SPIRITUAL CRAMP

Foto© by Sarah Davis

Klartext

Im Sommer 2024 traten SPIRITUAL CRAMP aus San Francisco plötzlich auf die Bühne, spielten Dub und wilden Punk und wirkten very British. Eine jener Bands, die einen spontan mitreißt. Doch es ist auch eine deutlich komplexere Band, wie ihr neues, drittes Album „Rude“ beweist, das sie zusammen mit Produzent John Congleton aufgenommen haben und mit dem sie schon zwei Schritte weiter sind als beim Vorgänger. Frontmann Michael Bingham gab uns via Zoom-Videocall ein Interview mit eindeutigen Aussagen.

Michael, wo bist du gerade, in deinem Heimstudio?

Ja. Ich habe ein paar Aufnahmegeräte bei mir zu Hause. Ich nehme einiges für die Band bei mir zu Hause auf.

Macht dich das faktisch zum Produzenten?
Ja, ich bin der Hauptproduzent der Band. Ich produziere alles für uns. Wir haben diesmal zwar ergänzend mit einem anderen Produzenten zusammengearbeitet, aber letztlich produziere ich immer noch alles.

Ist es wichtig, jemanden von außen zu haben wie John Congleton, um ein besseres Ergebnis zu erzielen, oder wie funktioniert diese Zusammenarbeit?
Ich mache schon lange alles mit meinem Partner Mike, aber bei dieser Platte wollten wir einfach mal mit einem externen Produzenten arbeiten, um zu sehen, was der so einbringen kann. Und es hat echt Spaß gemacht. Man muss einfach immer hart daran arbeiten, als Künstler zu wachsen. Alleine kann man sich nicht richtig weiterentwickeln. Man muss das mit anderen Menschen zusammen tun. Andere Menschen können einem dabei helfen und spezielle Dinge beibringen. Mit SPIRITUAL CRAMP sind wir als Band auf uns allein gestellt schon sehr gewachsen und hatten nun das Gefühl, dass es an der Zeit ist, ein wenig Hilfe von anderen in Anspruch zu nehmen.

Ich bin schon lange ein Fan von John Congleton und ich mag seine Band THE PAPER CHASE sehr. Ich erinnere mich, dass ich sie mal in Venlo gesehen habe, da waren etwa 30 Leute da. Zu dieser Zeit war er bereits ein bekannter Produzent, aber für seine eigene Musik interessierte sich fast niemand.
Das klingt nach einer sehr interessanten Erfahrung. Und ich denke, das beschreibt John ziemlich gut. Es ist ihm nicht wichtig, berühmt zu sein. Er scheint sogar explizit nicht berühmt sein zu wollen. Er scheint einfach nur das zu machen, was er will. Und wenn die Leute das mögen, ist das okay. Und wenn nicht, ist es ihm auch egal. Er hat sein eigenes Studio hier in Los Angeles.

Du lebst jetzt auch in Los Angeles? Ich hatte euch bislang in San Francisco verortet.
Meine Frau hat mich gebeten, nach Los Angeles zu ziehen. Also habe ich zugestimmt. Es ist ein guter Ort sowohl für die Kunst wie fürs Geschäft.

Aber es sind zwei grundverschiedene Städte. Ändert sich durch den Standort, an dem man als Band ansässig ist, irgendwas daran, wie man Musik macht?
SPIRITUAL CRAMP waren schon immer ein direktes Spiegelbild meiner selbst, von dem, wer ich bin und was ich mache. Und die Leute, mit denen ich mich umgebe, meine Bandmitglieder, wir alle konzentrieren uns auf die gleichen Dinge. Nach Los Angeles zu gehen, hat sicherlich ein etwas anderes Spiegelbild von mir geschaffen. Ich mag Los Angeles nicht wirklich, ich finde es hier zu heiß und ich mag die Kultur nicht. Aber ich denke, wenn man an einem Ort ist, den man nicht mag, das spiegelt sich in der Musik wider. Viele der Songs handeln davon, wie sehr ich es hier hasse. Die Stadt hat also definitiv einen Einfluss. Ich liebe San Francisco, es ist meine Lieblingsstadt. New York mag ich auch sehr. Ich mag einfach ... hohe, dichte Städte. Und Los Angeles ist nicht sehr hoch, sondern sehr ausgebreitet. Die Antwort lautet also ja, die Stadt hat einen Einfluss auf das, was man macht. Aber wie der genau aussieht, kann ich nicht wirklich in Worte fassen.

Du beginnst das Album mit einer Zeile, die ich mit den SEX PISTOLS verbinde – oder dem, was heute als SEX PISTOLS präsentiert wird. Und natürlich kennen wir alle die berühmte Zeile „I’m an anarchist“. So heißt der erste Song eures Albums. Ich würde gerne wissen, wie es dazu kam und warum du diese provokante Aussage gewählt hast.
Ich mache mich gerne über Leute lustig. Ich habe einen Künstler beobachtet, den ich kenne – nicht persönlich, aber es ist jemand, der einmal ein größerer Künstler war. Jetzt hat er zu kämpfen, irgendwie eine traurige Sache. Es gab eine Zeit, in der ich wirklich zu diesem Künstler aufgeschaut habe. Dieser Künstler hat auf X einen anderen Künstler angegriffen, der ein Freund von mir ist und der wirklich erfolgreich ist. Ich dachte mir, wie erbärmlich es ist, jemanden bei solchen verbalen Angriffen beobachten zu müssen. Diese Angriffe bestanden aus idealistischen, moralisch begründeten Urteilen über diesen größeren Künstler. Und sie kamen von jemandem, der früher selbst bei einem Majorlabel unter Vertrag stand. Da versucht jemand einen anderen fertigzumachen, weil er sich selbst schlecht fühlt. Dieser Song ist eine Momentaufnahme, wo ich mich zurücklehne und über die Leute lache, weil ich denke: Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid? Und Johnny Rotten, John Lydon, ist ein Idiot, ein verdammter Idiot. All diese Leute, die so eine große Sache geschaffen haben, auf der alles basiert, was uns wichtig ist, haben uns nur ein Produkt verkauft. Und dann twittern sie auf diesen iPhones, die mit Rohstoffen gebaut werden, bei denen Kinderarbeit im Spiel war: „Du solltest dies nicht tun, du solltest das nicht tun!“ Ich denke mir: Hey, dein Handy ist mit Sklavenarbeit produziert worden. Sei einfach still. Das ist eklig und es bringt mich zum Lachen, und so habe ich einen Song geschrieben, in dem ich mich über all diese Leute lustig mache. Diese verdammten Loser.

In Deutschland gibt es das Sprichwort: Wenn du mit dem Finger auf jemanden zeigst, zeigen vier Finger auf dich zurück.
Ich versuche einfach, mich nur um mich selbst zu kümmern, und um meine Familie. Ich habe natürlich kein Problem damit, meine Meinung zu sagen, wenn mir etwas wichtig ist, aber ich verbringe meine Zeit nicht damit, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Das ist peinlich.

Zum Thema „seine Meinung sagen“ habe ich eine Frage. Wenn ich mich mit Leuten hier in Deutschland unterhalte, haben viele den Eindruck, dass US-amerikanische Bands beim Thema Politik und der aktuellen Situation unter eurem derzeitigen Präsidenten sehr zögerlich sind, etwas zu sagen, das als klare Aussage gelten würde. Möchtest du dazu was sagen?
Ja, auf jeden Fall. Scheiß auf die nationalen Interessen der USA. Fuck Donald Trump. Fuck the police. Ich finde, das ist ziemlich klar. Ich weiß nicht, ob ich ein Antikapitalist bin. Ich glaube, ich bin eher ein Sozialist, aber ich bin auf jeden Fall ein Liberaler. Aber ich mag viele liberale Leute auch nicht, diese kleinen reichen Kinder aus den Suburbs, die in die Großstädte ziehen und diese gentrifizieren und die sich dann alle gegenseitig canceln. Das Problem daran, eine Protestband zu sein, ist, dass all diese Kids anfangen, dich zu beobachten. Um Dinge zu finden, die du falsch gemacht hast. Es liegt aber in der Natur das Menschen, Fehler zu machen. Und diese Kids zeigen dann mit dem Finger auf dich. Also geht auch an die ein „Fuck you!“ raus. Die Position von SPIRITUAL CRAMP ist ziemlich einfach, auch wenn Diskussionen über Weltpolitik ein bisschen knifflig werden können. Ich meine immer, dass die Punks und die Leute, die hier in den USA in meiner Bubble leben, alle dasselbe denken. Aber dann kommst du auf die andere Seite der Welt und alle Punks dort sind vom Gegenteil überzeugt, wegen irgendwelcher nationalen oder regionalen Unterschiede. Das ist einfach verrückt. Deshalb versuche ich, nicht zu viel über Weltpolitik zu reden. Aber ich habe auch kein Problem damit, den Leuten zu sagen, was ich denke. Gleichzeitig bin ich aber nur ein ganz normaler Typ und interessiere mich eigentlich nur für mich selbst. Ihr interessiert mich nicht. Ich kümmere mich um meine Frau. Ich kümmere mich um meine Freunde. Ich kümmere mich um die Menschen in meiner Nähe. Aber ich bin kein politischer Führer.

Ist es im heutigen politischen Klima in den USA eine gute Idee, sich als politische Band zu outen, die eindeutig zu einer Seite tendiert, die, wenn ich das so sagen darf, nicht sehr beliebt ist? Und sind wir schon an einem Punkt angelangt, an dem solche Meinungen eure Sichtbarkeit in den Medien gefährden könnte?
Nein. Aber wenn du über die Situation in Gaza sprichst, wenn du etwas wie „Free Palestine!“ sagst, dann kann sich das auswirken. Das ist in den Vereinigten Staaten keine Frage von links oder rechts, es ist viel nuancierter als das. Wenn du also anfängst, über solche Sachen zu reden, dann wirkt sich das sicher aufs Geschäft aus. Aber wenn du sagst „Fuck Donald Trump“, dann ist das das Einfachste auf der Welt. Und du erntest dafür Beifall, denn wer hört denn deine Musik? Dabei protestierst du damit eigentlich gegen gar nichts. Und willst du was gegen die Polizei sagen? Es gibt niemanden in den USA, der nicht denkt: „Ja, die Polizei scheint von Natur aus schlecht zu sein.“

Die Musik soll hier natürlich auch ein Thema sein. Mir kommt es so vor, als wäre das neue Album ein bisschen „leichter“ als das vorherige, ist aber natürlich immer noch keine Popmusik.
Als Band haben wir schon immer bereitwillig Entscheidungen getroffen, um dahin zu kommen, wo wir hinwollen. Wir sind eine Band von Punkrockern. Aber wir sind auch Punks, die mit der Musik von JOY DIVISION aufgewachsen sind, wir haben starke Post-Punk-Einflüsse und auch einen heavy Indierock-Einfluss. Ich bin mit THE EXPLOITED, SEX PISTOLS und BUZZCOCKS aufgewachsen, aber auch mit JOY DIVISION, THE CLASH, THE POLICE und THE ENGLISH BEAT [in UK und Europa nur als THE BEAT bekannt] aufgewachsen. Und mit THE STROKES und THE HIVES. All diese Musik hat uns zu dem gemacht, was wir sind. Und wir wissen, wo wir hinwollen. Was wir nicht wollen: Hardcore machen, wie manch andere Band gerade. Hardcore ist gerade total angesagt, es gibt so tolle Bands wie TURNSTYLE, und viele dieser Bands bekommen gute Kritiken und werden immer bekannter. Obwohl die Songs, zumindest einige davon, gar nicht so toll sind. Aber wir sind keine Hardcore-Band. Wir wollen nicht auf einem Hardcore-Festival spielen. Wir haben hier und da mal bei ein paar Hardcore-Shows mitgespielt, aber meist läuft es für uns da nicht gut. Das Publikum steht dann nur da, weil es nicht weiß, was es mit einer Indierock/Punkband anfangen soll. Aber wir wissen, mit wem wir spielen sollten, mit Bands wie BAD NERVES, mit BLOC PARTY, mit RISE AGAINST. Das passt für uns. Und ich treffe Entscheidungen, die uns dahin bringen. Ich weiß, auf welchen Festivals ich spielen will: nicht auf dem Sound and Fury, sondern auf dem Just Like Heaven. Ich treffe Entscheidungen, die mir helfen, dahin zu kommen, wo ich hinwill, und nicht Entscheidungen, von denen ich denke, dass sie uns bekannter machen. Es wäre einfach, ein paar Hardcore-Songs zu spielen, das würde total abgehen, aber ich will auf der Bühne keine Leute vor meiner Nase haben. Ich bin gut befreundet mit den Jungs von CEREMONY, und wenn ich sehe, wo sie spielen, denke ich mir: Nee, ich habe kein Interesse daran, dass jemand auf mich draufspringt, während ich spiele. Bleibt da unten und singt mit, das ist okay für mich. Bei Hardcore gibt es keine Distanz zwischen Band und Publikum, aber das will ich nicht. Ich war auf zig Hardcore-Shows und das ist okay, aber ich will das nicht mehr. Es interessiert mich nicht. Die Entwicklung der neuen Platte und des Sounds bestimmt die Richtung, in die ich unsere Band führen möchte. Mit der ersten 7“-Single waren wir mit AMERICAN NIGHTMARE unterwegs und die Leute wussten nicht so recht, was sie mit uns anfangen sollten.

Ich habe das Gefühl, dass es dir durchaus gefällt, wenn die Leute nicht wissen, was sie mit euch anfangen sollen.
Nein, eigentlich hasse ich es. Es ist mir unangenehm. Ich mag es nicht, in einem Umfeld zu sein, wo die Leute mich nicht verstehen. Ich möchte verstanden werden, wenn ich auf die Bühne komme. Das Ding ist, dass du mit deiner Musik an zig verschiedene Orte gehen und dir erst einen Raum schaffen musst, wo du dich verstanden fühlst. Es gibt viele Bands, für die es funktioniert, auf den einschlägigen Festivals wie Sound and Fury oder New York Hardcore Festival zu spielen. Die werden da verstanden. Aber wenn wir da auftreten, werden wir nicht verstanden. Die Leute sind nur verwirrt. Wir hatten aber eine großartige Resonanz beim Riot Fest. Ich mag große Rock-Festivals, keine Hardcore-Festivals. Ich liebe es, mich verstanden zu fühlen, und da funktioniert das. Wir haben lange gebraucht, um das herauszufinden. Mit RISE AGAINST haben wir eine ganze Welttournee gemacht, und das war eine super Gelegenheit. Wenn wir so ein Angebot bekommen, diskutieren wir das und entscheiden uns immer, den Versuch zu wagen. Und eigentlich gab es noch keine Tournee, bei der wir uns fehl am Platz gefühlt hätten.

Wie kam es zum Feature mit Sharon Van Etten bei „You’ve got my number“?
Sharon ist einfach eine Künstlerin, die ich sehr bewundere. Sie ist jemand, dem die Kunst wichtiger ist als Ruhm. Ich finde, dass alles, was diese Frau macht, sehr intelligent ist. Sie ist eine intelligente Künstlerin. Sie will keine dieser widerwärtigen Celebrities sein. Wie sie will ich einfach nur ein anerkannter Künstler sein. Man kann das bei Menschen riechen. Manche Leute streben nach Berühmtheit, wollen einfach nur der oder die Größte sein. Und andere Leute versuchen einfach, ein nachdenklicher, sorgsam arbeitender Künstler zu sein. Und Sharon ist letzteres. Ich liebe ihre Stimme. Und sie ist auch ein wunderbarer Mensch. Sie und ihre ganze Familie sind so nett zu mir und meiner Frau, wir haben uns in den letzten Jahren angefreundet. Sie ist einfach cool, eine Freundin, und ich wollte, dass sie auf meiner Platte singt, und das hat sie auch gemacht.

Was hat es mit „Violence in the supermarket“ auf sich?
Da geht es um die gleiche Person, über die ich beim letzten Album in „Talkin’ on the internet“ schrieb. Diese Person hat sich 2024 von einem Musikmenschen zum Vollzeitdemonstranten entwickelt. Sie hat eindeutig psychische Probleme, ich urteile da nicht, ich habe das einfach nur beobachtet. Ein halbes Jahr vorher war sie politisch noch total uninformiert, aber dann erkannte sie, dass sie die Leute mit dieser politischen Agenda plötzlich ernst nehmen. Es geht in dem Song nicht darum, wie ich zu einem bestimmten politischen Thema stehe, dazu habe ich sowieso oft genug klare Ansagen gemacht, sondern ich amüsiere mich einfach nur über diese Person, die sich ein Stück einer kulturellen Identität angeeignet hat und nun so tut, als gehöre es zu ihr. Klar, jeder will Teil von etwas sein, und ich war zögerlich in meinem Urteil über jemanden mit offensichtlichen psychischen Problemen, der anderen in den Kampf folgt. Mich stört daran aber extrem, dass es die Linke schlecht aussehen lässt. Ich bin so links, dass es sicher einige Leute schockieren würde, wenn sie meine Einstellungen im Detail kennen würden. Und deshalb hasse ich bestimmte Leute, weil sie mich mit ihrem Tun als Linken in einem schlechten Licht dastehen lassen, und mache mich über sie lustig.

Wann kommt ihr mit dem neuen Album nach Deutschland?
Im November und Dezember sind wir mit den HIVES auf Tour, und wir kommen auch nach Deutschland.

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