
„El Goucho“ liest sich wie die Graphic-Novel-Version eines Sergio Leone- oder Alejandro Jodorowsky-Westerns. 1960er-Schönheiten im Stile einer Brigitte Bardot in körperformbetonender Bekleidung (gelegentlich auch ohne) treffen vernarbte vergewaltigende Brutalos, einen gutherzigen Buckligen, fiese Militärs und zwielichtige, furcht- und gnadenlose Kerle mit ausgeprägtem Hang zu blutigen schuss- und hiebwaffenreichen Kämpfen vor der staubtrockenen Kulisse Südamerikas im 19. Jahrhundert. Dazu eine kleine Rahmenstory mit Indianern und einer geheimnisvollen Freimauer-Intrige. Ja, ein bisschen politisches Revoluzzertum lässt sich auch hineinlesen, schließlich kämpfen hier Indigene, Sklaven und irische Prostituierte, also diverse unterdrückte Gruppen, gegen Kolonialisierung und Imperialismus und für die eigene Freiheit. Über das vermittelte Frauenbild sollten in diesem Zusammenhang allerdings nicht allzu viele Wort verloren werden: Wahlweise durchtriebene Flittchen oder heulende, naive und hilflose Weibchen durchziehen diesen Band und zeigen dabei freiwillig oder unfreiwillig sehr viel nackte Haut und auch das ein oder andere äußere Geschlechtsorgan. Warum hier die eine oder andere Vagina, aber kein einziger Penis zu sehen ist? Gleichberechtigung und so, schon klar. Dabei ist dieser Band der beiden seit den späten 1970ern gemeinsam aktiven Italiener Hugo Pratt (aka Ugo Prat, Szenario) und Milo Manara (Zeichnung) erst 1991 in der Zeitschrift El Grifo erschienen. Eine barocke Angelegenheit aus ausdrucksstarken, detailreichen Zeichnungen, die den in den 1990ern eigentlich schon deutlich in die Jahre gekommenen Zeitgeist der 1960er versprühen.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #181 August/September 2025 und Anke Kalau