WÜSTER ROCK

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Naturgewaltenfeeling

Bei dem Begriff „Wüsten-Rock" scheinen die meisten Leute komischerweise ähnliche Assoziationen zu haben, obwohl dieser als zeitlich und räumlich konkret festgelegtes Phänomen genauso wenig existiert wie Grunge, Sound Of Seattle oder ähnliches. Was vielmehr zählt, ist die schon oben angesprochene Assoziation, deren Ursprung in den fast unberührten, menschenleeren, und großflächigen Landstrichen Amerikas liegt,
die in jedem guten oder auch schlechten Western auftauchen, und trotz aller Ungastlichkeit immer noch mehr Romantik aufweisen als der Schwarzwald. Dazu kommen die unbezähmbaren Naturgewalten, denen der Mensch trotz fortgeschrittener Technisierung nach wie vor hilflos ausgeliefert ist. Prototyp für die Vertonung dieses Naturgewaltenfeelings ist Neil Young's „Like A Hurricane", das einem durch brachiale, minutenlange Gitarrensolis ein anschauliches Gefühl liefert, wie es sein muss, in einer Windhose zu stehen.

Der Einfluss dieses Mannes auf die folgenden Bands ist außerdem nicht unerheblich. Man muss hier zwei, sich anfangs unabhängig voneinander entwickelnde Musikerzentren unterscheiden, die aber mit der Zeit durch den regelmäßigen Austausch von Personal so stark zusammenwuchsen, dass man sie heute kaum noch getrennt behandeln kann.

Anfang der 80er bildet sich im Umfeld von San Francisco und L.A. eine Szene heraus, die später von einem findigen Journalisten als Paisley-Underground bezeichnet wird, eine Bezeichnung, die auf die anfängliche Sixties-Verbundenheit dieser Bands anspielt, aber insgesamt ziemlich unzulänglich ist.

Jenseits des typischen L.A. Punk dieser Zeit- die ganzen Dangerhouse-Compilations geben da einen hervorragenden Überblick, der höchstens noch den Unterbau liefert -, etablieren sich dort einige Bands, zu deren wichtigsten Vertretern GREEN ON RED, RAIN PARADE und DREAM SYNDICATE gehören, teilweise auch noch THE LAST - die später bei SST landeten und deren Mitglied Vitus Matare später TROTSKY ICEPICK gründete und auch als Produzent anderer SST-Bands arbeitete - und die allseits beliebten BANGLES.

RAIN PARADE'S erste LP „Emergency Third Rail Power Trip" erschien 83', und ist genialer, angenehm schlaffer Psychedelic-Pop, der teilweise an die besten Momente der BYRDS erinnert. Danach gingen die beiden Roback-Brüder getrennte Wege, während David Roback mit der DREAM SYNDI-CATE-Bassistin Kendra Smith eine neue Band gründete, spielte Steven Roback noch drei RAIN PARADE-Alben ein: „Explosions In The Glass Palace"von '84, Crashing Dreams" von 85 - die netten Gitarren-Pop boten, aber nicht die Klasse des Debuts erreichten - und die sehr gute Live-LP „Beyond The Sunset" von'85, auf der sie, zusammen mit Steve Wynn und Dennis Duck von DREAM SYNDICATE, GREEN ON REDs „Cheap Wine" coverten.

Danach wurde es um Steven Roback ziemlich still, bis er '92 unter dem Namen VIVA SATURN unter Mithilfe von ex-GREEN ON RED-Keyboarder Chris Cacavas ein kor-rektes, sehr folkiges Album aufnahm, das an alte Zeiten anzuknüpfen versucht, aber zum reinen Nostalgie-Trip entartet.

Bevor sein Bruder OPAL gründete - später dann MAZZY STAR -, entstand noch „Rainy Day", ein Projekt, dessen Gästeliste sämtliche damaligen Szene-Größen zusammen-bringt, um Robacks Lieblingssongs zu covern; darunter sind Stücke von Young, Hendrix, Chilton, Dylan und Reed. OPAL'S „Happy Nightmare Baby"(SST 103) von '87 ist T.REX auf Acid, und gehört zu den besten Psychedelic-Platten, die überhaupt herausgekommen sind.

DREAM SYNDI-CATEwerden öfters als moderne VEL-VET UNDERGROUND bezeichnet, was man eventuell bei der ersten LP „The Days Of Wine & Roses" gelten lassen kann, und die eine der dreckigsten und kaputtesten Rock-Platten ist, die ich kenne. Danach nehmen DREAM SYNDICATE noch drei andere Studioplatten auf, die eher auf der traditionellen Rockschiene fahren, und teilweise das Mainstreamhafte streifen. Mittlerweile gibt es eine ,Best Of"-LP dieser Band, ein repräsentativeres Bild liefert dagegen „Live At Raji's", auf der sich DREAM SYNDI-CATE von ihrer härtesten Seite zeigen.

GREEN ON RED'S Debut „Gravity Talks" ist sehr geprägt von Chris Cacavas' Orgelspiel, der ihr einen starken Sixties-Charakter gibt. Danach spielt man eher von Blues und Country beeinflusste Platten ein, was sich nach dem Weggang von Chris Cacavas noch verstärkt. Alle späteren Platten dieser Bands sind musikalisch nicht unbedingt schlechter - sie sind einfach viel konventioneller -, ihnen fehlt der Einmaligkeitscharakter der Debut-Alben. Die andere wichtige Szene ist in Tucson/Arizona angesiedelt.

GIANT SAND - anfangs hieß man noch GIANT SANDWORM -, sind die Hauptvertreter dieser Szene und haben mittlerweile eine Menge anderer Bands nach sich gezogen. Die ersten beiden GIANT SAND-Alben „Valley Of Rain" und „Ballad Of A Thin Line Man" von '85/' 86 sind die besten Beispiele dafür, dass keine der bisher erwähnten Bands daran interessiert ist, irgendwelche reaktionären Amerikanismen festzutreten, sondern hier sollen Mythen demontiert werden. Dass dabei immer wieder etwas idealisierende Platten herauskommen, liegt daran, dass Blues und Country emotional belastete Spielarten sind, deren Gefühlsballast man nicht so einfach entsorgen kann.

Auf jeden Fall ist dieses Genre momentan so lebendig wie kaum ein anderes. Da es sich hier nur um einen kleinen Einblick handelt, will ich im Anschluß noch einige wichtige Platten auflisten, auch von Bands die nicht erwähnt wurden: THE RAIN PARADE: "Emergency Third Rail Power Trip"(83), "Beyond The Sunset"(85) GREEN ON RED: "Gravity Talks"('83) THE DREAM SYNDICATE:"The Days Of Wine & Roses"('82),"Live At Raji's"('89) OPAL: "Happy Nightmare Baby"('87) GIANT SAND: "Valley Of Rain" ("86), "Ballad Of A Thin Line Man" ('86), "The Love Songs" ('88) V.A.:"Giant Black Low Leaving Naked River"(90) 11th DREAM DAY:"Prairie School Freakout“('88)

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