TVTV$

Too liberal for me

Die TVTV$ sind eine äußerst interessante Band, denn im Gegensatz zu vielen ihrer kalifornischen Kollegen macht das Quartett aus L.A. nicht nur exzellenten Punkrock, sondern hat auch noch was zu sagen - vor allem Sänger Blaze James. Was die TVTV$ allerdings zu sagen haben, dürfte manchen Leuten, vor allem den politisch ganz korrekten, ziemlich sauer aufstoßen. In manchen Punkten hat der Mann ja durchaus recht, oder zumindest eine interessante Antiposition zu bieten, in anderen - etwa beim Thema AIDS und Heterosexualität -, redet er einfach Scheiße. Anyway, wie immer man diesen Ansichten gegenübersteht – intressanter als der durchschnittliche HC-BLABLA ist das hier allemal.

1990 hat man erstmals von euch gehört, als die „Television Religion"-7" auf Posh Boy erschien. Wie ist der Kontakt zu Robbie Fields zustandegekommen?
Blaze:
Ich habe damals mehreren Leuten Kopien unseres Demos geschickt, und er war der einzige, der darauf reagierte. Da Robbie ein Opportunist ist, bot er uns an, ein komplettes Album aufzunehmen, aber wir wollten es zunächst bei einer Single belassen. Er ist halt ein Gauner; kein Lügner, sondern ein guter, ehrlicher Gauner. Er sagt dir von vornherein, dass er dich bescheißen wird.

Bescheißen in dem Sinne, dass er elf Songs aus einer Zehn-Song-LP auskoppelt?
Blaze: Nein, in dem Sinne, dass er dich nicht bezahlt.
Don: If he fucked you in the butt, he wouldn't use any grease.

Das hast du sehr hübsch gesagt.
Mike:
(lacht) Charming!
Blaze: Aber ich mag Robbie, mehr als die meisten anderen Leute. Wir sind gute Freunde.

Wie seid ihr auf Flipside Records gelandet?
Blaze:
Krk mochte unsere Band und stellte uns den Flipside-Leuten vor. Die hingen dann ständig bei mir zu Hause rum, um einen zu trinken und anschließend in Clubs zu gehen. Wir wurden schnell Freunde und letztendlich gab uns Gus etwas Geld und bot an, unser Album herauszubringen.

„We The Sheeple" wurde in Amerika von Flipside, in Europa von BeriBeri veröffentlicht. Habt ihr dasselbe mit „Pepsi Generation X" vor?"
Blaze:
Da habe ich noch nicht drüber nachgedacht. Bis jetzt ist das Album nur in Europa erhältlich. Wir werden hier erstmal für zwei Monate touren und uns dann entscheiden.

Welchen Eindruck habt ihr von Europa, insbesondere nach Auftritten in einem ehemaligen Ostblock-Staat wie Polen?
Don:
Die Leute dort sind sehr nett. Die Straßen sind beschissen, was auf das komplette Versagen des kommunistischen Systems zurückzuführen ist. 50 Jahre dieses Mists resultieren in schlechten Straßen, fehlender Hygiene, kaputten Leitungen...
Blaze: schmutzigem Wasser, wertlosem Geld...
Don: Die haben uns ungefähr 90 Mio.Slotty gezahlt, was ungefähr 30 DM entsprechen dürfte.
Blaze: Mit dem Geld kannst du dir den Arsch abputzen, was immer noch besser ist, als polnisches Klopapier zu benutzen. Aber die Leute auf den Konzerten waren wirklich cool.

Haben die eure Texte verstanden?
Don:
Ich glaube schon. Im Gegensatz zu vielen Deutschen scheinen sie den Sarkasmus in unseren Songs erkannt zu haben.
Blaze: Glaub' ich nicht. Denen hat nur die Musik gefallen, was ja auch völlig o.k. ist. Anders als hier sprechen in Polen nur wenige Leute Englisch. Es gab eine Menge Diskussionen aufgrund der Denkweise der Menschen, die völlig verschieden von unserer ist. Wir haben auch einige gute Erfahrungen gemacht, aber nach drei Tagen war ich froh, wieder in Deutschland zu sein. Dresden was kickass!
Don: Nach der Grenzüberquerung haben wir uns beinahe wie zu Hause gefühlt. So etwas wie Polen habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen.

In den neuen Bundesländern sah es also besser aus?
Don:
In Dresden ist es kaum anders als hier. In einigen anderen Städten waren die Straßen immer noch beschissen, aber man ist dabei, sie zu reparieren. Früher haben die Leute immer Angst gehabt, die Sowjetarmee werde eines Tages in Westeuropa einmarschieren. Ich persönlich glaube nicht, dass sie es bei den Straßen überhaupt nach Westeuropa geschafft hätte. Wahrscheinlich hätten sie noch nicht mal genug Benzin gehabt.
Blaze: Dresden war riesig, mit Sicherheit eines der drei besten Konzerte der bisherigen Tour. Potsdam und Greifswald... na ja, ging so.

Ihr zieht eine ganz schöne Zick-Zack-Tour durch Europa ab.
Blaze:
Da musst du mit Dolf drüber sprechen.
Don: In Amerika musst du zwischen Shows manchmal zwölf Stunden durch die Wüste fahren. Wenn wir hier sechs Stunden unterwegs sind, ist das zwar anstrengend, im Vergleich zu einer US-Tour aber fast schon Urlaub.
Blaze: Wir haben aber elf Stunden für die Fahrt von Berlin nach Lodz gebraucht. That was a fucked up trip! The Polish border sucks shit!

Gab es da irgendwelche Probleme?
Blaze:
Vor dem Grenzübergang stand eine fünf Kilometer lange LKWSchlange. Zum Glück hatten wir den Promoter aus Polen und unseren Fahrer, der Deutsch spricht, dabei. Ohne die beiden hätten wir ganz schön in der Scheiße gesessen.
Don: Wir haben gesagt, wir seien NIRVANA, da haben sie uns durchgelassen.

Nein, nein, nein, die kennt auch in Polen jeder Straßenköter.
Don:
Aber nicht die Grenzer.

Mike, du bist erst vor kurzem für Mr. Gloria in die Band eingestiegen. Ich habe da was von Gesundheitsproblemen gelesen.
Mike:
Ja, er ist verheiratet...

Äh, Moment mal: Ist das denn ein Gesundheitsproblem?
Mike:
Nein, aber es gab da schon etwas... diese Kastrationssache, aber... äh... das lassen wir besser, glaube ich. Ich bin vor anderthalb Jahren eingestiegen und habe Gitarre auf drei Stücken von „We The Sheeple" sowie der kompletten „Pepsi Generation X" gespielt.

Sean, du bist kurz vor dem letzten Album hinzugekommen, nachdem es Probleme mit dem vorherigen Drummer gegeben hatte.
Sean:
Ja, auf der letzten US-Tour hat er den Rest der Band nach nur vier Tagen in einem der schlimmsten Schneestürme dieses Jahrhunderts sitzengelassen und zwar mit der Begründung „I am cold and horny!". (lacht) Ein Freund von Mike ist dann zu ihnen rausgefahren, hat unterwegs alle Drumparts über Kopfhörer auswendig gelernt und sie so gerettet. Zurück in L.A. haben sie mich gefragt, ob ich bei ihnen mitmachen wolle. Ich hatte sie in San Diego während einer gemeinsamen Show mit THE SKULLS, einer der Original-77-L.A.-PunkBands, bei der ich damals Schlagzeuger war, kennengelernt.

Haben die sich nicht mit THE CONTROLLERS zu SKULL CONTROL zusammengeschlossen?
Sean:
Das sind zwei getrennte Bands. Spike von THE CONTROLLERS macht SKULL CONTROL und Billy Bones hatte mit Mark Moreland (?) THE SKULLS reformiert. Als die sich dann zum was weiß ich wie vielten Male aufgelöst haben, bin ich bei den TVTV$ eingestiegen.

„We The Sheeple" und „Pepsi Generation X" sind ziemlich schnell hintereinander erschienen.
Blaze:
Deswegen sind auf „Pepsi Generation X" auch nur zehn Songs. Wir wollten zeigen, wie sich die Band mit den neuen Mitgliedern anhört und zusätzliches Material für die Europa-Tour einspielen.

Blaze, du schreibst außerdem die„Prime Time TVTV$"-Kolumne für Flipside. Wie waren die Reaktionen auf deine Ausführungen zum Thema AIDS in der letzten Ausgabe? („If you are a middle class, heterosexual non-intravenial drug addict who has not had a long term relationship with someone who belongs to a high risk group, your chances of catching hiv are virtually zero." Blaze James, Flipside #92)
Blaze:
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung waren wir bereits in Europa, aber meine Freundin hat mir erzählt, dass ich in den letzten Wochen eine Menge Post bekommen habe. Ob du es glaubst oder nicht, der Großteil der Reaktionen auf meine Kolumne ist positiv. Viele Leute schreiben, dass sie es leid sind, ständig die typische linksgerichtete Punrock-Meinung gefüttert zu bekommen und dass sie froh sind, mal was von jemandem zu lesen, der etwas andere Ansichten hat. Manchmal kriege ich aber auch Hassbriefe von Leuten, die mich zusammenschlagen wollen.

Glaubst du demnach, dass in Punkrock-Kreisen zu wenig Toleranz herrscht? Sind viele Leute links um des Linkssein willen?
Blaze:
Absolut! So brauchen sie nicht selbst nachzudenken. Du gibst ihnen ein Programm, sagst ihnen, was sie zu denken haben und sie tun es. Es ist ihnen egal, ob eine spezifische Meinung richtig oder falsch ist – sie schließen sich automatisch der linken an.
Mike: Wir waren etwas überrascht, wie weit linksgerichtet, beinahe bis zum Punkt der Intoleranz, viele Leute sind, die wir in Europa getroffen haben. Im Osten Deutschlands und in Polen glauben viele noch an den Kommunismus. Wir sind zwar nur Außenstehende, aber wir hatten erwartet, dass die Menschen dort aus den schlechten Erfahrungen der Vergangenheit gelernt hätten.
Blaze: Nach dem Fall der Mauer hatten die wahrscheinlich gedacht, dass von heute auf morgen alles in Ordnung kommen werde und nach fünf Jahren werden sie jetzt langsam ungeduldig.
Don: Denen haben wir gesagt: „Get off your fat lazy asses and get a fuckin' job!" Klar, das macht keinen Spaß, aber es ist auch nicht besonders toll, auf Tour zu gehen und kaum Geld zu verdienen. Das ist harte Arbeit. Ich habe kein Verständnis für Leute, die nur herumsitzen, Sozialhilfe kassieren wollen und trotzdem auf den Staat schimpfen.

Blaze, du hast mal geschrieben, die Beispiele deiner Mutter und deiner Schwester hätten dir gezeigt, dass es mit Sozialhilfe keinen Anreiz mehr gäbe, sich Arbeit zu suchen. Man bekomme Essensmarken, sei krankenversichert und stünde somit besser da als mit einem Sechs-Dollar-Job. Aber sind solche Jobs denn so einfach zu bekommen?
Blaze:
Sehr einfach, wenn du nicht gerade Scheiße baust und drei Kinder bekommst. Vielleicht bin ich ja naiv, aber ich glaube, wenn du in die Zeitung guckst und dich für fünf verschiedene Jobs bewirbst, wirst du zumindest eine Zusage bekommen. Wahrscheinlich ist es hier ähnlich, da Deutschland vieles mit den USA gemeinsam hat. Aber die Leute sitzen immer nur auf ihrem Arsch und meckern. Arbeit macht keinen Spaß, versteh mich nicht falsch. Bei uns ist es so, dass wir entweder touren oder arbeiten, wobei wir auf Tour erheblich weniger verdienen. Ich habe nichts gegen Arbeit. Arbeit ist erheblich produktiver als herumzuhängen, Dope zu rauchen und an allem herumzumäkeln. Aber das ist nur meine Meinung.

Im Vergleich zu früher scheinst du von Liberalen nicht mehr sehr begeistert zu sein.
Blaze:
Ich betrachte mich immer noch als Liberalen. Ich vertrete weiterhin all die damit in Verbindung stehenden politischen Standpunkte. Aber die liberale Bewegung in Amerika hat sich so weit nach links bewegt, dass sie mittlerweile den Kommunismus propagiert. Das finde ich völlig idiotisch. Schau dir die feministische Bewegung an: Ich betrachte mich ebenfalls als Feministen, aber der radikal linke Teil dieser Bewegung - nicht alle - , ist ausschließlich an dem interessiert, was für ihn selber am besten ist. An das Wohl der Allgemeinheit denken die dabei überhaupt nicht; oder die radikal homosexuelle Bewegung: Ich mag Homosexuelle; ich habe viele Freunde, die selber homosexuell sind. Zitier mich da bitte nicht falsch, denn es ist mir sehr wichtig, nicht als schwulenfeindlich angesehen zu werden. Aber die Radikalen setzen sich ausschließlich für sich selber ein. Ich bin der Meinung, dass man immer die Lösung anstreben sollte, die für alle am besten ist. Ich bin aber genauso wenig politisch rechtsgerichtet. Ich mag die Rechte nicht. Ich glaube nicht, dass sich auch nur einer von uns als Republikaner bezeichnen würde.
Don: Ich finde einen linksradikalen Kommunistentrottel genauso verachtenswert wie einen rechtsradikalen Nazischwachkopf. Das ist dieselbe Art von Idiotie. Auf der einen Seite hast du Stalin und auf der anderen Hitler. Vom Fanatismus her sind die genau gleich. Wir befinden uns am anderen Ende des politischen Spektrums.
Blaze: Hoffentlich wird das jetzt nicht falsch verstanden, aber ich glaube, dass Europa ein Problem hat bei der Handhabung von Nazis. Die radikale Anti-Nazi-Haltung führt dazu, dass Leute nicht mehr frei ihre Meinung sagen dürfen, ohne vorschnell als Nazis abgestempelt zu werden. Wenn ich sage „Fuck anarchists!", nennt man mich sofort einen Nazi, was rechtfertigt, dass 15 Leute anschließend die Scheiße aus mir rauskloppen. Solch radikale Haltungen machen mir Angst. Ich hasse Nazis! Aber man muss unterscheiden, wer wirklich einer ist und wer nicht. Diese „Bringt sie alle um!"-Haltung führt dazu, dass man zuerst alle Nazis eliminiert und danach weitere Personen verfolgt; und zu denen würde ich dann zählen, weil ich gesagt habe, Anarchie sei dumm. Die Geschichte hat gezeigt, wie gefährlich es ist, wenn Leute von politischen Ideen besessen sind. Das kann zu Auswüchsen wie den Hexenverbrennungen während der Salem Witch Trials führen.
Mike: Besonders in Deutschland herrscht anscheinend eine gewisse Faschismus-Paranoia. Leute, die in Amerika wahrscheinlich als Konservative oder Republikaner bezeichnet würden, werden hier häufig Faschisten genannt. Die Bevölkerung scheint sehr beunruhigt zu sein, was ihr gutes Recht ist, aber wenn man anderen das Recht auf freie Meinungsäußerung abspricht, kann es passieren, dass einem eines Tages das Selbe wiederfährt.

(Im Hintergrund legen LUNCHBOX los und wir verziehen uns nach oben.)
Blaze:
Weißt du, was mir ein holländischer Freund erzählt hat? „Die Deutschen mögen die Holländer, aber die Holländer hassen die Deutschen." Ich habe ihn gefragt, weshalb das so sei, ob das am Krieg läge. Er hat dann gesagt: „Offiziell ja, aber der wahre Grund ist das verlorene WM-Finale von 1974. Die Deutschen haben uns im Fußball geschlagen und dafür hasst man sie. Der Krieg ist nicht mehr so wichtig." In Polen habe ich mich mit jemandem unterhalten, der Deutsche generell für schlecht hielt. Als ich ihn gefragt habe, ob es nicht auch in Polen schlechte Menschen gebe, genauso wie gute, hat er mir zugestimmt. Bei derselben Frage in Bezug auf Deutsche hat er nur gesagt: „Nein, die sind alle schlecht." Dabei war das ein Lehrer, ein Intellektueller. Wie kann man sich intellektuell nennen, wenn man glaubt, ein gesamtes Volk für böse und dumm erklären zu können? Derselbe Typ hat dann auch noch antisemitische Witze erzählt. Meine Freundin ist Jüdin, Mike ist Jude und Don behauptet immer, Jude zu sein. Es missfällt mir, wenn diese Leute allein wegen ihrer Religion beleidigt werden.
Mike: Wir hatten einfach mehr Toleranz erwartet, besonders von einem Land wie Polen, das den Holocaust in seiner schlimmsten Form miterlebt hat. Wir haben feststellen müssen, dass Polen immer noch große Probleme mit Antisemitismus hat.
Blaze: Dieser Lehrer meinte, als Pole dürfe man Witze über Juden machen. What the fuck? Es wäre genauso blöd von mir zu sagen: „Ich bin Amerikaner, ich darf Sklavenwitze reißen." Bullshit!

Bei den Aufnahmeprüfungen amerikanischer Colleges liegen die Anforderungen an schwarze Studenten unter denen, die an ihre weißen Kollegen gestellt werden. In deiner Kolumne hast du diese Praktik als extrem rassistisch bezeichnet.
Blaze:
Ich finde einfach, dass den Schwarzen dadurch in keiner Weise geholfen wird. Man tätschelt ihnen den Kopf und behandelt sie wie einen Hund. Außerdem macht man es anderen schwerer, die dieses Privileg nicht haben, z.B. Japaner. Es ist ein sehr komplexes Problem; ich glaube nicht, dass es in einem Interview richtig herauskommen würde.

Glaubst du denn, dass auch die Betroffenen deine Meinung teilen? Die Anzahl schwarzer Studenten, die Punkrock hören und Flipside lesen, dürfte wohl gegen null gehen. Gab es dennoch Reaktionen?
Blaze:
Nein, kaum. Ich glaube aber, dass die intelligenten Schwarzen mir überwiegend zustimmen würden, da sie nicht wie Idioten behandelt werden wollen. Diese Praktik degradiert sie zu Menschen zweiter Klasse. Dasselbe gilt für Frauen. Wir haben eine Frau als Road-Managerin. Wenn ich der etwas abnehmen will, sagt sie: „Das kann ich selber." Damit hat sie völlig recht. Indem du ihr eine Sache abnimmst, schaust du auf sie herab und betrachtest sie als minderwertig. Das ist das Problem in Amerika. Die Linke meint, sie täte den Schwarzen einen Gefallen, dabei behandelt sie sie wie kleine Kinder. Sie hält sie nicht für schlau genug, um auch ohne Hilfe durch das College zu kommen. Das ist es, was mir an der Linken nicht gefällt. Hoffentlich kommt das auch rüber. Wahrscheinlich höre ich mich ohnehin schon wie ein Riesenrassist an, was ich aber bestimmt nicht bin. Was hast du denn von meinem AIDS-Artikel gehalten?

Teilweise fand ich ihn etwas einseitig. Man hatte den Eindruck, dass dein Artikel nahezu ausschließlich auf Informationen aus diesem einen Buch "The Myth Of Heterosexual AIDS" von Michael Fumento, basiert.
Blaze:
Nicht nur. Das Buch war zwar der ursprüngliche Grund, weshalb ich den Artikel geschrieben habe - ich habe mich aber auch noch anderweitig informiert.
Don: Kurz bevor wir nach Europa geflogen sind, habe ich einen ausführlichen Artikel in der L.A. Times zum Thema AIDS gelesen, der in vielen Punkten mit dem von Blaze übereinstimmte.
Blaze: Wenn mir jemand Fakten und Statistiken vorlegen kann, die das Gegenteil beweisen und die nicht bloß linke Propaganda sind, lasse ich mich gerne umstimmen. Bisher habe ich aber noch keine gesehen.

Du hast behauptet, finanzielle Interessen seien der Grund für den Mythos vom heterosexuellen AIDS.
Blaze:
Leider interessiert sich von den Leuten, die in Amerika das große Geld haben, keiner für Homosexuelle und Junkies. Stirbt einer von denen, heißt es einfach: „Tut uns leid, wir haben kein Geld." Wenn du aber als Wissenschaftler oder Arzt Geld benötigst, brauchst du nur einen Artikel zu schreiben, in dem es heißt: „Auch Heterosexuelle können AIDS bekommen." Bingo! Sofort fließt das Geld. Man muss den Leuten nur Angst machen. Außerdem kann man ihnen so noch ein paar neue Moralvorstellungen eintrichtern. (So unkommentiert kann man das ausnahmsweise nicht stehenlassen: Was ist denn zum Beispiel mit Staaten in Afrika wie etwa Uganda, die extreme Probleme durch die heterosexuelle Verbreitung des HIV-Virus haben? jh)

Befürchtest du nicht, mit deinen Aussagen zum Thema AIDS und gegen Schusswaffenkontrolle von Gruppierungen wie der religiösen Rechten oder der National Rifle Association vereinnahmt zu werden?
Blaze:
Ich glaube nicht, dass ich jemals soviel Einfluss haben werde. Ist mir aber auch egal. Die Wahrheit ist mir wichtiger, als irgendein Rechts- oder Linkslabel aufgedrückt zu bekommen. Rechts und links sind nur Meinungen, Programme. Die Wahrheit ist immer die Wahrheit.

Zurück zur Musik: wie kam das „Moon over Marin"-Cover zustande? Sind die DEAD KENNEDYS euer großes Vorbild was Zynismus angeht?
Sean:
Wir lieben die DEAD KENNEDYS und „Moon over Marin" ist ein toller Song, von dem wir dachten, dass wir ihn halbwegs vernünftig spielen könnten. Außerdem mussten wir mindestens ein Cover auf das Album nehmen, da wir während der Aufnahmen unter großem Zeitdruck standen. Wir werden den Song heute Abend spielen. Er passt gut in unseren Set.

Genauso gut wie das EDDIE MONEY-Cover?
Blaze:
Jeder hasst den Song. Wir finden ihn ziemlich cool.

Ist EDDIE MONEY in puncto Frisur und Klamotten eine große Inspiration für dich?
Blaze:
Er ist eines meiner größten Idole, ein ehemaliger New York Cop.
Don: He's a fine, fine chump.

Und das BEATLES-Cover?
Blaze:
Der Song gefiel uns. Außerdem stammt er nicht von Lennon / McCartney, so dass uns Michael Jackson nicht verklagen kann.

Habt ihr eigentlich noch Probleme mit Auftrittsverboten innerhalb von Los Angeles?
Blaze:
Die meisten der Clubs, aus denen wir rausgeflogen sind, haben ohnehin mittlerweile dichtgemacht. Die anderen wollen uns nicht und wir wollen die nicht. Wir organisieren unsere eigenen Shows, indem wir kleine Clubs wie das Hong Kong Cafe mieten und mit zwei weiteren Bands zusammenspielen. Das ist besser, als sich mit Promotern herumzuschlagen. Das sind alles Idioten. Um in deren Clubs reinzukommen, musst du mindestens 21 Jahre alt sein. Sowas ist scheiße. L.A. sucks!
Sean: In L.A. gibt es einfach zu viele Bands – die Konkurrenz ist zu groß. Du bekommst selten etwas zu essen und die Bezahlung ist immer schlecht.
Blaze: Die jungen Punkrock-Fans wohnen auch nicht in der City von L.A., sondern größtenteils in den Vororten. Die fahren lediglich an Wochenenden zu Konzerten in die Stadt. Und wenn du dann mal eine gute Show auf die Beine gestellt hast, liest du in der Zeitung, dass BAD RELIGION am selben Abend spielen.

Was hältst du davon, dass Brian Baker jetzt bei denen mitmacht?
Blaze:
Ich will hier keine persönlichen Attacken starten. Ich glaube, dass er sich für JUNKYARD sehr schämt. Als ich 15 Jahre alt war, waren BAD RELIGION meine absolute Lieblingsband. Jetzt höre ich mir sie nicht mehr an. Ich finde es lustig, dass GREEN DAY in Europa als Vorgruppe von BAD RELIGION auftreten. In Amerika bekommt man gegenwärtig den Eindruck, GREEN DAY seien die populärste Band der Welt.

Soweit ich weiß, hat sich das aber erledigt. Stattdessen haben SNFU gespielt.
Blaze:
Ich kann auch gar nicht schlecht über GREEN DAY reden. Ich will ja selber, dass die uns fragen, mit ihnen zu spielen. (Blaze sieht das CHUMBAWAMBA / CONSOLIDATED-Tourposter an der Wand) CHUMBAWAMBA gehen mit CONSOLIDATED auf Tour?

Ja, die sind jetzt im Major-Vertrieb und haben sogar ein Video auf MTV.
Blaze:
CHUMBAWAMBA? Also sind die jetzt totale Scheiße. Die haben all ihre Ideale ausverkauft.

Das habe ich nicht gesagt.
Blaze:
Aber ich! Da kannst du mich ruhig zitieren. What a bunch of fuckin' sell out losers. Corporate system whores!
Don: Sie sind Huren des Systems und falls irgendjemand die Nummer der Person kennt, an die sie sich verkauft haben, bitte schickt sie an uns, damit wir auch Huren werden können.
Blaze: Wir brauchen ja auch nicht auf eine zehnjährige Karriere der Systemverachtung zurückzublicken. CHUMBAWAMBA can blow shit!
Don: CHUMBAWAMBA can chew my wamba! Uns interessieren andere Bands. Es gibt da eine wunderschöne kleine Ballade, die wir covern wollen und zwar von Geza X's alter Band...

THE DEADBEATS!
Don:
Genau! Der Song heißt „Kill the hippies" und drückt unsere Gefühle für diese Bewegung auf eine sehr liebevolle Art aus.

Ihr habt ja selber einige Songs zu dem Thema geschrieben. „Hippie-Crit" war großartig.
Sean:
Und der neue Song „Hippie go home" über den alten Drummer.

Bei soviel Liebe für Hippies muss Woodstock II ja ein echtes Fest für euch gewesen sein.
Don:
Das war ein zweitägiger Masturbationsmarathon eines MTV-Promoagenten. Es war in jeder Hinsicht beschissen, abgesehen davon, dass die uns noch nicht mal zurückgerufen haben.

Ihr wolltet da spielen?
Don:
Klar, wir wollen auch mit den Leuten von MTV masturbieren.
Blaze: Any idiot geek fuck who goes to Woodstock with his parents is a goofball fuckhead! Bei Rock'n'Roll geht es darum, seine Eltern zu hassen, nicht sie zu mögen. Kinder, die mit ihren Eltern zu Konzerten gehen... blow me! Das ist krank!
Don: Guter Rock'n'Roll ist die Musik, bei der deine Eltern sagen: „Stell den Scheiß aus!" Wahrscheinlich musst du deinen Eltern dankbar sein, weil sie dich 18 Jahre lang durchgefüttert haben. Aber dieselbe Musik zu mögen, ist unentschuldbar.
Blaze: Manchmal haben meine Eltern auch Sachen gespielt, die mir gefallen haben. Ist mir aber egal. Wenn sie diese Musik gemocht haben, musste ich sie hassen.

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