
Das Leben als Provinzpunk war nicht so leicht in den 1980ern ... Man strich nachmittags durch die Plattenläden und Kaufhäuser der Kleinstadt und stöberte in den Billigplattenkisten auf der Suche nach Taschengeldkompatiblem. Bisweilen konnte man da in der 9,99-DM-Ecke interessante Schnäppchen machen. Keine Ahnung, wie ich auf Pete Shelley kam, ob ich die BUZZCOCKS bereits kannte und daher seinen Namen ... oder hatte ich „Telephone operator“ im Radio gehört? Die BUZZCOCKS hatten sich 1981 aufgelöst, Shelley war auf der Suche nach neuen Herausforderungen in Richtung (Synthie-)Pop abgebogen, was er mir 2002 in Ox #47 (siehe Website) ausgiebig erklärte. Shelley, der 2018 im Alter von 63 Jahren starb, hatte nach dem ersten (experimentellen) Solo-Album „Sky Yen“ (1974/1980) 1981 mit „Homosapien“ nach dem Ende der BUZZCOCKS seine Solo-Karriere eingeläutet. Musikalisch war das etwas ganz anderes, eben Synthpop, kein Punkrock at all, aber das Songwriting, das Händchen für eingängige Melodien, hatte er von den BUZZCOCKS übernommen. Sowohl der Opener der A-Seite, der Titelsong „Homosapien“, wie der der B-Seite, „I don’t know what it is“ sind Popsongs mit Ewigkeitswirkung. Aber im Grunde war das Album nur ein Warmlaufen für „XL•1“, das 1983 erschien und als besonderes Gimmick „unter“ der Musik ein Computerprogramm enthielt – auf Kassette überspielt ließ sich das auf den ersten PCs abspielen, es waren simple Animationen. „Telephone operator“ war der Überhit für mich, erinnerte mich durchaus an WALL OF VOODOO und deren famoses „Mexican radio“, aber auch „You know better than I know“ ist absoluter Goldstandard. Und „Twilight“ als letzter Song der A-Seite mit seinem Amselzwitschern (!) ist ... rührend. Auf der B-Seite folgen mehr Hits, „(Millions of people) No one like you“, und „Many a time“, „I just wanna touch“, und „XL1“! Ganz ehrlich, wer als Punk die BUZZCOCKS abfeiert und sich bei diesen beiden Alben wegen ihrer zeittypischen (New Wave-)Umsetzung ignorant abwendet, outet sich als Komplettbanause. Beide Alben wurden mit jeweils einer Bonus-12“ mit Extramaterial neu aufgelegt. Bitte unbedingt neu oder wieder entdecken.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #47 Juni/Juli/August 2002 und Joachim Hiller
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Joachim Hiller