
Humor haben SEOI NAGE ja. Bei ihrer ersten Veröffentlichung, der EP „The Gentle Way“ von 2024, hatten sie beim Artwork noch etwas verstohlen das Cover des CAN-Albums „Future Days“ zitiert, was aber gut zur stilistischen Ausrichtung der Songs passte, wo CAN auf jeden Fall ihre Spuren hinterlassen hatten. Beim Debütalbum „No Retreat, No Surrender“ geht es dann deutlich größenwahnsinniger zu, den da bediente man sich beim Kinoplakat für William Wylers christlichen Monumentalschinken „Ben Hur“ von 1959 – das dekorative Cover liegt auch als Poster bei. Schon bei der EP wäre es aber blödsinnig gewesen, SEOI NAGE (die Bezeichnung für den Schulterwurf im Judo) vorzuwerfen, trotz gewisser Einflüsse nur uninspirierten Neo-Krautrock zu produzieren, dafür war ihr Instrumentalrock doch zu eigenständig. Dasselbe gilt auch für „No Retreat, No Surrender“ – weiterhin federführend ist Pogo McCartney von der Münsteraner Post-Punk-Band MESSER, früher bei der Punkband PRESS GANG aktiv –, wo gerade die beschwingte, exotischere Rhythmik der späteren CAN-Werke durchblitzt. Gleichzeitig hört man auch das frivole Flair von deutschen Komponisten wie Gert Wilden (verantwortlich für die Musik der „Schulmädchenreport“-Filme), Peter Thomas, Manfred Hübler und Siegfried Schwab gut heraus, die diesmal sicherlich bedeutsamer als irgendwelche Krautrock-Referenzen sind. SEOI NAGE agieren hier musikalisch jedenfalls ziemlich selbstbewusst und haben eine Art Eastern-Psychedelic-Noir-Jazz-Funk mit spannender Rhythmik geschaffen, der erstaunlich modern klingt.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #183 Dezember 2025/Januar 2026 2025 und Thomas Kerpen
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Thomas Kerpen