dem Proberaumzentrum, das einst von THE PROSECUTION mitten in Regensburg aus der Taufe gehoben wurde?
Michi: Ja, das stimmt. Hier ist immer noch viel los. Wir teilen uns den Proberaum mit PARKPUNK, IRISH HANDCUFFS und ERECTION. Einen so gut ausgestatteten Raum mit so tollen Leuten zu teilen, ist in Zeiten von horrenden Mietpreisen und der Verdrängung von Kunst und Kultur aus den Innenstädten leider keinesfalls selbstverständlich und ein großes Glück. Außerdem gibt es neben unserem noch andere Räume, in denen zum Beispiel UNARMORED oder AGE OF RATS proben. Außerdem befindet sich hier das Reh mit Rucksack-Tonstudio von Tini von THE PROSECUTION.
Ingä, du schreibst die Texte, Susi singt sie.Wie entstehen die Gesangsharmonien und inwieweit kannst du, Susi, dich als Sängerin damit identifizieren?
Susi: Ingä schreibt die Texte, wofür ich ihm sehr dankbar bin, da sich meine Qualitäten in diesem Bereich in Grenzen halten. Er bringt auch oft eine gewisse Idee für die Gesangsmelodien mit, die ich dann meistens etwas anpasse. Wenn der Text für mich unklar ist, sprechen wir darüber. Es gab noch keinen Text, mit dem ich nicht d’accord war, da wir bisher bei allen Themen ähnliche Ansichten und Erfahrungen hatten.
Was war die ursprüngliche Intention des Textes im Titelsong „Wrong direction“ und inwiefern könnte es eine Anti-Hymne für die Generationen Z und Alpha werden?
Ingä: Ursprünglich ging es um schwerkranke Kinder, die keine Aussicht auf ein langes Leben hatten. Während des Schreibens habe ich gemerkt, dass der Text leider auch sehr gut zur Gesamtsituation passt, sei es die Klimakrise, der politische Rechtsruck der Gesellschaft, die auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich oder andere drängende Themen. So habe ich mehr Interpretationsspielraum gelassen. Für mich ist es nicht so sehr eine „Anti-Hymne“, sondern eher ein Appell. Letztlich geht es auch darum, die deprimierende Realität zu überwinden, um Träume verwirklichen zu können. Und da zähle ich schon auf die Generationen Z und Alpha. Sonst wird das nichts.
An wen richtet sich der Song „I don’t care“?
Ingä: Ganz konkret an Schwurbler:innen, die von Aussagen wie „Ich will mich nicht impfen lassen!“ schnell zu Teilnehmer:innen faschistischer Aufmärsche werden und sich immer wieder als Opfer stilisieren, dabei natürlich immer auf der Suche nach einem neuen Feindbild sind und sich eigentlich nur für sich selbst interessieren. Da bleiben wir ganz klar bei: „We don’t feel sorry for you“.
Ich hatte in den 1990ern ein tolles Leben in Regensburg, aber ich frage mich, ob ich mir das heute noch leisten könnte. Ich nehme an, „I see“ thematisiert das.
Ingä: Das stimmt leider. Die Gentrifizierung ist in einer Studierendenstadt wie Regensburg längst in vollem Gange. Hier wurden zum Beispiel Sitzgelegenheiten abmontiert, damit Obdachlose dort nicht schlafen können. Daraufhin bauten Aktivist:innen dort ein Bett auf. Daraus hat sich eine regionale Posse entwickelt, die den Rahmen dieses Interviews sprengen würde. Generell ist es nicht hinnehmbar, dass in einem Land mit der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt so viel Armut herrscht. Das muss nicht so sein und damit sollten wir uns nie abfinden. Wir haben vor Jahren einen für uns sehr wichtigen subkulturellen Ort verloren, das Lederer, und das tat und tut weh. Trotzdem gibt es neben den kommerziellen Orten wie der Alten Mälzerei auch Lichtblicke. Es gibt ein ehemaliges Bundeswehrgelände, die PLK, wo als Zwischennutzung Konzerte stattfinden. Eine tolle Musikkneipe, aus der viele Bands hervorgegangen sind, ist die Kinokneipe und die subkulturell wichtigste und stabilste Kneipe, ist das Büro, das inzwischen als Genossenschaft betrieben wird. Einige von uns sind da Mitglied und es lohnt sich, dort einzukehren. Kurzum: Die Situation ist schwierig, aber coole Menschen finden ihren Weg.
Wie schafft man es, mit Hilfe des Bezirks Oberpfalz eine Plattenproduktion zu realisieren?
Modl: Der Bezirk Oberpfalz bietet seit einigen Jahren eine Popkulturförderung für Tonträgeraufnahmen an. Es gibt bis zu 500 Euro und die Antragstellung ist unglaublich einfach. Die Voraussetzungen: Musiker:innen aus der Oberpfalz, die aufnehmen wollen. Das war’s.
Ihr habt euch für den nachhaltigen Weg mit recycletem Vinyl entschieden. Würdet ihr einen Nachfolger wieder so veröffentlichen?
Modl: Wir fanden die Idee gut und sinnvoll, dass aus Produktionsabfällen neue Platten entstehen. Das ist Punk im besten Sinne. Außerdem sehen die verdammt gut aus, klingen super und jede Platte ist farblich ein Unikat. Über einen Nachfolger, den es hoffentlich geben wird, haben wir uns noch keine Gedanken gemacht, aber wir bereuen die jetzige Entscheidung keineswegs.
Welche Pläne habt ihr für dieses Jahr?
Susi: Wir freuen uns schon sehr auf die nächsten Shows und Festivals, die wir mit unserem Debütalbum spielen werden, und hoffen, dass wir im Herbst ein bisschen herumkommen. Und natürlich sind wir fleißig dabei, neue Songs zu schreiben und zu proben.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Simon Brunner
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