© by Cateyephotography / Karoline SchaeferNach einer kleinen Hängepartie in den letzten Jahren sind STICK TO YOUR GUNS nun zurück – mit ihrem neuen Album „Keep Planting Flowers“ und dem Charme früherer Zeiten. Wir treffen einen gut gelaunten Josh James (gt), um mit ihm über die neue Platte zu sprechen, und erörtern, wie man sich in Krisenzeiten eine positive Einstellung bewahrt.
Im letzten Interview mit uns verglich Sänger Jesse Barnett STICK TO YOUR GUNS mit dem Energielevel in einem Videospiel: Ursprünglich mit fünf Leben gestartet, waren zum damaligen Zeitpunkt, kurz vor der Pandemie, noch zwei übrig. Wie viele Leben sind es heute? „Ende 2022 war es vermutlich nur noch eins“, schätzt Josh. Der Release des letzten Albums „Spectre“ lief schlecht, ihr langjähriger Drummer George Schmitz hatte die Band verlassen. „Wir dachten, dass wir STICK TO YOUR GUNS vielleicht auflösen sollten“, gesteht Josh. Als sie Anfang 2023 wieder Konzerte spielen durften, mit Adam Galindo einen neuen Drummer und mit SharpTone ein neues Label fanden, kehrten Lust und Leichtigkeit zurück. „Wir erzählten Adam all unsere alten Storys, spielten gemeinsame Shows und es ging mal nicht ums Business“, erklärt Josh und fügt strahlend hinzu: „Und heute stehen wir vermutlich bei vier Leben, also fast vollem Energielevel. Wir fühlen uns, als wären wir wieder 15 Jahre alt, und sagen ganz aufgeregt Dinge wie: ‚Wow, hör dir das Riff an, das ich geschrieben habe!‘“ STICK TO YOUR GUNS sind wieder begeisterungsfähig.
Von Blumen und Vertrauen
Und auch musikalisch kehren sie zurück in eine Ära, in der sie die meisten kennen und vielleicht auch lieben gelernt haben: Ihr neues Album „Keep Planting Flowers“ erinnert stark an „Diamond“, die Platte, mit der das Quintett aus Kalifornien 2012 seinen vorangegangenen Durchbruch verteidigte – und deren Cover unzählige Tattoos inspiriert hat. Auch zu SharpTone gibt es eine Verbindung aus dieser Zeit. „Gründer Shawn Keith arbeitete damals für Sumerian Records, als wir bei denen ‚Diamond‘ veröffentlichten“, berichtet Josh. „Er hat uns immer sehr gepusht. Wir hatten eine großartige Beziehung zu ihm und haben jetzt die Chance ergriffen, wieder zusammenzuarbeiten.“
Das Resultat, „Keep Planting Flowers“, besticht schon im Titel mit einer offensiven Positivität. „Im aktuellen politischen und sozialen Klima ist es so einfach, nihilistisch zu sein. Ja, wir stecken in einer beschissenen Situation, aber der einzige Weg raus führt hindurch. Mach was Gutes draus, im übertragenen Sinn: Pflanze ein paar Blumen in diese düstere Welt.“
Auch im Opening-Track „We all die anyway“ stellen STICK TO YOUR GUNS das üblicherweise negativ konnotierte Statement auf den Kopf. „Ja, wir werden alle sowieso sterben. Aber dann haben wir doch nichts zu verlieren, können einfach mutig sein und etwas Neues ausprobieren, um das Leben für uns und die Menschen um uns herum ein bisschen besser zu machen.“ Und wie genau kann das funktionieren? „Ich glaube, der erste wichtige Schritt ist, zu verstehen und anzuerkennen, wo die Leute herkommen, mit denen man zu tun hat. Das erklärt oft, weshalb manche ganz andere Ansichten haben. Aber auch sich selbst zu verstehen, ist wichtig. Man sollte keine Angst haben zuzugeben, dass man sich mal geirrt hat, und sollte keine Scheu vor Veränderung haben.“
Im Song „Severed forever“ gibt es eine wiederkehrende Zeile: „I can’t trust anyone“. Trägt mangelndes Vertrauen in unserer Gesellschaft auch dazu bei, dass wir da stehen, wo wir heute sind? „Absolut!“, bekräftigt Josh. „Das hat viel mit Missinformation zu tun. Es ist heute so einfach, Falschaussagen zu verbreiten. Es passiert uns vermutlich allen mal, dass wir einer Quelle, die unsere Ansichten bestätigt, eher vertrauen, ohne es kritisch zu hinterfragen. So gelangt man dann in die Echokammer, in der die eigenen Gedanken gar nicht mehr herausgefordert werden. Daran ändert sich aber nichts, wenn man die Leute als dumm bezeichnet. So findet kein konstruktiver Austausch statt.“ Josh hält kurz inne: „Ich will positiv bleiben. Der Zugang zu Information ist schließlich etwas Schönes.“
Emotionen konservieren
Musikalisch strotzt „Keep Planting Flowers“ vor Emotionen, vielleicht mehr als je ein Album der Band zuvor. Josh erklärt: „Ich habe uns immer als sehr energetische Live-Band wahrgenommen, aber auf unseren Aufnahmen kam das nicht rüber. Diesmal haben wir uns bereits im Studio überlegt, wie wir den Song live spielen würden, und versucht, das einzufangen. Manchmal reichen schon simple Dinge, wie das Tempo leicht zu erhöhen.“ Als Beispiel nennt er noch eine der größten Singles seiner Band „Against them all“: „Wenn wir die Aufnahme heute hören, kommt sie uns vor wie in Zeitlupe.“
Auf ihren letzten drei Alben haben sich Josh und seine Bandkollegen immer wieder getraut, musikalisch über den Tellerrand zu blicken – auf „Keep Planting Flowers“ frönen sie hingegen wieder ihrer alten Hardcore-geprägten, aggressiven Spielweise und einigen melodischen Refrains. „Anstatt einen weiteren Schritt ‚outside the box‘ zu machen, sind wir diesmal ganz bewusst in die Box zurückgekehrt“, bringt es Josh auf den Punkt. Eigentlich müsste man dieses Werk chronologisch zwischen den Alben „Diamond“ und „Disobedient“ einordnen, sind wir uns einig. Aber woher stammt der erneute Bezug zu einer mehr als zehn Jahre alten Platte? Aufgesetzt wirkt das nämlich ganz und gar nicht. Der Schlüssel war die Anniversary-Tour zu „Diamond“, die STICK TO YOUR GUNS 2023 spielten. „Wir haben jeden Tag die alten Songs aufgeführt, sind nach Hause und haben neuen Kram für ‚Keep Planting Flowers‘ geschrieben. Wir waren einfach in dem Groove und von uns selbst beeinflusst.“
Ob die Zusammenarbeit mit Shawn bei SharpTone, die Anniversary-Tour mit ihrer größten Platte, der neue alte Sound und die zurückgewonnene Leidenschaft für ihre Musik und ihre Band: „Wir machen an diversen Stellen diese merkwürdig Rolle rückwärts, obwohl wir uns vorwärts bewegen“, fasst Josh zusammen – und sieht dabei ganz schön glücklich aus.
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