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FRIEDEMANN

Naiß

„Ich wollte diese Platte nicht machen. Der Grund war Hoffnungslosigkeit. Kaum Touren, kaum Verkäufe der letzten Platte, keine Einnahmen, kein Kontakt zum Zuhörer. Der Supergau für jeden Musiker. Das nagt und macht pessimistisch.“ So schreibt Friedemann unten am Rand des Textblatts seines neuen Albums „Naiß“, dem 2021 „In der Gegenwart der Vergangenheit“ vorangegangen war. Friedemann muss wirklich Hummeln im Hintern haben, wenn ich mir mal anschaue, was der in den letzten zehn Jahren so veröffentlicht hat. Fast jedes Jahr eine Quasi-Soloplatte (quasi, weil das unter seinem Namen läuft, aber Mitmusiker dabei sind), dazu die COR-Platten – ein unermüdlicher, ruheloser Geist, der, und da ahnt man die Pein, die er da beschreibt in den Linernotes, raus muss, rauf will auf die Bühne, singen, reden, Menschen treffen, seine Botschaften an die Leute bringen. Bei COR mit viel (hard)corigem Getöse, unter seinem Vornamen eher rezitierend, leiser, tendenziell akustisch. Seine Texte sind Poesie, Gedanken, Gedichte, Anekdoten – und Appelle, siehe „Kauft nicht bei Amazon“, dessen Texte der konkreteste ist auf „Naiß“, mit einer eindeutigen Botschaft, die man nur unterschreiben kann. Beinahe schon wie klassische Chansons wirken manche Lieder, die musikalisch zwar eine ganz andere Intensität haben als COR, aber trotz ihrer vermeintlichen Leichtigkeit textlich maximalst intensiv sind. Sehr schön ist das Artwork des Albums, das von Conny Ochs gestaltet wurde. Haferdrinkweißes Vinyl.