© by Todde SindelIm Frühjahr 2024 sind die LPs der texanischen Skatepunk-Pioniere BIG BOYS auf Touch & Go Records als farbige Jubiläumseditionen wiederveröffentlicht worden und Anfang Oktober weilte deren ehemaliger Gitarrist und Gründungsmitglied Tim Kerr für eine Woche in Deutschland. Doch nicht die Musik, sondern die Kunst war Anlass seiner Reise, deren Höhepunkt die Eröffnung einer gemeinsamen Ausstellung mit dem renommierten Künstler Dieter Mammel in der Galerie Hübner & Hübner in Frankfurt/Main war.
Dabei waren es der Zufall und die Begeisterung für die DIY-Subkultur des im Frankfurter Raum ansässigen Musik- und Kunstsammlers Tom (@tom_ahawk666), die dazu führten, dass die Werkschau in dieser Form stattfand. Im Rahmen der Open Studios-Tage in Frankfurt entdeckte Tom ein Bild von Johnny Cash, das Dieter Mammel gezeichnet hatte, erzählte ihm von seinem Faible für Musikerporträts und zeigte ihm die Arbeiten von Tim Kerr. Dieter Mammel war so begeistert, dass er seinen Galeristen überzeugte, Tim Kerr zu dieser außergewöhnlichen Doppel-Vernissage einzuladen.
Seine ausdrucksstarken, teils knallig-bunten, an Pop-Art erinnernden Werke, die Tim Kerr in lockerer Form an den Wänden im ersten Stock der Galerie platzierte, stehen in Kontrast zu den großflächigen, fast monochromen Leinwand-Arbeiten Dieter Mammels mit ihren verschwommenen Motiven, die wie schemenhafte Erinnerungen daherkommen. „Lifelines“ lautet denn auch der Titel seines Teils der Ausstellung. Kunst lebt von Spannungen und Kontrasten. Für einige der Vernissage-Besucher ist es die erste Begegnung mit der DIY-Subkultur. „Kunst gehört zu meinem Leben wie das Atmen. Seit meiner Kindheit habe ich gerne gemalt“, stellt sich Tim Kerr vor. Dann kam das Surfen und weil seine Familie von der Golfküste wegzog, das Skaten. Er machte einen Hochschulabschluss in Kunst und Fotografie, bevor sein Leben zunächst eine Wendung in Richtung Musik nahm. Begeistert von der aufkommenden Punkwelle, die verkrustete Strukturen, alte Grenzen zwischen Musikern und Publikum aufbrach und stattdessen die größtmögliche künstlerische Ausdrucksfreiheit versprach, gründete der heute 68-Jährige mit seinen Skater-Freunden Ende der 1970er die BIG BOYS: „Eigentlich wollten wir nur eine Show spielen. Wir mussten erst mal losen, wer den Bass zu übernehmen hatte. Chris Gates bevorzugte einen heavy geprägten Gitarrensound im MOTÖRHEAD-Style, ich eher das akustische Fingerpicking. Ein Münzwurf entschied, dass ich die Gitarre bekam, Chris den Bass.“ Der Rest ist Geschichte.
Für Tim Kerrs Leben war zunächst lange das musikalische Engagement prägend – nach den BIG BOYS war er Gründungsmitglied bei POISON 13, BAD MUTHA GOOSE und LORD HIGH FIXERS, hat darüber hinaus zahlreiche Indie-, Garage- und Punkbands produziert. Aktuell ist er mit UP AROUND THE SUN aktiv, in den letzten Jahren hat er sich jedoch wieder verstärkt der Kunst zugewandt. Unzählige Plattencover und Konzertflyer hat er gestaltet, Skateboards und Häuserwände verziert. Zu seinen Lieblingsmotiven zählen vor allem die Größen der Musikszene, aber auch Schriftsteller, Dichter, Sportler, Fotografen und Menschenrechtler. In der Frankfurter Ausstellung findet sich Ella Fitzgerald neben Rosa Parks, Mohammed Ali neben Allen Ginsberg, D. Boon neben Glen E. Friedman. Allen ist gemeinsam, dass sie engagiert für ihre Sache einstanden, nicht um des Ruhmes, sondern der Sache willen. Diese positive Inspiration spiegelt sich in den Werken Tim Kerrs wider, mit denen er selbst einen positiven Impact, wie er es nennt, hinterlassen möchte.
Wer die Arbeiten genau betrachtet, entdeckt, dass Tim Kerr sie mit „yournamehere“ unterzeichnet hat. Es ist seine direkte Aufforderung an die Betrachter, selbst aktiv zu werden. Jeder kann etwas machen, kreativ sein: Kunst, Musik, Gedichte, Tanz. „Es ist egal, was du machst und wie du es nennst, entdecke und feiere deine kreativen Ausdrucksformen“, sagt er. „We are all making history“ lautet der treffende Titel seiner Ausstellung. Der DIY-Ethos wird in den Werken und Worten von Tim Kerr jederzeit deutlich. Damit knüpft er an einen zentralen Gedanken des Punk an: Es gibt keine Grenzen zwischen Künstler, Musikern und ihren Zuhörern und Betrachtern. Damit ist er mehr Punk als so manche Hardcore-Truppe, die heutzutage unterwegs ist. Doch Tim Kerr würde es selber nie als Punk bezeichnen, denn auch das ist für ihn nur eine Schublade, ein Etikett, was ihm zuwider ist: „Labels drive me nuts. Self expression should not have any rules“, sagt er.
Tim Kerr ist freudig überrascht über den großen Zuspruch, den die Vernissage hat. Er nimmt sich viel Zeit für Gespräche mit interessierten Besuchern. Mehrfach kreuzen sich an diesem Abend auch unsere Wege und da entpuppt er sich als freundlicher, interessierter und offener Zeitgenosse. Und er ist ein guter Storyteller, der zu jedem seiner Werke viel zu berichten hat. Als ich ihn bitte, mir ein Autogramm auf das Cover meiner alten BIG BOYS-LP „Lullabies Help The Brain Grow“ zu geben, erzählt er, dass die Band sich beim Artwork ihrer Veröffentlichungen immer abgewechselt habe. Er zeigt sich erfreut und fühlt sich geehrt, wenn ihm die Leute zeigen, welche Bedeutung seine Musik für sie hat. Welche seiner Bands für ihn die meiste Relevanz habe, möchte ich wissen. Seine Antwort: LORD HIGH FIXERS. Ich hätte auf BIG BOYS gewettet.