Foto

PARIS 1919 (33 1/3)

Mark Doyle

John Cales drittes Album „Paris 1919“ von 1973 wurde im letzten Jahr bei Domino neu veröffentlicht, ergänzt um Outtakes und den unveröffentlichten Song „I must not sniff cocaine“ – angesichts des heftigen Drogenkonsums des 1942 in Wales geborenen klassisch ausgebildeten Musikers in den 1960er und 1970er Jahren natürlich ein witziger Titel. Wer nach seinem Ausstieg bei THE VELVET UNDERGROUND etwas Vergleichbares auf seinen Soloplatten erwartete, der wurde vom teils sehr barocken Folk-Pop von „Paris 1919“ enttäuscht. In eine ähnliche Richtung ging schon 1970 Cales Debüt „Vintage Violence“ – auf „The Academy In Peril“ gab es 1972 allerdings eine rein instrumentale Fusion aus Rock und Klassik. Überhaupt gibt es kaum eine Platte von Cale, die wie die andere klingt, der munter die Genres wechselte, sei es kruder Rock, Elektropop (zusammen mit Brian Eno) oder Klassik wie 1989 bei „Words For The Dying“, wo er Dylan Thomas-Gedichte vertonte. Der US-Professor und Autor Mark Doyle versucht sich in seiner Veröffentlichung für die „33 1/3“-Reihe an einer musikhistorischen Einordnung von „Paris 1919“, auch in Bezug auf den Einfluss von Dylan Thomas auf Cale und inwieweit das Album verschiedene Aspekte der westeuropäischen Kultur und Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts aufgriff, dessen Titel auf die Pariser Friedenskonferenz von 1919 anspielt. Diese doch sehr analytischen Exkurse sind zu Beginn noch recht spannend, regelrecht albern wird es allerdings, als Doyle gegen Ende zu belegen versucht, inwiefern „Paris 1919“ ein Weihnachtsalbum ist. Der Autor merkt sogar selbst an, dass seine 20-seitigen Ausführungen zu dieser recht redundanten These wohl für Augenrollen und Stirnrunzeln sorgen werden – hätte er es mal lieber gelassen.

Anzeige