© by Charlotte RomerEin Bandname, der hängenbleibt, Punk-Songs die einen fordern, und dazu eine klare Haltung. Chloe (voc, bs), Mathilde (dr) und Joseph (gt) kommen aus Rouen in Frankreich und sind bereits seit 2017 aktiv. Während WE HATE YOU PLEASE DIE lange ausschließlich französische Clubs bespielt haben, hat sich dies mit der neuen Platte „Chamber Songs“ nun deutlich geändert – auch weil es immer notwendiger wird, Stellung zu beziehen.
Ihr habt mehr als 150 Konzerte in Frankreich gespielt, drei LPs veröffentlicht, wart aber erst jetzt zum ersten Mal in Deutschland. Was hatte euch abgehalten?
Joseph: Eigentlich haben wir etwa 190 Mal in Frankreich gespielt, und ja, wir haben uns Zeit gelassen, bevor wir im Ausland gespielt haben. Wir arbeiten mit einem französischen Booker zusammen, so dass es einfacher ist, Gigs in Frankreich zu finden. Aber seit 2023 wird unser Radius immer größer, und auch wenn das viel Fahrerei bedeutet, wir lieben das! Wir waren in Kanada, Großbritannien, Deutschland, der Schweiz. So sind insgesamt 250 Gigs zusammengekommen.
Eure Stücke sind oft nicht geradlinig, nehmen abrupte Wendungen ...
Joseph: Wir lieben es Songs zu haben, die überraschen, meist sind es eigentlich zwei oder drei Songs in einem. Wir wollen wirklich nicht redundant sein, indem wir bei jedem Song dem üblichen Schema folgen, aber wir machen es auch nicht absichtlich kompliziert.
Durch die Texte, zum Beispiel „Control“, die Videos und den Merch wird schnell klar, wofür ihr steht, nämlich für das weibliche Empowerment. Das Etikett Riot Grrrl-Punk, das ihr manchmal verpasst bekommt, trifft es also?
Mathilde: Es liegt auf der Hand, dass die Rechte von Frauen auch uns betreffen. Mit dem Erstarken des Faschismus sind unsere Rechte zunehmend in Gefahr und es ist notwendig, darüber zu sprechen. Ich denke, der Begriff Riot Grrrl ist ein sehr wichtiger Teil unserer Musik. Ehrlich gesagt, haben wir uns immer schwergetan, die Musik, die wir machen, irgendwie zu definieren. Wir sagen oft, dass wir einfach Punk machen. Aber die Riot Grrl-Bewegung ist auch ein Teil davon.
Mathilde und Chloe, ich nehme an, auch im Song „Asshole“ verarbeitet ihr persönliche Erfahrungen als Musikerinnen?
Mathilde: In der Tat mussten Chloe und ich uns seit den Anfängen der Band oft unangemessene Bemerkungen anhören. Klar kommt das immer von Männern. Es ist wichtig für uns, das auch in unseren Songs thematisieren. In diesem Stück geht es um männliche Musikbands, die denken sie können tun, was sie wollen, die ihren Einfluss ausnutzen, um Frauen zu manipulieren. Auch das ist ein wichtiges Thema für uns.
Daher der provokative Bandname? Ihr kamt beim Konzert äußerst sympathisch rüber und einige Songs wie „Adrenaline“, „Stronger than ever“ und „Lust“ wirken ja durchaus positiv.
Mathilde: Der Name der Band stammt aus dem Film „Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“ und ist ein Stück, das von einer Band im Film gespielt wird. Die Szene hat uns sehr zum Lachen gebracht, und wir fanden, dass der Songtitel sich ziemlich gut als Bandname eignet.
Joseph: Auch wenn der Name etwas provokant ist, denke ich, dass wir nicht nur dadurch definiert werden. Wir sind ziemlich ruhige und nette Leute und wir versuchen es nicht zu übertreiben, wie wir während der Shows auftreten. Wie du gesagt hast, haben wir auch einige ziemlich positive Stücke, jeder Titel ist einzigartig und handelt von etwas anderem. Wir genießen es, verschiedene musikalische Facetten zu haben.
Wie engagiert ihr euch sonst noch und versucht, dem Patriarchat die Stirn zu bieten?
Mathilde: Auf der Bühne zu stehen und überall auf Tour zu gehen, um unsere Ideen zu verteidigen, ist für uns bereits eine Art, das Patriarchat zu bekämpfen. Auf der Bühne zu stehen ist ein politischer Akt. Zum Beispiel haben wir vor kurzem in Budapest gespielt, wo die Dominanz des Faschismus einfach schrecklich ist. Wir waren sehr stolz darauf, dort aufzutreten und unsere Lieder zu spielen, die sich gegen den Faschismus und gegen das Patriarchat richten.
In Deutschland wird über ein Verbotsverfahren gegen die AfD diskutiert. In Frankreich darf Le Pen fünf Jahre lang nicht bei Wahlen antreten. Wie steht ihr dazu und seht ihr auch die Gefahr, dass diese Opferrolle rechten Parteien vielleicht sogar zuträglich ist?
Joseph: Es ist sehr gut, dass sie fünf Jahre lang nicht gewählt werden kann, aber sie hat die Entscheidung angefochten und wir wissen nicht, ob sie tatsächlich Bestand haben wird. Aber das Problem ist, dass Le Pen keineswegs allein ist; es ist sehr wahrscheinlich, dass Bardella an ihrer Stelle kandidieren wird, der dieselben Ideen vertritt. Das ist ein grundlegendes Problem, denn immer mehr Menschen sind davon überzeugt, dass diese Partei, Rassemblement National, Frankreich „retten“ wird, aber das Gegenteil ist der Fall, denn Frankreich braucht vor allem eines: weniger Faschisten.
Mit Schrecken musste ich in der Le Monde lesen, dass in einigen Regionen Frankreichs mittlerweile das Kreuz für Rassemblement National mit Stolz gemacht wird, weil man somit zeigen kann, dass man kein Sozialfall oder Faulenzer ist.
Joseph: Seit Jahren gilt es nicht mehr als Schande, RN zu wählen; die Menschen sind stolz, weil sie glauben, dass diese Partei das Volk und seine Interessen vertritt. In Wirklichkeit vertritt sie die Interessen der Reichsten, sie basiert auf kaum verhülltem Rassismus, sie will öffentliche Dienstleistungen und Menschenrechte zerstören. Und das Erschreckendste ist, dass die meisten rechtskonservativen Parteien heute dieselben Ideen vertreten, weil RN alle diese Diskurse trivialisiert hat.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #181 August/September 2025 und Marco Scheurer
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #181 August/September 2025 und Marco Scheurer