ULTRAMAN

Foto© by Tim Jamison

Melodie, Kraft und Dunkelheit

Wenn man ein neues Genre für sich entdeckt, startet man zumeist mit den Klassikern und arbeitet sich dann sukzessive zu den übersehenen Perlen vor. Die 1986 gegründeten ULTRAMAN aus Missouri, deren Debütalbum „Freezing Inside“ 1988 auf New Red Archives erschien, sind definitiv so eine musikalische Perle, ihre Beiträge auf diversen Hardcore/Punkrock-Compilations (u.a. 1990 auf „Hardcore Breakout USA“) stechen immer hervor und auf Albumlänge liefern sie mit großer Hitdichte ab. Im Schatten der Musikszenen an der Ost- und Westküste und mit ihrem überschaubaren Output wurden sie zu dem, was in Punk-Anthologien etwas ungelenk als Semi-Legende bezeichnet wird. In diesem Sommer erschien nach zwölf Jahren Pause ein neues Album namens „Dead End Thoughts Under A Crawling Sky“, das ich als das beste ihrer Bandgeschichte bezeichnen würde. Ein ausreichender Grund, um mit Sänger Tim Jamison ein paar Worte zu wechseln.

Tim, ULTRAMAN werden gerne mal mit dem Etikett Semi-Legende belegt. Kannst du mit dieser Einschätzung inhaltlich etwas anfangen?

Damit wären wir in der Gesellschaft von Bands wie NAKED RAYGUN oder PEGBOY in Chicago, um in unserer Nähe im Mittleren Westen der USA zu bleiben, oder TOXIC REASONS und ZERO BOYS aus Indianapolis. Über die sagt man das auch. Und ja, wenn wir ähnlich wahrgenommen werden, nehme ich das als Kompliment.

ULTRAMAN haben sich soundtechnisch immer sehr vielseitig zwischen DC Hardcore wie DAG NASTY, Oldschool-Hardcore wie ARTICLES OF FAITH und dem Westcoast-Epitaph-Sound bewegt. Wolltet ihr bewusst eine Lücke zwischen diesen Stilen füllen?
Ich schätze diese Vergleiche sehr. Vor allem den mit ARTICLES OF FAITH, einer meiner ewigen Lieblingsbands. Ich kann nicht sagen, dass ULTRAMAN jemals darauf aus waren, irgendwelche Lücken zu besetzen oder sogar bewusst versucht haben, wie eine bestimmte Band zu klingen. Natürlich hatten wir anfangs Einflüsse aus dem UK-Punk und Oi!, zusammen mit SoCal Bands wie ADOLESCENTS und T.S.O.L. und den frühen Washington DC-Bands. Melodie, Kraft und Dunkelheit sind die Grundsubstanz von ULTRAMAN. Es ging darum, Musik zu machen, ohne diese Parameter aus den Augen zu verlieren.

Nach 1990 habt ihr euch immer sehr viel Zeit für eure Veröffentlichungen gelassen, die kamen 2004, 2012, jetzt 2024. Braucht ihr als Band einfach diese langen Auszeiten? Und was sind die entscheidenden Anlässe, die euch dann immer weitermachen lassen?
Die erste Pause kam nach der Auflösung der Band nach unserer Europatour 1991. Nur unser Bassist und ich wollten weitermachen und es fehlte an Energie und Mitstreitern, um ULTRAMAN weiter zu führen. Unsere vorerst letztes Konzert haben wir am 30. Dezember 1991 gespielt. In den 1990er Jahren folgten ein paar Reunion-Gigs, darunter 1996 eine Show anlässlich unseres zehnjährigen Jubiläums. Eine Woche später eröffneten wir sogar als Vorband für RANCID. Damals begann ich ernsthaft darüber nachzudenken, einen Neuanfang zu wagen, was ich 1999 auch umsetzte. Rob Wagoner, unser ursprünglicher Gitarrist, kam 2001 bis 2015 zurück. Er ist auf unserem Album „Constant Weight Of Zero“ und auf der 10“ von 2012 zu hören. Mitte der 2000er Jahre war auch der alte Schlagzeuger zurück. Seitdem springt er immer mal wieder ein, wenn unser aktueller Drummer Gabe Usery verhindert ist. Zuletzt war das 2018 im Vorprogramm von T.S.O.L. und DEAD KENNEDYS. Komplett aufgehört haben wir nie, wir brauchen nur ewig, um Neues zu schaffen. Zeit ist ein rares Gut, da wir zu fünft sind. Mit zunehmenden Alter vergeht die Zeit immer schneller und ein oder zwei Jahre kommen mir wie ein paar Wochen vor, so dass ich nicht wirklich merke, wie viel Zeit schon wieder vergangen ist. Die Corona-Pandemie gab uns ein Zeitfenster ohne Auftritte, in dem wir uns endlich dem Album widmen konnten. Einige der Songs hatten wir schon 2013 und 2018 als Demos aufgenommen und einige waren so neu, dass wir sie noch nicht einmal live gespielt hatten.

Ist es deiner Meinung nach ein Vorteil, in 36 Jahren „nur“ vier Alben gemacht zu haben, weil keines davon schlecht ist? Oder ist es ein Nachteil, weil eine Band sich mit nur vier Alben nicht entwickeln und mehrere Facetten zeigen kann?
Darüber habe ich noch nie nachgedacht. ULTRAMAN haben einen eigenen Stil, der von Album zu Album leicht variiert und mit dem wir alle zufrieden sind. Veränderungen nur um der Veränderung willen sind nicht unser Ding. Es sind organische Veränderungen in der Art, wie Bob Fancher oder Tim O’Saben Songs schreiben und spielen. Ich betrachte jede neue Veröffentlichung als einen Schritt nach vorne, aber ich kann verstehen, dass andere das anders sehen.

Im Song „Doubt“ singst du in einer Zeile „You hide because you have to, I hide because I want to“. Normalerweise versteckt man sich aus Scham oder aus Angst. Deine Art sich zu verstecken scheint freiwillig zu sein. Wann oder aus welcher Motivation heraus passiert das?
Ich spreche normalerweise nicht über die Bedeutung meiner Texte. Ich weiß, was sie bedeuten, aber der Hörer hat vielleicht sein eigenes Verständnis, das auf seinen Erfahrungen oder seiner Perspektive beruht. Ich würde das nur ungern kaputt machen. Manchmal mag ich einfach beim Schreiben, wie einzelne Worte zusammenpassen, oder die Stimmung einer Formulierung und dann baue ich darauf einen Text auf. In diesem Fall basiert er auf einer persönlichen Beobachtung. Bei dem Verstecken, auf das ich mich beziehe, geht es darum, Teile von sich selbst für sich zu behalten. Manche Menschen brauchen Mauern um sich herum aufgrund eines Traumas, während andere sich einfach nur verbergen, weil es ihnen situationsabhängig besser passt. Ich hoffe, das ergibt einen Sinn und ruiniert den Text nicht für alle, die ihre eigene Sichtweise auf ihn behalten wollen.

Im Titelsong scheint es um die Schwierigkeit zu gehen, Dinge loszulassen, immer um die gleichen Probleme kreisen zu müssen. So habe ich es für mich jedenfalls interpretiert. Was bedeutet er für dich?
Das sehe ich teilweise auch so. Der Song beschreibt im Wesentlichen eine Momentaufnahme, draußen zu sein und grauen Wolken nachzusehen, die langsam vorbeiziehen. Er entstand aus einer einzigen Zeile, um die herum ich den Text geschrieben habe. Ich mochte einfach die Art und Weise, wie sie klang.

Euer altes Label New Red Archives wurde 2013 von Cleopatra Records übernommen. Euer letztes Album„The Constant Weight Of Zero“ von 2004 ist noch auf NRA erschienen. Wie seid ihr jetzt zu Rad Girlfriend Records gekommen, wo ihr auch in exzellenter Gesellschaft seid?
Lustigerweise erfuhr ich davon erst im Nachhinein. Ein Redakteur einer Wochenzeitung in St. Louis schickte mir eine Mail mit Fragen dazu. Ich sagte ihm, dass ich mich wieder bei ihm melden würde, wenn ich wüsste, was Sache ist. Ich sprach mit NRA-Gründer Nicky Garratt und er erklärte mir, dass er alles verkauft hätte, was Cleopatra etwas wert war. Zufälligerweise war ich kurz darauf in L.A. und traf mich mit Leuten vom Label, um sie persönlich kennenzulernen. Ich schlug ihnen vor, ein neues Album mit uns zu machen, aber sie hatten keinerlei Interesse. Sie schicken mir jedes Quartal eine Abrechnung, und wenn ein bestimmter Dollarbetrag aus Downloads und verkauften Hardcopies erreicht ist, bekommen wir einen Scheck. Ich glaube, der Letzte ist schon ein paar Jahre her. Sie haben inzwischen HOGAN’S HEROES, SAMIAM und NO USE FOR A NAME auf farbigem Vinyl wiederveröffentlicht. Aber bis jetzt habe ich noch nichts davon gehört, dass sie das mit den ULTRAMAN-Platten planen. Ich habe ihnen eine Mail geschickt, aber nie eine Antwort erhalten. Ich schätze, das war die Antwort. Zu Rad Girlfriend Records sind wir gekommen, als ich Josh auf einer RAGING NATHANS-Show in St. Louis traf, einen Monat bevor wir mit ihnen in Chicago zusammen mit THE BOLLWEEVILS auftraten. Er erwähnte, dass er ULTRAMAN durch den Song „Messages“ kannte, der auf der „At War With Society“-Compilation erschienen war. So schloss sich der Kreis, denn dank Nicky, der den Labelsampler in den späten 1990ern herausbrachte, stellten wir die Verbindung zu Rad Girlfriend her. Natürlich haben wir „Messages“ deshalb in unser Set für die Show in Chicago aufgenommen. Als wir die Platte schließlich fertig hatten, war er so ziemlich der Erste, an den ich dachte. Und erfreulicherweise war er total begeistert und veröffentlichte sie.

Welchen Stellenwert können ULTRAMAN heute für euch haben? Wie viel Zeit könnt und wollt ihr in die Band investieren?
Ich bin seit 38 Jahren der Sänger von ULTRAMAN. Selbst als die Band nicht aktiv war und ich in den 1990er Jahren in drei anderen Bands spielte, wurde ich immer noch als „der Sänger von ULTRAMAN“ wahrgenommen. Ich sehe die Band zwiegespalten. Auf der einen Seite ist es ein großer und bedeutender Teil meines Lebens, der mir die Chance gegeben hat, Dinge zu tun, die die meisten Leute nicht tun können. Andererseits ist es „nur“ eine Band. Aber dann erzählt mir jemand von einem Konzert, bei dem er uns gesehen hat, oder von der Wirkung, die ein Song auf ihn hatte. Bei einer Band, für die wir Anfang der 2000er Jahre als Vorgruppe spielten, erzählte mir der Sänger zum Beispiel, dass „Freezing Inside“, also unsere erste LP von 1988, ihm dabei geholfen habe, eine schwierige Zeit in seinem Leben zu überstehen und die Highschool zu verlassen. Es ist einfach so seltsam, dass etwas, dem man zu dem Zeitpunkt keine große Bedeutung beimisst, für jemand anderen etwas Großes sein kann. Das ist beängstigend und befriedigend zugleich. Mein Plan nach der Reunion 1999 war es, ein paar Shows pro Jahr zu spielen, neue Songs zu schreiben und aufzunehmen. Ich wollte nicht, dass die Band wieder mein ganzes Leben in Beschlag nimmt, so wie es beim ersten Mal der Fall war. Und daran habe ich mich gehalten. Wir haben eine Handvoll Konzerte gespielt, hauptsächlich außerhalb von St. Louis, Chicago und Kansas City. Aber mit der neuen Platte planen wir, mehr Shows zu spielen als in der Vergangenheit. Ich glaube nicht, dass wir noch einmal eine mehrmonatige Tour absolvieren werden, aber wenn sich die Gelegenheit ergibt für eine kürzere Tour durch Europa inklusive Deutschland, würden wir das sicher in Betracht ziehen.

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