
Diese CD ist eine archäologische Sensation für Fans des L.A.-Undergrounds. Was 1973 auf dem obskuren Kosher-Label als Retrospektive erschien, liest sich heute wie das Jahrbuch der späteren Musikindustrie: Mit Harold Bronson und Richard Foos (Rhino Records) sowie Paul Rappaport (Columbia) an den Instrumenten, dokumentiert „Savage Young Winos“ die Geburtsstunde einer nerdigen Rock-Intelligenzia. Die zwischen 1969 und 1973 entstandenen Aufnahmen wirken wie ein chaotisches Labor, in dem Fanleidenschaft, Humor und erstaunlich rohe Proto-Punk-Impulse aufeinanderprallen. Besonders „Beauty queen“ sticht heraus: ein hypernervöser Zwei-Minuten-Ritt mit scharfem Gitarrenriff und ironischen Lyrics, der Jahre später folgerichtig auf dem Rhino-Sampler „Saturday Night Pogo“ landete. Die hektische Energie erinnert stellenweise an die frühen MODERN LOVERS – nicht so präzise, aber ähnlich naiv und ungebremst. Auch „Party games“ und „Street baby“ besitzen diesen proto-punkigen Drive, getragen von Paul Rappaports bissigem Gitarrenspiel. Gerade „Party games“ verbindet jugendliche Frustration mit einer trockenen Selbstironie, die das Stück weit über studentischen Amateurrock hinaushebt. Daneben steht ein Sammelsurium aus kuriosen Stilversuchen und Coverversionen. 1960s-Klassiker wie „Love potion no. 9“, „Down the road apiece“, „Glad all over“ oder „Communication breakdown“ von LED ZEPPELIN werden mit mehr Enthusiasmus als technischer Finesse interpretiert. Der Sound der Live-Aufnahmen ist rauh bis chaotisch, doch genau diese Unfertigkeit erzeugt einen gewissen Loser-Charme, nur dass hier zukünftige Labelbosse im Proberaum standen.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #185 April/Mai 2026 und Gereon Helmer