© by Sire Uwe StahlSeit 2002 treiben CHEFDENKER in der deutschsprachigen Punkrock-Szene ihr Unwesen. Dabei muss ich gestehen: Anfangs dachte ich, das wäre doch nur so ein Nebenprojekt von KNOCHENFABRIK-Claus. Aber 22 Jahre nach der Veröffentlichung des ersten Albums „16 Ventile in Gold“ erscheint nun mit „Ein Kühlschrank voller Ideen“ schon die achte Scheibe. Die mal wieder 19 Songs und viele weitere Zahlen hinterlassen bei mir allerdings einige Fragezeichen. Sänger, Gründungsmitglied und Mastermind Claus Lüer wandelt diese in Ausrufezeichen um.
Es hat in der Vergangenheit bei CHEFDENKER ja schon ein paar Umbesetzungen gegeben. Bring uns doch bitte mal auf den aktuellen Stand: Wie ist das Line-up und wen kennt man woher? Ich nehme euch nämlich als eine Art „Supergroup“ wahr.
Wir spielen jetzt ja relativ lang in der aktuellen Besetzung. Caddy spielt seit der „Römisch Vier“ von 2009/2010 Schlagzeug, Chris spielt seit irgendwann nach der „Eigenuran“-Platte Bass. Ich glaube, Wikipedia liefert da aber die stabileren Daten. Caddy kennt man von BAMBIX und WOHLSTANDSKINDER, ANGELIKA EXPRESS und JANCEE PORNICK CASINO. Chris’ letzte Band war BLACK SHERIFF. Vor allem aber kennt man Chris als einen der Sonic Ballroom-Betreiber in Köln. Ich garantiere auch hier nicht für die Vollständigkeit der Liste.
Der Ox-Podcast mit dir und Fisch von DIE LOKALMATADORE wäre die perfekte Möglichkeit gewesen, euer neues Album anzukündigen. Hast du es vergessen? Oder bist du inzwischen nicht mehr aufgeregt, wenn ein neues Album kommt?
Im Ox-Podcast ging es ja ums Ruhrpott Rodeo. Ich bin kein Freund davon, jede Gelegenheit für Promo zu nutzen. Ich weise auch bei Konzerten nicht in jeder zweiten Ansage darauf hin, dass es was Neues gibt. Aufgeregt bin ich immer nur, wenn die Platte aus dem Presswerk kommt. Da ist immer ein bisschen Nervenkitzel, ob ich bei den Layouts keinen Scheiß gebaut habe. Meistens schaut jemand vom Cargo-Vertrieb noch mal drüber, was sich bisher immer ausgezahlt hat. Fehlerfreie Layouts habe ich beim ersten Anlauf eher selten hingelegt, diesmal hat’s aber geklappt. [Nein. Beim CD-Booklet gab es einen Fehler ... die Red.]
Dann mal Glückwunsch dazu! Kannst du überhaupt sagen, wie viele Alben du aufgenommen hast, inklusive KNOCHENFABRIK und andere Projekte?
Wenn man CASANOVAS SCHWULE SEITE noch einrechnet, isset das zehnte Studioalbum. Wenn ich alle Singles, 10“s und Samplerbeiträge zusammenzähle, dann wäre das noch mal ein komplettes Album. Unser Label Trillerfischrecords hat jetzt eine eigene Homepage, trillerfischrecords.de, da gibt’s die lückenlose Diskografie im schrottigen 1990er-Jahre-Design.
Was machst du, was macht ihr alles selbst und wie wichtig ist euch der DIY-Gedanke? Es klingt, als wärst du, wärt ihr in Sachen Sound, Grafik etc. sehr involviert. Das wusste ich bisher nicht.
Für CHEFDENKER mache ich nur die Layouts selber. Die Aufnahmen macht seit Jahren Sire Uwe Stahl. Ich selber habe bislang nur ein Prog-Album und ein paar KNOCHENFABRIK-Veröffentlichungen aufgenommen und gemischt sowie die „Ameisenstaat“-Aufnahmen restauriert.
DIY ist ja oft Etikettenschwindel und Promo-Kampfbegriff, weil die Leute etwas Positives damit verbinden, etwas, das man unterstützen muss. Aber wo hört DIY auf und wo fängt es an?
Die wirklich anstrengenden Sachen – Vertrieb über den Großhandel, Retouren verwalten, Streamingabrechnungen aufbereiten, Mahnungen schreiben ... – machen wir schon lange nicht mehr selber. Da bin ich sehr froh, dass wir den Cargo-Vertrieb im Rücken haben. Steuererklärung ist auch ein leidiges Thema, gehört aber zum DIY dazu und macht ebenso wenig Spaß. Wenn also etablierte Bands behaupten „Yeah, wir machen alles selber, kauft unser Produkt!“, kann man ruhig mal genauer hinschauen – oft ist das nur die halbe Wahrheit oder Promogewäsch. Sobald Steuerberater und Vertrieb ins Spiel kommen, ist DIY nur noch Cherrypicking. Vor Bands, die wirklich, wirklich alles selber machen, habe ich großen Respekt. Damit meine ich allerdings nicht die Band „Rülpsikotz“, die von Proberaum-Handyaufnahmen 20 Tape-Kopien auf Papis leierndem Kassettendeck erstellt und die im AZ verkauft – hier lasse ich 100% DIY allerdings gelten.
Durch die CHEFDENKER-Veröffentlichungen ziehen sich mehrere rote Fäden. Einer davon ist, dass ihr gerne über Städte singt, das hat sogar Wikipedia erkannt. Welche sind es dieses Mal und warum?
Diesmal nur Tokio. Ich hoffe unsere Städtenamenaufzählungs-Die-hard-Fans sind diesmal nicht enttäuscht. Ich finde es immer schwierig, mir Songtexte zu merken, in denen irgendwas sinnlos aufgezählt wird. Das wird im Alter nicht besser, deshalb haben wir die Aufzählungslieder deutlich reduziert. Wenn ich irgendwann mal tatsächlich einen Teleprompter brauche, gibt’s vielleicht wieder mehr davon. Ich habe aber tatsächlich schon mal den Moderatoren-Modus von dem Textverarbeitungsprogramm Pages als Teleprompter benutzt, als Paul Di’Anno gestorben ist. Da mussten wir „Running free“ von IRON MAIDEN covern, das konnte ich so schnell nicht auswendig lernen.
Du und ihr habt ja unzählige Konzerte in noch mehr Städten gespielt. Hast du, habt ihr eine Lieblings- oder Hass-Stad?
Grundsätzlich isset ja so, dass wir oft nicht die Gelegenheit haben, uns die Stadt anzusehen, in der wir gerade spielen. Es gibt natürlich immer kleine Anekdoten, die einer bestimmten Stadt zugeordnet werden können, aber daraus eine Lieblings/Nicht-Lieblingsstadt abzuleiten, macht wenig Sinn. Eine Nicht-Lieblingsstadt will ich hier nicht benennen.
Dann erzähl doch bitte von einer Lieblingsstadt.
Wenn ich mich entscheiden müsste, wäre mein Lieblingsort – Stadt trifft es eher nicht – Langen. Dort stand lange Zeit der Kotten von Bauer Bühl, dem Bauern im Emsland-Nirgendwo. Neben dem großartigen Pennerschützenfest fand hier auch das Sabotakt Boxevent statt. Das Konzept war so einfach wie genial, es wurde ein Boxring mit Flatterband abgesperrt und die Punkband LAYER spielte in Dauerschleife „Eye of the tiger“. Man – und frau! – konnte sich gegenseitig auf die Mappe hauen und wurde vom umstehenden Asselpunk-Publikum angefeuert. Das Pennerschützenfest war ein weiteres wiederkehrendes Kotten-Event. Es gab den „offiziellen“ Teil, das Luftgewehrschießen auf eine Zielscheibe, und es gab den „inoffiziellen“ Teil, das Schießen auf alles, was gefährlich ist und irgendwie explodieren kann, also Gaskartuschen, Sektflaschen und Ähnliches. Alle sahen fantastisch aus, mit schlecht sitzender, eichenlaubbestickter Schützentracht aus Opas Mottenkiste und Filzhut überm Schlappiro! Beim offiziellen Teil musste man vor dem Schießen einen Schnaps trinken, um sich als Schütze zu legitimieren. Der König – oder oftmals auch die Königin – musste eine Rede halten, wenn er/sie noch dazu in der Lage war. Anschließend zog ein Trupp von 50 bis 100 gut gelaunten Punks durch die Ortschaft, die aus lose in die Landschaft geworfenen Bauernhöfen besteht, und zog die staunenden Blicke der Anwohner auf sich. Angeführt vom Tambourmajor mit Piratenflagge und Raschelpauke. Die örtliche Kneipe ließ die Rollläden herunter, als sich der Schützenzug näherte, und der Wirt reichte hektisch ein paar Schnapsflaschen durch den Türspalt mit der eindringlichen Bitte, doch weiterzuziehen. Ein Spendenhut wurde rumgereicht und der Inhalt wurde komplett dem verdutzten Wirt übergeben, der an dem Tag vermutlich den Gewinn eines ganzen Jahres gemacht hatte. Wieder zurück im Kotten spielten dann gegen Abend hochkarätige Bands zum Tanz in der Scheune auf, wie Kommando Vollsaufen, Kasse 8 Mark, die Superfreunde, Zwakkelmann, Supernichts oder eben wir. Oder sie versuchten es zumindest, so gut es noch ging. Vor der Scheune wurde gefühlt alle zehn Minuten eine Karbidbombe gezündet, die mit irrwitzigem Getöse einen Fußball in atemberaubende Höhen schleuderte. Ständig explodierte irgendwas oder liebevoll aufgetürmte Leergutpyramiden zersplitterten unter dem Dauerfeuer der Luftgewehre. Ein Träumchen.
Dann lass uns doch mal einen Blick auf euer neues Album „Ein Kühlschrank voller Ideen“ werfen. In „Lieder aus der Hölle“ geht es um deinen persönlichen „Giftschrank“, also um Platten, die es absolut nicht wert sind, gehört zu werden. Gewähr uns doch mal einen Einblick in diesen Giftschrank.
Eigentlich geht es bei dem Lied um posthum veröffentlichte Alben, von wem auch immer. Es ist ein Lied gegen Leichenfledderei. Das passiert immer, wenn Plattenfirmen den Tonarchiv-Nachlass-Ausschuss von verstorbenen Künstlern monetarisieren. Der Song ist quasi eine Art Testament, eine Aufforderung an meine Erben, diese Art von Bodensatz möglichst nachhaltig zu vernichten. In meiner privaten Plattensammlung findet sich eher wenig Ausschuss, ich bin aber auch komplett schmerzfrei bezüglich des Musikgenres. Vielleicht ja „The Geil Album“ von Bruce & Bongo. Das ist möglicherweise nicht so gut ... Ich kenne allerdings nur die Single „Geil“ und da setzt nach zwei Sekunden die Fremdscham ein, ich habe mich noch nicht getraut, das ganze Album zu hören.
Ist in dem Giftschrank auch etwas von deinen eigenen Bands?
Jede Menge.
Was ist dein „heißer Scheiß“ gerade?
Die letzte „Punk“-Platte, die ich gut fand, ist „Power“ von ILLUMINATI HOTTIES. Letztes Jahr habe ich eine Zeitlang allen möglichen Prog-Rock-Kram gehört, da ich ein Prog-Album von alten Schulfreunden aufgenommen und gemischt habe. Sehr gut gefallen hat mir in Zuge dessen „Blomljud“ von MOON SAFARI. „Titanic Rising“, das 2019er Album von WEYES BLOOD, höre ich auch immer noch gerne.
In „Der bessere Gott“ geht’s um Trash-TV. Was für Formate guckst du? Was macht die Faszination von „Dschungelcamp“, „Bella Italia“ und „Verdachtsfälle“ aus?
Ich schau mir das gar nicht an, mir fällt auch kein Grund ein, warum man das tun sollte. Authentizität? Vielleicht weil Menschen gerne authentisch Verhaltensgestörten beim Liegestützen machen zugucken?
„Was soll bloß aus dir werden?“ ist Titel und Frage zugleich, die wir wohl alle kennen.
In der Corona-Zeit gab es mal einen Videokonferenz-Elternabend, da hat irgendein Ehrgeiz-Papi seine dämliche Frage mit dem Satz „Mein Sohn wird ja mal Arzt ...“ eingeleitet. Der Sohn war zu dem Zeitpunkt sieben Jahre alt. Solche Kinder tun mir wirklich leid. Elternabend-Videokonferenzen sind ein bisschen wie interaktives Trash-TV. Das Tolle daran ist aber, man kann das eigene Mikrofon und die Kamera ausschalten und ganz laut „Auaauaaua!“ sagen, ohne dass es jemand mitbekommt. Das geht beim traditionellen Elternabend vor Ort nicht ohne weiteres.
Ist aus dem „Punkrockkavalier“ in vollgekotztem Unterhemd ein Dandy mit Kaffee und Kuchen und Eierlikör geworden? Über den singt ihr im Track „Eierlikör“.
Nein. Es geht darum, dass jede Generation ihre eigenen Rituale hat. Und dass Menschen verschiedener Generationen mit gegenseitigem Unverständnis auf die jeweiligen Rituale blicken. Für viele Senioren war Willy Millowitsch der GG Allin der Volksmusik. Das sind krasse Paralleluniversen, in denen man da lebt. Für mich sind viele Dinge, die junge Leute heute bewegen, auch kaum noch nachvollziehbar. Wenn’s zum Beispiel um Influencer-Blödsinn oder so geht, da komme ich nicht mehr mit.
Wird es mal Musik von/als CHEFDENKER von einer KI geben?
Definitiv nein. Ich frage mich immer, was es mit dem Selbstwertgefühl macht, wenn man sich von einer KI Musik schreiben lässt und das dann aufnimmt. Man wird ja dadurch zum Kurator, den kreativen Prozess erledigt eine Maschine. Ich finde ja allerdings vieles auch höchst originell, was die KI produziert. Halluzinieren kann sie verdammt gut. Ich würde sogar sagen, dass zum Beispiel Bildgeneratoren psychisch gestörte Wahrnehmung unglaublich gut nachbilden können. Möglicherweise weil die Algorithmen ähnlich ablaufen wie eine psychische Störung? Alles, wo man’s mit wahr oder falsch nicht so genau nimmt, funktioniert sehr gut. Es gibt immer irgendwelche verstörende Artefakte in KI-generierten Bildern, die man nicht einordnen kann. Bei Musik gibt es ja gar kein richtig oder falsch, die KI geht da oft unbefangener zur Sache als der Mensch, mit teilweise verblüffenden Ergebnissen. Ich glaube auch, dass kreative KI-Ergüsse nicht unbedingt besser werden, wenn man es eines Tages schafft, diese neuronalen Feuerwerke einzuhegen und die KI zur „Vernunft“ zwingt. Ich schaue und höre mir das alles gerne an, aber das Kuratieren von Liedern wird für mich nie das befriedigende Gefühl ersetzen können, das eine gelungene Eigenkomposition hervorruft.
Ich frage das, weil du in „Die schwere Kindheit der künstlichen Intelligenz“ singst: „Wenn du mal groß bist, bin ich hoffentlich tot.“ Das klingt nicht sehr zuversichtlich. Wird es jetzt doch politisch bei CHEFDENKER?
Ich frage mich immer: Was soll mal Sinnvolles dabei rauskommen? Ein Tontechniker-Sprichwort besagt: „Garbage in – garbage out“. Warum sollte es bei einer KI besser laufen als bei einem Heranwachsendem im unterirdischen Umfeld? Und selbst wenn Menschen eine KI mit gezielt gefilterten Trainingsdaten füttern, es gibt ja durchaus Menschen in der Tech-Branche, an deren Verstand und Integrität man zweifeln darf. Das Thema hat bestimmt eine politische Komponente, aber politisch wird’s bestimmt nicht bei CHEFDENKER. Ich sehe uns nicht in einer Reihe mit Bands, die mir erklären wollen, dass CO2 klimaschädlich ist oder dass Putin ein Diktator ist. Ich brauche keine „politische“ Musik, um zu dieser Einschätzung zu kommen, und will sie auch niemanden zumuten. Nicht unsere Baustelle.
Oder erfordern düstere Zeiten notwendige Maßnahmen?
Maßnahmen in düsteren Zeiten – hmmmm, man könnte der KI Trost spenden, wenn sie mal depressiv ist oder eine Zerstreuungssoftware programmieren, wenn sie gestresst ist.
Wer ist Guido Molzberjer? Der hat in „Geiles Fahrgestell“ einen Gastauftritt.
Guido ist ein alter Schulfreund von Kollege und Thomas, unserem Ex-Bassisten. Ein hochdekorierter Bluesmusiker und demnächst Pächter und Wirt der Gaststätte Harr in Siegen. Guido singt auf jeder CHEFDENKER-Platte ein Lied, meistens das letzte auf der Platte. Es gibt zwei Konstanten bei CHEFDENKER: Jede Platte hat 19 Lieder und eins davon singt Guido. Dat is so und wird auch immer so sein!
© by - Ausgabe # und 22. November 2022
© by - Ausgabe # und 24. August 2021
© by - Ausgabe # und 19. August 2021
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #54 März/April/Mai 2004 und
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #60 Juni/Juli 2005 und Alex Gräbeldinger
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #92 Oktober/November 2010 und André Bohnensack
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #115 August/September 2014 und Markus Franz
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #131 April/Mai 2017 und Markus Franz
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #166 Februar/März 2023 und Sven Grumbach
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #179 April/Mai 2025 und Fabi Schulenkorf
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #53 Dezember 2003/Januar/Februar 2004 und André Bohnensack
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #166 Februar/März 2023 und Sven Grumbach
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #74 Oktober/November 2007 und Tobias Weber
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #131 April/Mai 2017 und Markus Franz
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #179 April/Mai 2025 und Fabi Schulenkorf
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #59 April/Mai 2005 und André Bohnensack
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #102 Juni/Juli 2012 und Alex Gräbeldinger
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #92 Oktober/November 2010 und Alex Gräbeldinger