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RANCID

Tomorrow Never Comes

RANCID sind die Band, an der man sich in vielfacher Hinsicht die Zähne ausbeißen kann. Traditionalisten sahen in ihnen schon beim Release des ersten Albums 1993 die Verkörperung bloßen Epigonentums: THE CLASH in kalifornischer Verpackung, das Äquivalent zum Hollywoodstudio-Remake europäischer Filme. Eine grundkonservative Einstellung, aber wer damals meckerte, hat 30 Jahre später, zum Erscheinen des zehnten Albums, schon längst endgültig und resigniert sein Gemecker eingestellt oder hört mittlerweile selbst (heimlich) RANCID. Die selbst längst schon zu den „Punk-Opas“ gehören, ein vielfaches länger existieren als die übergroßen Vorbilder und einen Werkkanon erschaffen haben, der x-fach umfangreicher ist als der Nachlass von Joe Strummer und Co. Und vom Personal her sind RANCID wie ein altes Ehepaar: Tim Armstrong (voc, gt) und Matt Freeman (bs, voc) sind als Gründer seit 1991 mit der Band verheiratet, Lars Frederiksen (gt, voc) auch ist auch schon seit 1993 dabei, und selbst „der Neue“ Branden Steineckert (dr) ist seit 2006 im Boot. Seitdem haben RANCID es geschafft, zu einer der weltweiten Punkrock-Brands zu werden. Wenn ich Dokus sehe etwa über die Punkszene irgendwo in Asien, achte ich immer auf die Jeansjacken-Aufnäher und mit Lackstift auf Lederjacken gemalten Logos. Bands, die es hierhin geschafft haben, sind die mit Ewigkeitswirkung. Und dann sieht man da eben SEX PISTOLS, THE CLASH, THE EXPLOITED, DEAD KENNEDYS ... und RANCID. Im Punk-Kanon sind sie also längst angekommen. Und sie tun alles, um da zu bleiben. Wo andere Bands über die Jahr(zehnt)e der Versuchung nicht widerstehen konnten, von der Stinkfrucht „musikalische Weiterentwicklung“ zu naschen, kann man RANCID anlässlich der 16 Songs auf „Tomorrow Never Comes“, dem ersten Album seit „Trouble Maker“ (2017), diesen Vorwurf nicht machen. Sie sind zu den MOTÖRHEAD des Punk geworden (RAMONES als Vergleich hätte nicht gepasst, die hatten an jenem Apfel geknabbert), und was nach drei, vier Alben vielleicht noch berechtigte Kritik war, löst heute gegenüber jenen, die sowas anmerken, höchstens noch ein mitleidiges Augenbrauenzucken aus. Schade freilich ist die Masche – man kann es auch Prinzipientreue nennen – sich weitestgehend dem Musikjournalismus zu verweigern. Nur in der Frühzeit war das mal anders, 2003 etwa war es mir gelungen, Matt Freeman zu befragen (siehe Ox #53), seitdem beißen sich auch Szenemedien an RANCID die Zähne aus: keine Interviews. Lars Frederiksen, anno 2023 parallel auch fest im Line-up der reaktivierten STOMPER 98, würde ja reden, darf aber nicht. Bleibt also nur, zur Beurteilung des neuen Albums „Tomorrow Never Comes“ auf all das eben gesagte zu verweisen: RANCID betreiben 100% Traditionspflege in eigener Sache, like it or leave it.