
Ich hätte nicht gedacht, dass CHEFDENKER so lange durchhalten. Ich habe ja geglaubt, das sei ein kurzes KNOCHENFABRIK-Nebenprojekt. Sieben Alben (und eine EP mit SUPERFREUNDE) und unzählige Konzerte später ist die kölsche Combo mit „Ein Kühlschrank voller Ideen“ zurück – etwas ruhiger, dezenter, zurückhaltender, aber kein bisschen weniger relevant. Dass sich die Solo-Gitarren mal etwas zurückhalten, ist ganz in meinem Sinne. Dass Claus Lüer mehr singt als brüllt, dürfte nur die verstören, die ihn ausschließlich wegen des KNOCHENFABRIK-Songs „Grüne Haare“ feiern. Wer die Platte auflegt, wird bei den ersten Takten vielleicht erschreckt glauben, aus Versehen doch THE POLICE aus dem Plattenregal gezogen zu haben, dabei liegen THE POLICE und Sting alphabetisch recht weit weg von CHEFDENKER ... lediglich der Schlagzeuger Stewart Copeland könnte als Ausrede herhalten. Nach hohem Gesang und cleanen Gitarren geht’s passenderweise um „Lieder aus der Hölle“ von Bands, die sich auf Biegen und Brechen noch mal zusammentun oder alten Kram neu aufgelegt vermarkten. Das, so verspricht Claus, wird bei CHEFDENKER nie passieren. Dafür wird es weiterhin spannende Geschichten geben – zum Beispiel über Menschen, die zu lange an der grünen Ampel warten. Wie diese ausgeht, oder ob sie doch vor der Pointe abbricht? CHEFDENKER-Hörer:innen werden die Antwort schon vorm Hören kennen. Und während ihr euch noch fragt, was ihr für Christian Drosten tun könnt, haben CHEFDENKER sich längst Gitarre, Zettel und Stift gegriffen und mit „Impfen und Würstchen“ endlich die Pandemie vollständig aufgearbeitet. Friss das, Markus Lanz! Mit Politik hat das weiterhin nix zu tun. Ist das dann Poesie, ist es Philosophie oder ist es einfach ... Claus Lüer? Vermutlich. Und wir wissen alle, dass das ein Qualitätsversprechen ist. „Ein Kühlschrank voller Ideen“ zeigt sich als Mix aus Innovation und Tradition. Die Gitarren, die Trommeln, der Bass liefern alles von BON JOVI bis Bossa Nova, THE VENTURES bis Wohoo!-Hymnen, STOOGES bis Stadion, darüber stellt Claus Lüer Helge Schneider mal wieder in den Schatten. So erfüllen CHEFDENKER auf diesem Langspieler das, wofür die vier seit 22 Jahren stehen: deutschsprachigen Literaturpunk. Ein weiterer Beleg für dieses Privileg sind nackte Zahlen: 19 Songs in 31 Minuten sind im Schnitt 1,631578947368421 Minuten pro Track – und davon kann sich so manche Hardcore-Band mal eine Scheibe Adenauerbrot abschneiden! Und für die Traditonalist:innen unter den CHEFDENKER-Fans, auch auf „Ein Kühlschrank voller Ideen“ haben sie sich an zwei Konstanten gehalten: Jedes CHEFDENKER-Album hat 19 Titel und einen davon singt immer der Bluesmusiker Guido Molzberger, in diesem Fall „Geiles Fahrgestell“.
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