Lange Zeit war Gérard Depardieu aufgrund seiner außergewöhnlichen Karriere als Schauspieler in Frankreich eine Art kulturelles Heiligtum, wandelte sich aber später zum peinlichen Enfant terrible, der aktuell vor allem als Sexualstraftäter von sich reden macht. In den 1970er war die Welt für Depardieu noch in Ordnung, der 1979 neben Bertrand Bliers herrlich absurdem „Den Mörder trifft man am Buffet“ auch in Alain Jessuas deutlich ernsthafterem „Die Hunde“ („Les Chiens“) zu sehen war. „Die Hunde“ lief hierzulande nie im Kino oder wurde auf Video veröffentlicht, die deutsche Erstaufführung fand erst 1985 im ZDF statt. Eine DVD-Auswertung gab es jetzt das erste Mal. Die Bildqualität ist gut, deutsche Untertitel für die Originalfassung fehlen mal wieder, aber auch in diesem Fall ist die fürs Fernsehen erstellte Synchro sehr gelungen. Depardieu spielt in „Die Hunde“ den Hundezüchter Morel, der außerhalb von Paris in der Provinz mit fragwürdigen Dressurmethoden Hunde zu Kampfhunden ausbildet und damit alle Bewohner der Stadt versorgt, die offenbar von einer moralischen Panik ergriffen wurden und in ihrem Selbstverteidigungswahn die eigene Moral über das allgemeine Gesetz stellen. Der Motor für diese privat organisierte, von diffusen Ängsten bestimmten Initiative, um die soziale Kontrolle wiederzuerlangen, ist der undurchsichtige Morel, bei sich dem sich Allmachtsfantasien, übersteigerte Tierliebe und gleichzeitiger Missbrauch auf krankhafte Weise miteinander verbinden. Darauf wird irgendwann der frisch zugezogene Arzt Henri Ferret aufmerksam, da er ständig Bisswunden behandeln muss ... Jessua, der zuvor den ungewöhnlichen Horrorfilm „Der Schocker“ drehte, vermischt auch in „Die Hunde“ Horror- und Thriller-Elemente zu einem leicht dystopischen, düsteren Gesellschaftsdrama, das sich unter anderem als Plädoyer gegen Selbstjustiz versteht.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Thomas Kerpen