
Keum Suk Gendry-Kim hat westliche Malerei an der südkoreanischen Universität Sejong studiert, ist dann ohne Französischkenntnisse nach Frankreich gezogen, um sich in Straßburg auf Bildhauerei und Installationen zu spezialisieren. Inzwischen lebt sie mit ihrem französischen Mann auf der südkoreanischen Insel Ganghwa, unmittelbar an der nordkoreanischen Grenze. Während sie selbst als Zugezogene die Omnipräsenz von deutlich hörbaren Militärübungen als bedrohlich empfindet, scheint ihr Umfeld dies nicht weiter zu stören. Daraus hat sich ein wesentlicher Antrieb ergeben, über die aktuelle Situation der beiden ideologisch gegensätzlichen Koreas zu schreiben. Dabei verflicht sie aufschlussreich persönliche Eindrücke, die Erzählungen Dritter und Faktenwissen rund um die Geschichte ihres geteilten Heimatlandes zu einer informativen und doch sehr emotionalen Graphic Novel. Dies ist keine reine Kim Jong-un-Biografie, der bleibt eher eine nebulöse Figur in einer von beidseitiger Propaganda geprägten Welt, die seit seiner Machtübernahme zwischen Annäherung und Eskalation, Hoffnung und Enttäuschung schwankt. Festgehalten werden dabei die Perspektiven verschiedener Interviewpartner, unter anderem der Leiter des Forschungszentrums für Vereinigungsstrategien, eine aus Nordkorea geflüchteten Frau und der ehemalige südkoreanische Präsident Moon Jae-in. Visuell verbindet Gendry-Kim asiatische Einflüsse mit dem minimalistischen Stil westlicher Indie-Comics. Aktuell arbeitet sie an einem Projekt über das Massaker, das ihr Vater in seiner Heimatstadt erlebt hat – die Traumata des geteilten Koreas sind mit Sicherheit noch nicht vollständig erzählt.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #185 April/Mai 2026 und Anke Kalau