TWO STAR REVIEW

Foto

Perfektion ist der Feind des Guten

Bart Gageldonk war lange das vierte Mitglied der BAMBIX, ihr Fahrer und Manager, und nachdem Wick Bambix vor zwei Jahren eine erste Soloscheibe veröffentlichte, zog Bart mit seinem Trio nach. Er singt und spielt Gitarre, Arjan trommelt, Peter spielt Bass. Gegründet hat sich die Band 2022 in Utrecht, Niederlande, aufgenommen hat das Ganze Menno Bakker in Amsterdam, sowohl die erste EP 2023 wie auch jetzt die neue EP „Len“, auf der sich TWO STAR REVIEW zudem mit dem Neuzugang Dennis Doesburg präsentieren. Ich ließ mir von Bart erklären, wie das alles so war und ist.

Bart, wie hat das bei dir einst angefangen hat mit Musik und Punk?

Das war so um mein zwölftes Lebensjahr herum. Ich bin in Nimwegen aufgewachsen, wo es schon immer eine große alternative Szene gab. Ich hatte zwei ältere Schwestern, die New Wave hörten. Sie hatten in meinen Augen supercoole Freunde: Punks. Der Freund einer meiner Schwestern fragte mich damals, was mich im Leben am meisten nervte. Ich sagte „die Schule“ und er stellte mir daraufhin eine Compilation-Kassette zusammen. Darauf waren DIE KREUZEN, D.R.I., DEAD KENNEDYS, THE WIPERS, MDC, RAW POWER usw. mit Songs, die alle von Schule, Entfremdung und Autorität handelten. Ich hatte sofort das Gefühl, mich selbst und meine Welt gefunden zu haben. Als ich 16 war, ging ich zu ersten Konzerten und kurz darauf begann ich mit Freunden angefangen im De Onderbroek zu arbeiten, einem besetzten Haus in Nimwegen. Bald haben wir auch selbst Veranstaltungen organisiert. Dinge selbst zu machen, etwas zu erreichen, das hat mich sehr begeistert und spricht mich auch heute noch an. DIY war meine beste Schule.

Ich schrieb bei eurer ersten EP im Ox über dich: „Bart war lange das vierte Mitglied der BAMBIX, ihr Fahrer und Manager.“ So haben auch wir uns kennengelernt. Beschreibt das deine Rolle korrekt?
Fahrer ja, Manager klingt immer ein bisschen blöd; es ist keine Arbeit, sondern Musik. Aber auch da muss eine Menge organisiert werden. BAMBIX waren sehr selbständig, Wick organisierte immer vieles selbst. Aber gerade für die Dinge, die als Musiker nicht so viel Spaß machen, wie Abrechnungen, Gespräche mit Plattenlabels und Booking-Agenturen, freche Anfragen bei Clubs, Presse und Sponsoren, ist es praktisch, wenn man jemanden nach vorne schicken kann und sagt, dass dieser Typ der Manager ist. Eine Art viertes Bandmitglied, das kein Instrument spielt, sondern Menschen.

Wie kam es zur Gründung von TWO STAR REVIEW? Wer ist dabei, was ist eure gemeinsame musikalische Inspiration? In deiner ersten Mail zur Band schriebst du mir vor zwei Jahren: „Ein bisschen WIPERS, ein bisschen LEATHERFACE, ein bisschen alte TURBONEGRO.“
2019 habe ich den ganzen Bandzirkus ziemlich vermisst, etwa am Wochenende mit Leuten ein paar Stunden in einem Bus zu sitzen, auf dem Weg zu Auftritten. Da habe ich beschlossen, dass ich eben selbst eine Band gründen muss. Nach einem halben Jahr hatte ich auf meinem Laptop ein Demo mit fünf Songs aufgenommen, bei dem ich alle Instrumente selbst eingespielt habe. Das Demo habe ich in den sozialen Medien geteilt, und gefragt, wer mitmachen möchte, um es zu verbessern. Dann kam Arjan, er spielte Schlagzeug bei SLAPENDE HONDEN, einer Powerviolence-Crust-Grindcore-Band aus Utrecht, und wollte noch etwas anderes, etwas Ruhigeres ergänzen. Während Corona konnten wir nicht weitermachen, aber im Mai 2022 fanden wir Peter. Er spielte Bass bei GREY NOMAD, einer New-Wave-Band, und wollte gerade etwas härtere Musik machen. Drei Monate später nahmen wir als Trio unsere ersten beiden EPs auf und begannen aufzutreten. 2024 habe ich Dennis gefragt, ob er mitmachen möchte, weil ich eine Gitarre allein etwas langweilig fand. Dennis ist ein alter Freund, der früher in der bekanntesten niederländischen Skatepunk-Band UNDECLINABLE AMBUSCADE gespielt hat. Mit seinem Gitarrenspiel konnten wir uns wirklich weiterentwickeln. Was uns vier musikalisch verbindet, ist eine Vorliebe für düstere, melancholische Musik und amerikanischen Punk der 1980er Jahre, von LEATHERFACE bis SONIC YOUTH.

Und was hat es mit der 2-Sterne-Bewertung auf sich?
Das ergibt ein schönes Logo für T-Shirts. Eigentlich wollten wir auch keinen geschriebenen Bandnamen, sondern wie Prince „The Symbol“ nur unser Logo als Namen. Das stellte sich jedoch als etwas schwierig heraus, sodass wir uns dann doch für die ausgeschriebene Variante entschieden haben. Inhaltlich ist es eine Variante des alten Punk-Mottos „I don’t care“. Ein Statement gegen die heutige Bewertungskultur. Jeder muss ständig seine Meinung äußern und alles bewerten. Selbst wenn man auf einer Tankstelle auf die Toilette geht, wird man gebeten, auf einen Smiley-Button zu drücken, um mitzuteilen, wie einem der Toilettenbesuch gefallen hat. Wenn man sich auf Bewertungen von Millionen Menschen verlässt, ist McDonald’s eines der besten Restaurants der Welt. Eine Meinung oder Bewertung ohne Kontext sagt nichts. Ich interessiere mich nicht für die Meinung der Masse und aller möglichen dummen Leute. Ich interessiere mich dafür, was Menschen, die mir wichtig sind, die sich auskennen oder sich für etwas begeistern, von etwas halten. Und sowieso finde ich Unvollkommenheit schöner, bewegender, romantischer als Perfektion. Perfektion ist der Feind des Guten.

Ihr habt mit der niederländischen Szene-Ikone Menno Bakker aufgenommen, der gefühlt seit drei Jahrzehnten jede gute Dutchpunk-Band produziert hat. Was ist das für ein Typ, was kann der gut?
Menno Bakker ist ein sehr sympathischer, kommunikationsstarker Mensch mit einem sehr guten Gehör und einem ausgezeichneten Musikgeschmack. Hör dir zum Beispiel mal das Album „Save Yourself“ von seiner alten Band PAN AM an, dann verstehst du, wo er musikalisch herkommt. Neben seiner Tätigkeit als unabhängiger Produzent ist er derzeit auch Dozent für Studio-Engineering und Produktion an der Herman Brood Academy, arbeitet in der Berufsausbildung für Musiker und Techniker. Was ihn neben seinen technischen Kenntnissen auszeichnet, ist seine Fähigkeit, durch Lärm und Rauschen hindurch die Absicht und das Wesentliche der Musiker und des Songs rauszuhören. Und das hervorzuheben, auch wenn man dafür alles noch einmal neu einspielen muss. Was er dir dann mit einem breiten Lächeln mitteilt.

Im Bandinfo schreibt ihr was von einem „Möchtegern-Schlagersänger/Trucker“ – bist du das? Als Koch hast du auch schon gearbeitet ... Was machst du beruflich?
Ja, das bezieht sich auf mich. Irgendwann in den 1990er Jahren fuhren Claus Lüer und ich eine lange gemeinsame Tour mit BAMBIX und WOHLSTANDSKINDER. Nach zwei Tagen stellten wir fest, dass es bei einer solchen Tour eigentlich nicht um die Bands geht, sondern um das Leben als Trucker. Die Kilometer, die man zurücklegt, wie das Verkehr an diesem Tag läuft, welche Route wir am nächsten Tag fahren würden und wo wir anhalten wollen. Wir gingen unterwegs tatsächlich in Trucker-Imbisse, um Kaffee zu trinken und eine Wurst zu essen, während die Bands bei den normalen Leuten in der Tankstelle saßen. Darüber habe ich damals einen deutschen Schlager geschrieben, der auf einer Platte von KNOCHENFABRIK erschienen ist. Seitdem habe ich noch einige deutschsprachige Trucker-Songs geschrieben, jedoch nie etwas damit angefangen. Aber eigentlich möchte ich das noch tun. Ich war zuerst Koch und habe erst spät angefangen zu studieren. Nach meinem Studium – Personalmanagement und Marketingstrategie – habe ich viele verschiedene Dinge gemacht. Heute arbeite ich als Berater für den niederländischen Branchenverband für kulturelle Bildung. Unter anderem für Musikschulen.

Mit Wick Bambix bist du immer noch befreundet, bei „World at our feet“ ist sie eure Gastsängerin. Wie wäre es mal mit so einer Art BAMBIX-Revival: sie singt, ihr seid die Band ...?
Revival? Lieber das echte Ding mit echten BAMBIX-Mitgliedern, das wäre fantastisch! Dann setze ich mich gerne wieder hinter’s Steuer, verkaufe dann ein paar Shirts und trinke das Bandbier. Das funktioniert am besten, so sind wir ein gutes Team. Aber wer weiß, vielleicht hält ja irgendwann einmal unerwartet ein Bus bei einem Club oder einem Festival, aus dem ein paar bekannte Gesichter aussteigen ...

Anzeige