
Bezeichnend für die allgemein vorherrschenden Vorurteile gegenüber amerikanischer Countrymusik dürfte eine Szene aus John Landis’ Film „Blues Brothers“ von 1980 sein, als die titelgebende Rhythm-and-Blues-Band sich als Country-Band „The Good Ole Boys“ (das erinnert inzwischen unangenehm an die rechtsextreme US-Miliz Proud Boys) ausgibt, um ihren ersten Gig in Bob’s Country Bunker vor einem Hinterwäldler-Publikum zu spielen. Vorher hatte ihnen die Frau des Besitzers auf die Frage „What kind of music do you usually have here?“ geantwortet: „Oh, we got both kinds. We got country and western.“ Besser kann man das reaktionäre Image von Countrymusik wohl nicht auf den Punkt bringen. Natürlich weiß man, dass das Genre nicht nur von ewiggestrigen Cowboys mit sprechenden Pferden beherrscht wird, vor allem Neil Young hatte es immer verstanden, dieser Musik auch progressive Seiten abzugewinnen, und auch Punkbands wie X oder SOCIAL DISTORTION haben nie einen Hehl aus ihrer Begeisterung für amerikanische Traditionsmusik gemacht. Ganz zu schweigen von all den Musiker:innen, die in die Kategorie Alternative Country fallen. Autor Thomas Kraft liefert in seiner lesenswerten Bestandsaufnahme „Americana“ zahlreiche Belege für die politische Dimension von Countrymusik und gibt dem Leser einen guten Überblick über die historische Entwicklung von Country, der ähnlich wie der Blues zuerst von Schwarzen gespielt wurde, bevor sich daran Ku-Klux-Klan-Mitglieder ergötzten. Im letzten Drittel gibt es dann noch eine „Empfehlungsliste“ mit 500 Platten, von denen die für den Autor wegweisenden auch mit ausführlicheren Kommentaren versehen wurden.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #177 Dezember 2024/Januar 2025 2024 und Thomas Kerpen