WIZO

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Welt kaputt, feiern gut!

30 Jahre Ox ohne ein einziges WIZO-Interview (das letzte war 1995 in Ox # 21), aber jede Serie reißt irgendwann einmal ab, außer man hört vorher auf. In diesem Fall ist es zu spät und ich frage mich, warum das eigentlich so lange gedauert hat, schließlich ist der Weg in das Örtchen hinter Sindelfingen, das ebenfalls auf „-ingen“ endet, gar nicht so weit und der Draht zu Axel Kurth auch seit über 35 Jahren noch ein recht kurzer. Also tun wir für einen Spätsommernachmittag mal kurz so, als würden wir uns gar nicht so gut kennen, und stellen Fragen, die wir eigentlich zu großen Teilen selber beantworten könnten. Wie etwa die nach den Eckpunkten: WIZO gründeten sich 1986, existierten bis 2005, machten 2010 weiter und haben heute nur noch eine personelle Konstante: Sänger und Gitarrist Axel. Wobei auch Fratz ein Teil des Teams ist, auf Hulk Räckorz erschienen und erscheinen die Platten, zuletzt 2023 „Nichts wird wieder gut“.

Wir sitzen hier zusammen anlässlich der 2026 anstehenden „WIZO bringt das Licht!“-Tour mit 42 Konzerten durch 38 Städte. Aber ganz ohne neue Platte. Funktioniert das so alle zwei Jahre?

Also in unserem Fall funktioniert es schon lange. Da ist eine neue Platte im besten Falle ein Goodie, das wir den Leuten noch geben können und das nützlich ist, um ein bisschen Aufmerksamkeit für den Ticketverkauf zu erzeugen. Ganz ehrlich, die meisten unserer Fans sind schon noch sehr daran interessiert, was wir aktuell treiben, und die nehmen auch daran Anteil und goutieren vor allem auch, dass wir noch versuchen, im Diskurs zu bleiben und noch nicht komplett alte Männer sind. Aber viele kommen wegen unserer alten Hits und wegen ihrer Jugend, die sie mit uns verbracht haben, die schiefe Bahn, die sie dank uns entdeckt haben und die ihr Leben dann mehr oder weniger bestimmt hat. Die zweite Sache ist ja, dass diese Geschichte, dass du eine Platte brauchst, um eine Tour zu machen, schon vor mindestens zehn, wenn nicht sogar vor fünfzehn Jahren komplett ad absurdum geführt wurde, und ich nur noch Tonträger herstelle und rausbringe, wenn auf meinen Websites zum gleichen Zeitpunkt auch Ticketlinks sind. Früher war das so, dass du eine Tour gemacht hast, um die Albumverkäufe anzukurbeln. Aber seit du keine physikalischen Tonträger mehr verkaufst und an finanzieller Entschädigung von irgendwelchen Streamingdiensten ja auch nur einen Schlag ins Gesicht bekommst, hat sich das total auf den Kopf gestellt. Das heißt, ich mache nur noch Tonträger, um meinen Ticketlink zu promoten, weil wir als Band nur die Möglichkeit haben, unsere Kosten zu decken, indem wir Konzerte geben und Tickets verkaufen. Dazu kommt, dass die Herstellung von Musik, wenngleich sie ja heutzutage aufgrund der digitalen Möglichkeiten viel, viel einfacher ist, immer noch sehr, sehr aufwändig und sehr anstrengend ist. Wenn ich für mich als Produzent, Musiker, Komponist und Künstler in Personalunion einen halbwegs menschlichen Mindestlohn, der sich ungefähr auf der Hälfte des deutschen Mindestlohns bewegen würde, ansetzen würde, dann würde ich das über den Tonträgerverkauf nicht mehr reinbekommen, was ich an Arbeit reinstecken muss, um einen Tonträger zu erstellen.

Also lohnt sich die Herstellung von physischen Tonträgern nicht mehr?
Nein, das lohnt sich schon lange nicht mehr. Ich meine, es kommen dann noch so andere enttäuschende Sachen dazu, also dass es zwar mittlerweile wieder einen gewissen Vinyl-Run gibt von so Catweazle-Typen, die gerne alte Plastikscheiben sammeln. Nicht falsch verstehen, die mag ich sehr, sehr gerne, diese Menschen. Aber die bittere Wahrheit ist, dass es kaum noch die Möglichkeit gibt, heute wirklich gut klingendes Vinyl zu produzieren. Vinyl klingt heutzutage fürchterlich. Erstens geben es die meisten Presswerke nicht mehr her, zweitens ist da der Mastering-Aufwand, den du dafür betreiben müsstest, um das auszugleichen. Das würde schon beim Mixen anfangen, was sich eben auch nicht bezahlen lässt. Wenn man es als Klangpurist betrachtet, ist auch das ein Schlag ins Gesicht. Ja, und deswegen geht es natürlich, dass wir ohne Album eine Tour machen. Aber wir haben dieses Jahr ja schon einen Song rausgehauen, „Scheiß AfD“, und wir behalten uns vor, dass wir im Winter vielleicht auch noch einen weiteren Song veröffentlichen, damit die Leute hoffentlich daran denken, dass sie auf eines unserer Konzerte kommen. Wir haben ja schon ein paar ältere Fans, die kämpfen schon mit Demenz, die müssen daran erinnert werden, dass sie sich noch gegenseitig Tickets für unsere Tour zu Weihnachten schenken. Ich bin da sehr realistisch, was Tonträger im Jahr 2025 anbelangt. Wobei, diesen Ansatz, dass man nur noch Singles raushaut, was viele junge Bands gezwungenermaßen machen müssen und in anderen Genres wie, HipHop oder so schon lange gang und gäbe ist, finde ich auch eine gewisse Befreiung. Es hat große Nachteile, wenn du als Songschreiber immer in dieser Limitierung eines Albums denkst, von wegen „Ich kann erst wieder was rausbringen, wenn ich 13 Lieder beisammenhabe“.

Eine physische Single lohnt sich aber fast nicht mehr. In Auflagenzahlen nicht und auch von den Herstellungskosten her beziehungsweise dem Preis, den man für eine 7“ letztendlich nehmen muss.
Absolut, das kommt dazu. Eine Single ist da sozusagen ein Teil eines Newsletters, den ich rausschicke, oder einer Social-Media-Meldung, die ich poste. Das wiederum mache ich nur dann, wenn ich auch wirklich drunter schreiben kann: „Übrigens, Tickets für die Tour gibt es auf wizo.de.“

Einfach nur auf die Bühne gehen, damit ist es ja nicht getan. So wie man das früher gemacht hat: „Übrigens, wir spielen im Juha-Pavillon, kommt rum, wenn ihr nix Besseres vorhabt.“ Also wenn ihr nicht zusätzlich einen gewissen Unterhaltungsmehrwert bieten würdet, dann würde die Tour ja wahrscheinlich auch nicht in dieser Größenordnung funktionieren. Was muss man als WIZO bieten?
Das ist eine sehr gute Frage. Wir sind es gewöhnt, einen sehr großen Aufwand zu betreiben. Wir machen viel, wir geben uns sehr, sehr viel Mühe bei den Setlisten, die wir erstellen, und wie wir unsere Konzerte so durchstrukturieren. Wir wollen die Leute idealerweise immer auf eine schöne Reise schicken, irgendwie. Das Ziel ist, dass sie wie bei einem guten Kinofilm zwei Stunden im Club sind, an nichts anderes mehr denken und sich safe fühlen, gemeinsam mit Menschen, die auch keinen Bock auf Faschos haben, während ihre bittere Realität vielleicht von irgendwelchen AfD-Onkels geprägt ist. Das ist der Ansatz und dafür unternehme ich sehr viel. Wir machen auch brutal viel beim Bühnenbild, der Dekoration, wir gestalten unsere Instrumente, wir gestalten unsere Abläufe, wir machen allen möglichen Schnickschnack. Wir kümmern uns ums Licht und allen möglichen Quatsch. Gleichzeitig haben wir aber auch immer wieder dieses Damoklesschwert über uns hängen, wie wenig Aufwand beispielsweise eine Band wie NOFX betrieben hat. Wenn es droht, dass wir uns gerade wieder in irgendeinen Klimbim verrennen, irgendwas, das wir jetzt auch noch auf die Bühne stellen wollen, dann überlege ich immer wieder so als Regulativ: Ja, aber NOFX haben nur ein Handtuch mit einem draufgemalten Logo aufgehängt, das hat auch gereicht, um die Leute zu begeistern. Von daher kann ich die Frage nicht endgültig beantworten. Ich habe den Anspruch an mich selber, den Leuten ein bisschen was zu bieten und sie in diese WIZO-Welt reinzubringen. Aber vielleicht würde es auch reichen, wenn wir nur „Quadrat im Kreis“ spielen und „Raum der Zeit“, damit die Leute sich mit einem Bierbecher kurz wieder fühlen können, als wären sie noch mal 17.

Oder man kann eine Tour mit 42 Konzerten in diesem Umfang betreiben, wie ihr es 2026 tun werdet.
Na ja, ich glaube, was WIZO im Zweifelsfall auszeichnet, ist die Tatsache, dass wir Kontakt zu den Leuten suchen, interagieren und Blödsinn labern, dass wir dokumentieren, dass uns die Menschen, die zu den Konzerten kommen, wichtig sind und wir versuchen, etwas von ihnen mit aufzunehmen. Ich glaube, das hat vielleicht unter Umständen mehr Wert für viele Menschen, als wenn wir ein noch bunteres Backdrop aufhängen.

Ihr hattet ja schon immer einen recht hohen DIY-Anteil, habt früh relativ viel selbst im kleinen Kreis gemacht. Band, Label, das ist wie eine Familie, sogar das Booking macht ihr selbst. Dazu war das Ganze auch recht früh schon ziemlich professionell.
Absolut! Nenn mir eine Band, die das in dem Rahmen schon so lange betreibt wie wir. Wir haben das aus einer Notwendigkeit heraus so gemacht. Als wir anfingen, fanden wir deutschen Punkrock geil und waren damit Sonderlinge, denn für viele Leute aus der Punk- und Hardcore-Szene damals gab es nichts Uncooleres als deutschen Punk. Die sind alle irgendwelchen Bandana-Hardcore-Heinis mit langen Haaren und zerrissenen Hosen hinterhergerannt, die irgendwie Brüllaffenkonzerte gegeben haben. Für uns war das ein großes Trauma, weil wir uns Mühe gegeben haben, irgendwo ein cooles Konzert zu veranstalten, und haben noch andere Bands eingeladen, aber dann hat zufällig im Nachbarjugendhaus die Kritzelgrimpfband, deren Namen man sich nicht merken konnte, gespielt. Da stand aber drunter „aus Washington, D.C.“, schon sind eben alle Menschen da hingerannt. Das ist unser Frühkarriere-Trauma, das wir haben. Dementsprechend war auch klar, dass diese coolen Typen uns nie einen Plattenvertrag gegeben hätten. Die coolen Fanzines haben auch nur lächelnd über uns geschrieben, die anderen coolen Protagonisten, die damals die Szene bestimmt haben, haben uns nicht mit dem Arsch angeschaut. Also war klar, wenn wir größere Konzerte buchen wollen, brauchen wir einen Tonträger. Wollen wir einen Tonträger, müssen wir den selber machen. Dann haben wir uns das eben erarbeitet und so ist 1990 Hulk Räckorz entstanden. Diese Ethik und Ästhetik haben wir uns über all die Jahre bewahrt, weil es sich natürlich auch sehr gut angefühlt hat, maximale Kontrolle über alles zu haben. Als wir später in einem Rahmen angekommen sind, in dem wir so viel Popularität hatten, dass Leute mit uns Platten machen wollten, haben wir uns nur deren Angebote angeschaut und gedacht: „Wollt ihr uns verarschen? Ihr wollt so viel Geld von unserer Musik abhaben, bloß weil ihr den blöden Tonträger in dem Heini-Presswerk in Auftrag gebt? Das machen wir an einem Nachmittag. Da gehen wir zu unseren Kumpels ins Gemeindebüro von der katholischen Kirche und schicken ein Fax ans Presswerk.“ Die waren hochmodern damals, da konnte man Faxe verschicken. Dieses DIY-Ding gibt uns ja auch die Möglichkeit, nach wie vor sehr unabhängig zu agieren. Wir können es uns erlauben, einen Bassisten zu haben, der in Los Angeles wohnt. Wenn wir auf Tour gehen, dann fliegen wir ihn hierher ein. Das können wir, weil wir genug Geld verdienen, wenn wir Konzerte spielen, ohne irgendeine komische Booking-Agentur zu haben und nicht irgendeinen Seppl-Promoter, der meint, er müsse auch unsere Social-Media-Auftritte gestalten, oder irgendein Management, das für was auch immer zuständig sein soll.

Ihr habt auch bald mit eigenem Mischer und eigener Stagecrew gearbeitet. Immer dieselben Leute, ein eingespieltes Team, das war ja relativ schnell wichtig.
Wenn ich Stunden im Proberaum verbringe und versuche, so einen Song mit meinen mittelguten Möglichkeiten maximal zu performen und zu interpretieren, hatte ich ja eine Idee, ein Klangbild in meinem Kopf, bei dem ich wollte, dass das auch bei den Leuten landet. Da war es klar und für mich selbstverständlich, dass ich das nicht irgendeinem bauchbeuteltragenden Selbstdreh-Mischer aus dem Dorfjugendhaus überlasse, der gerade leider keinen Bock hat, meine Vocals laut genug zu machen. Für mich war klar, dass wir eigene Leute brauchen, mit denen wir das machen. Im Zweifelsfall checken wir das selber ab und bringen noch Zeug mit. Das halten wir bis zum heutigen Tag so. Wenn wir im Schlachthof in Wiesbaden vor zweieinhalbtausend Leuten spielen, haben wir eine winzige Crew. Das sind drei Leute, einer für Licht, einer für Ton und einer, der uns auf der Bühne beim Aufbauen hilft. Ansonsten arbeiten wir drei Musiker selber, weil wir erwachsene, ältere Herren sind, nach wie vor unserer Körperteile und unserer Sprache mächtig. Das heißt, wir können auch was „schaffen“, wie der Schwabe sagen würde. Hat den schönen Seiteneffekt, dass keiner von uns aus lauter Langeweile drogensüchtig werden musste. Wir schaffen was, und das ist ein sehr erfüllendes Ding. Es gibt für mich nichts Schöneres als Konzerte zu spielen. Ich liebe alles am Konzerte machen. Ich liebe es, nachmittags da hinzukommen. Ich liebe es, Podeste aufzubauen. Ich liebe es auch, Gitter hin und her zu schieben und bin mir weder zu fein dafür noch breche ich mir einen ab. Es ist für mich toll, wenn ich weiß, dass alles ordentlich gemacht ist. Heute Abend kommen unsere Zuschauer:innen und Gäste, die haben einen Haufen Asche für unsere überteuerten Tickets gezahlt, also versuche ich, ihnen ein maximales Erlebnis zu gewährleisten.

Ihr macht ja bei Bedarf auch so was wie eine unmittelbare Konzertnachlese. Das ist mir bei der letzten Tour aufgefallen, als Fratz die Security von einer Location thematisiert hat, die ihm übel aufgestoßen ist.
Ganz schlimmes Thema. Wir verbringen nachmittags relativ viel Zeit damit, die Security einzuweisen. Das ist einer der großen Pandemieschäden, den die Musikbranche zu verzeichnen hat. Das wirklich gute Personal, das es früher stellenweise bei der Konzertsicherheit gab, ist echt ausgedünnt, eine ganz harte Nummer. Übrig geblieben sind viele Testosteron-Affen. Ich will da gar keine pauschalen Urteile fällen, aber wir haben leider sehr oft sehr schlechte Erfahrungen mit nicht so konzertaffinen Securities gehabt, wo entweder die Dudes mit ihren Runen-Tattoos in der ersten Reihe stehen und kleinen Punkermädchen auf den Kopf hauen, oder die zu doof sind, einen Crowdsurfer ordentlich davor zu behüten, sich den Unterkiefer aufzuschlagen, wenn sie in den Graben geraten.

Werden die dann ausgesiebt?
Es geht nur so weit, wie du es beeinflussen kannst. Es ist die Aufgabe des örtlichen Veranstalters, dir eine gute Security-Crew fürs Konzert zur stellen. Wenn wir nachmittags merken, dass da nicht alle brauchbar sind, versuchen wir, so gut wir können, die Testo-Affen lieber irgendwohin abzuordern, so dass sie vielleicht nur den Backstage-Parkplatz draußen im Schnee bewachen. Auf der anderen Seite schauen wir, dass die, die ein paar Hirnzellen übrighaben, hoffentlich verstehen, wie wir wollen, dass sie die Menschen bei unserem Konzert behandeln. Und wir machen diese mit den Gepflogenheiten auf einem Punkrock-Konzert vertraut. Bei uns gibt es ja immer noch sehr viel Crowdsurfing, sehr viel Stagediving. Dazu muss man ja auch sagen, dass die Leute, die heute zu unseren Konzerten kommen, auch keine 17 mehr sind. Das heißt, wenn dann so Graubärtige meinen „Heute will ich aber noch mal so richtig einen stagediven!“, dann muss man die ja auch vor sich selbst beschützen. Die sind nicht mehr so flexibel, wie sie früher mal waren.

Welche Auswahlkriterien habt ihr für eure Supportbands?
Wir geben uns da sehr viel Mühe. Auf der kommenden Tour 2026 freue ich mich sehr über unsere Gäste, aber es ist mir leider nicht gelungen, coole neue Bands zu finden, geschweige denn coole kleinere Bands, denn wir stellen gewisse Anforderungen an sie. Sie müssen erst mal fähig sein, unser Publikum auch wirklich zu begeistern. Das heißt, ich suche die nach der Musik aus, von der ich weiß, dass sie entweder mir sehr gut gefällt oder auf jeden Fall den Zuschauer:innen, die zu unseren Konzerten kommen. Dann müssen sie ein gewisses professionelles Level haben und imstande sein, ein paar Tage, im besten Fall zwei Wochen mit uns unterwegs zu sein, das siebt schon ganz schön aus. Viele von diesen wirklich hoffnungsvollen jungen Bands sind einfach nicht in der Lage, zwei Wochen auf Tour zu gehen. Die haben entweder nicht die Infrastruktur oder können nicht alle Urlaub nehmen oder es sind gerade keine Semesterferien oder so was, wenn wir touren. So ist es für uns immer eine harte Nummer, Bands zu finden, die diesen professionellen Hintergrund haben, gleichzeitig aber auch den Leuten die angemessene Unterhaltung bieten.

Du möchtest ja auch niemanden auf die Bühne stellen, der dann nicht ankommt ...
Ja, das ist genau das Problem, das wir schon hatten. Wir haben gedacht, okay, wir haben ja auch so was wie einen Bildungsauftrag, also nehmen wir irgendwelche coolen jungen Bands mit, wir nehmen FLINTA-Bands mit, mussten letztlich aber vor der Halsstarrigkeit unseres eigenen Publikums kapitulieren. Die kommen an einem Dienstagabend zu uns in den Club und lassen die Gäste-Band im besten Fall einfach über sich ergehen. Häufig war es aber auch so, wenn es irgendwie ein Musikstyle war, der nicht zu 100% mit unserem gematcht hat, dass sie die einfach grauenvoll ignoriert haben. Das hat mir echt immer sehr, sehr leid getan. Mein Paradebeispiel sind hier RADKEY. Wir haben die drei coolen Jungs damals extra aus den USA geholt, weil ich die Musik sensationell fand und weil die zu dem Zeitpunkt für mich einfach eine coole junge Band waren. Aber wie die teilweise von unserem Publikum ignoriert wurden, das hat mich echt erschüttert. Da merke ich schon auch, dass mir Grenzen gesetzt sind, was meinen Bildungsauftrag anbelangt. Diese Erfahrungen ergeben die Problematik, mit der ich oft zu tun habe, wenn Leute zu mir sagen: „Ladet doch mal mehr FLINTA-Bands ein, die dann bei euch die Möglichkeit haben, sich vor Leuten zu präsentieren.“ Da muss ich leider sagen: „Ja, habe ich probiert, aber viele dieser jüngeren Bands sind an der Stelle nicht gut aufgehoben, selbst wenn ich ihnen alle Exposure gebe, die ich ihnen geben kann.“ Bislang haben es nur ganz wenige geschafft, das für sich zu nutzen. So sind wir jetzt auf der Tour wieder bei alten Bekannten gelandet, wir nehmen Leute wie ZSK mit, wir nehmen ITCHY mit, wir nehmen MONTREAL und RANTANPLAN mit, und wir haben noch unsere ganz alten Freunde NORMAHL dabei, diese Reptilienfossile von der anderen Seite von Stuttgart, von uns aus gesehen, aus Winnenden.

Außer Bands nehmt ihr inzwischen auch immer irgendwelche Organisationen mit, es gibt Stände von Sea Shepherd, Demosanitäter, Rote Hilfe und andere.
Ja, da überlege ich auch immer, denn das ist natürlich eine Möglichkeit, die wir haben. Viele von unserem Publikum sind ja schon grundsätzlich nach wie vor links und sozialkritisch aufgestellt, aber einfach auch nicht mehr so viel unterwegs. Einige von denen kriegen gar nicht mehr unbedingt mit, was abgeht. Bei den Bands funktioniert es nur beschränkt, aber bei den NGOs ist es so, dass die Leute doch sehr interessiert sind, wen wir da mitnehmen, und es hat auch schon so einen Statement-Charakter. Wir haben auf der letzten Tour die Rote Hilfe dabeigehabt und wir haben jüngere Organisationen wie Kein Bock auf Nazis. Auf die nächste Tour nehmen wir wahrscheinlich die Sea Punks auf ein paar Konzerte mit. In Stuttgart haben wir die Demosanitäter, weil wir die auch als Sanis für unser Konzert gebucht haben. Wenn sich bei uns örtliche Gruppen melden, dann schauen wir immer, was möglich ist. Manchmal geben es die Locations einfach nicht her, dass da fünf Infostände stehen, denn wir haben ja auch noch einen Merchandise-Stand. Und wir wollen auch unseren Gästebands noch die Möglichkeit geben, ihre T-Shirts zu verkaufen, denn selbst wenn wir die relativ gut bezahlen, sind die auch auf diese Einnahmen angewiesen. Da wird es je nach Location für die NGOs eventuell eng. Manchmal haben auch die Veranstalter irgendwie nicht so Bock drauf. Das heißt, da müssen wir schauen, wie wir das hinbekommen. Aber wenn es möglich ist, dann laden wir alles ein, was geht.

Das lohnt sich für die offensichtlich auch, du kriegst ja mit Sicherheit Feedback, oder?
Ja, klar. Im Zweifelsfall sind ja an dem Tag ausgerechnet die von der NGO am Stand, die WIZO eh sehen wollten, das ist uns auch recht. Das ist ja der große Vorteil, wenn man alles selber macht, dass wir nicht irgendeine Booking-Agentur fragen müssen. Wir müssen es irgendwie mit dem örtlichen Veranstalter und dem Club abstimmen, ob es genug Platz gibt, aber wir als Band können da wirklich frei verfügen und wir verfügen auch frei. Aber wie gesagt, auch da gibt es dasselbe Problem wie mit den Bands. Wir hatten schon mit NGOs zu tun, die haben wir gefragt, ob sie Bock haben, eine ganze Tour zu begleiten. Die waren aber aufgrund ihrer Organisationsstruktur gerade mal imstande, in Hamburg und in Berlin einen Stand zu machen und vielleicht noch irgendwo mit der umtriebigen Gruppe in Fulda. Aber da ist es für uns natürlich auch wichtig, dass wir jemanden dabeihaben, mit dem es reibungslos funktioniert. Das ist ein eigener Job, dafür zu sorgen, wo vier verschiedene NGOs ihre Infotische und ihre Stromversorgung herbekommen für ihre Beleuchtung, den mache ich noch nebenher, wenn ich den Tag organisieren muss, nur habe ich irgendwann vielleicht gar keine Zeit mehr zum Essen.

Second Coming: Nach dem Ende von WIZO 2005 gab es ja eine zweite Phase, eigentlich sogar die dritte, aber eine Rückkehr. Was davon war Plan, was Zufall?
Ich kann dir sagen, 2005 haben wir uns mit der Band definitiv in verschiedene Sackgassen verirrt. Natürlich hatte ich als der Hauptprotagonist und kreativer Kopf einiges an Schuld daran. Aber es war nun eben so. Dann kam die menschliche Konstellation dazu, die wir hatten, mit der wir wirklich gut durch unsere wilden 20er und unsere 30er Jahre gegangen sind. Bis dahin war es einfach. Aber als wir so um die 40 waren und sich jeder so seine Perspektiven gesucht hat ... Ich meine, das kennt jeder von uns, dass man eben irgendwann sein Mindset hinterfragt und überprüft. Irgendwann sind die wilden Jahre vorüber. Man kann dann als Band den Kopf in den Sand stecken und so tun, als wären wir immer noch 17, aber das war bei uns nicht so. An diesem Punkt habe ich für mich gemerkt, dass es für mich in der personellen Kombination, auch als Künstler, null inspirierend war. Ich meine, ich lebe ja davon, dass mir mehr oder weniger neue Sachen einfallen, ob das jetzt neue Lieder sind oder neue Ideen für Touren oder Bühnengestaltung. Das ist ja mein Broterwerb. Für mich als Mensch und Künstler ist das nichts, was ich mir ausgesucht habe. Ich bin ja kreativ, weil ich kreativ sein muss und weil ich es sein will. Und da habe ich gemerkt, ich bin mit diesem ehemals tollen Dampfschiff WIZO irgendwo in einem Altarm auf Grund gelaufen und festgefahren. Ich dachte, ab jetzt wird es irgendwann unehrlich, wenn wir uns vor die Leute hinstellen und sagen, hey, wir sind der geile WIZO. Wenn ich denen was Geiles erzähle, während die drei Dudes auf der Bühne in Wahrheit schon lange kein normales Wort mehr miteinander geredet haben. Damals waren ja noch gar nicht der WIZO, damals waren wir nur WIZO. Also wir hatten keinen Stress, wir hatten keinen Streit, aber wir waren einfach drüber, wir waren einfach rum. Da dachte ich damals, ha ja, ist eben so, muss ich jetzt durch, dann hören wir auf. Ich war fest davon überzeugt, dass ich nie wieder als WIZO auf die Bühne gehen werde, wirklich. Ich habe es wirklich gedacht und hatte auch eine Phase, in der ich sehr inspiriert war, sogar neue Songs geschrieben habe. Ich wollte neue Projekte machen, habe verschiedene Sachen ausprobiert, bin aber an den Punkt gekommen, wo alles Neue, was ich an Musik geschrieben habe, ohnehin wie WIZO geklungen hat. Was ja auch kein Wunder war, weil ich ja schon vorher 80% der Musik sozusagen „bestimmt“ habe. Und alles, was ich mir überlegt habe, um es mit neuem Namen zu präsentieren, was ich auf einer Bühne darbieten wollte, hätte wie WIZO geklungen und wahrscheinlich auch so ausgesehen.

Da stand dann XLQ dran ...
Da habe ich versucht, das mit einem Synonym für meinen Namen zu machen. Dann sind wir irgendwann mal im gemeinsamen Gespräch drauf gekommen: Egal, wie ich das Kind auch nennen werde, jeder scheiß Veranstalter wird, um Tickets zu verkaufen, darunter ex-WIZO schreiben und das alte Logo draufmachen. Am Anfang hat mich das echt angekotzt. Dann habe ich noch versucht, mich dagegen zu wehren, bis ich gemerkt habe, warum wehre ich mich eigentlich gegen etwas, das ich selber erreicht habe? Das ist ja ein Teil von mir, ich fand ja WIZO in dem Sinne nie scheiße. Ich fand ja auch meine Songs nicht scheiße. Jedesmal, wenn ich mir eine alte Platte anhöre, denke ich immer: Alter, was hast du da für einen Unsinn geschrieben? Ist ja unfassbar krass. Also ich habe immer noch sehr großen Respekt vor meinem eigenen Schaffen, weil ich dazu oftmals eine große Distanz habe. Ich erinnere mich auch nicht mehr, wie ich das gemacht habe. Aber diesen Respekt habe ich eben. Das heißt, es gab für mich keinen Grund, den alten Dampfer WIZO in den Schlamm zu treten. Dann hatte ich quasi nur noch dieses Kommunikationsproblem und das mit den Ex-Members, das ich klären musste. Und wie der Teufel es wollte, habe ich ja auch nach viel Rumprobieren ausgerechnet wieder mit dem gleichen Schlagzeuger weitergemacht. Das heißt, zu dem Zeitpunkt, als wir 2010 wieder auf die Bühne kamen, standen da zwei von den drei Leuten auf der Bühne, die 2005 das letzte Konzert gespielt hatten. Dann habe es auch geschafft, das mit unserem ehemaligen Bassisten gut zu klären und habe ihm auch erklärt, wie der Prozess bei mir bis dahin abgelaufen ist. Also haben wir wieder als WIZO gestartet.

Wie ging es dir damit?
Anfänglich fand ich es selber auch etwas unangenehm und hatte das Bedürfnis, das auch optisch abzutrennen. Deswegen sind wir am Anfang mit vier Leuten auf die Bühne gegangen, weil ich dachte, dass ich das alles jetzt auch musikalisch ein bisschen anders durchziehen möchte. Wenn ich im Studio bin, spiele ich immer zwei Gitarren ein, weil es das Klangbild so für mich erfordert. Das höre ich in meinem Kopf, das möchte ich so haben. Genauso möchte ich auch, dass mindestens zwei oder drei Leute den Harmoniegesang machen. Das war in der alten Besetzung nicht so gut möglich, aber jetzt konnte ich mir noch zwei gute Sänger dazuholen. Mein Schlagzeuger hat auch gut gesungen, also hatte ich drei gute Sänger und zwei Gitarren in der Band. Also dachte ich, damit dokumentiere ich ja auch irgendwie diese Weiterentwicklung. Dass es dann letztlich wieder zu einem Dreier-Piece wurde, ist eine andere Geschichte. Von daher hatte ich das nicht geplant, wo wir jetzt sind. Das Witzige ist, der WIZO ist ja jetzt seit 2010 wieder unterwegs, es ist jetzt 15 Jahre später, wir hatten davor 19 Jahre. In der neuen Geschichte von WIZO haben wir mehr Songs veröffentlicht, als wir in der alten Zeit rausgebracht hatten, weil wir mittlerweile drei volle Alben gemacht haben. So viel hatten wir damals seit den 1990ern nicht hinbekommen. Beim Erstellen der Setlisten schaue ich ja, welche Songs auf Spotify am meisten von den Leuten gehört werden, weil ich niemanden mit irgendwelchen vermeintlichen Perlen, von denen ich denke, die müsst ihr aber heute hören, langweilen will. Ich will schon sicherstellen, dass die Leute, wenn sie WIZO kaufen, auch WIZO kriegen. Das Schöne ist, und da bin ich schon auch ein bisschen stolz drauf, dass es in diese Setliste auch einige von den Stücken geschafft haben, die wir erst nach 2010 veröffentlicht haben. Auch wenn ich es vielleicht nicht mehr schaffen werde, so einen Evergreen wie „Raum der Zeit“ zu schreiben, aber tatsächlich habe ich es noch hingekriegt, ein paar Lieder zu positionieren, die zumindest etwas dagegen anstinken könnten.

Also ist diese Legende der 1990er eher so ein Augenzwinkern?
Definitiv, und es ist ja auch ein Augenzwinkern gegenüber dem, über was wir an einer anderen Stelle schon gesprochen haben, dass manche Leute ihre musikalische Entwicklung einfach zwischen ihrem 14. und 20. Lebensjahr machen und dann damit abschließen. Wir hatten das Glück, dass wir damals, in der Zeit, als wir noch CDs verkauft haben, als gerade die Grunge-Welle auf Deutschland übergeschwappt ist, als es einen OFFSPRING und einen GREEN DAY gab, irgendwie zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit der richtigen Platte waren. Da haben wir es geschafft, sehr, sehr viele Menschen zu erreichen. Wir haben damals einige hunderttausend Platten verkauft, und das ist ja unser Pfund, aus dem wir heute noch schöpfen. Klar, wir schaffen es auch, neue Menschen zu begeistern, aber ich will ja jetzt nicht als Berufsjugendlicher versuchen, krampfhaft irgendwelche 20-Jährigen mit ihrer Sprache abzuholen oder so was. Das fände ich schon ziemlich panne. Wenn die Leute die komischen Messages von 30 Jahre alten WIZO-Songs auch heute noch irgendwie erreichen, dann finde ich das super.

Wenn man sich auf Konzerten euer Publikum ansieht, bekommt man schnell den Eindruck, dass das ein Friends & Family-Event ist. Da sind auch Eltern dabei, die ihre Kinder mitbringen.
Das fand ich am Anfang ganz gruselig. Ich dachte mal, könnt ihr eure Kackbratzen nicht daheim lassen?

Richtig wäre die Frage: Sollten die Kids nicht eigentlich gegen ihre Alten rebellieren, statt mit ihnen zu WIZO zu pilgern?
Ja, das war tatsächlich so ein Punkt, wo ich auch gedacht habe: „Was ist los mit euch?“ Das ist ja so, als ob du mit deiner Mutter, die Andrea Berg gehört hat, zusammen nach Asbach ins Stadion gereist wärst. Puh, schüttel.

Ich freue mich darüber, wenn ich auf Konzerten in der ersten Reihe Kids sehe, die offensichtlich Spaß haben und erkennbar nicht gezwungen wurden. Wer weiß, vielleicht hat musikalische Früherziehung hier doch ein bisschen was bewirkt. Die hören dann zum Glück nicht modernen Schlager.
Moderner Schlager? Deutschrock heißt der heutzutage, oder?

Wie funktioniert WIZO als Band, wenn einer in den USA lebt?
Das funktioniert schon so, dass die meisten organisatorischen und planerischen Tätigkeiten von mir und Fratz übernommen werden. Fratz agiert seit all den Jahren im Hintergrund als heimliches viertes Tischbein vom WIZO. Die kreative Arbeit bereite ich insofern vor, dass ich die Songs schreibe und auch vorab aufnehme. Wenn es aber ans Finalisieren geht, mache ich das mit unserem Schlagzeuger zusammen. Ich lasse da auch immer noch mehr oder weniger Luft für weitere Kreativität. Unser Bassist ist hier nur selten involviert. Manchmal schicke ich ihm was, das er mir seinen Bass aufnimmt, und das schickt er mir dann zurück aus den USA. Wir sind ja eine ultra digitale Band, was das alles anbelangt. Ansonsten treffen wir uns eigentlich nur, wenn Touren anstehen, ungefähr sechs bis acht Wochen vorher, beginnen damit, ein Live-Programm auszuarbeiten und dann auch zu üben. Bei uns gibt es die alte Regel, für jedes Konzert, das wir spielen, brauchen wir eine Probe. Wenn wir 42 Konzerte spielen, dann will ich mindestens 42 mal proben. Das finden viele Leute vielleicht affig, ich probe aber sehr gerne, das bedeutet, ich habe wirklich Spaß beim Proben. Manche haben das ja irgendwie nicht, ich weiß aber auch nicht, warum die überhaupt Musik machen. Was die letzten 40 Jahre Erfahrung auch gezeigt haben, ist es das, was du einfach brauchst, damit du als eine Band über eine Tightness und Muscle Memory verfügst, die dich retten, wenn du zwei Monate unterwegs bist und jede Woche sechs Konzerte spielst. Damit kannst du irgendwie noch ein gutes Konzert spielen, an irgendeinem bösen Dienstag im kleinen Mau-Club in Rostock bei 39 °C Fieber, das du dir eingefangen hast, weil du jeden Tag mit Menschen zu tun hast, die ihre Kackbratzen in Multiresistenz-Keim-Kindertagesstätten haben. Vorbereitung ist da einfach alles.

FLIEHENDE STÜRME proben nur ein paar mal, bevor sie auf Tour gehen, da kommt die Tightness mit der Tour.
Ja, das ist ja auch vielleicht ein Aspekt von ihrer Musik, aber wir sind ja wie gesagt auch sehr digital, und ich bin ja zum Glück seit ein paar Jahren der schlechteste Musiker in meiner Band. Früher war ich immer der Beste, mittlerweile bin ich der Schlechteste und ich brauche tatsächlich auch doch viel, viel Training. Gerade für meine Stimme ist es extrem wichtig, dass ich viel übe, damit die die Tourbelastung auch gut übersteht.

Ihr seid ja keine Band mehr, die viermal die Woche proben muss, um ihre Instrumente zu lernen, und die im selben Ort lebt.
Nein, das hat aber auch zwei große Nachteile. Wir sehen uns wenig, das heißt, wenn wir uns wiedertreffen, brauchen wir auch viel Zeit, um uns gegenseitig upzudaten. Wir verwenden zum Beispiel sehr viel Zeit darauf, Ralf, der in den USA lebt, auf den Stand der jüngsten politische Entwicklungen zu bringen. Wenn Ralf kommt, weiß er beispielsweise nicht, was gerade letzte Woche mit Dunja Hayali abging. Wenn wir aber jetzt nächste Woche auf Tour gehen würden, dann wäre das ein Event, zu dem wir uns beispielsweise in Ansagen positionieren würden. Und Ralf hat manchmal gar keinen Plan davon, was hier passiert. Der Vorteil ist, dass wir auch immer sehr, sehr genau mitkriegen, was gerade in den USA abgeht, weil er da natürlich seine Bubble hat. Das ist aber letztlich jetzt für unsere Konzerte nicht so verwertbar. Die Entfernung hat tatsächlich auch den Nachteil, dass wir nicht mehr so viel gemeinsam an Stücken arbeiten können.

Das heißt, du komponierst alles?
Ich komponiere und arrangiere alles, ich programmiere die Basic-Drums. Eine Weile habe ich das sehr, sehr ausgefeilt gemacht, aber mittlerweile tue ich das nicht mehr, weil ich darauf vertraue, dass unser Schlagzeuger Alex meine Ideen sehr schnell checkt und in ein paar Takes wesentlich bessere Drums einspielt, als alles was ich programmieren kann. Aber die tatsächliche Kompositionsarbeit liegt schon bei mir. Manchmal vermisse ich auch was, weil viele Sachen tatsächlich im Proberaum passieren. Man muss ja als Band immer Entscheidungen fällen. Wie lange spielt man das oder was kommt nach dem Refrain und so weiter. In der schönen Studioumgebung, mit Pro-Tools, wo du alles draggen und droppen kannst, alles hin und her schubsen kannst, kommst du auch sehr schnell zu vielen Erkenntnissen. Aber manche Erkenntnisse sind eben nicht die gleichen, als wenn du das einmal im Proberaum durchspielst und merkst, hier kackt völlig die Energie weg, wenn wir nach dem Refrain dies oder jenes ...

Also du hast ja keinen kreativen Input von jemand anderem, der ein bisschen unterschiedlich tickt?
Ja, das fehlt und ich sehe zu, dass ich anderweitig zu Input komme. Ich habe ja zum Glück viel mit anderen Bands und Musikern zu tun, ich produziere auch noch andere Leute und so habe ich auch viel Austausch.

Wie verhält es sich bei dir mit der Prokrastination, die du so gerne propagierst? Das funktioniert ja so nicht wirklich.
Ah, doch. Leider, leider. Also jetzt gerade, wir haben Ende September und ich sollte dringend noch einen Song fertig machen, den wir noch im November oder Dezember releasen wollen, um unseren Ticketverkauf im Weihnachtsgeschäft ein bisschen anzukurbeln. Also das ist dieser klassische Fall. Es war jetzt eigentlich meine einzige Aufgabe im September, dieses Lied fertig zu machen, das habe ich in einer rohen Demo-Version vorliegen. Und das müsste ich jetzt noch mal ordentlich aufnehmen, noch mal richtig einsingen, denn da habe ich ein bisschen vor mich hingekräht. Es ist unglaublich, was mir alles einfällt, was ich tun kann, um nur nicht aufnehmen zu müssen.

Ich kenne dich, du hast zwei Jahre lang deinen Schweinestall in ein Studio umgebaut, um nichts Neues aufnehmen zu müssen. War’s diesmal die Küchenrenovierung?
Nee, tatsächlich. Was habe ich jetzt gestern gemacht? Da habe ich mir auch irgendwie eine tolle Arbeit ausgedacht. Unglaublich. Das Gute ist, dass viele von den Sachen, die ich stattdessen erledige, sowieso mehr oder weniger mit der Tourvorbereitung zu tun haben. Deswegen profitiere ich anderweitig davon, aber mit dem Song bin ich leider noch nicht weitergekommen. Da gilt die alte Regel: Don’t give me time, give me a deadline. Davon bin ich leider immer ein Opfer, also ein normales Business in Prokrastination, dauernd.

Lass uns über unsoziale Medien reden. Bei euch gibt es nur anlassbezogene Beiträge. Entweder gibt es irgendwann aus dem Nichts einen neuen Song oder es steht eine Tour an, aber eine Dauerbespaßung findet sonst nicht statt.
Der Punkt ist, dass ich das für uns als Band schon lange erkannt habe: Soziale Medien sind nicht das, was draufsteht. Es sind ja keine Medien, sondern es sind Softwareprogramme, mit der dir Leute Werbung verkaufen wollen. Algorithmen, die mit Hilfe von mehr oder weniger gutem Content versuchen, andere Menschen zu erreichen, um denen Werbung vor die Nase zu knallen. Und wir als Künstler, als Musiker mit diesem Rest an Street Credibility, die wir haben, sind ja leider für gerade diese Meta-Medien, Instagram, Facebook und so, ein dankbares Thema, weil der Herr Zuckerberg schon ganz genau wusste, dass er mit so was wie Rockmusik ja vortäuschen kann, dass das ein cooles Medium wäre, wenn er dir das über den Algorithmus in deine Timeline spült. Viele Bands machen sich da zum Gehilfen und kreieren ihren ganzen Content für Herrn Zuckerberg, kriegen aber nichts von ihm zurück. Wenn ihr als Band auf einem dieser Meta-Socials versucht, durch Werbung tatsächlich spürbar die Ticketverkäufe zu steigern, dann ist das unfassbar teuer, unfassbar schwierig und eigentlich fast unmöglich. Ich weiß auch seit Jahren, dass die mehreren 10.000 Follower, die wir beispielsweise auf Instagram haben, eben definitiv nicht oder zu einem sehr geringen Teil die Schnittmenge an Menschen sind, die Tickets kaufen und auf Konzerte gehen. Es gibt diese Menschen, aber Konzertgänger sind nur ein Bruchteil davon. Die Transformation in Ticketverkäufe, wenn ich eine Meldung auf Instagram poste, funktioniert einfach nicht. Das heißt, ich generiere Content für einen verhassten Großkonzern wie die Meta-Socials, der sich mit uns als einer coolen Rockband schmücken kann, um den Leuten so noch mehr trojanische Pferde unterzujubeln, und bekomme noch nicht mal was dafür zurück. Es kostet mich einen Haufen Aufwand, denn wenn ich einen Text für einen Post schreiben muss, ist das ja Zeit, die ich damit verbringe. Dann kommt noch der Aspekt dazu, dass alles wieder von anderen Großkonzernen ausgenutzt wird, um ihre KIs damit zu trainieren, dafür kriege ich auch nichts. Das ist gerade die Debatte bei den Musik-KIs, die ich übrigens sehr gerne benutze und auch sehr spannend finde.

Inwiefern?
Die Tatsache, dass da unsere Musik, die wir selber geschaffen haben, ohne dass wir was dafür zurückbekommen haben, über Jahre ausgewertet wurde, um jetzt neue KI-generierte Musik zu erzeugen, halte ich für ein zweischneidiges Schwert. Ich versuche, da sehr reflektiert zu bleiben. Deswegen benutzen wir die sozialen Medien eigentlich nur, wenn wir auch einen Ticketlink haben. Ich sehe es einfach nicht ein, diesen Algorithmus in der Form zu bespielen, dass es mein Following vergrößert oder so was. Du machst dich nur zum Horst für einen Großkonzern. Wenn der wüsste, wer ich bin, würde er sich ins Fäustchen lachen. Macht er aber nicht, denn ich bin dem scheißegal. Deswegen bin ich da auch sehr, sehr realistisch. Meine Aufgabe ist nicht, lustigen Social-Media-Content zu erschaffen. Privat konsumiere ich den übrigens sehr gerne. Ich liebe zum Beispiel TikTok, da bin ich ein Early Adopter und mag das. Aber ich weiß, mein Job ist fucking Musik zu machen. Dann kommt ja dazu, dass Tonträger auch nicht mehr das sind, was wir machen. Das heißt, ich muss keine Tonträger verkaufen, sondern ich muss es schaffen, Leute dazu zu bekommen, auf unsere Konzerte zu gehen. Und das ist auf Facebook und Instagram leider ein sehr hartes Brot. Das ist fast nicht möglich. Warum soll ich meine Energie, meine Kreativität und meine Zeit letztlich dafür verschwenden?

Wann ist bei dir ein Song gut genug? Und inwiefern spielen Selbstzweifel eine Rolle?
Das ist ein guter Punkt. Letztens bin ich durch einen alten Ordner von mir gegangen und habe von einem Song eine alternative Version gefunden. Der ist dann in Form A auf der Platte gelandet, aber ich hatte noch Form B, und die fand ich jetzt beim Wiederdurchhören eigentlich besser. Aber ich hatte mich eben irgendwann festgelegt. Ich glaube, dieser Prozess wird meistens eher aus Erschöpfung abgeschlossen als aus Zufriedenheit. Es gibt wirklich diesen klassischen Moment, wenn du als Produzent von so einem Lied, also als derjenige, der das im Studio zusammenschubst und mischt, dir das irgendwann mal so glatt gehört hast, dass du denkst, das passt jetzt schon so. Oder es gibt auch oft den Moment, den jeder kennt, der im Studio selber schon Sachen produziert hat, in dem man denkt, ah nein, ich muss an der Stelle noch diese eine Hi-Hat noch 0,3 dB lauter machen und einen halben Grad weiter nach links rücken. Allerdings hören Lisa Müller und Erika Mustermann, die von der Kreditkarte, den Unterschied schon seit den letzten 17 Versionen nicht mehr, die du da gebastelt hast.

Du wirst ja auch irgendwann betriebsblind ...
Na ja, ich bin eben zu dem Zeitpunkt super tief drin, aber eine Woche später höre ich das schon nicht mehr, was ich da gemacht habe. Es gibt so eine natürliche Erkenntnis, dass ich sage, okay, ab jetzt wird es nicht mehr arg viel besser, jetzt lassen wir es mal gut sein.

Stichwort Resteverwertung! Liegt da noch viel ungenutztes Material rum oder bist du so effektiv, dass du keinen dicken Ordner mit brauchbarem Archivmaterial hast?
Doch, doch den habe ich schon. Ich habe tatsächlich die Tage mal wieder nach dem Resteordner geschaut und die Songs darin sind aus einem guten Grund eine Resterampe. Was ich tatsächlich schon hatte, waren Songs, die bei mir auf Halde lagen, weil ihre Zeit noch nicht reif war. Da kann ich dir sogar ein Beispiel für ein Live-Erkenntnis nennen. Wir haben 2016 das „DER“-Album rausgebracht. Damals war es das erste Mal, dass wir im Internet mit diesem komischen Rechtsruck und diesem ganzen Bullshit konfrontiert waren. Da habe ich als Antwort für mich rausgelesen, dass ich meine Texte, entgegen meiner Meinung, wie die Themen eigentlich besprochen gehören, kontrastreicher zeichne. Das heißt, ich habe mehr auf die Kacke gehauen, als ich es in einem persönlichen Gespräch mit jemandem machen würde, weil ich gesagt habe: Okay, ich habe nur drei Minuten Punkrock-Songs, da muss ich meine Message klar und kantig formulieren, sonst geht sie einfach verloren. In den heutigen 140-Zeichen-Medien ist die Zeit einfach nicht mehr vorhanden, um sich auf eine ordentliche Auseinandersetzung einzulassen. Das war meine Reaktion darauf. So hatten wir damals das Lied „Antifa“ rausgebracht, in dem ich dieses Antifa-Thema verarbeitet habe. Hätten wir gewusst, was jetzt gerade aktuell in den USA abgeht, wo die Antifa verboten wurde ... Dieses Lied kam raus, als wir eine schwarz-rote Regierung hatten. In den 2020er Jahren hatten wir dann auf einmal eine rot-grün-gelbe Koalition, da war dann diese Bedrohung von rechts plötzlich für die Menschen nicht mehr so spürbar. Und alle haben zu mir gesagt: „Hey, du willst ‚Antifa‘ echt noch spielen? Das ist doch ein bisschen kindisch, alles so ein bisschen drüber. Was soll denn das mit der Kindermelodie und dieser Message?“ Dann haben wir es gelassen. Auf der letzten Festival-Rutsche haben wir das aber wieder live gespielt, und absolut den Ton und den Nerv der Menschen getroffen. Die fanden das Lied nicht cringe, die fanden, das war genau das Richtige, was es jetzt gerade braucht. Manche Sachen sind zu früh oder zwischendrin nicht so angesagt. So ist das auch bei „Grauer Brei“, das lag bei mir bestimmt seit 2006 in der Schublade, das haben wir dann erst 2023 auf der Platte gehabt.

Also besteht deine Resterampe tatsächlich nur aus unfertigen Sachen, die garen?
Ich habe viele angefangene Ideen, und es gibt tatsächlich auch Textentwürfe, weil für mich ein Track immer erst ein Song ist, wenn ich einen Text habe, der mit der Musik zusammen eine gewisse Energie transportiert. Musikideen habe ich Dutzende, also ich habe ganze Ordner voll mit irgendwelchen Schrammelschrammelgitarren-Ideen, aber das sind für mich noch lange keine Songs. Das werden sie erst, wenn ich es irgendwie schaffe, eine im Idealfall fiese, böswillige Zeile mit einer süßlichen Melodie so zu koppeln, dass es in einem komische Empfindungen erzeugt. Deswegen kann ich auch nicht auf noch so und so viele unveröffentlichte Stücke zurückgreifen. Es hat schon Gründe, warum ich die noch nicht veröffentlicht habe.

Das antifaschistische Kinderlied, was du mal schreiben wolltest, das kam noch nicht zustande, oder?
Wollte ich das mal? Ist wahrscheinlich so was wie „Antifa“, aber für Kinder verständlich.

Spezielle Shows für Kids wie ZSK wollt ihr nicht spielen?
Nee, tatsächlich gruselt mich diese Vorstellung ultra. Wir hatten schon ganz früh diese Auseinandersetzungen, auch bezüglich Merchandise für Kinder, weil Menschen zu uns kamen und gefragt haben, ob wir unser lustiges Pferde-T-Shirt nicht mal in Kindergrößen machen könnten. Es hat mir total widerstrebt, weil ich da einfach noch in dieser Überzeugung festhänge, dass Punkrock eine Jugendbewegung ist, die sich gegen Erwachsene auflehnt. Eine Bewegung, die nicht mit dem Plan einverstanden ist, den die Erwachsenenwelt für einen vorgesehen hat und das zum Ausdruck bringt. Da haben Kinder für mich nicht reingepasst. Ich habe ja selber keine Kinder, deswegen konnte ich das null nachvollziehen. Aber dann im Laufe der Zeit, als immer mehr Menschen um mich herum begonnen haben, sich zu vermehren, habe ich das auch verstanden, denn ursprünglich habe ich ihnen immer unterstellt: Ihr wollt eure eigene Individualität dadurch erkaufen, indem ihr euer Kind mit einem Punk-T-Shirt dekoriert. Dahinter steht aber eher die Idee: Ich möchte nicht irgendeinen Scheiß kaufen, lieber möchte ich das von der Band haben, dann haben die auch was davon. Um diesen Punkt zu akzeptieren, hat es bei mir aber sehr lange gedauert. Mittlerweile habe ich das, aber es geht noch nicht so weit, dass ich sage, wir brauchen eine ganze Kinderserie. Ich will auch keine Kinderkonzerte spielen, weil ich persönlich keinen Bezug zu Kindern habe. Außer den Kindern meiner Bekannten kenne ich keine. Ich habe keine, ich will keine, mir reicht es schon, mich den geriatrischen Herausforderungen unserer kommenden Konzerte zu stellen. Da brauche ich nicht auch noch Kinderkonzerte zu spielen. Bei anderen Bands ist es klar. Schau dir die Jungs von ZSK an. Joshi hat drei Kinder, für den ist es eine coole Nummer. Unser Schlagzeuger hat seit über einem Jahr ein Kind, vielleicht kriegt er auch einen anderen Drive dazu.

Wie ist es mit dem Älterwerden, wie steht man denn morgens in der Welt auf, in der wir uns gerade befinden? In der seit 2020 mit diesen komischen kleinen Viren die Leute zunehmend am Rad drehen und eigentlich nichts wirklich besser wird.
Ganz schlimm. Also tatsächlich bewältigt man das ja nur mit einem gestiegenen Sarkasmus. Man muss viele Dinge Tag für Tag erneut wegignorieren und sich schönreden. Das geht einher mit einer größeren Einkehr in sich selbst. Ich kümmere mich noch mehr nur um mich, meine ganz enge Bubble, meine Frau und meine unmittelbar nächsten Menschen, weil Auseinandersetzungen über einen gewissen Grad hinaus sehr anstrengend sein können, das weiß jeder. Künstlerisch ist es für mich seit der Pandemie tatsächlich eine komplette Katastrophe. Denn wie ich gerade schon gesagt habe, ist ein Song erst dann ein guter Song, wenn es mir gelingt, gute Wörter zu finden, die zusammen mit der Musik eine Energie transportieren und auch einen gewissen Humor haben. Ich liebe Sprache und ich liebe die Möglichkeiten, die ich als Muttersprachler in Deutsch habe. Durch die Auswahl einzelner Wörter, kannst du ja ein und dasselbe Ding mit drei verschiedenen Synonymen beschreiben. Wenn du das antike Wort dafür benutzt, kannst du durch dessen reine Verwendung eine Geisteshaltung zum Ausdruck bringen. Das brauche ich dir nicht zu sagen, aber das wissen viele Leute nicht. Nur so funktioniert für mich eben ein guter Text. Leider ist es so, dass seit der Pandemie auch viele Menschen aus unserem Umfeld abgeschwurbelt und verloren gegangen sind. Eine Entwicklung, die in die allerschlimmsten Richtungen ging. Da sind Leute abhandengekommen und nicht mehr zurückgekehrt. Aus dem unmittelbaren Bekanntenkreis sind manche eisenhart rechtsextrem geworden. Damit einher ging auch diese Nummer, dass manche Wörter plötzlich verbrannt waren. Wir haben 2016 noch das Lied „Wahlkrampf“ rausgebracht, in dem ich über korrupte Politiker gesungen habe. Das habe ich mir irgendwann mal in der Pandemie angeschaut und dachte, dass das jetzt 1:1 Schwurbelscheiße wäre, was sich irgendwelche Facebook-Dudes in ihre Gruppe kotzen könnten. Wobei für mich natürlich klar war, dass ich das aus einer linksextremen Perspektive gesehen habe und dir auch erklären konnte, dass ich einfach keinen Bock auf Politiker und Lobbyvertreter und so was habe. Aber da ist mir auf einmal klar geworden, die Sprache hat ganz viel von ihrer Bedeutung eingebüßt. Seither ist es mir erst gelungen zu zwei neuen Liedern Texte zu schreiben.

Viele Punk-Klassiker passen ja genau in dieses Schema. Manche Lieder, die Anfang der 1980er noch eindeutig unzweideutig waren, könntest du heute so gar nicht mehr schreiben. Im Kontext und Zeitbezug erklärt sich das, aber 1:1 übertragen geht einfach nicht mehr.
Ich bin ja in meinen 50ern weiterhin sehr bereit, mich den Herausforderungen der modernen Sprache zu stellen, wenn es um Gendergerechtigkeit geht, wenn es um Wörter geht, die man früher unbedarft benutzt hat, bei denen mittlerweile aber klar geworden ist, dass man damit Menschen diskriminiert oder verletzt. Ich habe gar kein Problem, das alles mit einzuarbeiten. Ich habe noch nicht mal ein Problem damit, alte Songs von uns auf den Prüfstand zu stellen und zu sagen, wir spielen so ein Lied wie „Gute Freunde“ jetzt nicht mehr. Denn selbst wenn ich dir den Kontext erklären könnte, dass das in keinem Falle irgendwie frauenfeindlich oder femizidverherrlichend gedacht war, muss ich einfach akzeptieren, dass ich damit Menschen triggern könnte, die ich schlichtweg nicht verletzen will. Dann kostet es mich ein Lächeln, dieses Lied einfach nicht mehr zu spielen. Spiele ich eben andere Lieder, das hat mich überhaupt nicht gestresst. Aber die Tatsache, dass einzelne Begriffe oder ganze Themengebiete irgendwie von den Schwurbelheinis gekapert wurden, haben mir so eine Sprachbarriere reingehauen, über die ich bis zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht weggekommen bin. Zum Glück habe ich genug damit zu tun, jetzt eine Tour auf die Beine zu stellen, auf der wir unsere alten Sachen spielen können, aber für neue Sachen ist es definitiv nicht leichter geworden.

Wie geht es dir denn mit 29+ mit dem Älterwerden, ist das ein Problem für dich? Ich meine, du bist ja schon Ü-Dingsbums und wir sind keine Berufsjugendlichen vom Schlage Udo Lindenberg, der in seiner Sprache furchtbar schlecht gealtert ist.
Ja, ich finde den schlimm.

Ich habe den irgendwann mal als sein eigenes Kunstobjekt empfunden.
Udo ist sprachlich für mich immer noch ein Pennäler aus den 1970ern, und so was möchte man ja nicht sein. Das Lustige ist, dass ich mich ja schon sehr früh mit dem Älterwerden auseinandergesetzt habe. Das Album „Punk gibt’s nicht umsonst!“ hatte eigentlich den Arbeitstitel „Älterwerden“, weil da schon viele Texte zu dem Thema drauf waren. Da habe ich damals von ein paar Leuten ein bisschen Shit abgekriegt, die sagten: Hör doch mal auf, immer laberst du nur über das Älterwerden. Aber tatsächlich ist das ja ein zentraler Punkt. Was war denn unser Inhalt als Punkrockmusiker früher? Unser Inhalt war, dass es ja eigentlich keine Zukunft gibt, und es war nicht eingeplant, älter als 30 Jahre zu werden. Wir hatten diese ganze wunderschöne Ignoranz und Arroganz, die wir uns damals eben als junge, im Saft stehende, kleine Punkerdeppen erlauben konnten, daraus geschöpft, dass wir gesagt haben: „Ihr und euer Erwachsenen-Game, da sind wir eh nicht dabei, da machen wir nicht mit. Wir finden vorher schon noch rechtzeitig irgendwie einen Ausweg, im Zweifelsfall: better die young.“

Jung kaputt spart Altersheime!
Genau! Dann findet man sich plötzlich wieder und stellt fest: Oh fuck, jetzt bin ich alt. Das Lustige ist ja, dass dieser Prozess meistens nicht zwischen den 30ern und den 40ern stattfindet, weil man da ja so mit seinem Leben beschäftigt ist. Aber so ab 40 stellen sich automatisch ganz viele von den Dingen, die man früher selber propagiert hat, nicht unbedingt total in Frage, aber doch deutlich anders dar, auch in positiver Hinsicht.

Ab einem gewissen Alter stelle ich fest, dass die Leute so eine Lust am Leben entwickelt haben. Wo es früher hieß „Scheiß drauf, ich sauf durch!“, geht man heute lieber früher ins Bett. Das sind Leute, die gehen heute joggen, haben ein Fitnessclub-Abo und Bock drauf, noch ein paar gesunde Jahre draufzupacken.
Wir waren ja früher eine sehr homogene Pampe als Punkerszene. Da wurde immer erzählt, dass alles positiv war. Da gab es Leute, die haben Fanzines gemacht, andere haben Bilder gemalt, die nächsten hatten eine Band, der Übernächste hat ein Label betrieben und ist mit der Plattenkiste durch die Gegend gezogen, der Letzte war Fotograf. Überall haben alle irgendwas gemacht, manche gleich mehrere Sachen. Irgendwann ist man aber alt genug, um rauszufinden, was einem wirklich Spaß macht, wofür man wirklich gerne seine Zeit verschwendet. Für die einen ist es nach wie vor Musikmachen, für die anderen ist es auf Konzerte gehen, und für die nächsten ist es, in ihrem Kämmerlein sitzen und Tonträger zu sammeln. Das geht einher mit dem Älterwerden, dass man eine größere Reflektiertheit hat und sich auch ganz viel Bullshit erspart, den man früher aus Gruppenzwang oder aus was weiß ich für Gründen oder schlicht aus Unbedachtheit gemacht hat.

Wie lange kann man dieses Punkerleben aus deiner Sicht durchziehen?
Welchen Teil des Punkerlebens? Ich meine, vielleicht ist das auch ein Klischee, aber man merkt es doch heute noch, wenn man ältere, grauhaarige Leute oder nicht mehr haarige Leute sieht, man riecht auch heute noch den Punk. Du siehst ja bei deinem Gegenüber, ob er irgendwo noch Schmutz an der Backe hat, weil er eine dreckige Vergangenheit hat. Man erkennt sich als Altpunker ja doch noch immer irgendwie, selbst mit Mütze. Die wenigsten haben es ja wirklich hinter sich gelassen und sind so geleckte Anzug-Arschgeigen geworden. Wenige! Das heißt, irgendwas bleibt da schon noch übrig von dieser Sozialisation.

Das heißt im Umkehrschluss: Es geht nie wieder richtig ab?
Ich denke nicht. Ich überprüfe das immer sehr sorgfältig, wenn wir mit unseren zu eng gewordenen Hosen auf den Bühnen rumkaspern und versuchen, diese Hüpfsprünge zu machen, die uns mit 25 leicht vom Fußgelenk gegangen sind, während heute alles knirscht und knarzt. Ich versuche das immer kritisch zu überprüfen. Im Zweifelsfall glaube ich, dass es ein ganz wichtiger Punkt ist, immer selbstironisch zu bleiben und sich nicht zu ernst zu nehmen. Da haben sich leider viele Bands ganz schön in die Sackgasse manövriert, weil sie sich selber schon viel zu früh viel zu ernst genommen haben und dann auch noch der Spaß weg war. Viele von denen mussten knallharte Reaktionen erfahren und sind ganz raus aus der Szene. Ich glaube, Humor ist wirklich ein wichtiges Überlebensmittel. Die Illusion, dass man würdevoll altert, die hat man, kann man sich aber in den Arsch schieben. Allerdings kann man wenigstens mit Spaß altern. Ein paar kriegen das besser hin, ein paar schlechter.

Dein Rezept gegen das Auswimpen?
Ich versuche, mir ständig meiner Rolle bewusst zu bleiben, und mir ist nun mal klar, dass mein Gelaber außerhalb einer gewissen Bubble ohnehin unwichtig ist. Dann versuche ich regelmäßig, mich eben genau an so was zu erinnern, was ich beispielsweise bei irgendwelchen TV-Punks schlimm finde, und das tunlichst selbst nicht zu machen. Also viel Selbstzweifel, Selbstreflexion, Selbsthass, zum Glück auch ein gutes Umfeld, mit dem ich so was besprechen kann, das mich zusätzlich hoffentlich vor zu viel Unsinn bewahrt. Dazu natürlich auch eine gute Portion von altbewährter Ablehnung gegenüber etablierten Medien, weil ich ja genau weiß, welchen Part ich auf ihrem Spielfeld zugewiesen bekäme: Bunter Hund, funny Punkerdude, wirrer Künstler oder Ähnliches. Been there, done that!

Wie sieht es mit Punk-Treffen wie auf Sylt oder der Neuauflage der Chaostage aus? Nimmst du die noch wahr oder sitzt du da und denkst dir, ach, lass die Jungen mal machen, die sollen mal selber ihr Ding durchziehen und ihre Erfahrungen machen, statt Geschichten von Opa von vor dem Krieg anhören zu müssen?
Zweiteres! Ich denke, lass die mal machen, und beobachte das, aber versuche auch, das mitzuverfolgen. Auf der anderen Seite habe ich aber auch regelmäßig Momente, wenn ich mal in so was reingerate. Manchmal geht man auf ein Konzert und ehe man sich versieht, ist man doch auf so einem Altherrentreffen. Ich finde das jedes Mal ultra inspirierend, weil ich aus so was doch schon Kraft schöpfe, denn die Menschen, die schon früher cool waren, sind auch heute oft noch cool. Es tut einem gut, sich mit coolen Menschen auseinanderzusetzen und zu umgeben, die coole Lebensentwürfe haben. Jedesmal schwöre ich mir, dass ich wieder öfter auf Konzerte gehen und mich mal wieder blicken lassen sollte. Aber dann aber erledigen doch wieder die Schwerkraft und das weiche Sofa ihren mörderischen Job.

Was machst du sonst so, wenn du nicht gerade WIZO bist und irgendwas organisierst? Ich weiß ja, dass du immer Beschäftigung findest.
Ich verreise tatsächlich viel, das liebe ich. Ich habe eine Frau, mit der ich zum Glück sehr viel reisen kann. Meine Frau hat ein umfangreiches Business, in dem ich auch viel helfe. Wir unterstützen uns immer gegenseitig sehr stark. Tatsächlich ist eigentlich alles, was ich sonst mache, irgendwie WIZO-bezogen. Da gibt es so viele Aufgabenfelder. Ich habe das letzte Wochenende damit verbracht, die Off-Day-Hotels für unsere Tour zu buchen, dann bin ich das Reisebüro. Wenn ich tatsächlich mal nichts tue, dann sehe ich auch das noch immer als eine gewisse Verpflichtung, neue Storys zu sammeln, denn ich bin ja ultra neugierig und labere jeden voll. Mit jedem Busfahrer bin ich nach einer halben Minute per du und weiß, wie seine Oma ihren Kuchen gebacken hat oder so was. Das ist ja auch ein Teil meines künstlerischen Arbeitens und Seins, immer neugierig zu sein. Blöd gesagt könnte ja alles einen neuen Liedtext ergeben.

Ich habe selber lang genug in einem artverwandten Gewerbe gearbeitet. Da stand am Anfang immer eine grobe Idee, die verfeinert, geplant, nachgebessert, aufgebaut wird. Du hast geguckt, ob es funktioniert, und wenn alles gepasst hat, war das superbefriedigend. Das Ganze anschließend zwei oder vier Wochen lang zu betreiben, war immer stinklangweilig. Aber cool zu sehen, ob eine Idee funktioniert und sich realisieren lässt.
Du musst diese Idee bei 42 Konzerten in 37 verschiedene Locations reinbringen. Tatsächlich ist das auch eines der Probleme, wenn wir Doppelkonzerte spielen. Da ist für mich auch dieses „Wir müssen die Legoburg abends wieder zusammenbauen, in den Bus und in den Lkw laden“. Bei den Doppelkonzerten geht einem ein bisschen was von diesem Erlebnis verloren, wenn man seine Anlage stehen lässt, weil man am nächsten Tag noch mal am selben Ort spielt. Ja, tatsächlich. Dafür ist man dann froh, wenn man auch mal seine Ruhe hat. Was war deine Frage?

Ist das für dich befriedigend, wenn du siehst, dass mit dem Booking für die Hotels alle happy sind und am Ende alles geklappt hat, was vorher nur als Idee existierte?
Ja, natürlich, voll. Auch abends, wenn das, was geplant war, hier in dem Raum funktioniert hat. Für mich ist eine Tour dann geil gelaufen, wenn wir am Schluss hier wieder unser Zeug abgekippt haben, all unsere dreckigen Cases, wenn ich weiß, dass wir uns nicht die Köpfe eingeschlagen haben und keiner von uns sich verletzt hat. Haben wir alles schon gehabt, denn es sind schon krasse Sachen passiert in den vielen Jahren. Wir haben ja mehrere hundert Konzerte gespielt, da ist schon jeder Scheiß passiert, den du dir vorstellen kannst. Wenn am Ende keiner von uns drauflegen musste, wenn ich allen Leuten ihr Geld bezahlen kann und alle kriegen von mir einen Bonus, weil es wieder super gut gelaufen ist. Wenn der Plan, den wir uns vorher ausgeheckt haben, hingehauen hat. Die Tour, die der Fratz gebucht hat, war wieder sensationell, weil es ein grandioses Booking gab. Fratz schafft es als einer der wenigen Booker, eine Band so loszuschicken, dass wir nicht über Nacht von Paris nach Prag fahren müssen. Vielmehr haben wir in aller Gemütsruhe am Tag zwei bis maximal drei Stunden Fahrerei, die wir in unserem Sprinter sitzen. Ich fahre auch die Tour, denn auch das macht mir Spaß. Es ist ein sensationelles Gefühl, wenn Fratz und ich uns dann nach der Tour in den Arm fallen und ich sage: „Fratz, wir haben es geschafft. Es hat hingehauen. Es hat alles geklappt!“ Dann sind da noch diese ganzen Zuckerle, die du in Form von Menschen bekommst, die dir ihre Storys schreiben. Die sagen: „Ich wollte am Mittwoch auf euer Konzert kommen, dann ging es aber irgendwie nicht, aber letztendlich habe ich es doch noch geschafft, und dann war es das schönste Moment meines Lebens.“ Das klingt jetzt vielleicht banal, aber es ist unglaublich, wenn du so was zurückbekommst. Es kommt auch immer die Frage, ob es nicht zu langweilig ist, so alte Lieder immer wieder zu spielen, so was wie „Kein Gerede“. Da sage ich: Hey, du hast keine Ahnung, wie geil es ist, wenn du auf der Bühne stehst, dieses Lied spielst, das du zugegebenermaßen schon etliche tausend Mal gespielt hast, aber die Energie, die jeden Abend von den Leuten wieder zurückkommt, ist einfach sensationell, das ist unbeschreiblich und das ist extrem erfüllend.

Was war rückblickend aus deiner Sicht in der ganzen WIZO-Geschichte das Dümmste, was du gemacht hast, und was das Schlaueste, aus Versehen oder beabsichtigt?
Ich kann ein bisschen von Glück reden, dass wir wenig dumme Entscheidungen gefällt haben.

Was ist mit „Alles Übrige regelt der gesunde Menschenverstand“?
Wieso?

Das war doch der erste Bandvertrag.
Den haben wir heute noch. Nein, wir haben das immer so geregelt. Der Bandvertrag, auch der Management- und Bookingvertrag, den ich mit dem Fratz habe, besteht aus drei Zeilen. Fratz macht die Konzerte von WIZO, den Rest regelt der gesunde Menschenverstand. Das ist vertraglich korrekt. Das kann man so machen, und das war nie eine falsche Entscheidung, ganz im Gegenteil. Das heißt, wenn ich jetzt in die Bredouille gekommen wäre, dass ich mit jemandem jenseits des Menschenverstandes hätte verhandeln müssen, dann gebe ich dir recht, dann wäre es blöd gewesen. Aber so viel Menschenverstand musste ich ja schon vorher haben, um zu wissen, dass die Leute, mit denen ich mich eingelassen habe, halbwegs geeignet sind. Auch da gab es natürlich Leute, die andere Vorstellungen hatten und enttäuscht waren oder so, aber nichts, was wir nicht letztlich normal regeln konnten. Wir mussten nie die Bullen rufen, wir haben uns nie gegenseitig verklagt, wir haben nie Hauereien gehabt oder so was und wir mussten uns nie um Geld fetzen. Also dahingehend gab es wenig dumme Entscheidungen. Dumme Entscheidungen, die mir einfallen, sind zum Beispiel Merchandise-Produkte. Wenn wir gedacht haben, das ist eine total geile Idee, dieses hässliche, aber für uns total lustige Insider-Joke-T-Shirt in tausendfacher Auflage drucken zu lassen. Dafür haben wir bitter bezahlt. So was mussten wir manchmal nach Indien spenden oder so.

Stimmt, du hattest ja mal so eine Idee mit einem Billigst-Shirt. War das so was?
Ja, da war einfach das Motiv scheiße. Die ursprüngliche Idee war gut, aber wir hatten ein hässliches Motiv gemacht, waren davon aber super überzeugt in unserer damaligen Arroganz. Anders kannst du es nicht nennen, weil wir davor sehr viel Glück mit Merchandise hatten. Mein komisches Pferde-T-Shirt, das ich gemalt habe, ist bis zum heutigen Tage nach wie vor unser Bestseller. Davon haben wir etliche tausend Stück verkauft.

Das hat ja auch einen hohen Wiedererkennungswert.
Ja, aber das hat man ja nicht ahnen können. Das habe ich mal im Backstage vom alten Marquee in Hamburg an die Kellerwand gekritzelt.

Du hast mir das irgendwann mal in der Ludwigsburger Rockfabrik supereuphorisch auf einen Bierdeckel gemalt, den ich sofort wieder verloren habe.
Das hat uns zu gewissen Höhenflügen verholfen, bei denen wir gedacht haben, dass wir ja auch ein anderes Scheißmotiv machen und davon ebenso viel verkaufen können. Also so was war eine eher dumme Entscheidung, wo ich mal wieder vom Leben gedemütigt wurde und einsehen musste: Okay, Alter, bloß weil du da einmal irgendwie einen Nerv getroffen hast, darfst du dich nicht über die Menschen hinwegsetzen. Du kannst denen nicht einfach Scheiße verkaufen.

Und eine brillante Highlight-Idee? Beim „Schlachtrufe BRD“-Sampler mitmachen?
Du kommst ja mit alten Kamellen, das hat für die Leute bestimmt heute keine Bedeutung mehr. Thomas Ziegler hätte uns, glaube ich, damals nicht auf den Sampler genommen, wenn ich ihn nicht ein bisschen bearbeitet hätte. Tatsächlich war es auf jeden Fall nicht schlecht für den Bekanntheitsgrad, das hat sich für uns als sehr positiv herausgestellt. Was ich gut bei uns finde, ist, dass wir unsere Struktur immer wieder modernisiert haben, dass wir zum Beispiel ultra digital auf der Bühne stehen. Das können wir uns erlauben, weil wir die Kohle haben, um in teure Digitaltechnik zu investieren. Auf der anderen Seite verleiht uns das aber auch eine unglaubliche Flexibilität und ermöglicht ein sehr hohes Level, auf dem wir den Leuten unsere Musik um die Ohren hauen können. Wer uns in den letzten zehn Jahren gesehen hat, der weiß, der WIZO klingt meistens sehr viel besser als andere Bands. Du hast auch nicht mehr Tonnen an Material, die du mitschleppen musst, damit auch weniger Aufwand, somit auch weniger Verschleiß, und wir müssen uns selber auch nicht mehr selber so kaputtmachen. Ich habe die Arbeitsabläufe extrem gut strukturiert, was mir unfassbar viel Spaß bereitet, da habe mich auch gerne in Sachen reingetüftelt. Viele Dinge hat der Ralf mit seiner Band CRASH KARMA als mein Experimentierlabor in den USA ausprobiert, wenn er in irgendwelchen Sportbars gespielt hat. Ich will mich ja ungerne Pionier nennen, aber wir haben wirklich schon ganz früh auf so einer großen Ebene auf der Bühne selber unsere Monitorsounds gemischt. Heute ist das bei vielen Bands gang und gäbe, aber wir haben das schon vor zehn, zwölf Jahren gemacht. Das sind für mich nach wie vor schlaue Sachen, die wir gemacht haben. Oder all die Erkenntnisse, die wir über die Jahre gesammelt haben, dass wir die tatsächlich auch immer beherzigen, damit wir in keinen Scheiß zweimal reintappen. Dass wir wissen, wie gutes Booking funktioniert, wissen, wie gute Plattenveröffentlichungen funktionieren. Dass wir das Ganze nach wie vor alles in einem ganz kleinen, überschaubaren Kreis von Leuten selbst machen. Darüber bin ich froh, dass wir das so tun konnten.

Du hast das vorhin schon gesagt, zu dem Zeitpunkt, als Labels noch wichtig waren und sich angeboten haben, da war es, glaube ich jedenfalls, auch ein schlauer Schritt zu sagen: Warum?
Na ja, in dem Fall sind wir da reingestolpert, das ist schon eine Glückssache, weil wir ursprünglich gar kein Label gründen wollten. Wir hätten gerne eins gehabt, das mit uns eine Platte macht, weil wir keinen Plan hatten.

Aber dadurch habt ihr ja gelernt, dass es auch alleine geht.
Zu dem Zeitpunkt, als wir für andere Labels attraktiv wurden, hatten wir uns schon so viele Skills draufgeschafft, dass wir keinen Sinn mehr dahinter gesehen haben. Wir hatten ja kurz diesen Deal mit Polydor, als wir quasi gezwungen wurden, die „All That She Wants“ an Polydor abzugeben, weil sie die sonst verboten hätten. Die haben gesagt, entweder ihr gebt sie uns oder sie ist weg vom Fenster. Wir dachten, oh, ist doch irgendwie nice. Die haben uns 10.000 Mark Vorschuss gezahlt, davon haben wir uns einen Bandbus gekauft, den wir damit vergoldet haben. Aber wir wussten von Anfang an, was ein nicht rückzahlbarer und was ein rückzahlbarer Vorschuss ist. Wir haben den Unterschied sehr schnell kapiert. Das ist etwas, das viele Bands bis heute nicht gerafft haben, dass sie da lediglich einen schlechten Kredit von denen bekommen, wenn sie von einem Label Kohle kriegen. Wir haben uns schon immer lieber Kredite von unseren Kumpels geholt, wenn wir eine Platte produziert haben. Fratz hat lieber seine ganze Familie angepumpt, um unsere erste Platte „Für’n Arsch“ zu machen, anstatt das Geld von einem Vertrieb oder von jemand anderem zu nehmen, weil diese Kredite alle viel teurer waren. Da muss man einfach nur einen Taschenrechner richtig bedienen können. Da waren wir glücklich genug, dass wir einen Fratz hatten, der sehr, sehr früh schon ein genaues Gespür für so einen Scheiß hatte.

Läuft?
Kann mich nicht beklagen, ich bin immer noch imstande, das zu machen, was mir Spaß bereitet, auch wenn ich natürlich manchmal unter meinen Prokrastinationsschmerzen leide. Aber es könnte wesentlich schlimmer sein. Alles zu seiner Zeit.

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Diskografie
„Sterntalern live in Herrenberg“ (MC, Distel Tapes, 1988) • „Für’n Arsch“ (LP, Hulk Räckorz, 1991) • „Bleib tapfer“ (LP, Hulk Räckorz, 1992) • „All That She Wants“ (12“/CD, Polydor/Hulk Räckorz, 1993) • „Uuaarrgh!“ (2LP/CD/MC, Hulk Räckorz, 1994) • „Herrénhandtasche“ (10“/CD/MC, Hulk Räckorz, 1995) • „Kraut & Rüben“ (LP/CD Comp, Fat Wreck Chords, 1998) • „Anderster“(LP/CD, Hulk Räckorz, 2004) • „Punk gibt’s nicht umsonst! (Teil III)“ (2LP/CD, Hulk Räckorz, 2014) • „DER“ (LP/CD, Hulk Räckorz, 2016)
„Nichts wird wieder gut“ (LP/CD, Hulk Räckorz, 2023)

Bandhistorie
Eine ganz ausführliche Bandhistorie gibt es gratis bei Wikipedia, also beschränken wir uns auf dier Basics. Bonusmaterial zum „Schweineskandal“ findet man auf einer verwaisten, aber über Suchmaschinen jederzeit auffindbaren Seite im 1990er-Jahre-Web (Old-Internetz, optimiert für AOL-CDs und Netscape-Browser) oder wenn man die Adresse punkrock.de/ladnak.html per Hand eingibt. Du schaffst das!

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