THEE HEADCOATS

Foto

Billy und sein Schrank voller Ideen

William Hamper ist ein international bekannter Maler, er wird in London, Berlin und New York von Galerien vertreten. Geboren wurde er am 1. Dezember 1959 als Steven John Hamper. Als Billy Childish ist er seit 1977 Musiker und Sänger und änderte seitdem zig Male den Namen seiner Band. Auf die POP RIVETS folgten THEE MILKSHAKES, auf diese folgten THEE MIGHTY CAESARS, THE DELMONAS und schließlich die in jüngster Zeit reaktivierten THEE HEADCOATS, die zusammen mit dem Ableger THEE HEADCOATEES von 1989 bis 1999 aktiv waren.

Es folgten THE BUFF MEDWAYS und MUSICIANS OF THE BRITISH EMPIRE und SPARTAN DREGGS und CTMF und ... ach, es ist unüberschaubar, wie auch die hunderte (!) Tonträger umfassende Diskografie. Kurt Cobain war Fan, Jack White ist es (offensichtlich) auch, und wer immer von Garage-Rock redet, impliziert das, was der Meister der seit fast 50 Jahren mal schnell in LoFi aufgenommenen Zweieinhalbminüter schreibt, spielt, singt. Billy lebt mit seiner Kreativpartnerin und Gattin Julie in der Medway-Region südwestlich von London, seine (fast) erwachsenen Kinder sind ebenfalls musikalisch aktiv. Das neue THEE HEADCOATS-Album „The Sherlock Holmes Rhythm ’n’ Beat Vernacular“ dient als Anlass für ein weiteres anregendes Gespräch.

Billy, du bist Künstler und meiner Einschätzung nach jemand, der in der Gegenwart lebt und in die Zukunft schaut. Aber wenn du Interviews über Musik gibst, redest du oft über etwas, das kürzlich oder etwas weiter in der Vergangenheit passiert ist. Wie fühlt es sich an, meist über früher zu reden?

Ich werde oft zu meiner Kindheit und meinem Hintergrund und den Dingen, die mich interessieren, befragt. Ich rede immer gerne darüber und ich habe sowieso schon immer ein großes Interesse an Geschichte gehabt. Daher kommt es mir nicht ungewöhnlich vor. Was die Zukunft betrifft, so mache ich nicht viele Pläne und habe nicht viele Ambitionen. Was für ein Spiel spielen wir heute? Das ist meine Einstellung, so gehe ich die Dinge an. Mein Leben ist immer projektbezogen, ich richte alles nach einem Projekt aus, und manche Projekte können auch mal 30 Jahre lang im Schrank liegen bleiben. Und dann öffne ich den Schrank und sage: Dieses Spielzeug gefällt mir ganz gut, lasst uns wieder damit spielen!

Und eines dieser Projekte im Schrank war wohl die Sache mit den HEADCOATS und HEADCOATEES. Ich sprach bereits mit Sarah aka Ludella. Ich würde gerne deine Seite der Geschichte hören. Inwiefern warst du an der Wiederbelebung der HEADCOATEES beteiligt?
Also ... ich war meistens der, der den Van fährt. Ich war Chef-Roadie, Fahrer und Autowäscher. Ich glaube, das Ganze nahm Fahrt auf, als 2022 Don Craine von DOWNLINER SECT verstorben war, und ich dachte, dass wir etwas zu seinen Ehren machen sollten. Das würde etwas mit den HEADCOATS zu tun haben, und dann sollten wir auch was mit den HEADCOATEES unternehmen. Ich hatte damals Studiozeit gebucht, um ein Album mit Neil Palmer von den SPARTAN DREGGS aufzunehmen. Ich muss so was immer drei Monate im Voraus buchen, weil Neil Zeit braucht, um sich mit der Idee, dass wir ein Album machen, anzufreunden. In diesem Fall bin ich der Bassist und schreibe zusammen mit Neil, und ja, ich bin da auch der Fahrer. Ich sagte zu Jim Riley vom Studio, er solle sich nicht wundern, wenn Neil einen Rückzieher macht – das ist übrigens der Grund, warum es so viel Zeit kostet, ein SPARTAN DREGGS-Alben zu machen –, und siehe da, einen Monat später sagte Neil mir ab. Also habe ich Bruce und Johnny angerufen und gesagt: „Lasst uns ein HEADCOATS-Album machen.“ Und ich dachte mir: Okay, das ist wohl der listige Plan des Universums. Dann habe ich mit Ian von Damaged Goods darüber gesprochen. Und er meinte: „Wenn ihr ein Album macht, solltet ihr auch einen Gig spielen.“ Und ich sagte: „Ja, und wenn wir einen Gig spielen, brauchen wir wahrscheinlich auch die HEADCOATEES.“ Und wenn wir die dazuholen, sollten wir am besten auch ein HEADCOATEES-Album machen. Ian sagte, er hätte mit Holly gesprochen und sie hätte dasselbe gesagt.

Wie ging es weiter?
Ich ging zu HEADCOATEES-Chefin Ludella und erzählte ihr von der Idee. Also machten wir erst die Aufnahmen für das HEADCOATS-Album und planten parallel dazu die HEADCOATEES-Platte. Ich hatte zu der Zeit ein paar RAMONES-Songs mit meiner Tochter gesungen und dachte mir, wir sollten auf jeden Fall ein paar RAMONES-Cover produzieren. Wir haben früher schon „Swallow my pride“ gespielt, und ich wollte „The money will roll right in“ machen. YouTube schlägt mir manchmal Sachen vor, die mich interessieren, und da kamen dann MUDHONEY, wie sie das Stück mit Kurt Cobain spielten. Ich dachte mir, das wäre sicher gut geeignet für Kyra. Und es verbindet uns mit unseren Freunden in Seattle. Ich finde es spannend, dass man wirklich nur einem roten Faden folgen muss – der führt einen immer weiter. Das Universum sagte, nehmt das Album auf, und dann ergaben sich die Tracks von selbst. Und Johnny Johnson am Bass dabei zu haben, ist echt super, weil er sich vorher die Mühe gemacht hat, die Songs zu lernen, die wir aufnehmen wollten. Das war echt praktisch, denn er hatte eine Vorstellung von all den kleinen Details in „The KKK took my baby away“. Johnny kam aus Sizilien geflogen, wir haben in zwei Tagen die Backing Tracks aufgenommen und dann habe ich den Gesang draufgelegt. Ich habe auch ein paar THE MIGHTY CAESARS-Songs ausgewählt, weil ich viele meiner neuen Sachen bereits für das CTMF-Projekt verwendet hatte. Und ich wusste, dass Holly immer ein großer Fan der Caesars war und sicher Spaß daran haben würde, sie zu singen. Dann habe ich natürlich mit Debbie gesprochen und geschaut, welche Songs zu ihr passen könnten. Wir überlegten also bei jedem Song, welcher am besten zu wem passt. Zu der Zeit schaute sich meine Tochter gerade Videos von den MONKEES an, und ich schlug vor, lass uns „A Hard Day’s Night“ anschauen, und so kam mir die Idee, aus „You’re gonna lose that girl“ von den BEATLES und „You’re gonna kill that girl“ von den RAMONES unser „He’s gonna kill that girl“ zu machen. Mit „Run for your life“, gesungen von Ludella, hatten wir schon auf dem ersten Album ein BEATLES-Cover.

Was hat es mit der Beteiligung deiner Tochter auf sich? Wie alt ist sie?
Sie ist 15 und hat schon ein paar 45er aufgenommen. Sie singt und spielt Gitarre, aber nicht in einer Band. Und sie singt Background-Vocals für CTMF. Und sie hat gerade eine 7“ auf Damaged Goods veröffentlicht unter dem Namen TRELANE AND THE SQUIRES OF GOTHOS. Sie nennt sich mal Scout, mal Trelane, mal Atticus, je nachdem, ob sie gerade ein Junge oder ein Mädchen ist. Normalerweise ist sie ein Junge, sie hat eine ziemlich gute, tiefe Stimme und sie hat schon ein paar wirklich coole Sachen gemacht. Sie kommt eher nach ihrer Mutter – in dem Sinne, dass ich nicht besonders musikalisch bin, Julie hingegen schon. Scout hat nichts direkt mit den HEADCOATEES zu tun, aber weil wir gerade zusammen an Musik gearbeitet hatten, ergaben sich daraus Ideen, die ich Ludella und den anderen Girls vorschlug.

Als ich mit Ludella sprach, ging es auch um deine Rolle. Du stehst im Mittelpunkt dieses ganzen Beziehungsgeflechts – dieser Musiker:innen-Familie?
Ja, ich denke, man kann es als Familie betrachten. Ich sehe das aber eher als Projekte. Manche bekomme ich eingefangen, ziemlich viele aber sind entkommen. Als ich selbst 1977 gebeten wurde, für die POP RIVETS zu singen, war ich nicht wirklich musikalisch und hatte auch keinen musikalischen Hintergrund. Ich war bei den POP RIVETS, weil ich ein Fan von Rock’n’Roll und Punkrock war, und damals sagte ich zu Bruce, wir müssten eigene Songs schreiben, was Bruce bis dahin nicht wirklich getan hatte. Es ergab für mich Sinn, Songs zu schreiben und darüber dann Verbindungen zu neuen Leuten herzustellen. Ich denke, dass es ein Spiel ist, bei dem viele gerne mitmachen. Manche haben meine Spiele irgendwann satt und fangen ihr eigenes Ding an, was beispielsweise Holly in großem Umfang getan hat. Das Ganze ist ja auch keinerlei Kontrolle unterworfen, Bruce war und ist in mehreren Bands, John auch, Kyra hatte Nebenprojekte, Debbie war in mehreren Bands, und Julie, meine Frau, kam auch von einer anderen Band, den STUCK UPS aus Seattle. Oder mein Projekt mit Sexton Ming ... Ich hatte damals herausgefunden, wie man ein Plattenlabel aufzieht, Hangman Records, und ich dachte, dass ich Leuten helfen könnte, Platten aufzunehmen. Dabei gab es keine Verträge oder Verpflichtungen. Ich habe bis heute keinen Vertrag mit Damaged Goods und ich habe keinen Vertrag mit meiner Galerie in New York, in London oder Berlin, weil alles per Handschlag und gegenseitigem Einverständnis geregelt wird.

Es ist ein kreatives Netzwerk ...
Ja. Und die Sache hat für beide Seiten keinen wirklichen Haken. Abgesehen davon, dass man sich mit dem abfinden muss, was ich, was wir tun. Und das Ganze nimmt auch so wenig Zeit in Anspruch. Das mit den HEADCOATEES war diesmal aber eine Herzensangelegenheit. Weil alle Beteiligten weit voneinander entfernt wohnen und ihr eigenes Leben führen, war die Koordination das einzige Problem. Wenn wir zusammen sind und aufnehmen und alles läuft, gibt es keine Probleme. Es ging nur darum, die Mädels dazu zu bringen, mit den Kaffeepausen, Kuchen und Kakao aufzuhören und sie dazu zu bringen, ihre Songs zu singen. Denn wenn wir im Studio sind, haben wir sieben Stunden Zeit für die Gesangsaufnahmen und wir müssen uns darauf konzentrieren, und so war ich bisweilen die Spaßbremse, wenn ich sie reinholte, um die Gesangsaufnahmen zu wiederholen oder so. Wir hatten sieben Stunden und mussten uns fokussieren.

Der Titel des neuen HEADCOATS-Albums lautet „The Sherlock Holmes Rhythm ’n’ Beat Vernacular“, und da frage ich mich, ob es mittlerweile nicht schon einen Markenschutz für den Namen Sherlock Holmes gibt. Darfst du den überhaupt verwenden?
Ich habe keine Ahnung. Das ist mir gar nicht in den Sinn gekommen. Ich dachte nur, das Urheberrecht wäre schon lange abgelaufen. Es ist eine Anspielung auf die Textzeile „We are the Sherlock Holmes English Speaking Vernacular“ aus dem THE KINKS-Song „The Village Green Preservation Society“. Ich hatte den Song gehört und dachte, das ist eine großartige Formulierung. Aber das Problem ist, dass es im aktuellen Debattenklima der englischsprachigen Welt in eine Richtung gedeutet werden könnte, die einen nationalistischen Touch bekommt, den man nicht haben möchte. Ich habe kein Problem mit scherzhaftem Umgang mit Nationalismus, aber dass die Leute es so lesen könnten, wie ich es nicht wollte, störte mich, also habe ich „The Sherlock Holmes Rhythm ’n’ Beat Vernacular“, daraus gemacht. Ich habe eigentlich kein Problem damit, dass Leute stolz auf ihr Land oder ihre Region oder ihre Ideen sind, aber ich mag es nicht, dass das als Waffe benutzt wird. Ich bin mir nicht sicher, ob Ray Davis irgendwelche Urheberrechte daran hat, ich werde es mal mit ihm klären. Und ich finde, es ist ein toller Titel, ich mag die THE KINKS-Referenz: Sherlock Holmes, Rhythm, Beat – das fasst alles zusammen, was die HEADCOATS bewundern.

Du zitierst in einem Song auch THE BUFF MEDWAYS, das war auch mal ein Name einer Band von dir.
Ja, aber wenn du dir die Linernotes auf dem Backcover ansiehst und das Foto dazu, wird der Bezug klarer. Es zeigt uns mit meinem Freund, der am Zuchtprogramm für die Buff Medway-Hühnerrasse beteiligt ist. Das letzte HEADCOATS-Album sollte „The Friends Of The Buff Medway Fanciers Association“ heißen, aber es kam nie dazu, und so wurde es der Name der Nachfolgeband ...

... die man als THE BUFF MEDWAYS kannte, die aber ausgeschrieben WILD BILLY CHILDISH & THE FRIENDS OF THE BUFF MEDWAY FANCIERS ASSOCIATION hieß.
Ja, und dann habe ich den Song „The friends of the Buff Medway Fanciers Association“ geschrieben, um ihn wieder aufleben zu lassen. Ich mag es, solche Punkte miteinander zu verbinden. So ist es auch mit dem Text über Davy Crockett und Jim Bowie und Alamo. Ich mag es, wenn etwas selbstreferenziell ist und sich selbst auf die Schippe nimmt. Es verspottet also uns selbst, die Geschichte und den Zuhörer. Und weil alle verspottet werden, können sich irgendwie alle entspannen. Es ist wie bei einer entspannten Dinnerparty, bei der alle schon zwei Drinks hatten und der Streit noch nicht angefangen hat und wir alle über uns selbst und einander lachen können.

Programmierer nennen das Easter Eggs. Irgendwo im Code des Programms hinterlassen sie kleine Anspielungen, die Leute erst nach Jahren entdecken oder die nur andere Programmierer finden.
Im Grunde genommen ist das die Motivation, warum man eine Platte aufnimmt oder in einer Band ist: dass man Spaß daran hat. Wenn es keinen Spaß macht, warum sollte man sich dann die Mühe machen? Genau das bringt uns zu den POP RIVETS, denn als wir mit denen anfingen, war „Anarchy in the UK“ angesagt und dann fingen die Leute an, uns politisch anzugehen. Und so kam mir 1979 die Idee zu „Fun In The U.K.“. Es ist doch so: Wir wissen, dass es ernsthafte politische Probleme gibt, aber vielleicht brauchen wir gerade deshalb ein bisschen Spaß.

Wie fühlst du dich in der aktuellen Situation in Großbritannien? In London gingen vor ein paar Wochen ein paar Hunderttausend Leute für die rechte Reform UK-Partei auf die Straße.
Ich war noch nie in meinem Leben bei einer Demo. Aber schau dir mal an, was du auf der Website l-13.org findest, ich habe ein paar Poster gemacht zu dem Thema. Ich mache mal eben einen Scherz oder eine beiläufige Bemerkung, mehr nicht. Ich habe 1978 aufgehört, auf Konzerte zu gehen, weil ich keine Menschenmassen mag. Ich bin also nicht gut im Marschieren. Vielleicht bin ich eher ein Scharfschütze als ein Demonstrant.

Sei besser vorsichtig mit solchen Aussagen ... In der heutigen Zeit wurde Leuten schon wegen weniger die Einreise in die Vereinigten Staaten verweigert.
Oh ja, ich muss vorsichtig sein. Wir fahren öfter mal in die Vereinigten Staaten, meine Frau ist Amerikanerin. Wir waren über Ostern dort, ich mag Amerika wirklich sehr. Es ist schade, dass die Leute da nicht ein bisschen toleranter miteinander umgehen können. Es ist ein tolles Land, genauso wie Deutschland. Ich habe eine große Affinität zu Deutschland. Ich fühle mich unter Deutschen und auch an der Westküste Amerikas sehr zu Hause.

Gibt es Orte auf der Welt, an denen du dich eher nicht so zu Hause gefühlt hast, als du dort warst?
Oh, jetzt bin ich besser vorsichtig ... Nun, wir haben uns in der Vergangenheit sehr an unserem Publikum orientiert. Ich muss zugeben, dass es Spaß gemacht hat, vor Flamen, also in Belgien zu spielen. In die Niederlande zu reisen, hat nicht so viel Spaß gemacht. Das Publikum war da immer etwas steif. Sie sind letztlich aber doch sehr dankbar. In Groningen im Norden der Niederlande wurde es irgendwie wieder lockerer und machte wieder Spaß. Um ehrlich zu sein, hatten wir früher viele Probleme mit dem Londoner Publikum. Ich denke, Großstadtpublikum kann problematisch sein, aber in letzter Zeit hatten wir nie große Probleme in London, weil die meisten Zuschauer gar nicht aus London kamen. Das Publikum im Norden von England ist viel großzügiger. Liverpool wiederum ist etwas schwierig ... Städte generell sind schwierig. Ich glaube, es ziehen zu viele Leute aus der Provinz in die Städte und dann wollen sie cool wirken. Und wir hatten immer Spaß, ich habe es immer gemocht, in Berlin zu spielen. Und wir haben oft in deiner Gegend gespielt, in Köln und so. Spanien hat auch immer viel Spaß gemacht.

Habt ihr jemals irgendwo in Osteuropa gespielt?
Ja, wir waren mit den HEADCOATS einmal in Ljubljana. Wir hatten nie einen Booking-Agenten oder ein Management, wir waren nie wirklich lange auf Tour. Die längste Tour, die wir je gemacht haben, dauerte zwei Wochen, glaube ich. Und wir haben auch nie wirklich für unsere Platten geworben. Wir waren immer so eine Art semiprofessionelle Band, haha.

Das sagst du nach 40 Jahren Musikkarriere mit zig Bands und unzähligen Platten ...
Die Leute, die mich als Maler kennen und mich nach der Musik und den Platten fragen, sind immer ein bisschen überrascht, wie viele ich gemacht habe. Und ich muss ihnen dann erklären, dass es ein Hobby ist, das außer Kontrolle geraten ist. Zum Glück arbeite ich schnell. Rock’n’Roll ist meiner Meinung nach anderen Musikrichtungen überlegen, denn wenn man ihn nicht mag, ist er schnell wieder vorbei.

Was sehen die Leute in dir und warum hören sie sich deine Bands an?
Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung. Es sind offensichtlich nicht so viele Leute, aber es sind genug. Als ich damals noch Hangman Records hatte, mein kleines Label, brachte ich die Platten selbst in die Läden in London. Bei Rock On! in Camden sagten sie mal zu mir: „Wir erkennen sofort, wer eine Hangman-Platte kaufen wird, an der Art, wie die in den Laden schlurfen.“ Ich sagte: „,Genau für die sind wir da. Wenn du nirgendwo reinpasst, dann bist du bei uns richtig.“ Ich denke, die Leute haben ein gutes Urteilsvermögen, und ich bin mir sicher, dass sie sich aus dem Unsinn, den wir machen, das Beste herauspicken. Es gibt Leute, die denken, dass die MILKSHAKES wirklich gut sind, aber sonst nichts von mir, oder dass THEE MIGHTY CAESARS oder die HEADCOATS das Nonplusultra waren. Wenn man es genau nimmt und die POP RIVETS und MILKSHAKES mal außen vor lässt, gibt es bei allen Bands Tracks, die man mit denen von den anderen verwechseln könnte. Wir haben gerade „I’m a confused man“ mit CTMF aufgenommen, und das ist nicht von der HEADCOATS-Version von vor 30 Jahren auf Sympathy For The Record Industry zu unterscheiden. Man erkennt nicht, dass es nicht dieselbe Aufnahme ist. Nur war ich damals 30 und jetzt bin ich 65. Wir streben an, Rock’n’Roll zu machen, der immer noch den Erdkundelehrer nervt. Es soll klingen wie Musik von 15-Jährigen. Es sollte ein kantiges, gebrochenes Element darin geben. Es soll Leuten, die keine Fans von Eric Clapton sind, eine Heimat geben.

Ein sehr schönes Zitat. Ich werde es mir an die Wand hängen. Billy, 65 ist typischerweise das Alter, in dem jemand mit einer linearen Karriere anfängt, über den Ruhestand nachzudenken. Ist so was wie „Ruhestand“ ein Konzept, das in deiner Welt eine Rolle spielt?
Ich bin seit diesem Jahr in England offiziell im Rentenalter, aber ich habe nicht wirklich eine Wahl. Ich würde sagen, was die Musik angeht, bin ich halb im Ruhestand, auch wenn ich immer noch vier Alben pro Jahr mache. Das Problem für mich sind die Musikausrüstung und die Veranstaltungsorte und die Anzahl der Leute, die sich für uns interessieren. Unsere Zielgruppe altert mit uns. Mein Sohn ist auch in einer Band, und wenn die spielen, teilen sie die Bühne mit Bands, die verschiedene Arten von Musik machen. Das Publikum kommt nicht wegen ihnen, sie haben keine starke Bindung an einen bestimmten Musikstil. Ich meine das nicht als pauschale Aussage, natürlich gibt es Ausnahmen von der Regel, aber dieses „tribal element, dieses „Stammeselement“, das für uns die Musik antrieb, sehe ich nicht mehr. In Politik und Gesellschaft, wo wir das als abscheulich empfinden, gibt es das weiterhin, und dieses Stammesdenken ist ein wesentlicher Bestandteil der Identität der Menschen. Leider befeuert es derzeit viele nationalistische Strömungen. In der Musik war dieses Stammeselement ziemlich nützlich, denn es bedeutete, dass die Leute, die dir zuhörten, wussten, was sie hörten, und ein Gespür für diese spezielle Form des Ausdrucks hatten. Wir leben heute in einer Welt, in der alles irgendwie gleich ist, und ich denke, dass das den Rechten auch Macht verleiht. Wir leben in so einer Art „Blancmange-Welt“, in einer Pudding-Welt: Alles kann alles sein, auf nichts ist Verlass, Bindungen gehen verloren, und ich denke, das macht manche Leute ein bisschen verrückt. Wegen dieses Mangels an Zusammenhalt vereinen sich Menschen unter gefährlichen Bannern. Mich interessiert das Thema wirklich.

Und was bedeutet das nun im musikalischen Kontext?
Das letzte Mal, als es eine Art „Identitätsmusik“ gab, die regional verwurzelt und endemisch war, war das wahrscheinlich der Grunge in Seattle. Ich war kein Fan davon, aber wir hatten mit diesen Leuten zu tun und einige von ihnen waren echt nett, aber es war definitiv so, dass wir uns total von dem unterschieden, was die machten. Aber sie schätzten einiges von dem, was wir machten. Das war jedenfalls für mich das letzte Mal, dass man etwas gesehen hat, das eine Art eigene Bewegung war, die nicht sofort kommerzialisiert wurde. Seit man das Internet hat und alles möglich ist, kann man innerhalb von zehn Minuten zum Experten für Garage-Musik werden: Einfach online gehen und reinhören und schon weißt du, welche Bands zählen, welche man auf seine Liste setzen sollte. Und dann hakt man es ab und macht mit dem nächsten Thema weiter. Es gibt keine Kohärenz und keinen Antrieb oder Imperativ mehr, finde ich. Was in gewisser Weise ziemlich befreiend sein kann, aber auch bedeutet, dass nichts mehr eine Zugkraft hat. Die Sache hat keine Beine, sie kann nicht laufen oder sich vorwärts bewegen. Ich denke, in dieser Hinsicht ist es für junge Bands sehr schwer.

Sie haben alle Möglichkeiten, aber es ist schwer, eine Zielgruppe zu finden und die dauerhaft an sich zu binden, denn es kommt schon das nächste heiße Ding auf Tik Tok, es gibt permanent neuen Input und es ist schwer, sich auf irgendetwas zu konzentrieren.
Es gibt ein psychologisches Experiment, bei dem man eine Gruppe von Kindern auf ein großes offenes Feld stellt, und dann stehen sie in einer Gruppe in der Mitte. Wenn man dann einen Zaun darum herum aufstellt, verteilen sie sich alle und gehen an den Rand der Fläche, damit sie erkunden können, ob es eine Grenze gibt.

Zurück zu meiner Frage ...
Wir haben gerade ein neues Album mit CTMF aufgenommen, und ein Album mit dem GUY HAMPER TRIO, das aus mir, Wolf und Julie besteht, in Kooperation mit James Taylor. Und ich habe ein paar Aufnahmen mit Atticus gemacht. Und Singles mit THE SINGING LOINS. Ein kleines Nebenprojekt namens CHILDREN AT THE SECT gibt es auch noch.

Wow! Darf ich fragen, was das für ein Gemälde hinter dir ist?
Das ist ein Porträt von Julie, das ich vor etwa 15 oder 20 Jahren gemalt habe.

Ist es das einzige Bild von dir, das du in deinem Haus hast, oder hängen da noch mehr deiner eigenen Werke?
Es gibt ein paar, aber ich hänge sie selten auf. Ich habe ein paar von den Kindern. Ich zeige dir, was wir haben. [Es folgt ein kleiner Rundgang durch das Haus, den ich auf dem Monitor verfolge.] Da sind ein paar Katzen, die rechte ist von Huddy und die linke von Scout, da war Huddy fünf und Scout war sechs, glaube ich. Und hier haben wir ein Bild, das ich vor etwa 30 oder 40 Jahren gemalt habe. Und das sind Vatertagskarten, die haben die Kinder für mich gemacht. Das hier mit der Katze habe ich letztes Jahr für Julie zu Weihnachten gemalt. Und das ist ein Selbstporträt, das Scout gemacht hat, als sie vier oder fünf war. Wir haben nicht viel von meinen Sachen aufgehängt. Wir haben mehr Sachen von den Kindern an den Wänden, glaube ich.

Ist es schwer für dich, Bilder zu verkaufen und loszulassen? Hast du Trennungsschmerz, wenn du sie weggibst?
Nein, im Allgemeinen nicht. Es gibt ein paar, die ich mag, und die im Haus sind, an die ich mich gewöhnt habe. Ich kann mich an den Dingen erfreuen, die ich gemacht habe, aber ich bin ziemlich gut darin, einfach weiterzuziehen. Deshalb fällt es mir leicht, ständig aufzunehmen und zu malen, weil ich nicht besonders an irgendwelchen Sachen hänge. Ich bin im Moment total dabei, dann mache ich wieder etwas anderes. Das ist auch der Grund, warum ich mir nicht viel aus meiner Identität als Musiker oder Maler mache, weil mich diese Art von Identität nicht wirklich beeindruckt. Ich habe so meine Schwierigkeiten damit, in der Gesellschaft von anderen Musikern und Malern zu sein, weil die im Allgemeinen sehr von ihrem Status eingenommen sind, und wenn sie merken, dass ich das nicht bin, sind sie sauer. Und die anderen Leute machen mit und sind begeistert, was für clevere Trottel sie alle sind. Ich empfinde das aber eigentlich nur als einen Haufen Mist. Man macht eben, was man macht, und entweder versucht man, ein guter Mensch zu sein, und scheitert dabei, oder man tut es nicht. Man gibt sein Bestes, man handelt als Mensch in der Welt – und nicht als Ausübender eines Berufs.

Im Louvre in Paris wurden neulich die Kronjuwelen geklaut. Wurde jemals eines deiner Bilder gestohlen?
Ja, es gab eins, das ich wirklich mochte, ein Porträt von mir und Tracey [Emin; britische Starkünstlerin, mit der Billy einst liiert war]. Ich glaube, da sind Leute noch vor dem Tod meiner Mutter in ihr Haus gegangen und haben Sachen mitgenommen. Ich habe online ein paar Dinge gesehen, die da gestohlen wurden. Das fand ich ärgerlich, weil ich das Bild besonders mochte. Es gehörte ihnen nicht, weißt du, doch sie konnten es trotzdem verkaufen, es wurde versteigert. Aber solche Dinge passieren manchmal, und ich bin mir nicht sicher, ob meine Bilder auf dem Niveau von Kronjuwelen sind.

Gibt’s eine Chance, dass wir die HEADCOATS und HEADCOATEES oder eine andere deiner Bands bald mal in Deutschland sehen können?
Es sind HEADCOATS-Konzerte im Gespräch, aber bei den HEADCOATEES wird es schwierig, weil Holly in Amerika ist. Es besteht die Möglichkeit, dass wir, wenn jemand uns fragt, mit CTMF spielen. Und vielleicht ergibt sich was, wenn ich die nächste Ausstellung in Berlin habe. Das Problem ist: Die Leute von meiner Galerie sind echt kompetent, aber ich sage dir, Kunstgalerien wissen nicht, wie man ein Konzert organisiert, und Leute, die Konzerte veranstalten, wissen nicht, wie man Ausstellungen macht. Und die beiden zusammenzubringen, ist gar nicht so leicht, wie man denkt. Man denkt, das wäre gut, man glaubt, das wäre ziemlich einfach, aber das stimmt nicht.

Was ist mit Büchern ...?
Ich habe in den letzten 15 Jahren an einem Roman gearbeitet, der sich um die Punkrock-Ära dreht und der im Frühjahr 2026 in England veröffentlicht werden soll. Der erscheint bei einem kleinen Independent-Verlag, anders als meine früheren Bücher. Da hatte ich mit der Musikindustrie zu tun, und diese Leute sind wirklich engstirnig und nur auf Geld fixiert. Das ist total langweilig. Und die sind angeblich für die kreativen Menschen da. Zum Glück habe ich mit diesen Leuten nichts mehr zu tun.

---

Diskografie
„Headcoats Down!“ (LP, Hangman, 1989) • „The Earls Of Suavedom“ (LP, Crypt, 1989) • „Beach Bums Must Die“ (LP, Crypt, 1990) • „The Kids Are All Square – This Is Hip!“ (LP, Hangman, 1990) • „Heavens To Murgatroyd, Even! It’s Thee Headcoats! (Already)“ (LP/CD, Sub Pop, 1990) • „Headcoatitude“ (LP, Shakin’ Street, 1991) • „The Good Times Are Killing Me“ (LP, Vinyl Japan, 1993) • „Conundrum“ (LP, Hangman, 1994) • „In Tweed We Trust (LP/CD, Damaged Goods, 1996) • „Knights Of The Baskervilles“ (LP/CD, Birdman, 1996) • „The Messerschmitt Pilot’s Severed Hand“ (LP/CD, Damaged Goods, 1998) • „Brother Is Dead ... But Fly Is Gone!“ (LP/CD, Vinyl Japan, 1998) • „17% – Hendrix Was Not The Only Musician“ (LP, SFTRI, 1998) • „I Am The Object Of Your Desire“ (LP/CD, Friends of ..., 2000) • „Irregularis (The Great Hiatus)“ (LP/CD, Damaged Goods, 2023) • „The Sherlock Holmes Rhythm ’n’ Beat Vernacular“ (LP/CD, Damaged Goods, 2025)

Anzeige