TV CULT

Foto© by Niren Mahajan

Düstere Zeiten

Wer zuletzt Live-Bilder von HIGH VIS-Shows gesehen hat, dem wird nicht entgangen sein, dass sich Sänger Graham Sayle gerne mit seinen TV CULT T-Shirts ablichten lässt. Guter Mann! Denn wenn eine Post-Punk-Band Aufmerksamkeit und Support verdient hat, dann sind es diese vier Kölner, die aktuell gerade via Flight 13 ihr zweites Album „Industry“ raus haben. Diesmal mit weniger BLACK FLAG-Vibes, dafür mehr Atmosphäre und Emotion. Eine harte und aggressive Version von JOY DIVISION oder KILLING JOKE. Ein Meisterwerk! Mit Sänger Marco und Gitarrist Martin unterhielt ich mich ausführlich über das neue Album, die gestiegenen Konzertpreise, den Zustand der Welt und den Sinn und Zweck von „ACAB“ in diesen Zeiten.

Was ist in den letzten zwei Jahren seit der ersten Platte und unserem letzten Interview bei euch passiert?

Marco: Im Rahmen unserer Möglichkeiten als berufstätige Menschen und Familienväter sind wir viel mit der Band unterwegs gewesen. Wir haben insgesamt drei Touren gemacht: Eine kleine Headliner-Tour, eine mit DITZ und eine mit HIGH VIS, deren Sänger nicht nur sehr nett ist, sondern auch ziemlich auf unseren Sound abfährt. Wir waren in Deutschland, den Niederlanden und Tschechien unterwegs. Und dann haben wir noch einzelne Gigs mit USA NAILS gespielt.

Und jetzt ist euer neues Album erschienen, das mir außerordentlich gut gefällt. Im Vergleich zum Debüt höre ich insgesamt etwas weniger klassischen Punk, sondern mehr Atmosphäre und Post-Punk-Vibes à la KILLING JOKE.
Martin: Ja, KILLING JOKE sind ein großer Einfluss für mich. Wir haben uns beim neuen Album bewusst für mehr Atmosphäre entschieden und teilweise auch mit Keyboard gearbeitet. Teils als kaum wahrnehmbare Untermalung, teils deutlicher im Vordergrund.

Besonders „Crack the whip“ und „Symbols of death“, die beiden jeweils letzten Tracks auf der A- und der B-Seite von „Industry“ stechen heraus. Da betretet ihr als Band musikalisches Neuland und setzt auf eine vordergründig ruhige Atmosphäre, mit Marcos „Geschrei“ darüber. Ich hatte beides Mal eine Gänsehaut!
Martin: Wir hatten acht Songs fertig und dann war unser Drummer Flo wegen Krankheit plötzlich nicht verfügbar. Ich habe dann bewusst mit atmosphärischen Sounds experimentiert und die beiden Songs zunächst mit einem Drumcomputer komponiert.
Marco: Frühere Versuche, einen ruhigen Song zu schreiben, waren kläglich gescheitert, aber die beiden haben bei uns allen sofort gezündet! Wir haben auch mit meinem Klargesang dazu experimentiert, aber das Ergebnis war uns zu cheesy. Jetzt, mit meinen Shouts im Kontrast zu der düsteren, aber ruhigeren Grundatmosphäre, entsteht ein besonderer Vibe, mit dem wir extrem zufrieden sind.

Dem kann ich zu 100% zustimmen! Eure erste Single „Communion“ ist ja auch der Opener des Albums geworden. Ist der Text ein kritischer Blick auf die katholische Kirche oder eher ein allgemeines atheistisches Statement?
Marco: Der Text ist eine Metapher für alle Arten von Ideologien. Sie gaukeln uns eine Bedeutung vor, haben aber keine! Nachdem ich mit Punk-Musik sozialisiert wurde, habe ich angefangen, Dinge zu hinterfragen, und mich komplett von jeder Religion verabschiedet.

Wobei die wörtliche Bedeutung von Communion ja „Gemeinschaft“ ist ...
Martin: Absolut. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig es uns ist, dass die Lyrics keine plakativen Botschaften vermitteln, sondern vielschichtig interpretierbar sind. Bei „Surrender“ geht es zum Beispiel um die Familie als Gemeinschaft. Darum, wie schwer es für uns Menschen ist, mit Scham umzugehen und Fehler einzugestehen.

Damit sind wir dann auch bei der Bedeutung von „Industry“, dem Albumtitel. Wie bei eurem ersten Album „Colony“ gibt es ja keinen Song mit diesem Titel.
Martin: „Industry“ taucht als Begriff im Song „Primary crusher“ auf und der sollte auch zuerst so heißen. Auf einer Ebene geht es um die Funktionsweise der Stahlindustrie, aber eben auch um die Mechanismen des Kapitalismus und die Ausbeutung durch die Industrie allgemein. Zum anderen sind wir als Band ja auch Teil einer Industrie.

Ich finde, das Covermotiv passt super zum Titel und vor allem auch zur Gesamtatmosphäre des Albums. Im Booklet steht, es hieße „Ohne Titel 1161“ und sei von Boris Becker. Ist der jetzt Fotograf?
Marco: Es gibt auch einen international bekannten Kölner Künstler mit diesem Namen. Unser Bassist Zeini ist mit ihm befreundet und so sind wir in Kontakt gekommen. Wir fanden, dass viele seiner Arbeiten einen sehr eigenen Charme und eine gewisse Coolness besitzen. Er hat auch freundlicherweise direkt zugestimmt, mit uns zu arbeiten. Er hat sich unsere Musik angehört und wir haben ihm den Titel des Albums genannt. Dann hat er losgelegt. Das Ergebnis ist großartig geworden und spiegelt, genau wie du sagst, die Atmosphäre total gut wieder. Das Foto zeigt den Ausschnitt eines Brückenkopfes, das passt super. Es wirkt reduziert, ein wenig düster, aber auch zugänglicher und – nicht falsch verstehen – erwachsener als unser erstes Cover. Wir wollen natürlich, dass die Leute auch darüber Zugang zu unserer Musik finden.

Wir haben uns bereits vor zwei Jahren über eure dystopischen Aussichten für die Zukunft unterhalten. Nun, die Welt ist seitdem nicht gerade besser geworden ...
Martin: Allerdings! Ein Beispiel: Viele humanitäre Organisationen behaupten, dass das, was in Gaza geschieht, ein Völkermord sei, und dass deutsche Politiker angeblich in diese möglichen Verbrechen verwickelt sind. Unter anderem deswegen sind das gerade ziemlich düstere Zeiten, wenn das alles stimmt.

Die Vorsitzende der Grünen Jugend, Jette Nietzard, hatte auf Instagram ein Selfie gepostet, auf dem sie mit einem Sweatshirt mit dem Aufdruck „ACAB“, angelehnt an das Adidas-Logo, zu sehen ist. Dafür hat sie selbst von ihrer Partei viel Gegenwind zu spüren bekommen. Eure Meinung dazu?
Martin: Ich finde nicht, dass es cool ist, wenn grüne Politiker:innen auf Demos „ACAB“-Shirts tragen. Aber ich würde es durchaus begrüßen, wenn ein oder zwei von ihnen in Den Haag Handschellen tragen würden. Die meisten Polizistinnen und Polizisten versuchen einfach nur, ihren Job zu machen.

Den Haag? Wie meinst du das?
Martin: Wenn die eben erwähnten Menschenrechtsorganisationen recht haben, könnten wir in eine Situation geraten, in der ehemalige Regierungsmitglieder vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag untersucht werden – darunter auch Politiker der Grünen. Und wenn es stimmt, dann hoffe ich, dass die Polizei das Recht unseres Landes durchsetzt und sie festnimmt. Ich persönlich finde die Polizei in Deutschland ziemlich chillig und cool, ich halte „ACAB“ für nicht so passend hier.

Das sehe ich anders ... Themenwechsel: Woran merkt ihr – außer an den Supermarkt-Preisen natürlich – konkret im Alltag, dass die Zeiten schlechter geworden sind?
Martin: Am latenten und direkten Rassismus, der immer stärker wird! Meine Frau hat einen muslimischen Hintergrund und wir haben bereits mehrfach darüber gesprochen vielleicht in ein anderes Land zu gehen. Wobei uns ehrlich gesagt noch keine wirklich gute Alternative eingefallen ist.
Marco: Mein Papa ist ein klassischer italienischer „Gastarbeiter“ der 1950er Jahre gewesen. Wir haben als Familie schon gespürt, dass es nicht einfach ist hier in Deutschland. Allerdings hat sich das verändert und mit italienischen Wurzeln ist man mittlerweile extrem etabliert, vor allem hier in Köln. Bei Menschen mit muslimischem Hintergrund sieht das allerdings ganz anders aus!

Was sagt ihr als tourende Band zu den massiv steigenden Ticketpreisen?
Marco: Mal davon abgesehen, dass seit der Pandemie ja alles etwas teurer geworden ist, liegt das auch an der Ticketmafia um Eventim und CTS. Die haben quasi ein Monopol und versuchen alles abzuschöpfen, was geht. Anderes Beispiel: In größeren Hallen müssen Bands die Veranstalter mittlerweile mit bis zu 40% an den Merch-Einnahmen beteiligen. Das wiederum steigert dann die Preise der Shirts.

Lest ihr eigentlich noch Printmedien?
Marco: Das erinnert mich daran, dass ich mein Ox-Abo mal wieder erneuern müsste, haha. Also ich kaufe Zeitungen sporadisch, nach Interesse am Inhalt. Sei es jetzt Trust, selten Plastic Bomb oder auch das Visions. In Zeiten von knappem und teurem Papier kann man sich auch streiten, inwieweit Online-Versionen ausreichend wären. Aber spätestens bei Büchern finde ich die haptische Printversion deutlich besser und interessanter als E-Books.

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