© by Kristof LelaurinMit ihrem aktuellen Album „Actionnaires De La Raya“ meldet sich die französische Punklegende WUNDERBACH aus der Pariser Vorstadt laut und eindrucksvoll zurück. Darauf besinnen sich die fünf mit dem Female/Male-Gesang wieder auf ihre frühen 1980er-Wurzeln. Wir sprachen mit Frontmann und Gründungsmitglied Marco also nicht nur über die neue Platte, sondern werfen auch einen Blick in die Anfangszeit von WUNDERBACH. Er erklärt uns, was der Begriff „Raya“ bedeutet und auch wie sie zu ihrem etwas wunderlich klingenden Namen kamen. Bei WUNDERBACH sind außerdem Sängerin Lola, Bassist Manu, die beiden Gitarristen Frédo und Jano sowie Cambouis am Schlagzeug.
Euer neues Album trägt den Titel „Actionnaires De La Raya“. Und auf eurer ersten Platte von 1982 gab es ein Lied mit dem Titel „Raya“. Was steckt dahinter?
„Actionnaires de la Raya“ ist eine Zeile im Refrain von „Raya“, einem Stück auf unserer ersten LP, das bis heute eines unserer bekanntesten ist. Raya ist ein Wort, das Kiki, unsere erste Co-Sängerin, und ich erfunden haben und das später von LA SOURIS DÉGLINGUÉE übernommen wurde. Wir beide und unser damaliger Schlagzeuger kamen aus einem Viertel von Nanterre, einer Pariser Vorstadt, in dem viele sesshaft gewordene Manouches [Selbstbezeichnung einiger in Frankreich und angrenzenden Ländern lebender Bevölkerungsgruppen, die der Ethnie der Sinti angehören, Anm. d. Red.] lebten. Wir gingen mit ihren Kindern zur Schule und lernten ein wenig ihren Slang. Das Verb „rayer zoner“ bedeutet im Manouche-Slang „ziellos herumlungern“. Wir „zonierten“ unsererseits jeden Tag um die Fontaines des Innocents im Pariser Stadtteil Les Halles. Dieser Brunnen war einer der Haupttreffpunkte für Skins und Punks. Allerdings nicht für alle, denn es war dort ziemlich gewalttätig. Man musste seine Krallen zeigen und selbstbewusst sein, kein Poser. Es gab eine Art Clan- und Territoriumsbewusstsein, fast wie bei einer Gang, aber natürlich anarchistischer. Kiki und ich nannten die Leute, die mit uns dort zonierten, schließlich La Raya, und das Lied thematisiert unseren Alltag. „Actionnaires de la Raya“ war eine ironische Selbstbeschreibung, die ausdrücken sollte, dass die Zugehörigkeit zur Raya eine sehr ungewisse Zukunft bedeutete, wie es auch im Lied heißt. Das waren keine „Aktien“, die uns Gewinne einbringen würden. Wir haben diesen Titel für das neue Album gewählt, weil wir zu den letzten Überlebenden dieser Raya gehören. Also der Raya des Halles, denn der Begriff ist populär geworden und bezieht sich heute eigentlich auf alle, die dort „zonieren“.
Im Song „Avenue des gueules cassées“ geht es darum, dass alte Freunde von uns gehen. Gibt es eine konkrete Person, der ihr dieses Lied gewidmet habt?
Ursprünglich habe ich den Text geschrieben, weil ich und Cambouis mitansehen mussten, wie viele unserer alten Freunde, mit denen wir in Les Halles abgehangen hatten, krank wurden oder einfach verschwanden. Und dann wurde es aus aktuellem Anlass leider noch trauriger, als Tai Luc, der Sänger von LA SOURIS DÉGLINGUÉE, starb, mit dem wir seit 1980 sehr eng befreundet waren. Es stimmt also, dass wir jetzt, wenn wir es auf der Bühne spielen, ein bisschen mehr an ihn als an die anderen denken, aber nicht nur. Denn dieses Lied ist nicht nur nostalgisch für eine Epoche und die Freunde der Vergangenheit, im Gegenteil, wie „Paris Londres“ auf dem ersten Album ist es in seinem zweiten Teil auch voller Hoffnung, da es zu dem Schluss kommt, dass nichts jemals vorbei ist und die nächste Generation bereits am Start ist. Und das ist auch gut so.
Ihr habt ein Video zu diesem Song produziert.
Wir haben es im DIY-Style in eineinhalb Tagen abgedreht. Ich habe das Drehbuch geschrieben, und da wir kein Geld hatten, haben wir alle unsere Freunde um Hilfe gebeten, darunter auch einen tollen Regisseur, Denis Dommel, der ein Kumpel von unserem Bassisten ist. Er hat den Clip sehr authentisch und ehrlich gestaltet, genau wie wir wollten. Wir lieben seinen schnörkellosen Stil. Angesichts der Klickzahlen auf YouTube scheinen wir damit nicht allein zu sein. Verschiedene Leute, die nicht immer Fans unserer Musik sind, haben uns sogar gesagt, dass sie beim Anschauen des Videos geweint haben ... Denis Dommel, der übrigens auf ein Honorar verzichtete, hat mit wirklich wenig Aufwand einen tollen Job gemacht. Er hat auch das Feeling der Band eingefangen. Merkt euch sich diesen Namen, er ist ein guter Mann und wird zudem das nächste Video von THE CHOICES mit Jenny Wow drehen, wo Cambouis ebenfalls Schlagzeug spielt.
Gehört die Bar in dem Video eurem Gitarristen Jano?
Das ist das Holy Holster, die letzte und einzige Punk-Bar in Paris. Es ist ein toller Ort und hat wirklich gute „Roots“. Jano, ist einer der Geschäftsführer, jedoch nicht der Besitzer. Aber er hat ihr den Namen gegeben, weil er außerdem noch in einer Punkband namens HOLY HOLSTER spielt. Das tat er übrigens schon, bevor er 2015 zu WUNDERBACH stieß.
In dem Video tritt eine junge Band auf. Wie heißt sie?
Diese Band gibt es nicht, aber es sind alles junge Musiker, die wir kennen, zum Beispiel spielt Marcos Sohn im Musikvideo Gitarre. Im Drehbuch stehen sie für die nächste Generation, die die Fackel übernehmen wird. Menschen und Bands kommen und gehen, aber die „Raya stirbt nie“ – und die Energie der neuen französischen Szene ist der Beweis dafür! In Frankreich ist die Szene derzeit eher von S.H.A.R.P.-Skins als von Punk geprägt, aber alle leben ziemlich gut zusammen. Wir waren schon immer skinfreundlich und gehörten zu den Bands, die eine Brücke zwischen den beiden Musikrichtungen schlugen. Am Anfang waren sowieso fast alle Pariser Skins ehemalige Punks. WUNDERBACH kommen ursprünglich aus dem Oldschool-Punkrock, aber ab 1981 sind wir voll auf Oi! abgefahren, was uns auch beeinflusst hat. Auf dem letzten Album ist das vielleicht sogar noch deutlicher zu spüren. In Paris gibt es zwar Bars wie das Holy Holster, das Split, das Mécanique Ondulatoire oder das International, aber das wirkliche Problem ist, dass es an Räumen für Konzerte mangelt, was sich durch Corona und die Stadtpolitik noch verschärft hat. Es gibt Veranstalter wie die Bastille Skinhead Crew/BSC, Los Locos, Will Pleasant, Equality Prod oder Arak Asso, die sich bemühen, aber es ist schwer. Paris entwickelt sich gerade zu einer Airbnb-Stadt nur für Touristen. Aber in der Provinz ist es oft nicht besser, auch sie müssen kämpfen.
„Back to no future“ – warum habt ihr diesen Song geschrieben?
Einige von uns sind noch mit dem Punk-Slogan „No Future“ aufgewachsen und wir finden, dass in unserer gegenwärtige Gesellschaft wieder vieles an die damalige Stimmung erinnert. Es herrscht dasselbe soziale Elend, dieselbe Angst vor dem dritten Weltkrieg oder dass der Planet durch die Klimakatastrophe zerstört wird. Was ist also mit unserer Zukunft? Die erscheint uns heute nicht viel verheißungsvoller als damals, oder?
Für viele Jugendliche scheint Punk nicht mehr relevant zu sein, auch wenn alles in Richtung „No Future“ weist. Wie seht ihr das?
Punk ist das, was wir sind und was wir immer sein werden, auch wenn wir uns bewusst sind, dass es mittlerweile viele andere Wege gibt, die wir oft sehr interessant finden, um Wut und Revolte auszudrücken. Wir wären nicht überrascht, wenn der Punk, der ja aus dem Ultrakonservatismus der Thatcher-Jahre hervorgegangen ist, als Idee aufgrund der aktuellen politischen Trends bald wieder an Bedeutung gewinnen würde.
Worum geht es in „Paradis perdu“?
Der Titel sagt eigentlich alles. Dieses Paradies, das uns die Pfarrer, Imame, Rabbiner oder Pastoren sämtlicher Kirchen verkaufen wollen, das ist Fake News! Wir lehnen Dogmen jeglicher Art prinzipiell ab und die etablierten Glaubensgemeinschaften sind für uns auch nicht besser als irgendwelche Sekten. Wir sind entsetzt über die Exzesse, die sie hervorbringen. Historisch gesehen hat dieser religiöse Wahn mehr Kriege und Massaker verursacht als jegliche andere politische oder sogar ultra-nationalistische Bewegung. Religion und Dogmen sind nicht mehr als eine Form von moralischer Diktatur, Punkt!
Mit „My little sister gotta motorbike“ habt ihr einen Rockabilly-Song aus dem Jahr 1977 gecovert.
Wir haben gerne eine Coverversion pro Album und auf der Bühne spielen wir zum Beispiel öfter „Dirty old town“. Aber wir wollen, dass es sich deutlich vom Original unterscheidet, denn wenn wir zu nah an der gewohnten Fassung bleiben, wird die immer besser klingen als unsere Version. Wir müssen dem Song unseren Stempel aufdrücken, sonst hat es keinen Sinn. Eines Abends im Jahr 1982, in einer Bar gegenüber dem Gibus, dem damaligen Pariser Punkclub, meinte Tai Luc von LSD zu mir, dass WUNDERBACH unbedingt mal dieses Lied von CRAZY CAVAN ’N’ THE RHYTHM ROCKERS covern sollten. Ich kannte den Song, konnte mir das aber nicht vorstellen und vergaß es wieder. Als ich begann, Rockabilly für mich zu entdecken, hörte ich auch öfter „My little sister ...“. Als ich eines Tages mit meinem Sohn auf einer einsamen Straße in den Bergen Korsikas unterwegs war, fanden wir, dass das doch ein guter Song für die neuen WUNDERBACH wäre. So ähnlich wie die Coverversion von Johnny Kidds „Please don’t touch“ von MOTÖRHEAD und GIRLSCHOOL, zwei Bands, die wir lieben. Davon haben wir uns inspirieren lassen, aber mit einer punkigeren Note. Ich alter Angeber hatte Lucs Idee von damals völlig vergessen und glaubte, ich wäre derjenige gewesen, der diesen tollen Einfall gehabt hat. Aber als Luc kurz darauf verstarb, musste ich voller Rührung wieder an unser Gespräch in der Bar denken. Daran hatte ich mich wohl unbewusst erinnert. Leider hat Luc diese Version nie gehört oder erfahren, dass wir seinen Vorschlag schließlich doch umgesetzt hatten.
WUNDERBACH gab es bereits von 1978 bis 1984. Was war damals der Grund, eine Band zu gründen?
Wir waren junge Punks aus der Vorstadt, die kein Geld hatten. Wir langweilten uns ziemlich und beschlossen, eine Band zu gründen, um uns die Zeit zu vertreiben. Im Punk gilt schließlich das Motto: Wenn du etwas machen willst, dann mach es, auch wenn du es nicht kannst! Also haben wir es gemacht ... 1979 haben wir uns ein bisschen Equipment von Hippie-Bands „ausgeliehen“ und losgelegt. Das Problem war jetzt, dass wir kaum spielen konnten, auf Coverversionen hatten wir auch keinen Bock. Wir wollten schon unsere eigenen Songs schreiben. Also hat es noch ein Jahr gedauert, bis zum ersten Auftritt. Fast alle Stücke von unserem ersten Album sind in dieser Zeit entstanden, als wir noch keine wirklichen Musiker waren und eigentlich noch mit einem Bein im Publikum standen. Vielleicht war es auch dieses doppelte Feeling, das dazu geführt hat, dass es sofort ins Ohr ging, weil es viele Punks ansprach, die sich damit identifizieren konnten. Außerdem hatten wir die Möglichkeit, schnell viele Konzerte zu spielen, da uns Freunde von bereits etablierten Bands wie LA SOURIS DÉGLINGUÉE, die quasi unsere Paten sind, OBERKAMPF oder sogar eine Gruppe von Mod-Freunden wie BIKINI geholfen haben.
Der Name WUNDERBACH – warum habt ihr ihn damals gewählt?
Nach einigen dummen Vorschlägen entschieden wir uns für den Namen „Wunderbar“, nach einem Song von Tenpole Tudor, der auch im SEX PISTOLS-Film „The Great Rock ’n’ Roll Swindle“ mitgespielt hat. Ein Kumpel wollte sich um unsere Plakate kümmern, aber er sprach kein Deutsch, daher der Rechtschreibfehler. Danach hatte er kein Geld mehr für Änderungen, und da wir schon froh waren, dass wir Plakate hatten, ließen wir es dabei bewenden. Außerdem dachten wir sowieso, dass das alles nicht lange gehen würde.
Ein Markenzeichen von euch war auch, dass sich bei euch ein Mann und eine Frau am Mikro abwechseln. Gab es damals viele Frauen in Punkbands?
In Frankreich gab es STINKY TOYS oder LOU’S und natürlich Edith Nylon. Doch wir waren die Ersten, die sowohl einen Sänger als auch eine Sängerin hatten. Wir waren nämlich große REZILLOS-Fans!
Für viele von uns deutschen Punks war die Compilation „Chaos En France“ die erste Begegnung mit französischem Punk. Wurdet ihr auch gefragt, ob ihr dabei sein wollt?
Nein, denn bei dem Konzept ging es um Bands aus der Provinz, die noch keine Platte veröffentlicht hatten. Aber wir waren aus Paris und hatten bereits ein Album aufgenommen.
Was waren die Gründe für eure Auflösung?
WUNDERBACH haben immer wie eine Gang funktioniert. Wir waren eine richtige Familie, immer zusammen, nicht nur zum Spielen, sondern fast rund um die Uhr. Und eine Familie endet immer damit, dass man sich streitet, oft wegen irgendeinem Blödsinn. Und wir haben zwanzig Jahre gebraucht, um uns wieder zu versöhnen.
Wie ist es zu der Reunion gekommen?
Manu, unser erster Leadgitarrist, kam 2005 mit der Idee an. Er überzeugte erst Cambouis und dann mich, obwohl ich zögerte. Irgendwann sagte ich okay, aber nur für fünf Termine. Doch danach hatten wir wieder Blut geleckt. Also machten wir weiter, unterstützt von ein paar Musikern. Das waren Pat Kebra, der Gitarrist von OBERKAMPF, Kristof von PETER AND THE TEST TUBE BABIES, Louis, der Gitarrist von LION’S LAW, und Paul Slack, Bassist von UK SUBS. Aber wir waren nicht mehr wirklich eine Band. Wir hatten uns ein bisschen verloren. Also beschlossen wir, uns erneut aufzulösen, aber es gab 2019 unverhofft ein tolles Abschiedskonzert als Vorgruppe von ANGELIC UPSTARTS. An diesem Abend passierte irgendwas mit uns und der Wunsch, wieder anzufangen, kam zurück. Doch Cambouis und ich wollten einige Veränderungen, darunter die Rückkehr zum gemischten Gesang, und so kam Lola in die Band. Dann gab es Streitereien mit Manu, der von Punkrock die Schnauze voll hatte, während wir zu unseren Streetpunk-Wurzeln zurückkehren wollten. Er ging also in aller Freundschaft und schlug Fredo, der früher bei SHERWOOD POGO und KING PHANTOM war, als Ersatz vor. Während der Pandemie haben wir alles getan, um aus dem neuen Line-up wieder eine richtige Band zu machen, in der alle am gleichen Strang ziehen. Wir hörten uns unsere alten Sachen an und alle wollten die WUNDERBACH von damals wiederbeleben – wie auf dem neuen Album zu hören ist!
Was sind eure Pläne für die Zukunft?
Auf der Bühne zu stehen, so oft es nur geht, denn das tun wir am liebsten. Wir sind zuallererst eine Live-Band. Das ist wie eine Droge und macht einfach süchtig. Ansonsten gilt: Schauen wir mal, dann sehen wir schon ...
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