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ALARMSIGNAL

Ästhetik des Widerstands

An der Theorie, dass schlechte Zeiten für die Menschen gute Zeiten für Künstler:innen sind, scheiden sich ja die Geister. Ist das nicht despektierlich? Nein. Denn die Theorie macht sich ja nicht über diejenigen, denen es in diesen schlechten Zeiten schlecht geht, lustig. Und sie besagt auch nicht, dass diejenigen, die sich kreativ mit dieser Situation auseinandersetzen, es sich gut gehen lassen, während drumherum die Apokalypse tobt. Das Attribut „gut“ sagt lediglich aus, dass es in Zeiten wie diesen – und damit sind wir in der Gegenwart – Anlässe en masse gibt, die jene Menschen, die sich mit den Dingen auseinandersetzen, die Dinge hinterfragen, die nach Lösungen suchen und die etwas tun wollen, damit es besser wird, triggern und aktiv werden lässt. Womit wir bei ALARMSIGNAL angelangt sind. Gut, dass diese Band mit diesem starken Album aus dem Lockdown zurückgekehrt ist. Denn sie sind seit jeher eine der wichtigsten politischen Punkbands in Deutschland. Und „Ästhetik des Widerstands“ legt einmal mehr den Finger in die Wunden, die derzeit in der Gesellschaft aufklaffen und von denen, die die Macht hätten, sie zu schließen, einfach weiter offen gelassen werden. „Ästhetik des Widerstands“ ist – bis auf wenige Ausnahmen – wütend und herrlich sarkastisch und stets den Nagel der Erkenntnis auf den Kopf des Status quo treffend. Es geht um Menschen, die auf der Flucht im Meer ums Leben kommen („Bring dich in Sicherheit“). Um den unbedingten Aufruf, sich denen, die sie auch weiterhin am liebsten ums Leben lassen kommen würden, entgegenzustellen („Kein Mensch ist illegal“). Um Konsequenz („Revolutionary action“). Und notfalls mit Maßnahmen, die nicht für alle zartbesaiteten Bürger:innen nachvollziehbar erscheinen mögen, die aber schlichtweg notwendig sind, um die Schwächsten der Schwachen zu schützen („161“). Songs wie „Elena“ oder „Hoffnung“ sind eher nachdenklicher und setzen sich mit den Traumata vergewaltigter Frauen und dem Kampf gegen persönliche innere Dämonen der Depression auseinander. Und selbst ein Spaßsong wie „Zu weich für Punk“ ist nichts anderes als eine nett verpackte Stinkefinger-Hymne voller Häme und Wut gegen all jene, die Bands wie ALARMSIGNAL beim kleinsten Anzeichen von Erfolg und Geld, das in Plattenproduktionen fließt, den Ausverkauf vorwerfen – und damit letztlich vor allem den doch so wichtigen Zusammenhalt in einer Szene gefährden, die mehr als alle anderen von diesem Zusammenhalt lebt und abhängig ist. Verpackt ist all das in harten Punkrock, aus dem sich immer wieder großartige Melodien schälen, die diesen so wichtigen Aufruf zum – ästhetischen – Widerstand singbar machen. Kurzum: Es ist genau das, was mensch in schlechten Zeiten braucht.