
1948 beging der unter dem Pseudonym Osamu Dazai bekannte japanische Autor Shuji Tsushima im Alter von 38 Jahren gemeinsam mit seiner Geliebten Selbstmord. Sie ertränkten sich in einem Kanal in der Nähe ihres Wohnhauses. Sein autobiografisch eingefärbter, ursprünglich in der Zeitschrift Tembo erschienener dreiteiliger Roman „No Longer Human“, inzwischen eines der meistgelesenen Bücher Japans, war erst kurz zuvor erstmals erschienen. Genau an dieser Stelle setzt der hauptsächlich durch seine die menschlichen Abgründe erkundenden Horrormangas bekannte Junji Ito an und bindet Osamu Dazai direkt in die Handlung seiner Adaption ein. Zwar ist Itos Version nicht die erste Manga-Auslegung des Klassikers, 2009 hat schon Usamaru Furuya vorgelegt, er hat aber seinen ganz speziellen Stil. Denn seelische Abgründe bietet Dazais in Tagebuchform verfasster Roman reichlich: Alkohol- und Morphiumsucht, Depressionen, Missbrauch in verschiedensten Formen, Paranoia. Weit von seinem eigentlichen Metier entfernt sich Ito also nicht. Was allerdings ein wenig irritiert, ist die Rolle, die Ito den Frauen in „No Longer Human“ zuschreibt. Im Gegensatz zu Dazais Ausgangsstoff wimmelt es hier nur so von Femme fatales und schlechte Entscheidungen begünstigenden weiblichen Liebschaften, während Dazai dem sexuellen Missbrauch in der frühen Kindheit durch die Dienerschaft, falsche Freunde und dem herrschsüchtigen Vater die eigentliche Hauptschuld für die seelische Misere seines Hauptcharakters zuschreibt. Warum Ito diese misogyne Interpretation wählt? Weil er die Schuld für Dazais Suizid bei dessen letzter Affäre sucht vielleicht? Es hinterlässt jedenfalls einen unangenehmen Beigeschmack.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Anke Kalau